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Full text of "Gesammelte Schriften XII. Band. Schriften aus den Jahren 1928 bis 1933. Vermischte Schriften"

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SIGM. FREUD 

GESAMMELTE 
SCHRIFTEN 

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GESAMMELTE 
SCHRIFTEN 



VON 



SIGM. FREUD 



ZWÖLFTER BAND 

SCHRIFTEN AUS DEN 

JAHREN 1928 BIS 1955 

VERMISCHTE SCHRIFTEN 



INTE RNATION ALE R 
PSYCHOANALYTISCHER VE R LAG 

WIEN 



1 



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Die Herausgabe dieses Bandes besorgten 
unter Mitwirkung des Verfassers 
Anna Freud und Robert Wälder 



Alle Kechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten 

Copyright 1954 by „Internationaler Psychoanalytischer 
Verlag, Ges. m. b. H.". Wien 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Druck: Christoph ReiH«r'j SShne, Wien V 



SCHRIFTEN AUS DEN 
JAHREN 1928—1955 



1 



■räfc 



In dieser Abteilung erscheinen die in den Jakren 1^28 — i^^j veröffent- 
lichten Bücher und Abhandlungen vereinigt mit Ausnahme der anfangs 1^28 
erschienenen Arbeit „Ein religiöses Erlebnis"^ die noch in den XI, Barid der 
„Gesammelten Schriften eingereiht ist. 



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1 



DOSTOJEWSKI UND DIE VATERTÖTUNG 

Zuerst erschienen im Herbst ip28 ah einleitende 
Studie des Bandes „Die Urgestalt der Brüder Kara- 
masoff*', der, herausgegeben von Fritz Eckstein und 
Rene FülÖp- Miller, vom Verlag R, Piper i& Co., 
München, im Anschluß an seine 2}bändige deutsche 
Dostojewski' Ausgabe veröffentlicht wurde. 

An der reichen Persönlichkeit Dostojewskis möchte man vier 
Fassaden unterscheiden: Den Dichter, den Neurotiker, den Ethiker 
und den Sünder. Wie soll man sich in der verwirrenden Kein- 
plikation zurechtfinden? 

Am Dichter ist am wenigsten Zweifel, er hat seinen Platz nicht 
weit hinter Shakespeare. Die Brüder Karamasoff sind der groß- 
artigste Roman, der je geschrieben wurde, die Episode des Groß- 
inquisitors eine der Höchstleistungen der Weltliteratur, kaum zu 
überschätzen. Leider muß die Analyse vor dem Problem des Dichters 
die Waffen strecken. 

Am ehesten angreifbar ist der Ethiker in Dostojewski. Wenn 
man ihn als sittlichen Menschen hochstellen will, mit der Begrün- 
dung, daß nur der die höchste Stufe der Sittüchkeit erreicht, der 
durch die tiefste Sündhaftigkeit gegangen ist, so setzt man sich 
über ein Bedenken hinweg. Sittlich ist jener, der schon auf die 
innerlich verspürte Versuchung reagiert, ohne ihr nachzugeben. Wer 
abwechselnd sündigt und dann in seiner Reue hohe sittUche Forde- 
rungen aufstellt, der setzt sich dem Vorwurf aus, daß er sich's zu 



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8 Schriften aus den Jahren 1928 — 1^3} 

bequem gemacht hat. Er hat das Wesenthche an der SittHchkeit, 
den Verzicht, nicht geleistet, denn die sittliche Lebensführung ist 
ein praktisches Menschheitsinteresse. Er erinnert an die Barbaren 
der Völkerwanderung, die morden und dafür Buße tun, wo die 
Buße direkt eine Technik wird, um den Mord zu ermöglichen. 
Iwan der Schreckliche benimmt sich auch nicht anders; ja dieser 
Ausgleich mit der Sittlichkeit ist ein charakteristisch russischer Zug. 
Auch ist das Endergebnis von Dostojewskis sittlichem Ringen kein 
rühmliches. Nach den heftigsten Kämpfen, die Triebansprüche des 
Individuums mit den Forderungen der menschlichen Gemeinschaft 
zu versöhnen, landet er rückläufig bei der Unterwerfung unter 
die weltliche wie unter die geistliche Autorität, bei der Ehrfurcht 
vor dem Zaren und dem Christengotl und bei einem engherzigen 
russischen Nationalismus, eine Station, zu der geringere Geister 
mit weniger Mühe gelangt sind. Hier ist der schwache Punkt der 
großen Persönlichkeit. Dostojewski hat es versäumt, ein Lehrer und 
Befreier der Menschen zu werden, er hat sich zu ihren Kerker- 
meistern gesellt^ die kulturelle Zukunft der Menschen wird ihm 
wenig zu danken haben. Es läßt sich wahrscheinlich zeigen, daß 
er durch seine Neurose zu solchem. Scheitern verdammt wurde. 
Nach der Höhe seiner Intelligenz und der Stärke seiner Menschen- 
liebe wäre ihm ein anderer, ein apostolischer Lebensweg eröffnet 
gewesen. 

Dostojewski als Sünder oder Verbrecher zu betrachten ruft ein 
heftiges Sträuben hervor, das nicht in der philiströsen Einschätzung 
des Verbrechers begründet zu sein braucht. Man wird bald des 
wirklichen Motivs gewahr^ für den Verbrecher sind zwei Züge 
wesentlich, die grenzenlose Eigensucht und die starke destruktive 
Tendenz; beiden gemeinsam und Voraussetzung für deren Äuße- 
rungen ist die Lieblosigkeit, der Mangel an affektiver Wertung 
der (menschlichen) Objekte. Man erinnert sich sofort an den Gegen- 
satz hiezu bei Dostojewski, an seine große Liebesbedürftigkeit und 
seine enorme Liebesfdhigkeit, die sich selbst in Erscheinungen der 



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I 



Dostojewski und die Vatertötung 



Übergüte äußert und ihn lieben und helfen läßt, wo er selbst das 
Recht zum Haß und zur Rache hatte, z. B. im Verhältnis zu seiner 
ersten Frau und ihrem Geliebten. Dann muß man fragen, woher 
überhaupt die Versuchung rührt, Dostojewski den Verbrechern zu- 
zurechnen. Antwort: Es ist die Stoffwahl des Dichters, die gewalt- 
tätige, mörderische, eigensüchtige Charaktere vor allen anderen aus- 
zeichnet, was auf die Existenz solcher Neigungen in seinem Inneren 
hindeutet, ferner einiges Tatsächliche aus seinem Leben, wie seine 
Spielsucht, vielleicht der sexuelle Mißbrauch eines unreifen Mäd- 
chens (Geständnis).' Der Widerspruch löst sich durch die Einsicht, 
daß der sehr starke Destruktionstrieb Dostojewskis, der ihn leicht 
zum Verbrecher gemacht hätte, im Leben hauptsächlich gegen die 
eigene Person (nach innen anstatt nach außen) gerichtet ist und 
so als Masochismus und Schuldgefühl zum Ausdruck kommt. Seine 
Person behält immerhin genug sadistische Züge übrig, die sich in 
seiner Reizbarkeit, Quälsucht, Intoleranz, auch gegen geliebte Per- 
sonen, äußern und noch in der Art, wie er als Autor seine Leser 
behandelt, zum Vorschein kommen, also in kleinen Dingen Sadist 
nach außen, in größeren Sadist nach innen, also Masochist, das 
heißt der weichste, gutmütigste, hilfsbereiteste Mensch. 

Aus der Komphkation der Person Dostojewskis haben wir drei 
Faktoren herausgeholt, einen quantitativen und zwei qualitative: 
Die außerordentliche Höhe seiner Aifektivität, die perverse Trieb- 
anlage, die ihn zum Sado-Masochisten oder zum Verbrecher ver- 
anlagen mußte, und die unanalysierbare, künstlerische Begabung. 
Dies Ensemble wäre sehr wohl ohne Neurose existenzfähig; es gibt 



i'i Siehe die Diskussion hierüber in „Der imbekannte Dostojewski" 1926. — Stefan 
Zweig: Er macht nicht halt vor den Zäunen der bürgerlichen Moral und niemand 
weiß genau au sagen, wie weit er in seinem Leben die juristische Grenie überschritten, 
wieviel von den verbrecherischen Instinkten seiner Helden in ihm selbst zur Tat ge- 
worden ist, („Drei Meister" 1920.) Über die intimen Beziehungen zwischen Dostojewskis 
Gestalten und seinen eigenen Erlebnissen siehe die Ausführungen Ren^ FülÖp- 
Millers im einleitenden Abschnitt au „Dostojewski am Roulette" 1925, die an 
Nikolai Strachoff anknüpfen. 



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10 Schriften aus den Jahren Ip2S — i^)J 

ja nicht-neurotische VoUmasochisten. Nach dem Kräfteverhältnis 
zwischen den Triebansprüchen und den ihnen entgegenstehenden 
Hemmungen (plus der verfügbaren Sublim ierungswege) wäre Dosto- 
jewski immer noch als ein sogenannter „triebhafter Charakter" zu 
klassifizieren. Aber die Situation wird getrübt durch die Mitanwesen- 
heit der Neurose, die, wie gesagt, nicht unter diesen Bedingungen 
unerläßlich wäre, aber doch um so eher zustande kommt, ^e reich- 
haltiger die vom Ich zu bewältigende Komplikation ist. Die Neurose 
ist doch nur ein Zeichen dafür, daß dem Ich eine solche Synthese 
nicht gelungen ist, daß es bei solchem Versuch seine Einheithchkeit 
eingebüßt hat. 

Wodurch wird nun im strengen Sinne die Neurose erwiesen? 
Dostojewski nannte sich selbst und galt bei den anderen als Epi- 
leptiker auf Grund seiner schweren, mit Bewußtseinsverlust, Muskel- 
krämpfen und nachfolgender Verstimmung einhergehenden Anfälle. 
Es ist nun überaus wahrscheinlich, daß diese sogenannte Epilepsie 
nur ein Symptom seiner Neurose war, die demnach als Hystero- 
epilepsie, das heißt als schwere Hysterie, klassifiziert werden müßte. 
Volle Sicherheit ist aus zwei Gründen nicht zu erreichen, erstens, 
weil die anamnestischen Daten über Dostojewskis sogenannte Epilepsie 
mangelhaft und unzuverlässig sind, zweitens, weil die Auffassung 
der mit epileptoiden Anfällen verbundenen Krankheitszustände nicht 
geklärt ist. 

Zunächst zum zweiten Punkt. Es ist überflüssig, die ganze Patho- 
logie der Epilepsie hier zu wiederholen, die doch nichts Entscheiden- 
des bringt, doch kann man sagen: Immer hebt sich noch als schein- 
bare klinische Einheit der alte Morbus sacer hervor, die unheim- 
liche Krankheit mit ihren unberechenbaren, anscheinend nicht 
provozierten Krampfanfallen, der Charakterveränderung ins Reizbare 
und Aggressive und der progressiven Herabsetzung aller geistigen 
Leistungen. Aber an allen Enden zerflattert dies ßüd ins Unbe- 
stimmte. Die Anfalle, die brutal auftreten, mit Zungenbiß und 
Harnentleerung, gehäuft zum lebensbedrohlichen Status epilepticus 



Dostojewski und die yatertötung 1 1 

der schwere Selbstbeschädigung herbeiführt, können sich doch er- 
mäßigen zu kurzen Absenzen, zu bloßen rasch vorübergehenden 
Schwindelzuständen, können sich ersetzen durch kurze Zeiten, in 
denen der Kranke, wie unter der Herrschaft des Unbewußten, 
etwas ihm Fremdartiges tut. Sonst in unfaßbarer Weise rein körper- 
lich bedingt, können sie doch ihre erste Entstehung einem rein 
seelischen Einfluß (Schreck) verdankt haben oder weiterhin auf 
seelische Erregungen reagieren. So charakteristisch die intellektuelle 
Herabsetzung für die übergroße Mehrzahl der Fälle sein mag, so 
ist doch wenigstens ein Fall bekannt, in dem das Leiden in- 
tellektuelle Höchstleistung nicht zu stören vermochte (Helmholtz). 
(Andere Fälle, von denen das gleiche behauptet wurde, sind un- 
sicher oder unterliegen denselben Bedenken wie Dostojewski selbst.) 
Die Personen, die von der Epilepsie befallen sind, können den 
Eindruck von Stumpfheit, behinderter Entwicklung machen, wie 
doch das Leiden oft greifbarste Idiotie und größte Hirndefekte 
begleitet, wenn auch nicht als notwendiger Bestandteil des Krank- 
heitsbildes; aber diese Anfalle finden sich mit allen ihren Variationen 
auch bei anderen Personen vor, die eine volle seelische Entwicklung 
und eher übergroße, meist ungenügend beherrschte Affeklivität 
bekunden. Kein Wunder, daß man es unter diesen Umständen für 
unmöglich findet, die Einheit einer klinischen Affektion „Epilepsie" 
festzuhalten. Was in der Gleichartigkeit der geäußerten Symptome 
zum Vorschein kommt, scheint eine funktionelle Auffassung zu 
fordern, als ob ein Mechanismus der abnormen Triebabfuhr organisch 
vorgebildet wäre, der unter ganz verschiedenen Verhältnissen in 
Anspruch genommen wird, sowohl bei Störungen der Gehirntätig- 
keit durch schwere gewebliche und toxische Erkrankung als auch 
bei unzulänglicher Beherrschung der seelischen Ökonomie, krisen- 
haftem Betrieb der in der Seele wirkenden Energie. Hinter dieser 
Zweiteilung ahnt man die Identität des zu Grunde liegenden Mecha- 
nismus der Triebabfuhr. Derselbe kann auch den Sexualvorgängen, 
die im Grunde toxisch verursacht sind, nicht ferne stehen^ schon 



12 Schriften aus den Jahren ip2S — ipß) 

die ältesten Ärzte nannten den Koitus eine kleine Epilepsie, er- 
kannten also im sexuellen Akt die Milderung und Adaptierung 
der epileptischen Reizabfuhr. 

Die „epileptische Reaktion", wie mau dies Gemeinsame nennen 
kann, stellt sich ohne Zweifel auch der Neurose zur Verfügung, 
deren Wesen darin besteht, Erregungsmassen, mit denen sie psychisch 
nicht fertig wird, auf somatischem Wege zu erledigen. Der epi- 
leptische Anfall wird so ein Symptom der Hysterie und von ihr 
adaptiert und modifiziert, ähnlich wie vom normalen Sexualablauf. 
Man hat also ganz recht, eine organische von einer „affektiven" 
Epilepsie zu unterscheiden. Die praktische Bedeutung ist die: wer 
die eine hat, ist ein Gehirnkranker, wer die andere hat, ein Neu- 
rotiker. Im ersteren Fall unterhegt das Seelenleben einer ihm fremden 
Störung von außen, im anderen ist die Störung ein Ausdruck des 
Seelenlebens selbst. 

Es ist überaus wahrscheinÜch, daß Dostojewskis Epilepsie von 
der zweiten Art ist. Strenge erweisen kann man es nicht, man 
müßte denn imstande sein, das erste Auftreten und die späteren 
Schwankungen der Anfälle in den Zusammenhang seines seelischen 
Lebens einzureihen, und dafür weiß man zu wenig. Die Beschrei- 
bungen der Anfälle selbst lehren nichts, die Auskünfte über Be- 
ziehungen zwischen Anfallen und Erlebnissen sind mangelhaft und 
oft widersprechend. Am wahrscheinlichsten ist die Annahme, daß 
die Anfälle weit in Dostojewskis Kindheit zurückgehen, daß sie 
zuerst durch müdere Symptome vertreten waren und erst nach 
dem erschütternden Erlebnis im achtzehnten Jahr, nach der Er- 
mordung des Vaters, die epileptische Form annahmen.* Es wäre 

1) Vgl. hiexu den Aufsatz Dostojewskis Heilige Krankheit" von Ueno PülÖp- 
Miller in „Wissen und Leben" 1924, Heft 19/20. Besonderes Interesse erweckt die 
Mitteilung, daß sich in des Dichters Kindheit „etwas Furchtbares, Unvergeßliches und 
Qualvolles" ereignet habe, auf das die ersten Anzeichen seines Leidens zurückzuführen 
seien (Suworin in einem Artikel der „Nowoje Wremja" 1881, nach dem Zitat in der 
Einleitung zu „Dostojewski am Roulette" p. XLV). Femer Orest Miller in „Dosto- 
jewskis autobiographische Schriften": „Es gibt über die Krankheit Fjodor Michailowitsehs 



1 
I 



Dostojewski und die f^atertötung 1 5 

sehr passend, wenn sich bewahrheitete, daß sie während der Straf- 
zeit in Sibirien vöUig sistiert hätten, aber andere Angaben wider- 
sprechen dem." Die unverkennbare Beziehung zwischen der Vater- 
tötung in den Brüdern Karamasoff und dem Schicksal von Dosto- 
jewskis Vater ist mehr als einem Biographen aufgefallen und hat 
sie zu einem Hinweis auf eine „gewisse moderne psychologische 
Richtung" veranlaßt. Die psychoanalytische Betrachtung, denn diese 
ist gemeint, ist versucht, in diesem Ereignis das schwerste Trauma 
und in Dostojewskis Reaktion darauf den Angelpunkt seiner Neu- 
rose zu erkennen. 

Wenn ich es aber unternehme, diese Aufstellung psychoanalytisch 
zu begründen, muß ich befürchten, allen denen unverständlich zu 
bleiben, die mit den Ausdrucksweisen und Lehren der Psychoanalyse 
nicht vertraut sind. 

Wir haben einen gesicherten Ausgangspunkt. Wir kennen den 
Sinn der ersten Anfälle Dostojewskis in seinen jungen Jahren lange 
vor dem Auftreten der „Epilepsie". Diese Anfälle hatten Todes- 
bedeutung, sie wurden von Todesangst eingeleitet und bestanden 
in lethargischen Schlafzuständen. Als plötzliche, grundlose Schwer- 
mut kam sie (die Krankheit) zuerst über ihn, da er noch ein 
Knabe war; ein Gefühl, so erzählte er später seinem Freunde 



allerdings noch eine besondere Aussage, die sich auf seine früheste Jugend bezieht und 
die Krankheit mit einem tragischen Fall in dem Familienleben der Eltern Dostojewskis 
in Verbindung- bringt, Doch obgleich mir diese Aussage von einem Menschen, der Fjodor 
Michaile witsch sehr nahe stand, mündlich mitgeteilt worden ist, kann ich mich nicht 
entschließen, da ich von keiner Seite eine Bestätigung dieses Gerüchts erhalten habe, 
die erwähnte Angabe hier ausführlich und genau wiederzugeben" (S. 140). Biographik 
und Neurosenforschung können dieser Diskretion nicht zu Dank verpflichtet sein. 
1) Die meisten Angabeu, darunter Dostojewskis eigene Auskunft, behaupten viel- 
mehr, daß die Krankheit erst während der sibirischen Strafzeit ihren deünitiven, 
epileptischen Charakter angenommen habe. Leider hat man Grund, den autobio- 
graphischen Mitteibingen der NeurotJker zu mißtrauen. Die Erfahrung zeigt, daß ihre 
Erinnerung Verfälschungen unternimmt, die dazu bestimmt sind, einen unliebsamen 
Kausalzusammenhang zu zerreißen. Doch scheint es gesichert, daß der Aufenthalt im 
sibirischen Kerker auch den Krankheitszustand Dostojewskis eingreifend verändert hat. 
Vgl. hiezu: „Dostojewskis Heilige Krankheit" (S. ii86). 



14 



Schriften aus den Jahren 1928 — 19^3 



Solowioff, als ob er sogleich sterben müßte; und tatsächlich folgte 
dann auch ein dem wirklichen Tode vollkommen ähnlicher Zu- 
stand . . Sein Bruder Andree hat berichtet, daß Feder schon in 
jungen Jahren vor dem Einschlafen Zettelchen hinzulegen pflegte, 
er fürchte in der Nacht in den scheintodähnlichen Schlaf zu ver- 
fallen und bitte darum, man möge ihn erst nach fünf Tagen be- 
erdigen lassen. („Dostojewski am Roulette", Einleitung Seite LX.) 

Wir kennen den Sinn und die Absicht solcher Todesanfälle. Sie ' 

bedeuten eine Identifizierung mit einem Toten, einer Person, die | 

wirklich gestorben ist, oder die noch lebt und der man den Tod 
wünscht. Der letztere Fall ist der bedeutsamere. Der Anfall hat j 

dann den "Wert einer Bestrafung. Man hat einen anderen tot ge- V 
wünscht, nun ist man dieser andere und ist selbst tot. Hier setzt ^ 
die psychoanalytische Lehre die Behauptung ein, daß dieser Andere 
für den Knaben in der Regel der Vater ist, der — hysterisch 
genannte — Anfall also eine Selbstbestrafung für den Todeswunsch 
gegen den gehaßten Vater. 

Der Vatermord ist nach bekannter Auffassung das Haupt- und 
Urverbrechen der Menschheit wie des Einzelnen.' Er ist jedenfalls 
die Hauptquelle des Schuldgefühls, wir wissen nicht, ob die einzige; 
die Untersuchungen konnten den seelischen Ursprung von Schuld 
und Sühnebedürfnis noch nicht sicherstellen. Er braucht aber nicht 
die einzige zu sein. Die psychologische Situation ist kompliziert 
und bedarf einer Erläuterung. Das Verhältnis des Knaben zum 
Vater ist ein, wie wir sagen, ambivalentes. Außer dem Haß, der 
den Vater als Rivalen beseitigen möchte, ist regelmäßig ein Maß 
von ZärÜichkeit für ihn vorhanden. Beide Einstellungen treten zur 
Vateridentifizierung zusammen, man möchte an Stelle des Vaters 
sein, weil man ihn bewundert, so sein möchte wie er und weil 
man ihn wegschaffen wiU. Diese ganze Entwicklung stößt nun 
auf ein mächtiges Hindernis. In einem gewissen Moment lernt 



^ 



1) Siehe des Verl „Totem und Tabu" (Ges. Schriften, Bd. X). 



Dostojewski urtd die f^atertötung 1 5 

das Kind verstehen, daß der Versuch, den Vater als Rivalen zu 
beseitigen, von ihm durch die Kastration gestraft werden würde. 
Aus Kastrationsangst, also im Interesse der Bewahrung seiner Männ- 
lichkeit, gibt es also den Wunsch nach dem Besitz der Mutter 
und der Beseitigung des Vaters auf. Soweit er im Unbewußten er- 
halten bleibt, bildet er die Grundlage des Schuldgefühls. Wir glauben 
hierin normale Vorgänge beschrieben zu haben, das normale Schick- 
sal des sogenannten Ödipuskomplexes j eine wichtige Ergänzung 
haben wir allerdings noch nachzutragen. 

Eine weitere Komplikation stellt sich her, wenn beim Kinde 
jener konstitutionelle Faktor, den wir die Bisexualität heißen, stärker 
ausgebildet ist. Dann wird unter der Bedrohung der Männlichkeit 
durch die Kastration die Neigung gekräftigt, nach der Richtung 
der Weiblichkeit auszuweichen, sich vielmehr an die Stelle der 
Mutter zu setzen und ihre Rolle als Liebesobjekt beim Vater zu 
übernehmen. Allein die Kastrationsangst macht auch diese Lösung 
unmöglich. Man versteht, daß man auch die Kastration auf sich 
nehmen muß, wenn man vom Vater wie ein Weib geliebt werden 
will. So verfallen beide Regungen, Vaterhaß wie Vaterverliebtheit, 
der Verdrängung. Ein gewisser psychologischer Unterschied besteht 
darin, daß der Vaterhaß aufgegeben wird infolge der Angst vor 
einer äußeren Gefahr (der Kastration)^ die Vaterverhebtheit aber 
wird als innere Triebgefahr behandelt, die doch im Grunde wieder 
auf die nämliche äußere Gefahr zurückgeht. 

Was den Vaterhaß unannehmbar macht, ist die Angst vor dem 
Vater; die Kastration ist schrecklich, sowohl als Strafe wie auch 
als Preis der Liebe. Von den beiden Faktoren, die den Vaterhaß 
verdrängen, ist der erste, die direkte Straf- und Kastrationsangst, 
der normale zu nennen, die pathogene Verstärkung scheint erst 
durch Aen anderen Faktor, die Angst vor der femininen Einstellung, 
hinzuzukommen. Eine stark bisexuelle Anlage wird so zu einer 
der Bedingungen oder Bekräftigungen der Neurose. Eine solche 
ist für Dostojewski sicherlich anzunehmen und zeigt sich in existenz- 



y 



16 Sc hriften aus den Jahren 192S—19)) 

möglicher Form (latente Homosexualität) in der Bedeutung von 
Männerfreundschaften für sein Leben, in seinem sonderbar zärtlichen 
Verhalten gegen Liebesrivalen und in seinem ausgezeichneten Ver- 
ständnis für Situationen, die sich nur durch verdrängte Homo- 
sexualität erklären, wie viele Beispiele aus seinen Novellen zeigen. 
Ich bedaure es, kann es aber nicht ändern, wenn diese Aus- 
führungen über die Haß- und Liebeseinstellungen zum Vater und 
deren Wandlungen unter dem Einfluß der Kastrationsdrohung dem 
der Psychoanalyse unkundigen Leser unschmackhaft und unglaub- 
würdig erscheinen. Ich würde selbst erwarten, daß gerade der 
Kastrationskomplex der allgemeinsten Ablehnung sicher ist. Aber 
ich kann nur beteuern, daß die psychoanalytische Erfahrung gerade 
diese Verhältnisse über jeden Zweifel hinaushebt und uns in ihnen 
den Schlüssel zu jeder Neurose erkennen heißt. Den müssen wir 
also auch an der sogenannten Epilepsie unseres Dichters versuchen. 
So fremd sind aber unserem Bewußtsein die Dinge, von denen 
unser unbewußtes Seelenleben beherrscht wird. Mit dem bisher 
Mitgeteilten sind die Folgen der Verdrängung des Vaterhasses im 
Ödipuskomplex nicht erschöpft. Es kommt als neu hinzu, daß die 
Vateridentifizierung sich am Ende doch einen dauernden Platz im 1 

Ich erzwingt. Sie wird ins Ich aufgenommen, stellt sich aber darin 
als eine besondere Instanz dem anderen Inhalt des Ichs entgegen. ' 

Wir heißen sie dann das Über-Ich und schreiben ihr, der Erbin ! 

des Elterneinflusses, die wichtigsten Funktionen zu. M 

War der Vater hart, gewalttatig, grausam, so nimmt das Über- 
Ich diese Eigenschaften von ihm an und in seiner Relation zum 
Ich stellt sich die Passivität wieder her, die gerade verdrängt werden 
sollte. Das Über-Ich ist sadistisch geworden, das Ich wird maso- ; 

chistisch, d. h. im Grunde weiblich passiv. Es entsteht ein großes 
Strafbedürfnis im Ich, das teils als solches dem Schicksal bereit ; 

hegt, teils in der Mißhandlung durch das Über-Ich (Schuldbewußt- \ 

sein) Befriedigung findet. Jede Strafe ist ja im Grunde die Kastra- j 

tion und als solche Erfüllung der alten passiven Einstellung zum 



Dostojewski und die Vatertötung i j 



Vater. Auch das Schicksal ist endlich nur eine spätere Vater- 
projektion. 

Die normalen Vorgänge bei der Gewissensbildung müssen so 
ähnlich sein, wie die hier dargestellten abnormen. Es ist uns noch 
nicht gelungen, die Abgrenzung beider herzustellen. Man bemerkt, 
daß hier der größte Anteil am Ausgang der passiven Komponente 
der verdrängten Weiblichkeit zugeschrieben wird. Außerdem muß 
als akzidenteller Faktor bedeutsam werden, ob der in jedem Fall 
gefürchtete Vater auch in der Realität besonders gewalttätig ist. 
Dies trifft für Dostoiewski zu, und die Tatsache seines außerordent- 
lichen Schuldgefühls wie seiner masochistischen Lebensführung 
werden wir auf eine besonders starke feminine Komponente zu- 
rückführen. So ist die Formel für Dostojewski: ein besonders stark 
bisexuell Veranlagter, der sich mit besonderer Intensität gegen die 
Abhängigkeit von einem besonders harten Vater wehren kann. 
Diesen Charakter der Bisexualjtät fügen wir zu den früher er- 
kannten Komponenten seines Wesens hinzu. Das frühzeitige Symptom 
der „Todesanfälle" läßt sich also verstehen als eine vom Über-Ich 
strafweise zugelassene Vateridentifizierung des Ichs. Du hast den 
Vater töten wollen, um selbst der Vater zu sein. Nun bist du der 
Vater, aber der tote Vater; der gewöhnliche Mechanismus hyste- 
rischer Symptome. Und dabei: jetzt tötet dich der Vater, Für das 
Ich ist das Todessymptom Phantasiebefriedigung des männlichen 
Wunsches und gleichzeitig masochistische Befriedigung; für das 
Über-Ich Strafbefriedigung, also sadistische Befriedigung. Beide, Ich 
und Über-Ich, spielen die Vaterrolle weiter. — Im ganzen hat 
sich die Relation zwischen Person und Vaterobjekt bei Erhaltung 
ihres Inhalts in eine Relation zwischen Ich und Über-Ich gewandelt, 
eine Neuinszenierung auf einer zweiten Bühne. Solche infantile 
Reaktionen aus dem Ödipuskomplex mögen erlöschen, wenn die 
Realität ihnen keine weitere Nahrung zuführt. Aber der Charakter 
des Vaters bleibt derselbe, nein, er verschlechtert sich mit den 
Jahren und so bleibt auch der Vaterhaß Dostojewskis erhalten. 



Freud XII. 



1 



y 



j 8 Schriften aus den Jahren 192S—193} 



sein Todeswunsch gegen diesen bösen Vater. Nun ist es gefährlich, 
wenn die Realität solche verdrängte Wünsche erfüllt. Die Phantasie 
ist IVealität geworden, alle Abwehrmaßregeln werden nun verstärkt. 
Nun nehmen Dostojewskis Anfälle epileptischen Charakter an, sie 
bedeuten gewiß noch immer die strafweise Vateridentifizierung, 
sind aber fürchterhch geworden wie der schreckliche Tod des Vaters 
selbst. Welchen, insbesondere sexuellen, Inhalt sie dazu noch auf- 
genommen haben, entzieht sich dem Erraten. 

Eines ist merkwürdig; in der Aura des Anfalles wird ein Moment 
der höchsten Seligkeit erlebt, der sehr wohl den Triumph und 
die Befreiung bei der Todesnachricht fixiert haben kann, auf den 
dann sofort die um so grausamere Strafe folgte. So eine Folge 
von Triumph und Trauer, Festfreude und Trauer, haben wir auch 
bei den Brüdern der Urhorde, die den Vater erschlugen, erraten 
und finden ihn in der Zeremonie der Totemmahlzeit wiederholt. 
Wenn es zutrifft, daß Dostojewski in Sibirien frei von Anfällen 
war, so bestätigte dies nur, daß seine Anfälle seine Strafe waren. 
Er brauchte sie nicht mehr, wenn er anders gestraft war. Allein 
dies ist unerweisbar. Eher erklärt diese Notwendigkeit der Strafe 
für Dostojewskis seelische Ökonomie, daß er ungebrochen durch 
diese Jahre des Elends und der Demütigungen hindurchging. Dosto- 
jewskis Verurteilung als politischer Verbrecher war ungerecht, 
er mußte das wissen, aber er akzeptierte die unverdiente Strafe 
von Väterchen Zar, als Ersatz für die Strafe, die seine Sünde gegen 
den wirklichen Vater verdient hatte. An Stelle der Selbstbestrafung 
ließ er sich vom Stellvertreter des Vaters bestrafen. Man blickt 
hier ein Stück in die psychologische Rechtfertigung der von der 
Gesellschaft verhängten Strafen hinein. Es ist wahr, daß große 
Gruppen von Verbrechern nach der Strafe verlangen. Ihr Über-Ich 
fordert sie, erspart sich damit, sie selbst zu verhängen. 

Wer den komplizierten Bedeutungswandel hysterischer Symptome 
kennt, wird verstehen, daß hier kein Versuch unternommen wird, 
den Sinn der Anfälle Dostojewskis über diesen Anfang hinaus zu 



Dostojewski und die Vatertötung l q 

ergründen.^ Genug, daß man annehmen darf, ihr ursprünglicher 
Sinn sei hinter allen späteren Überlagerungen unverändert geblieben. 
Man darf sagen, Dostojewski ist niemals von der Gewissensbelastung 
durch die Absicht des Vatermordes frei geworden. Sie hat auch 
sein Verhalten zu den zwei anderen Gebieten bestimmt, auf denen 
die Vaterrelation maßgebend ist, zur staatlichen Autorität und zum 
Gottesglauben. Auf ersterem landete er bei der vollen Unterwerfung 
unter Väterchen Zar, der in der Wirklichkeit die Komödie der Tötung 
mit ihm einmal aufgeführt hatte, welche ihm sein Anfall so oft 
vorzuspielen pflegte. Die Buße gewann hier die Oberhand. Auf 
religiösem Gebiet blieb ihm mehr Freiheit, nach anscheinend guten 
Berichten soll er bis zum letzten Augenblick seines Lebens zwischen 
Gläubigkeit und Atheismus geschwankt haben. Sein großer Intellekt 
machte es ihm unmöglich, irgendeine der Denkschwierigkeiten, zu 
denen die Gläubigkeit führt, zu übersehen. In individueller Wieder- 
holung einer welthistorischen Entwicklung hoffte er im Christus- 
ideal einen Ausweg und eine Schuldbefreiung zu finden seine 
Leiden selbst als Anspruch auf eine Christusrolle zu verwenden. 
Wenn er es im ganzen nicht zur Freiheit brachte und Reaktionär 
wurde, so kam es daher, daß die allgemein menschliche Sohnes- 
schuld, auf der sich das religiöse Gefühl aufbaut, bei ihm eine 
überindividuelle Stärke erreicht hatte und selbst seiner großen 
Intelligenz unüberwindlich blieb. Wir setzen uns hier dem Vor- 
wurf aus, daß wir die Unparteilichkeit der Analyse aufgeben und 
Dostojewski Wertungen unterziehen, die nur vom Parteistandpunkt 
einer gewissen Weltanschauung berechtigt sind. Ein Konservativer 

i) Siehe „Totem und Tabu". Die beste Auskunft über den Sinn imd Inhalt seiner 
Anfalle gibt Dostojewski selbst, wenn er seinem Freunde Strachoff mitteilt, daß seine 
Reizbarkeit und Depression nach einem epileptischen AnfaU darin begründet sei, daß 
er sich als Verbrecher erscheine luid das Gefühl nicht los werden könne, eine ihm 
unbekannte Schuld auf sich geladen, eine große Missetat verübt zu haben, die ihn 
bedrücke („Dostojewskis Heilige Krankheit", S. 1188). In solchen Anklagen erblickt 
die Psychoanalyse ein Stück Erkenntnis der „psychischen Realität" und bemüht sich, 
die unbekannte Schuld dem Bewußtsein bekannt zu machen. 



1 



so 



Schriften aus den Jahren 1928 — l^S) "^fl 



■würde die Partei des Großinquisitors nehmen und anders über 
Dostojewski urteilen. Der Vorwurf ist berechtigt, zu seiner Milde- 
rung kann man nur sagen, daß die Entscheidung Dostojewskis 
durch seine Denkhemmung infolge seiner Neurose bestimmt erscheint. 
Es ist kaum ein Zufall, daß drei Meisterwerke der Literatur 
aller Zeiten das gleiche Thema, das der Vatertötung, behandeln: 
Der König Ödipus des Sophokles, der Hamlet Shakespeares und 
Dostojewskis Brüder Karamasoff. In allen dreien ist auch das Motiv 
der Tat, die sexuale Rivalität um das Weib, bloßgelegt. Am auf- 
richtigsten ist gewiß die Darstellung im Drama, das sich der 
griechischen Sage anschließt. Hier hat der Held noch selbst die 
Tat vollbracht. Aber ohne Milderung und Verhüllung ist die 
poetische Bearbeitung nicht möglich. Das nackte Geständnis der 
Absicht zur Vatertötung, wie wir es in der Analyse erzielen, scheint 
ohne analytische Vorbereitung unerträglich. Im griechischen Drama 
■wird die unerläßliche Abschwächung in meisterhafter Weise bei 
Erhaltung des Tatbestandes dadurch herbeigeführt, daß das un- 
bewußte Motiv des Helden als ein ihm fremder Schicksalszwang 
ins Reale projiziert wird. Der Held begeht die Tat unabsichtlich 
und scheinbar ohne Einfluß des Weibes, doch wird diesem Zu- 
sammenhang Rechnung getragen, indem er die Mutter Königin 
erst nach einer Wiederholung der Tat an dem Ungeheuer, das 
den Vater symbolisiert, erringen kann. Nachdem seine Schuld auf- 
gedeckt, bewußt gemacht ist, erfolgt kein Versuch, sie mit Be- 
rufung auf die Hilfskonstruktion des Schicksalszwanges von sich 
abzuwälzen, sondern sie wird anerkannt und wie eine bewußte 
Vollschuld bestraft, was der Überlegung ungerecht erscheinen muß, 
aber psychologisch vollkommen korrekt ist. Die Darstellung des 
englischen Dramas ist indirekter, der Held hat die Handlung nicht 
selbst vollbracht, sondern ein anderer, für den sie keinen Vater- 
mord bedeutet. Das anstößige Motiv der sexualen Rivahtät beim 
Weibe braucht darum nicht verschleiert zu werden. Auch den 
Ödipuskomplex des Helden erblicken wir gleichsam im reflektierten 



Dostojewski und die T^atertöTung 3 1 

Licht, indem wir die Wirkung der Tat des anderen auf ihn er- 
fahren. Er sollte die Tat rächen, findet sich in merkwürdiger Weise 
unfähig dazu. Wir wissen, es ist sein Schuldgefühl, das ihn lähmt; 
in einer den neurotischen Vorgängen durchaus gemäßen Weise 
wird das Schuldgefühl auf die Wahrnehmung seiner Unzulänglich- 
keit zur Erfüllung dieser Aufgabe verschoben. Es ergeben sich 
Anzeichen, daß der Held diese Schuld als eine überindividuelle 
empfindet. Er verachtet die anderen nicht minder als sich. Be- 
handelt jeden Menschen nach seinem Verdienst, und wer ist vor 
Schlägen sicher?" In dieser Richtung geht der Roman des Russen 
einen Schritt weiter. Auch hier hat ein anderer den Mord voll- 
bracht, aber einer, der zu dem Ermordeten in derselben Sohnes- 
beziehung stand wie der Held Dmitri, bei dem das Motiv der 
sexuellen Rivalität offen zugestanden wird, ein anderer Bruder 
dem bemerkenswerterweise Dostojewski seine eigene Krankheit die 
vermeintliche Epilepsie, angehängt hat, als ob er gestehen wollte, 
der Epileptiker, Neurotiker in mir ist ein Vatermörder. Und nun 
folgt in dem Plaidoyer vor dem Gerichtshof der berühmte Spott 
auf die Psychologie, sie sei ein Stock mit zwei Enden. Eine groß- 
artige Verhüllung, denn man braucht sie nur umzukehren, um 
den tiefsten Sinn der Dostojewskischen Auffassung zu finden. Nicht 
die Psychologie verdient den Spott, sondern das gerichtliche Er- 
mittlungsverfahren. Es ist ja gleichgültig, wer die Tat wirklich 
ausgeführt hat, für die Psychologie kommt es nur darauf an, wer 
6ie in seinem Gefühl gewollt, und als sie geschehen, willkommen 
geheißen hat, und darum sind bis auf die Kontrastfigur des Aljoscha 
alle Brüder gleich schuldig, der triebhafte Genußmensch, der skep- 
tische Zyniker und der epileptische Verbrecher. In den Brüdern 
Karamasoff findet sich eine für Dostojewski höchst bezeichnende 
Szene. Der Staretz hat im Gespräch mit Dmitri erkannt, daß er 
die Bereitschaft zum Vatermord in sich trägt und wirft sich vor 
ihm nieder. Das kann nicht Ausdruck der Bewunderung sein, es 
muß heißen, daß der Heilige die Versuchung, den Mörder zu ver- 



22 



1 



Schriften aus den Jahren J92&—19}) |B 



achten oder zu verabscheuen, von sich weist und sich darum vor 
ihm demütigt. Dostojewskis Sympathie für den Verbrecher ist in der 
Tat schrankenlos, sie geht weit über das Mitleid hinaus, auf das der 
Unglückliche Anspruch hat, erinnert an die heilige Scheu, mit der 
das Altertum den Epileptiker und den Geistesgestörten betrachtet hat. 
Der Verbrecher ist ihm fast wie ein Erlöser, der die Schuld auf sich 
genommen hat, die sonst die anderen hätten tragen müssen. Mau 
braucht nicht mehr zu morden, nachdem er bereits gemordet hat, 
aber man muß ihm dafür dankbar sein, sonst hätte man selbst morden 
müssen. Das ist nicht gütiges Mitleid allein, es ist Identifizierung 
auf Grund der gleichen mörderischen Impulse, eigentlich ein um ein 
Geringes verschobener Narzißmus. Der ethische Wert dieser Güte 
soll damit nicht bestritten werden. Vielleicht ist dies überhaupt der 
Mechanismus der gütigen Teilnahme am anderen Menschen, den man 
in dem extremen Falle des vom Schuldbewußtsein beherrschten 
Dichters besonders leicht durchschaut. Kein Zweifel, daß diese Identi- 
fizierungssympathie die Stoffwahl Dostojewskis entscheidend bestimmt 
hat. Er hat aber zuerst den gemeinen Verbrecher, — aus Eigen- 
sucht, — den politischen und religiösen Verbrecher behandelt, ehe 
er am Ende seines Lebens zum Urverbrecher, zum Vatermörder, zu- 
rückkehrte und an ihm sein poetisches Geständnis ablegte. 

Die Veröffentlichung seines Nachlasses und der Tagebücher seiner 
Frau hat eine Episode seines Lebens grell beleuchtet, die Zeit, 
da Dostojewski in Deutschland von der Spielsucht besessen war. 
(„Dostojewski am Roulette.") Ein unverkennbarer Anfall von patho- 
logischer Leidenschaft, der auch von keiner Seite anders gewertet 
werden konnte. Es fehlte nicht an Rationalisierungen für dies 
merkwürdige und unwürdige Tun. Das Schuldgefühl hatte sich, 
wie nicht selten bei Neurotikern, eine greifbare Vertretung durch 
eine Schuldenlast geschaffen und Dostojewski konnte vorschützen, 
daß er sich durch den Spielgewinn die Möglichkeit erwerben wolle, 
nach Rußland zurückzukommen, ohne von seinen Gläubigern ein- 
gesperrt zu werden. Aber das war nur Vorwand, Dostojewski war 



Dostojewski und die Vatertötung 23 

scharfsinnig genug, es zu erkennen, und ehrlich genug, es zu gestehen. 
Er wußte, die Hauptsache war das Spiel an und für sich, le jeu 
pour le jeu} Alle Einzelheiten seines triebhaft unsinnigen Benehmens 
beweisen dies und noch etwas anderes. Er ruhte nie, ehe er nicht 
alles verloren hatte. Das Spiel war ihm auch ein Weg zur Selbst- 
bestrafung. Er hatte ungezählte Male der jungen Frau sein Wort 
oder sein Ehrenwort gegeben, nicht mehr zu spielen oder an diesem 
Tag nicht mehr zu spielen, und er brach es, wie sie sagt, fast immer. 
Hatte er durch Verluste sich und sie ins äußerste Elend gebracht, 
so zog er daraus eine zweite pathologische Befriedigung. Er konnte 
sich vor ihr beschimpfen, demütigen, sie auffordern, ihn zu ver- 
achten, zu bedauern, daß sie ihn alten Sünder geheiratet, und nach 
dieser Entlastung des Gewissens ging dies Spiel am nächsten Tag 
weiter. Und die junge Frau gewöhnte sich an diesen Zyklus, weil sie 
bemerkt hatte, daß dasjenige, von dem in Wirklichkeit allein die Rettung 
zu erwarten war, die literarische Produktion, nie besser vor sich ging, 
als nachdem sie alles verloren und ihre letzte Habe verpfändet hatten. 
Sie verstand den Zusammenhang natürlich nicht. Wenn sein Schuld- 
gefühl durch die Bestrafungen befriedigt war, die er selbst über sich 
verhängt hatte, dann ließ seine Arbeitshemmung nach, dann ge- 
stattete er sich, einige Schritte auf dem Wege zum Erfolg zu tun.^ 
Welches Stück längst verschütteten Kinderlebens sich im Spiel- 
zwang Wiederholung erzwingt, läßt sich unschwer in Anlehnung 
an eine Novelle eines jüngeren Dichters erraten. Stefan Zweig, 
der übrigens Dostojewski selbst eine Studie gewidmet hat („Drei 
Meister"), erzählt in seiner Sammlung von drei Novellen „Die 
Verwirrung der Gefühle" eine Geschichte, die er „Vierundzwanzig 

1) „Die Hauptsache ist das Spiel selbst", schrieb er in einem seiner Briefe. „Ich 
schwöre Ihnen, es handelt sich dabei nicht um Habgier, obwohl ich ja freilich vor 
allem Geld nötig hatte." 

2) Immer blieb er so lange am Spieltisch, bis er alles verloren hatte, bis er voll- 
ständig vernichtet dastand. Nur wenn sich das Unheil ganz erfüllt hatte, wich end- 
lich der Dämon von seiner Seele und überließ dem schöpferischen Genius den Plati. 
(Renö Fülöp-Miller, „Dostojewski am Roulette" p. LXXXVI.) 



y 



24 Schriften au s den Jahren 1928 — J^jj 

Stunden aus dem Leben einer Frau" betitelt. Das kleine Meister- 
werk will angeblich nur dartun, ein wie unverantwortliches Wesen 
das Weib ist, zu welchen es selbst überraschenden Überschreitungen 
es durch einen unerwarteten Lebenseindruck gedrängt werden kann. 
Allein die Novelle sagt weit mehr, stellt ohne solche entschuldigende 
Tendenz etwas ganz anderes, allgemein Menschliches oder vielmehr 
Männliches dar, wenn man sie einer analytischen Deutung unter- 
zieht, und eine solche Deutung ist so aufdringlich nahe gelegt, 
daß man sie nicht abweisen kann. Es ist bezeichnend für die Natur 
des künstlerischen Schaffens, daß der mir befreundete Dichter auf 
Befragen versichern konnte, daß die ihm mitgeteilte Deutung seinem 
Wissen und seiner Absicht völlig fremd gewesen sei, obwohl in 
die Erzählung manche Details eingeflochten sind, die geradezu 
berechnet scheinen, auf die geheime Spur hinzuweisen. In der 
Novelle Zweigs erzählt eine vornehme ältere Dame dem Dichter 
ein Erlebnis, das sie vor mehr als zwanzig Jahren betroffen hat. 
Früh verwitwet, Mutter zweier Söhne, die sie nicht mehr brauchten, 
von allen Lebenserwartungen abgewendet, geriet sie in ihrem zwei- 
undvierzjgsten Jahr auf einer ihrer zwecklosen Reisen in den Spiel- 
saal des Kasinos von Monaco und wurde unter all den merkwürdigen 
Eindrücken des Orts bald von dem Anblick zweier Hände fasziniert, 
die alle Empfindungen des unglücklichen Spielers mit erschüttern- 
der Aufrichtigkeit und Intensität zu verraten schienen. Diese Hände 
gehörten einem schönen Jüngling, — der Dichter gibt ihm wie 
absichtslos das Alter des ersten Sohnes der Zuschauerin, — der, 
nachdem er alles verloren, in tiefster Verzweiflung den Saal verläßt, 
voraussichtlich um im Park sein hoffnungsloses Leben zu beenden. 
Eine unerklärliche Sympathie zwingt sie, ihm zu folgen und alle 
Versuche zu seiner Rettung zu unternehmen. Er hält sie für eine 
der am Orte so zahlreichen zudringlichen Frauen und will sie ab- 
schütteln, aber sie bleibt bei ihm und sieht sich auf die natür- 
lichste Weise genötigt, seine Unterkunft im Hotel und endhch sein 
Bett zu teilen. Nach dieser improvisierten Liebesnacht läßt sie sich 



Dostojewski und die fatertötung 25 



von dem anscheinend beruhigten Jüngling unter den feierhchsten 
Umständen die Versicherung geben, daß er nie wieder spielen 
wird, stattet ihn mit Geld für die Heimreise aus und verspricht, 
ihn vor Abgang des Zuges auf dem Bahnhof zu treffen. Dann 
aber erwacht in ihr eine große Zärtlichkeit für ihn, sie will alles 
opfern, um ihn zu behalten, beschließt, mit ihm zu reisen, anstatt 
von ihm Abschied zu nehmen. Widrige ZufäUigkeiten halten sie 
auf, so daß sie den Zug versäumt; in der Sehnsucht nach dem 
Verschwundenen sucht sie den Spielsaal wieder auf und findet 
dort entsetzt die Hände wieder, die zuerst ihre Sympathie ent- 
zündeten; der Pflichtvergessene ist zum Spiel zurückgekehrt. Sie 
mahnt ihn an sein Versprechen, aber von der Leidenschaft besessen, 
schilt er sie Spielverderberin, heißt sie gehen und wirft ihr das 
Geld hin, mit dem sie ihn loskaufen wollte. In tiefster Beschämung 
muß sie fliehen und kann später in Erfahrung bringen, daß es 
ihr nicht gelungen war, ihn vor dem Selbstmord zu bewahren. 
Diese glänzend erzählte, lückenlos motivierte Geschichte ist gewiß 
für sich allein existenzfähig und einer großen Wirkung auf den 
Leser sicher. Die Analyse lehrt aber, daß ihre Erfindung auf dem 
Urgrund einer Wunschphantasie der Pubertätszeit ruht, die bei 
manchen Personen selbst als bewußt erinnert wird. Die Phantasie 
lautet, die Mutter möge selbst den Jüngling ins sexuelle Leben 
einführen, um ihn vor den gefürchteten Schädlichkeiten der Onanie 
zu retten. Die so häufigen Erlösungsdichtungen haben denselben 
Ursprung. Das „Laster" der Onanie ist durch das der Spielsucht 
ersetzt, die Betonung der leidenschaftHchen Tätigkeit der Hände 
ist für diese Ableitung verräterisch. Wirklich ist die Spielwut ein 
Äquivalent des alten Onaniezwanges, mit keinem anderen Wort 
als „Spielen" ist in der Kinderstube die Betätigung der Hände 
am Genitale benannt worden. Die Unwiderstehlichkeit der Ver- 
suchung, die heiligen und doch nie gehaltenen Vorsätze, es nie 
wieder zu tun, die betäubende Lust und das böse Gewissen, man 
richte sich zugrunde (Selbstmord), sind bei der Ersetzung unver- 



26 Schriften aus den Jahren 1^28— Ip^ß 



ändert erhalten geblieben. Die Zweigsche Novelle wird zwar von 
der Mutter, nicht vom Sohne, erzählt. Es muß dem Sohne schmeicheln 
zu denken: wenn die Mutter wüßte, in welche Gefahren mich 
die Onanie bringt, würde sie mich gewiß durch die Gestattung 
aller Zärtlichkeiten an ihrem eigenen Leib vor ihnen retten. Die 
Gleichstellung der Mutter mit der Dirne, die der Jüngling in der 
Zweigschen Novelle vollzieht, gehört in den Zusammenhang der- 
selben Phantasie. Sie macht die Unzugänghche leicht erreichbar; 
■ das böse Gewissen, das diese Phantasie begleitet, setzt den schlechten 
Ausgang der Dichtung durch. Es ist auch interessant zu bemerken, 
wie die der Novelle vom Dichter gegebene Fassade deren analytischen 
Sinn zu verhüllen sucht. Denn es ist sehr bestreitbar, daß das 
Liebesleben der Frau von plötzhchen und rätselhaften Impulsen 
beherrscht wird. Die Analyse deckt vielmehr eine zureichende 
Motivierung für das überraschende Benehmen der bis dahin von 
der Liebe abgewandten Frau auf. Dem Andenken ihres verlorenen 
Ehemannes getreu, hat sie sich gegen alle ihm ähnlichen Ansprüche 
gewappnet, aber — darin behält die Phantasie des Sohnes Recht 
— einer ihr ganz unbewußten Liebesübertragung auf den Sohn 
war sie als Mutter nicht entgangen, und an dieser unbewachten 
Stelle kann das Schicksal sie packen. Wenn die Spielsucht mit 
ihren erfolglosen Abgewöhnungskämpfen und ihren Gelegenheiten 
zur Selbstbestrafung eine Wiederholung des Onaniezwanges ist, so 
werden wir nicht verwundert sein, daß sie sich im Leben Dosto- 
jewskis einen so großen Raum erobert hat. Wir finden doch keinen 
Fall von schwerer Neurose, in dem die autoerotische Befriedigung 
^ der Frühzeit und der Pubertätszeit nicht ihre Rolle gespielt hätte, 

— und die Beziehungen zwischen den Bemühungen, sie zu unter- 

drücken, und der Angst vor dem Vater sind zu sehr bekannt, um 
•^ mehr als einer Erwähnung zu bedürfen.' 



I 



\) Die meisten der hier vorgetragenen Ansichten sind auch in der 1925 erschienenen 
trefflichen Schrift von Jolan Neufeld, „Dostojewski, Skizze lu seiner Psychoanalyse" 
(Imago-BÜcher, Nr. IV), enthalten. 



■ 



DAS UNBEHAGEN 
IN DER KULTUR 



,*. 



Erschienen im Januar 1^)0 im TnterTianonalen Psychoanalytischen Verlag, 
JVien; ebendort im Jahre 1^)1 die zweite, durchgesehene Außage flß. bis 
2y. Tausend). 

Vom „Unbehagen Inder Kultur ^ erschienen autorisierte ÜhersetTungen in 
folgenden Sprachen: 
Englisch (übersetzt von Joan Riviere) -■ Civilisation and its discontents. London, 

Hogarth Press, ipjo. 
Schwedisch (übersetzt von S. J. S.): Vi vantrivas i kuliuren. Stockholm^ 

Albert Bonniers Förlag, I9ß2. • - - 

Eine Übersetzung ins Spanische (von Luis Lopez- Ballesteros y de Torres) 
im Rahmen der spanischen Gesamtausgabe der Schriften des Verfassers (Obras 
completas, Madrid, BiUioteCa Niteva) ist in Vorbereitung. 

Ein Auszug aus dem Buche ist in italienischer Sprache (übersetzt von 
Edoardo PFeiss) in der Zeitschrift „II Saggiatore" erschienen. 

Außerdem liegt eine nicht autorisierte Übersetzung ins Japanische (von 
S. Hasegawa) vor; sie ist im Verlag Shunyodö in Tokyo erschienen. 



y 



Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß die Menschen 
gemeinhin mit falschen Maßstäben messen, Macht, Erfole und 
Reichtum für sich anstreben und bei anderen bewundern, die 
wahren Werte des Lebens aber unterschätzen. Und doch ist man 
bei jedem solchen allgemeinen Urteil in Gefahr, an die Buntheit 
der Menschenwelt und ihres seelischen Lebens zu vergessen. Es 
gibt einzelne Männer, denen sich die Verehrung ihrer Zeitgenossen 
nicht versagt, obwohl ihre Größe auf Eigenschaften und Leistungen 
ruht, die den Zielen und Idealen der Menge durchaus fremd sind. 
Man wird leicht annehmen wollen, daß es doch nur eine Minder- 
zahl ist, welche diese großen Männer anerkennt, während die 
große Mehrheit nichts von ihnen wissen will. Aber es dürfte 
nicht so einfach zugehen, dank den Unstimmigkeiten zwischen 
dem Denken und dem Handeln der Menschen und der Viel- 
stimmigkeit ihrer Wunschregungen. 

Einer dieser ausgezeichneten Männer nennt sich in Briefen 
meinen Freund. Ich hatte ihm meine kleine Schrift zugeschickt, 
welche die Religion als Illusion behandelt, und er antwortete, er 
wäre mit meinem Urteil über die Rehgion ganz einverstanden, 
bedauerte aber, daß ich die eigentliche Quelle der Religiosität 
nicht gewürdigt hätte. Diese sei ein besonderes Gefühl, das ihn 
selbst nie zu verlassen pflege, das er von vielen anderen bestätigt 
gefunden und bei Millionen Menschen voraussetzen dürfe. Ein 



L 
1 



50 Schriften aus den Jahren 192S — 19)} 



Gefühl, das er die Empfindung der „Ewigkeit" nennen möchte, 
ein Gefühl wie von etwas Unbegrenztem, Schrankenlosem, gleich- 
sam Ozeanischem". Dies Gefühl sei eine rein subjektive Tatsache, 
kein Glaubenssatz; keine Zusicherung persönlicher Fortdauer knüpfe 
sich daran, aber es sei die Quelle der religiösen Energie, die von 
den verschiedenen Kirchen und Religionssystemen gefaßt, in be- 
stimmte Kanäle geleitet und gewiß auch aufgezehrt werde. Nur 
auf Grund dieses ozeanischen Gefühls dürfe man sich religiös 
heißen, auch wenn man jeden Glauben und jede Illusion ablehne. 
Diese Äußerung meines verehrten Freundes, der selbst einmal 
den Zauber der Illusion poetisch gewürdigt hat, brachte mir nicht 
geringe Schwierigkeiten.^ Ich selbst kann dies „ozeanische" Gefühl 
nicht in mir entdecken. Es ist nicht bequem, Gefühle wissen- 
schaftlich zu bearbeiten. Man kann versuchen, ihre physiologischen 
Anzeichen zu beschreiben. Wo dies nicht angeht, — ich fürchte, 
auch das ozeanische Gefühl wird sich einer solchen Charakteristik 
entziehen, ■ — bleibt doch nichts übrig, als sich an den Vorsteilungs- 
inhalt zu halten, der sich assoziativ am ehesten zum Gefühl ge- 
sellt. Habe ich meinen Freund richtig verstanden, so meint er 
dasselbe, was ein origineller und ziemlich absonderlicher Dichter 
seinem Helden als Trost vor dem freigewählten Tod mitgibt: 
„Aus dieser Welt können wir nicht fallen. ""^ Also ein Gefühl der 
unauflösbaren Verbundenheit, der Zusammengehörigkeit mit dem 
Ganzen der Außenwelt. Ich möchte sagen, für mich hat dies eher 
den Charakter einer intellektuellen Einsicht, gewiß nicht ohne 
begleitenden Gefühlston, wie er aber auch bei anderen Denkakten 
von ähnlicher Tragweite nicht fehlen wird. An meiner Person 
könnte ich mich von der primären Natur eines solchen Gefühls 



1) Liluli, 1925-— Seit dem Erscheinen der beiden Bücher „La vie de Ramakrishna" 
und „La rie de Vivekananda« (1930) brauche ich nicht mehr zu verbergen, daß der 
im Text gemeinte Freund Romain Rolland ist. 

2) D. Chr. Grabbe, Hannibal: „Ja, aus der Welt werden wir nicht fallen. Wir 

sind einmal darin." 



. 



Das Unbehagen in der Kultur 51 

nicht überzeugen. Darum darf ich aber sein tatsächliches Vor- 
kommen bei anderen nicht bestreiten. Es fragt sich nur, ob es 
richtig gedeutet wird und ob es als y^fons et origo^^ aller reli- 
giösen Bedürfnisse anerkannt werden soll. 

Ich habe nichts vorzubringen, was die Lösung dieses Problems 
entscheidend beeinflussen würde. Die Idee, daß der Mensch durch 
ein unmittelbares, von Anfang an hierauf gerichtetes Gefühl Kunde 
von seinem Zusammenhang mit der Umwelt erhalten sollte, klingt 
so fremdartig, fügt sich so übel in das Gewebe unserer Psycho- 
logie, daß eine psychoanalytische, d. i. genetische Ableitung eines 
solchen Gefühls versucht werden darf. Dann stellt sich uns folgender 
Gedankengang zur Verfügung: Normalerweise ist uns nichts ge- 
sicherter als das Gefühl unseres Selbst, unseres eigenen Ichs. Dies 
Ich erscheint uns selbständig, einheitlich, gegen alles andere gut 
abgesetzt. Daß dieser Anschein ein Trug ist, daß das Ich sich viel- 
mehr nach innen ohne scharfe Grenze in ein unbewußt seelisches 
Wesen fortsetzt, das wir als Es bezeichnen, dem es gleichsam als 
Fassade dient, das hat uns erst die psychoanalytische Forschung 
gelehrt, die uns noch viele Auskünfte über das Verhältnis des 
Ichs zum Es schuldet. Aber nach außen wenigstens scheint das 
Ich klare und scharfe Grenzlinien zu behaupten. Nur in einem 
Zustand, einem außergewöhnlichen zwar, den man aber nicht als 
trankhaft verurteilen kann, wird es anders. Auf der Höhe der 
Verliebtheit droht die Grenze zwischen Ich und Objekt zu ver- 
schwimmen. Allen Zeugnissen der Sinne entgegen behauptet der 
Verliebte, daß Ich und Du Eines seien, und ist bereit, sich, als 
ob es so wäre, zu benehmen. Was vorübergehend durch eine 
physiologische Funktion aufgehoben werden kann, muß natürlich 
auch durch krankhafte Vorgänge gestört werden können. Die 
Pathologie lehrt uns eine große Anzahl von Zuständen kennen, 
in denen die Abgrenzung des Ichs gegen die Außenwelt unsicher 
wird, oder die Grenzen wirklich unrichtig gezogen werden; Fälle, 
in denen uns Teile des eigenen Körpers, ja Stücke des eigenen 



-3 Schriften aas den Jahren Ip2S — f <i?j 



y 



Seelenlebens, Wahrnehmungen, Gedanken, Gefühle wie fremd 
und dem Ich nicht zugehörig erscheinen, andere, in denen man 
der Außenwelt zuschiebt, was offenbar im Ich entstanden ist und 
von ihm anerkannt werden sollte. Also ist auch das Ichgefühl 
Störungen unterworfen und die Ichgrenzen sind nicht beständig. 
Eine weitere Überlegung sagt: Dies Ichgefühl des Erwachsenen 
kann nicht von Anfang an so gewesen sein. Es muß eine Ent- 
wicklung durchgemacht haben, die sich begreiflicherweise nicht 
nachweisen, aber mit aiemlicher Wahrscheinlichkeit konstruieren 
läßt.' Der Säugling sondert noch nicht sein Ich von einer Außenwelt 
als Quelle der auf ihn einströmenden Empfindungen. Er lernt es 
allmählich auf verschiedene Anregungen hin. Es muß ihm den 
stärksten Eindruck machen, daß manche der Erregungsquellen, 
in denen er später seine Körperorgane erkennen wird, ihm jeder- 
zeit Empfindungen zusenden können, während andere sich ihm 
zeitweise entziehen — darunter das Begehrteste: die Mutterbrust 
— und erst durch ein Hilfe heischendes Schreien herbeigeholt 
werden. Damit stellt sich dem Ich zuerst ein „Objekt" entgegen, 
als etwas, was sich „außerhalb" befindet und erst durch eine 
besondere Aktion in die Erscheinung gedrängt wird. Einen weiteren 
Antrieb zur Loslösung des Ichs von der Empfindungsmasse, also 
zur Anerkennung eines „Draußen", einer Außenwelt, geben die 
häufigen, vielfältigen, unvermeidUchen Schmerz- und Unlust- 
empfindungen, die das unumschränkt herrschende Lustprinzip auf- 
heben und vermeiden heißt. Es entsteht die Tendenz, alles, was 
Quelle solcher Unlust werden kann, vom Ich abzusondern, es 
nach außen zu werfen, ein reines Lust-Ich zu bilden, dem ein 
fremdes, drohendes Draußen gegenübersteht. Die Grenzen dieses 
primitiven Lust-Ichs können der Berichtigung durch die Erfahrung 
nicht entgehen. Manches, was man als lustspendend nicht auf- 

i) S. die zahlreichen Arbeiten Über Ichentwicklung und Ichgefühl von Ferenczi, 
Entwicklungsstufen desWirklichkeiUsinne8(i9i3),bis zu den Beiträgen von P.Federn 

1926, 1927 und später. 



Das Unbehagen in der Kultur ^a 



i 



geben möchte, ist doch nicht Ich, ist Objekt, und manche Qual, 
die man hinausweisen will, erweist sich doch als unabtrennbar 
vom Ich, als innerer Herkunft. Man lernt ein Verfahren kennen, 
wie man durch absichtliche Lenkung der Sinnestätigkeit und ge- 1 

eignete Muskelaktion Innerliches — dem Ich Angehöriges — und 
Äußerliches — einer Außenwelt Entstammendes — unterscheiden 
kann, und tut damit den ersten Schritt zur Einsetzung des Realitäts- 
prinzips, das die weitere Entwicklung beherrschen soll. Diese Unter- 
scheidung dient natürlich der praktischen Absicht, sich der ver- 
spürten und der drohenden Unlustempfindungen zu erwehren. 
Daß das Ich zur Abwehr gewisser Unlusterregungen aus seinem 
Inneren keine anderen Methoden zur Anwendung bringt, als deren 
es sich gegen Unlust von außen bedient, wird dann der Ausgangs- 
punkt bedeutsamer krankhafter Störungen. 

Auf solche Art löst sich also das Ich von der Außenwelt. 
Richtiger gesagt: Ursprünglich enthält das Ich alles, später scheidet 
es eine Außenwelt von sich ab. Unser heutiges Ichgefühl ist also 
nur ein eingeschrumpfter Rest eines weitumfassenderen, ja — 
eines allumfassenden Gefühls, welches einer innigeren Verbunden- 
heit des Ichs mit der Umwelt entsprach. Wenn wir annehmen 
dürfen, daß dieses primäre Ichgefühl sich im Seelenleben vieler 
Menschen — in größerem oder geringerem Ausmaße — erhalten 
hat, so würde es sich dem enger und schärfer umgrenzten Ich- 
gefühl der Reifezeit wie eine Art Gegenstück an die Seite stellen, 
und die zu ihm passenden Vorstellungsinhalte wären gerade die 
der Unbegrenztheit und der Verbundenheit mit dem All, dieselben, 
mit denen mein Freund das „ozeanische" Gefühl erläutert. Haben 
wir aber ein Recht zur Annahme des Überlebens des Ursprüng- 
hchen neben dem Späteren, das aus ihm geworden ist? 

Unzweifelhaft 5 ein solches Vorkommnis ist weder auf seelischem 
noch auf anderen Gebieten befremdend. Für die Tierreihe halten 
wir an der Annahme fest, daß die höchstentwickelten Arten aus 
den niedrigsten hervorgegangen sind. Doch finden wir alle ein- 



Freud XII. 



54 Schriften aus den Jahren 1^28—19)) 



y 



fachen Lebensformen noch heute unter den Lebenden. Das Ge- 
schlecht der großen Saurier ist ausgestorben und hat den Säuge- 
tieren Platz gemacht, aber ein richtiger Vertreter dieses Geschlechts, 
das Krokodil, lebt noch mit uns. Die Analogie mag zu entlegen 
sein krankt auch an dem Umstand, daß die überlebenden niedri- 
gen Arten zumeist nicht die richtigen Ahnen der heutigen, höher 
entwickelten sind. Die Zwischenglieder sind in der Regel ausge- 
storben und nur durch Rekonstruktion bekannt. Auf seelischem 
Gebiet hingegen ist die Erhaltung des Primitiven neben dem 
daraus entstandenen Umgewandelten so häufig, daß es sich er- 
übrigt, es durch Beispiele zu beweisen. Meist ist dieses Vorkommen 
Folge einer Entwicklungsspaltung. Ein quantitativer Anteil einer 
Einstellung, einer Triebregung, ist unverändert erhalten geblieben, 
ein anderer hat die weitere Entwicklung erfahren. 

Wir rühren hiermit an das allgemeinere Problem der Erhaltung 
im Psychischen, das kaum noch Bearbeitung gefunden hat, aber 
so reizvoll und bedeutsam ist, daß wir ihm auch bei unzureichendem 
Anlaß eine Weile Aufmerksamkeit schenken dürfen. Seitdem wir 
den Irrtum überwunden haben, daß das uns geläufige Vergessen 
eine Zerstörung der Gedächtnisspur, also eine Vernichtung bedeutet, 
neigen wir zu der entgegengesetzten Annahme, daß im Seelenleben 
nichts, was einmal gebildet wurde, untergehen kann, daß alles 
irgendwie erhalten bleibt und unter geeigneten Umständen, z. B. 
durch eine so weit reichende Regression wieder zum Vorschein 
gebracht werden kann. Man versuche sich durch einen Vergleich 
aus einem anderen Gebiet klar zu machen, was diese Annahme 
zum Inhalt hat. Wir greifen etwa die Entwicklung der Ewigen 
Stadt als Beispiel auf.' Historiker belehren uns, das älteste Rom 
war die Roma quadrata, eine umzäunte Ansiedlung auf dem Palatin. 
Dann folgte die Phase des Septimontium^ eine Vereinigung der 
Niederlassungen auf den einzelnen Hügeln, darauf die Stadt, die 

1) Nach The Cambridge Ancient Historj, T. VII. 1928. „The founding of Rome« 
by Hugh Last. 



Das Unbehagen in der Kultur «g 



durch die Servianische Mauer begrenzt wurde, und noch später, 
nach all den UmwandUingen der republikanischen und der früheren 
Kaiserzeit die Stadt, die Kaiser Aurelianus durch seine Mauern 
umschloß. Wir wollen die Wandlungen der Stadt nicht weiter ver- 
folgen und uns fragen, was ein Besucher, den wir mit den voll- 
kommensten historischen und topographischen Kenntnissen aus- 
gestattet denken, im heutigen Rom von diesen frühen Stadien 
noch vorfinden mag. Die Aurelianische Mauer wird er bis auf wenige 
Durchbrüche fast unverändert sehen. An einzelnen Stellen kann 
er Strecken des Servianischen Walles durch Ausgrabung zutage 
gefördert finden. Wenn er genug weiß, — mehr als die heutige 
Archäologie, — kann er vielleicht den ganzen Verlauf dieser Mauer 
und den Umriß der Roma quadrata ins Stadtbild einzeichnen. Von 
den Gebäuden, die einst diese alten Rahmen ausgefüllt haben, findet 
er nichts oder geringe Reste, denn sie bestehen nicht mehr. Das 
Äußerste, was ihm die beste Kenntnis des Roms der Republik 
leisten kann, wäre, daß er die Stellen anzugeben weiß, wo die 
Tempel und öffentlichen Gebäude dieser Zeit gestanden hatten. 
Was jetzt diese Stellen einnimmt, sind Ruinen, aber nicht ihrer 
selbst, sondern ihrer Erneuerungen aus späteren Zeiten nach Bränden 
und Zerstörungen. Es bedarf kaum noch einer besonderen Er- 
wähnung, daß alle diese Überreste des alten Roms als Einsprengungen 
in das Gewirre einer Großstadt aus den letzten Jahrhunderten seil 
der Renaissance erscheinen. Manches Alte ist gewiß noch im Boden 
der Stadt oder unter ihren modernen Bauwerken begraben. Dies 
ist die Art der Erhaltung des Vergangenen, die uns an historischen 
Stätten wie Rom entgegentritt. 

Nun machen wir die phantastische Annahme, Rom sei nicht eine 
menschliche Wohnstätte, sondern ein psychisches Wesen von ähnlich 
langer und reichhaltiger Vergangenheit, in dem also nichts, was 
einmal zustande gekommen war, untergegangen ist, in dem neben 
der letzten Entwicklungsphase auch alle früheren noch fortbestehen. 
Das würde für Rom also bedeuten, daß auf dem Palatin die Kaiser- 



gÖ Schriften aus den Jahren 1^28 — ip^^ 



y 



paläste und das Septizonlum des Septimius Severus sich noch zur 
alten Höhe erheben, daß die Engelsburg noch auf ihren Zinnen 
die schönen Statuen trägt, mit denen sie bis zur Gotenbelagerung 
geschmückt war, usw. Aber noch mehr: an der Stelle des Palazzo 
Caffarelh stünde wieder, ohne daß man dieses Gebäude abzutragen 
brauchte, der Tempel des Kapitolinischen Jupiter, und zwar dieser 
nicht nur in seiner letzten Gestalt, wie ihn die Römer der Kaiserzeit 
sahen, sondern auch in seiner frühesten, als er noch etruskische 
Formen zeigte und mit tönernen Antifixen geziert war. Wo jetzt 
das Coliseo steht, könnten wir auch die verschwundene Domus 
aurea des Nero bewundern; auf dem Pantheonplatze fänden wir 
nicht nur das heutige Pantheon, wie es uns von Hadrian hinter- 
lassen wurde, sondern auf demselben Grund auch den ursprüng- 
lichen Bau des M. Agrippa; ja, derselbe Boden trüge die Kirche 
Maria sopra Minerva und den alten Tempel, über dem sie gebaut 
ist. Und dabei brauchte es vielleicht nur eine Änderung der Blick- 
richtung oder des Standpunktes von selten des Beobachters, um 
den einen oder den anderen Anblick hervorzurufen. 

Es hat offenbar keinen Sinn, diese Phantasie weiter auszuspinnen, 
sie führt zu Unvorstellbarem, ja zu Absurdem. Wenn wir das 
historische Nacheinander räumlich darstellen wollen, kann es nur 
durch ein Nebeneinander im Raum geschehen; derselbe Raum ver- 
trägt nicht zweierlei Ausfüllung. Unser Versuch scheint eine müßige 
Spielerei zu sein; er hat nur eine Rechtfertigung; er zeigt uns, wie 
weit wir davon entfernt sind, die Eigentümlichkeiten des seelischen 
Lebens durch anschauliche Darstellung zu bewältigen. 

Zu einem Einwand sollten wir noch Stellung nehmen. Er fragt 
uns, warum wir gerade die Vergangenheit einer Stadt ausgewählt 
haben, um sie mit der seelischen Vergangenheit zu vergleichen. 
Die Annahme der Erhaltung alles Vergangenen gilt auch für das 
Seelenleben nur unter der Bedingung, daß das Organ der Psyche 
intakt geblieben ist, daß sein Gewebe nicht durch Trauma oder 
Entzündung gelitten hat. Zerstörende Einwirkungen, die man diesen 



Das Unbehagen in der Kultur %n 

Krankheitsursachen gleichstellen könnte, werden aber in der Ge- 
schichte keiner Stadt vermißt, auch wenn sie eine minder bewegte 
Vergangenheit gehabt hat als Rom, auch wenn sie, wie London, 
kaum je von einem Feind heimgesucht wurde. Die friedlichste 
Entwicklung einer Stadt schließt Demolierungen und Ersetzungen 
von Bauwerken ein, und darum ist die Stadt von vorneherein für 
einen solchen Vergleich mit einem seelischen Organismus un- 
geeignet. 

Wir weichen diesem Einwand, wenden uns unter Verzicht auf 
eine eindrucksvolle Kontrastwirkung zu einem immerhin verwandteren 
Vergleichsobjekt, wie es der tierische oder menschliche Leib ist. 
Aber auch hier finden wir das nämliche. Die früheren Phasen 
der Entwicklung sind in keinem Sinn mehr erhalten, sie sind in 
den späteren, zu denen sie den Stoff geliefert haben, aufgegangen. 
Der Embryo läßt sich im Erwachsenen nicht nachweisen, die 
Thymusdrüse, die das Kind besaß, ist nach der Pubertät durch 
Bindegewebe ersetzt, aber selbst nicht mehr vorhanden- in den 
Röhrenknochen des reifen Mannes kann ich zwar den Umriß des 
kindlichen Knochens einzeichnen, aber dieser selbst ist vergangen 
indem er sich streckte und verdickte, bis er seine endgültige Form 
erhielt. Es bleibt dabei, daß eine solche Erhaltung aller Vorstufen 
neben der Endgestaltung nur im Seelischen möglich ist, und daß 
wir nicht in der Lage sind, uns dies Vorkommen anschaulich zu 
machen. 

Vielleicht gehen wir in dieser Annahme zu weit. Vielleicht 
sollten wir uns zu behaupten begnügen, daß das Vergangene im 
Seelenleben erhalten bleiben kann, nicht notwendigerweise 
zerstört werden muß. Es ist immerhin möglich, daß auch im 
Psychischen manches Alte — in der Norm oder ausnahmsweise — 
so weit verwischt oder aufgezehrt wird, daß es durch keinen Vor- 
gang mehr wiederhergestellt und wiederbelebt werden kann, oder 
daß die Erhaltung allgemein an gewisse günstige Bedingungen 
geknüpft ist. Es ist möglich, aber wir wissen nichts darüber. Wir 



3 8 Sch riften aus den Jahren 192S — I^)) 

dürfen nur daran festhalten, daß die Erhaltung des Vergangenen 
im Seelenleben eher Regel als befremdliche Ausnahme ist. 

Wenn wir so durchaus bereit sind, anzuerkennen, es gebe bei 
vielen Menschen ein „ozeanisches" Gefühl, und geneigt, es auf 
eine frühe Phase des Ichgefühls zurückzuführen, erhebt sich die 
weitere Frage, welchen Anspruch hat dieses Gefühl, als die Quelle 
der religiösen Bedürfnisse angesehen zu werden. 

Mir erscheint dieser Anspruch nicht zwingend. Ein Gefühl kann 
doch nur dann eine Energiequelle sein, wenn es selbst der Ausdruck 
eines starken Bedürfnisses ist. Für die religiösen Bedürfnisse scheint 
mir die Ableitung von der infantilen Hilflosigkeit und der durch 
sie geweckten Vatersehnsucht unabweisbar, zumal da sich dies Gefühl 
nicht einfach aus dem kindlichen Leben fortsetzt, sondern durch 
die Angst vor der Übermacht des Schicksals dauernd erhalten wird. 
Ein ähnlich starkes Bedürfnis aus der Kindheit wie das nach dem 
Vaterschutz wüßte ich nicht anzugeben. Damit ist die Rolle des 
ozeanischen Gefühls, das etwa die Wiederherstellung des unein- 
geschränkten Narzißmus anstreben könnte, vom Vordergrund ab- 
gedrängt. Bis zum Gefühl der kindhchen Hilflosigkeit kann man 
den Ursprung der religiösen Einstellung in klaren Umrissen ver- 
folgen. Es mag noch anderes dahinterstecken, aber das verhüllt 
einstweilen der Nebel. 

Ich kann mir vorstellen, daß das ozeanische Gefühl nachträglich 
in Beziehungen zur Religion geraten ist. Dies Eins-sein mit dem 
All, was als Gedankeninhalt ihm zugehört, spricht uns ja an wie 
ein erster Versuch einer rehgiösen Tröstung, wie ein anderer Weg 
zur Ableugnung der Gefahr, die das Ich als von der Außenwelt 
drohend erkennt. Ich wiederhole das Bekenntnis, daß es mir sehr 
beschwerlich ist, mit diesen kaum faßbaren Größen zu arbeiten. 
Ein anderer meiner Freunde, den ein unstillbarer Wissensdrang 
zu den ungewöhnlichsten Experimenten getrieben und endhch zum 
Allwisser gemacht hat, versicherte mir, daß man in den Yoga- 
praktiken durch Abwendung von der Außenwelt, durch Bindung 



Das Unhehasen in der Kultur 



ßen in aer iLuitur 59 



der Aufmerksamkeit an körperliche Funktionen, durch besondere 
Weisen der Atmung tatsächlich neue Empfindungen und Allgemein- 
gefühle in sich erwecken kann, die er als Regressionen zu uralten, 
längst überlagerten Zuständen des Seelenlebens auffassen will. Er 
sieht in ihnen eine sozusagen physiologische Begründung vieler 
Weisheiten der Mystik. Beziehungen zu manchen dunklen Modi- 
fikationen des Seelenlebens, wie Trance und Ekstase, lägen hier 
nahe. Allein mich drängt es, auch einmal mit den Worten des 
Schiller sehen Tauchers auszurufen : 

„Es freue sich, wer da atmet im rosigen Licht." 

H 

In meiner Schrift „Die Zukunft einer Illusion" handelte es sich 
weit weniger um die tiefsten Quellen des religiösen Gefühls, als 
vielmehr um das, was der gemeine Mann unter seiner Religion 
versteht, um das System von Lehren und Verheißungen, das ihm 
einerseits die Rätsel dieser Welt mit beneidenswerter Vollständig- 
keit aufklärt, anderseits ihm zusichert, daß eine sorgsame Vorsehung 
über sein Leben w^achen und etwaige Versagungen in einer ien- 
seitigen Existenz gutmachen wird. Diese Vorsehung kann der gemeine 
Mann sich nicht anders als in der Person eines großartig erhöhten 
Vaters vorstellen. Nur ein solcher kann die Bedürfnisse des Menschen- 
kindes kennen, durch seine Bitten erweicht, durch die Zeichen 
seiner Reue beschwichtigt werden. Das Ganze ist so offenkundig 
infantil, so wirklichkeitsfremd, daß es einer menschenfreundlichen 
Gesinnung schmerzlich wird zu denken, die große Mehrheit der 
Sterblichen werde sich niemals über diese Auffassung des Lebens 
erheben können. Noch beschämender wirkt es zu erfahren, ein wie 
großer Anteil der heute Lebenden, die es einsehen m.üssen, daß 
diese Religion nicht zu halten ist, doch Stück für Stück von ihr 
in kläglichen Rückzugsgefechten zu verteidigen sucht. Man möchte 
sich in die Reihen der Gläubigen mengen, um den Philosophen, 



40 Schriften aus den Jahren 1^28 — 1^)3 

die den Gott der Religion zu retten glauben. Indem sie ihn durch 
ein unpersönliches, schattenhaft abstraktes Prinzip ersetzen, die 
Mahnung vorzuhalten: Du sollst den Namen des Herrn nicht zum 
Eitlen anrufen! Wenn einige der größten Geister vergangener 
Zeiten das gleiche getan haben, so darf man sich hierin nicht auf 
sie berufen. Man weiß, warum sie so mußten. 

Wir kehren zum gemeinen Mann und zu seiner Religion zurück, 
der einzigen, die diesen Namen tragen sollte. Da tritt uns zunächst 
die bekannte Äußerung eines unserer großen Dichter und Weisen 
entgegen, die sich über das Verhältnis der Religion zur Kunst 
und Wissenschaft ausspricht. Sie lautet: 

„Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, 
hat auch Religion ^ 
Wer jene beiden nicht besitzt, 
der habe Religion!"* 

Dieser Spruch bringt einerseits die Religion in einen Gegensatz ' 
zu den beiden Höchstleistungen des Menschen, anderseits behauptet 
er, daß sie einander in ihrem Lebenswert vertreten oder ersetzen 
können. Wenn^ wir auch dem gemeinen Mann die Religion be- 
streiten wollen, haben wir offenbar die Autorität des Dichters nicht 
auf unserer Seite. Wir versuchen einen besonderen Weg, um uns 
der Würdigung seines Satzes zu nähern. Das Leben, wie es uns 
auferlegt ist, ist zu schwer für uns, es bringt uns zuviel Schmerzen, 
Enttäuschungen, unlösbare Aufgaben. Um es zu ertragen, können 
wir Linderungsmittel nicht entbehren. (Es geht nicht ohne Hilfs- 
konstruktionen, hat uns Theodor Fontane gesagt.) Solcher Mittel 
g^bt es vielleicht dreierlei: mächtige Ablenkungen, die uns unser 
Elend gering schätzen lassen, Ersatzbefriedigungen, die es verringern, 
Rauschstoffe, die uns für dasselbe unempfindlich machen. Irgend- 
etwas dieser Art ist unerläßlich.'' Auf die Ablenkungen zielt Voltai re, 

1) Goethe in den „Zahmen Xenien" IX. (Gedichte aus dem Nachlaß). 

2) Auf erniedrigtem Niveau sagt Wilhelm Busch in der „Frommen Helene" 
dasselbe: „Wer Sorgen hat, hat auch Likör." 



Das Unbehagen in der Kultur ai 



wenn er seinen „Candide" in den Rat ausklingen läßt, seinen 
Garten zu bearbeiten; solch eine Ablenkung ist auch die wissen- 
schaftHche Tätigkeit. Die Ersatzbefriedigungen, wie die Kunst sie 
bietet, sind gegen die Realität Illusionen, darum nicht minder 
psychisch wirksam dank der Rolle, die die Phantasie im Seelen- 
leben behauptet hat. Die Rauschmittel beeinflussen unser Körper- 
liches, ändern seinen Chemismus. Es ist nicht einfach, die Stellung 
der Religion innerhalb dieser Reihe anzugeben. Wir werden weiter 
ausholen müssen. 

Die Frage nach dem Zweck des menschlichen Lebens ist un- 
gezählte Male gestellt worden; sie hat noch nie eine befriedigende 
Antwort gefunden, läßt eine solche vielleicht überhaupt nicht zu. 
Manche Fragesteller haben hinzugefügt: wenn sich ergeben sollte, 
daß das Leben keinen Zweck hat, dann würde es jeden Wert für 
sie verlieren. Aber diese Drohung ändert nichts. Es scheint viel- 
mehr, daß man ein Recht dazu hat, die Frage abzulehnen. Ihre 
Voraussetzung scheint jene menschliche Überhebung, von der wir 
soviel andere Äußerungen bereits kennen. Von einem Zweck des 
Lebens der Tiere wird nicht gesprochen, wenn deren Bestimmung 
nicht etwa darin besteht, dem Menschen zu dienen. Allein auch 
das ist nicht haltbar, denn mit vielen Tieren weiß der Mensch 
nichts anzufangen — außer, daß er sie beschreibt, klassifiziert, 
studiert — und ungezählte Tierarten haben sich auch dieser Ver- 
wendung entzogen, indem sie lebten und ausstarben, ehe der Mensch 
sie gesehen hatte. Es ist wiederum nur die Religion, die die Frage 
nach einem Zweck des Lebens zu beantworten weiß. Man wird 
kaum irren, zu entscheiden, daß die Idee eines Lebenszweckes mit 
dem religiösen System steht und fällt. 

Wir wenden uns darum der anspruchsloseren Frage zu, was die 
Menschen selbst durch ihr Verhalten als Zweck und Absicht ihres 
Lebens erkennen lassen, was sie vom Leben fordern, in ihm er- 
reichen wollen. Die Antwort darauf ist kaum zu verfehlen; sie 
streben nach dem Glück, sie wollen glücklich werden und so bleiben. 



Schriften aus den Jahren 1^28 — I^}} 



Dies Streben hat zwei Seiten, ein positives und ein negatives Ziel, 
es will einerseits die Abwesenheit von Schmerz und Unlust, ander- 
seits das Erleben starker Lustgefühle. Im engeren Wortsinne wird 
„Glück" nur auf das letztere bezogen. Entsprechend dieser Zwei- 
teilung der Ziele entfaltet sich die Tätigkeit der Menschen nach 
zwei Richtungen, je nachdem sie das eine oder das andere dieser 
Ziele — vorwiegend oder selbst ausschheßlich — zu verwirklichen 
sucht. 

Es ist, wie man merkt, einfach das Programm des Lustprinzips, 
das den Lebenszweck setzt. Dies Prinzip beherrscht die Leistung 
des seelischen Apparates vom Anfang an^ an seiner Zweckdienlichkeit 
kann kein Zweifel sein, und doch ist sein Programm im Hader 
mit der ganzen Welt, mit dem Makrokosmos ebensowohl wie mit 
dem Mikrokosmos. Es ist überhaupt nicht durchführbar, alle Ein- 
richtungen des Alls widerstreben ihm^ man möchte sagen, die 
Absicht, daß der Mensch „glücklich" sei, ist im Plan der „Schöpfung" 
nicht enthalten. Was man im strengsten Sinne Glück heißt, ent- 
springt der eher plötzlichen Befriedigung hoch aufgestauter Be- 
dürfnisse und ist seiner Natur nach nur als episodisches Phänomen 
möglich. Jede Fortdauer einer vom Lustprinzip ersehnten Situation 
ergibt nur ein Gefühl von lauem Behagen; wir sind so eingerichtet, 
daß wir nur den Kontrast intensiv genießen können, den Zustand 
nur sehr wenig. ^ Somit sind unsere Glücksmöglichkeiten schon 
durch unsere Konstitution beschränkt. Weit weniger Schwierigkeiten 
hat es, Unglück zu erfahren. Von drei Seiten droht das Leiden, 
vom eigenen Körper her, der, zu Vei'fall und Auflösung bestimmt, 
sogar Schmerz und Angst als Warnungssignale nicht entbehren 
y kann, von der Außenwelt, die mit übermächtigen, unerbittlichen, 

zerstörenden Kräften gegen uns wüten kann, und endlich aus den 
Beziehungen zu anderen Menschen. Das Leiden, das aus dieser 
Quelle stammt, empfinden wir vielleicht schmerzlicher als jedes 

i) Cfoethe mahnt sogar: „Nichts ist schwerer zu ertragen als eine Reihe von 
schönen Tagen". Das mag immerhin eine Übertreibung sein. 



I 



i 



Das Unbehagen in der Kultur 4g 

andere; wir sind geneigt, es als eine gewissermaßen überflüssige 
Zutat anzusehen, obwohl es nicht weniger schicksalsmäßig unab- 
wendbar sein dürfte als das Leiden anderer Herkunft. 

Kein Wunder, wenn unter dem Druck dieser Leidensmöglich- 
keiten die Menschen ihren Glücksanspruch zu ermäßigen pflegen, 
wie ja auch das Lustprinzip selbst sich unter dem Einfluß der 
Außenwelt zum bescheideneren Realitätsprinzip umbildete, wenn 
man sich bereits glücklich preist, dem Unglück entgangen zu sein, 
das Leiden überstanden zu haben, wenn ganz allgemein die Auf- 
gabe der Leid Vermeidung die der Lustgewinnung in den Hinter- 
grund drängt. Die Überlegung lehrt, daß man die Lösung dieser 
Aufgabe auf sehr verschiedenen Wegen versuchen kann; alle diese 
Wege sind von den einzelnen Schulen der Lebensweisheit empfohlen 
und von den Menschen begangen worden. Uneingeschränkte Be- 
friedigung aller Bedürfnisse drängt sich als die verlockendste Art 
der Lebensführung vor, aber das heißt den Genuß vor die Vor- 
sicht setzen und straft sieb nach kurzem Betrieb. Die anderen 
Methoden, bei denen die Vermeidung von Unlust die vorwiegende 
Absicht ist, scheiden sich je nach der Unlustquelle, der sie die 
größere Aufmerksamkeit zuwenden. Es gibt da extreme und ge- 
mäßigte Verfahren, einseitige und solche, die zugleich an mehreren 
Stellen angreifen. Gewollte Vereinsamung, Fernhaltung von den 
anderen ist der nächstliegende Schutz gegen das Leid, das einem 
aus menschlichen Beziehungen erwachsen kann. Man versteht: das 
Glück, das man auf diesem Weg erreichen kann, ist das der Ruhe. 
Gegen die gefürchtete Außenwelt kann man sich nicht anders als 
durch irgendeine Art der Abwendung verteidigen, wenn man diese 
Aufgabe für sich allein lösen will. Es gibt freilich einen anderen 
und besseren Weg, indem man als ein Mitglied der menschlichen 
Gemeinschaft mit Hilfe der von der Wissenschaft geleiteten Technik 
zum Angriff auf die Natur übergeht und sie menschlichem Willen 
unterwirft. Man arbeitet dann mit Allen am Glück Aller. Die 
interessantesten Methoden zur Leidverhütung sind aber die, die 



i 



44 Schriften aus den Jahren 1^28 — ipßß 

den eigenen Organismus zu beeinflussen versuchen. Endlich ist alles 
Leid nur Empfindung, es besteht nur, insofern wir es verspüren, 
und wir verspüren es nur infolge gewisser Einrichtungen unseres 
Organismus. 

Die roheste, aber auch wirksamste Methode solcher Beeinflussung 
ist die chemische, die Intoxikation. Ich glaube nicht, daß irgendwer 
ihren Mechanismus durchschaut, aber es ist Tatsache, daß es 
körperfremde Stoffe gibt, deren Anwesenheit in Blut und Geweben 
uns unmittelbare Lustempfindungen verschafft, aber auch die Be- 
dingungen unseres Empfindungslebens so verändert, daß wir zur 
Aufnahme von Unlustregungen untauglich werden. Beide Wirkungen 
erfolgen nicht nur gleichzeitig, sie scheinen auch innig miteinander 
verknüpft. Es muß aber auch in unserem eigenen Chemismus 
Stoffe geben, die ähnliches leisten, denn wir kennen wenigstens 
einen krankhaften Zustand, die Manie, in dem dies rauschähnliche ! 
Verhalten zustande kommt, ohne daß ein Rauschgift eingeführt 
worden wäre. Überdies zeigt unser normales Seelenleben Schwan- ' 
kungen von erleichterter oder erschwerter Lustentbindung, mit denen ' 
eine verringerte oder vergrößerte Empfänglichkeit für Unlust parallel 
geht. E^ ist sehr zu bedauern, daß diese toxische Seite der seeli- 
schen Vorgänge sich der wissenschaftlichen Erforschung bisher ! 
entzogen hat. Die Leistung der Rauschmittel im Kampf um das ' 
Glück und zur Fernhaltung des Elends wird so sehr als Wohl- 
tat geschätzt, daß Individuen wie Völker ihnen eine feste Stellung 
in ihrer Libidoökonomie eingeräumt haben. Man dankt ihnen 
nicht nur den unmittelbaren Lustgewinn, sondern auch ein heiß | 
ersehntes Stück Unabhängigkeit von der Außenwelt. Man weiß 
doch, daß man mit Hilfe des „Sorgenbrechers" sich jederzeit dem 
Druck der Realität entziehen und in einer eigenen Welt mit 
besseren Empfindungsbedingungen Zuflucht finden kann. Es ist 
bekannt, daß gerade diese Eigenschaft der Rauschmittel auch ihre 
Gefahr und Schädlichkeit bedingt. Sie tragen unter Umständen 
die Schuld daran, daß große Energiebeträge, die zur Verbesserung 



Das Unbehagen in der Kultur 45 

des menschlichen Loses verwendet werden könnten, nutzlos ver- 
loren gehen. 

Der komplizierte Bau unseres seelischen Apparats gestattet aber 
auch eine ganze Reihe anderer Beeinflussungen. Wie Triebbefriedi- 
gung Glück ist, so wird es Ursache schweren Leidens, wenn die 
Außenwelt uns darben laßt, die Sättigung unserer Bedürfnisse 
verweigert. Man kann also hoffen, durch Einwirkung auf diese 
Triebregungen von einem Teil des Leidens frei zu werden. Diese 
Art der Leidabwehr greift nicht mehr am Empfindungsapparat 
an, sie sucht der inneren Quellen der Bedürfnisse Herr zu werden. 
In extremer Weise geschieht dies, indem man die Triebe ertötet, 
wie die orientahsche Lebensweisheit lehrt und die Yogapraxis 
ausführt. Gelingt es, so hat man damit freilich auch alle andere 
Tätigkeit aufgegeben (das Leben geopfert), auf anderem Wege 
wieder nur das Glück der Ruhe erworben. Den gleichen Weg 
verfolgt man bei ermäßigten Zielen, wenn man nur die Be- 
herrschung des Trieblebens anstrebt. Das Herrschende sind dann 
die höheren psychischen Instanzen, die sich dem Realitätsprinzip 
unterworfen haben. Hierbei wird die Absicht der Befriedigung 
keineswegs aufgegeben; ein gewisser Schutz gegen Leiden wird 
dadurch erreicht, daß die Unbefriedigung der in Abhängigkeit ge- 
haltenen Triebe nicht so schmerzlich empfunden wird wie die 
der ungehemmten. Dagegen steht aber eine unleugbare Herab- 
setzung der Genußmöglichkeiten. Das Glücksgefühl bei Befriedi- 
gung einer wilden, vom Ich ungebändigien Triebregung ist unver- 
gleichlich intensiver, als das bei Sättigung eines gezähmten Triebes. 
Die Unwiderstehhchkeit perverser Impulse, vielleicht der Anreiz des 
Verbotenen überhaupt, findet hierin eine ökonomische Erklärung. 

Eine andere Technik der Leidabwehr bedient sich der Libido- 
verschiebungen, welche unser seelischer Apparat gestattet, durch 
die seine Funktion so viel an Geschmeidigkeit gewinnt. Die zu 
lösende Aufgabe ist, die Triebziele solcherart zu verlegen, daß 
sie von der Versagung der Außenwelt nicht getroffen werden 



46 Schriften aus den Jahren lp28—ip}J 

können. Die Sublimierung der Triebe leiht dazu ihre Hilfe. Am 
meisten erreicht man, wenn man den Lustgewinn aus den Quellen 
psychischer und intellektueller Arbeit genügend zu erhöhen ver- 
steht. Das Schicksal kann einem dann wenig anhaben. Die Be- 
friedigung solcher Art, wie die Freude des Künstlers am Schaffen, 
an der Verkörperung seiner Phantasiegebilde, die des Forschers 
an der Lösung von Problemen und am. Erkennen der Wahrheit, 
haben eine besondere Qualität, die wir gewiß eines Tages werden 
metapsychologisch charakterisieren können. Derzeit können wir nur 
bildweise sagen, sie erscheinen uns „feiner und höher", aber ihre 
Intensität ist im Vergleich mit der aus der Sättigung grober, pri- 
märer Triebregungen gedämpft; sie erschüttern nicht unsere Leib- 
lichkeit. Die Schwäche dieser Methode liegt aber darin, daß sie 
nicht allgemein verwendbar, nur wenigen Menschen zugänglich 
ist. Sie setzt besondere, im w^irksamen Ausmaß nicht gerade häufige 
Anlagen und Begabungen voraus. Auch diesen Wenigen kann sie 
nicht vollkommenen Leidensschutz gewähren, sie schafft ihnen keinen 
für die Pfeile des Schicksals undurchdringlichen Panzer und sie pflegt 
zu versagen, wenn der eigene Leib die Quelle des Leidens wird.* 

1) Wenn nicht besondere Veranlagung den Lebensinteressen gebieterisch die Rich- 
tung vorschreibt, kann die gemeine, jedermann zugängliche Berufsarbeit an die Stelle 
rücken, die ihr von dem weisen Ratschlag Voltaires angewiesen wird. Es ist nicht 
möglich, die Bedeutung der Arbeit für die LibidoÖkonomie im Rahmen einer knappen 
Übersicht ausreichend in würdigen. Keine andere Technik der Lebensführung bindet 
den Einzelnen so fest an die Realität als die Betonung der Arbeit, die ihn wenigstens 
in ein Stück der Realität, in die menschliche Gemeinschaft sicher einfügt. Die Mög- 
lichkeit, ein starkes Ausmaß libidinoser Komponenten, narzißtische, aggressive ^xaA 
selbst erotische, auf die Berufsarbeit und auf die mit ihr verknüpften menschlichen 
Beiiehungen zu verschieben, leiht ihr einen Wert, der hinter ihrer Unerläfllichkeit 
Eiir Behauptung und Rechtfertigung der Existenz in der Gesellschaft nicht lurücfc- 
steht. Besondere Befriedigung vermittelt die Berufstätigkeit, wenn sie eine frei ge- 
wählte ist, also bestehende Neigungen, fortgeführte oder konstitutionell verstärkte 
Triebregungen durch Sublimierung nutzbar zu machen gestattet. Und dennoch wird 
Arbeit als Weg luni Glück von den Menschen wenig geschätzt, Man drängt sich 
nicht zu ihr wie zu anderen Möglichkeiten der Befriedigung. Die große Mehrzahl 
der Menschen arbeitet nur notgedrungen, und aus dieser natürlichen Arbeitsscheu 
der Menschen leiten sich die schwierigsten sozialen Probleme ab. 



Das Unbehagen in der Kultur ^y 

Wenn schon bei diesem Verfahren die Absiclit deutlich wird, 
sich von der Außenwelt unabhängig zu machen, indem man seine 
Befriedigungen in inneren, psychischen Vorgängen sucht, so treten 
die gleichen Züge noch stärker bei dem nächsten hervor. Hier 
wdrd der Zusammenhang mit der Realität noch mehr gelockert, 
die Befriedigung wird aus Illusionen gewonnen, die man als solche 
erkennt, ohne sich durch deren Abweichung von der Wirklichkeit 
im Genuß stören zu lassen. Das Gebiet, aus dem diese Illusionen 
stammen, ist das des Phantasielebens; es wurde seinerzeit, als sich 
die Entwicklung des Realitätssinnes vollzog, ausdrücklich den An- 
sprüchen der Realitätsprüfung entzogen und blieb für die Erfül- 
lung schwer durchsetzbarer Wünsche bestimmt. Obenan unter 
diesen Phantasiebefriedigungen steht der Genuß an Werken der 
Kunst, der auch dem nicht selbst Schöpferischen durch die Ver- 
mittlung des Künstlers zugänglich gemacht wird.' Wer für den 
Einfluß der Kunst empfänglich ist, weiß ihn als Lustquelle und 
Lebenströstung nicht hoch genug einzuschätzen. Doch vermag die 
milde Narkose, in die uns die Kunst versetzt, nicht mehr als eine 
flüchtige Entrückung aus den Nöten des Lebens herbeizuführen 
und ist nicht stark genug, um reales Elend vergessen zu machen. 

Energischer und gründlicher geht ein anderes Verfahren vor, 
das den einzigen Feind in der Realität erblickt, die die Quelle alles 
Leids ist, mit der sich nicht leben läßt, mit der man darum alle 
Beziehungen abbrechen muß, wenn man in irgendeinem Sinne 
glücklich sein will. Der Eremit kehrt dieser Welt den Rücken, 
er will nichts mit ihr zu schaffen haben. Aber man kann mehr 
tun, man kann sie umschaffen wollen, anstatt ihrer eine andere 
aufbauen, in der die unerträglichsten Züge ausgetilgt und durch 
andere im Sinne der eigenen Wünsche ersetzt sind. Wer in ver- 
zweifelter Empörung diesen Weg zum Glück einschlägt, wird in 

i) Vgl. „Pormulierungen über die iwei Prinzipien des psychischen Geschehens", 
igii, (Ges. Schriften Bd. VI) und „Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse«, 
XXIII (Ges. Schriften Bd. VII). 



48 Schriften aus den Jakren 1^28 — I^}) 

der Regel nichts erreichen; die Wirkhchkeit ist zu stark für ihn. 
Er wird ein Wahnsinniger, der in der Durchsetzung seines Wahns 
meist keine Helfer findet. Es wird aber behauptet, daß jeder von 
uns sich in irgendeinem Punkte ähnlich wie der Paranoiker be- 
nimmt, eine ihm unleidliche Seite der Welt durch eine Wunsch- 
bildung korrigiert und diesen Wahn in die Realität einträgt. Eine 
besondere Bedeutung beansprucht der Fall, daß eine größere An- 
zahl von Menschen gemeinsam den Versuch unternimmt, sich 
Glücksversicherung und Leidensschutz durch wahnhafte Umbil- 
dung der Wirklichkeit zu schaffen. Als solchen Massenwahn müssen 
wir auch die Rehgionen der Menschheit kennzeichnen. Den Wahn 
erkennt natürlich niemals, wer ihn selbst noch teilt. 

Ich glaube nicht, daß diese Aufzählung der Methoden, wie die 
Menschen das Glück zu gewinnen und das Leiden fernzuhalten 
bemüht sind, vollständig ist, weiß auch, daß der Stoff andere An- 
ordnungen zuläßt. Eines dieser Verfahren habe ich noch nicht 
angeführt; nicht daß ich daran vergessen hätte, sondern weil es 
uns noch in anderem Zusammenhange beschäftigen wird. Wie 
wäre es auch möglich, gerade an diese Technik der Lebenskunst 
zu vergessen ! Sie zeichnet sich durch die merkwürdigste Vereini- 
gung von charakteristischen Zügen aus. Sie strebt natürlich auch 
die Unabhängigkeit vom Schicksal — so nennen wir es am besten — 
an und verlegt in dieser Absicht die Befriedigung in innere seelische 
Vorgänge, bedient sich dabei der vorhin erwähnten Verschieb- 
barkeit der Libido, aber sie wendet sich nicht von der Außen- 
welt ab, klammert sich im Gegenteil an deren Objekte und ge- 
winnt das Glück aus einer Gefühlsbeziehung zu ihnen. Sie gibt 
sich dabei auch nicht mit dem gleichsam müde resignierenden 
Ziel der Unlustvermeidung zufrieden, eher geht sie achtlos an 
diesem vorbei und hält am ursprünglichen, leidenschaftlichen 
Streben nach positiver Glückserfüllung fest. Vielleicht kommt sie 
diesem Ziele wirklich näher als jede andere Methode. Ich meine 
natürlich jene Richtung des Lebens, welche die Liebe zum Mittel- 



Das Unbehagen in der Kultur ao 



punkt nimmt, alle Befriedigung aus dem Lieben und Geliebtwerden 
erwartet. Eine solche psychische Einstellung liegt uns allen nahe 
genug; eine der Erscheinungsformen der Liebe, die geschlecht- 
liche Liebe, hat uns die stärkste Erfahrung einer überwältigenden 
Lustempfindung vermittelt und so das Vorbild für unser Glücks- 
streben gegeben. Was ist natürlicher, als daß wir dabei beharren, 
das Glück auf demselben Wege zu suchen, auf dem wir es zu- 
erst begegnet haben. Die schwache Seite dieser Lebenstechnik hegt 
klar zu Tage; sonst wäre es auch keinem Menschen eingefallen, 
diesen Weg zum Glück für einen anderen zu verlassen. Niemals 
sind wir ungeschützter gegen das Leiden, als wenn wir heben, 
niemals hilfloser unglücklich, als wenn wir das geliebte Objekt 
oder seine Liebe verloren haben. Aber die auf den Glückswert der 
Liebe gegründete Lebenstechnik ist damit nicht erledigt, es ist viel 
mehr darüber zu sagen. 

Hier kann man den interessanten Fall anschließen, daß das 
Lebensglück vorwiegend im Genüsse der Schönheit gesucht wird, 
wo immer sie sich unseren Sinnen und unserem Urteil zeigt, der 
Schönheit menschlicher Formen und Gesten, von Naturobjekten und 
Landschaften, künstlerischen und selbst wissenschaftlichen Schöpfun- 
gen. Diese ästhetische Einstellung zum Lebensziel bietet wenig 
Schutz gegen drohende Leiden, vermag aber für vieles zu ent- 
schädigen. Der Genuß an der Schönheit hat einen besonderen, 
milde berauschenden Empfindungscharakter. Ein Nutzen der Schön- 
heit liegt nicht klar zu Tage, ihre kulturelle Notwendigkeit ist 
nicht einzusehen, und doch könnte man sie in der Kultur nicht 
vermissen. Die Wissenschaft der Ästhetik untersucht die Bedin- 
gungen, unter denen das Schöne empfunden wird; über Natur 
und Herkunft der Schönheit hat sie keine Aufklärung geben können ; 
wie gebräuchlich, wird die Ergebnislosigkeit durch einen Aufwand 
an volltönenden, inhaltsarmen Worten verhüllt. Leider weiß auch 
die Psychoanalyse über die Schönheit am wenigsten zu sagen. Einzig 
die Ableitung aus dem Gebiet des Sexualempfindens scheint ge- 
Freud xii. 4 



50 Schri ften aus den Jahren 1^28 — J^j j ^ 

sichert- es wäre ein vorbildliches Beispiel einer zielgeh emmten Re- 
gung. Die „Schönheit" und der „Reiz" sind ursprünglich Eigen- 
schaften des Sexualobjekts. Es ist bemerkenswert, daß die Geni- 
talien selbst, deren Anblick immer erregend wirkt, doch fast nie 
als schön beurteilt werden, dagegen scheint der Charakter der 
Schönheit an gewissen sekundären Geschlechtsmerkmalen zu haften. 
Trotz dieser UnvoUständigkeit getraue ich mich bereits einiger 
unsere Untersuchung abschließenden Bemerkungen. Das Programm, 
welches uns das Lustprinzip aufdrängt, glücklich zu werden, ist 
nicht zu erfüllen, doch darf man — nein, kann man — die 
Bemühungen, es irgendwie der Erfüllung näherzubringen, nicht 
aufgeben. Man kann sehr verschiedene Wege dahin einschlagen, 
entweder den positiven Inhalt des Ziels, den Lustgewinn, oder den 
negativen, die Unlust Vermeidung, voranstellen. Auf keinem dieser 
Wege können wir alles, was wir begehren, erreichen. Das Glück 
in jenem ermäßigten Sinn, in dem es als möghch erkannt wird, 
ist ein Problem der individuellen Libidoökonomie. Es gibt hier 
keinen Rat, der für alle taugt^ ein jeder muß selbst versuchen, 
auf welche besondere Fasson er selig werden kann. Die mannig- 
fachsten Faktoren werden sich geltend machen, um seiner Wahl die 
Wege zu weisen. Es kommt darauf an, wieviel reale Befriedigung 
er von der Außenwelt zu erwarten hat und inwieweit er veranlaßt 
ist, sich von ihr unabhängig zu machen; zuletzt auch, wieviel Kraft 
er sich zutraut, diese nach seinen Wünschen abzuändern. Schon 
dabei wird außer den äußeren Verhältnissen die psychische Kon- 
stitution des Individuums entscheidend werden. Der vorwiegend 
erotische Mensch wird die Gefühlsbeziehungen zu anderen Personen 
voranstellen, der eher selbstgenügsame Narzißtische die wesentlichen 
Befriedigungen in seinen inneren seelischen Vorgängen suchen, 
der Tatenmensch von der Außenwelt nicht ablassen, an der er seine 
Kraft erproben kann. Für den mittleren dieser Typen wird die Art 
seiner Begabung und das Ausmaß der ihm möghchen Trieb- 
sublimierung dafür bestimmend werden, wohin er seine Interessen 



Das Unbehagen in der Kultur g 1 

verlegen soll. Jede extreme Entscheidung wird sich dadurch strafen, 
daß sie das Individuum den Gefahren aussetzt, die die Unzulänglich- 
keit der ausschließend gewählten Lebenstechnik mit sich bringt. 
Wie der vorsichtige Kaufmann es vermeidet, sein ganzes Kapital 
an einer Stelle festzulegen, so wird vielleicht auch die Lebens- 
weisheit raten, nicht alle Befriedigung von einer einzigen Strebung 
zu erwarten. Der Erfolg ist niemals sicher, er hängt vom Zu- 
sammentreffen vieler Momente ab, von keinem vielleicht mehr als 
von der Fähigkeit der psychischen Konstitution, ihre Funktion der 
Umwelt anzupassen und diese für Lustgewinn auszunützen. Wer 
eine besonders ungünstige Triebkonstitution mitgebracht und die 
zur späteren Leistung unerläßliche Umbildung und Neuordnung 
seiner Libidokomponenten nicht regelrecht durchgemacht hat, wird 
es schwer haben, aus seiner äußeren Situation Glück zu gewinnen 
zumal wenn er vor schwierigere Aufgaben gestellt wird. Als letzte 
Lebenstechnik, die ihm wenigstens Ersatzbefriedigungen verspricht 
bietet sich ihm die Flucht in die neiu-otische Krankheit, die er 
meist schon in jungen Jahren vollzieht. Wer dann in späterer 
Lebenszeit seine Bemühungen um das Glück vereitelt sieht, findet 
noch Trost im Lustgewinn der chronischen Intoxikation, oder er 
unternimmt den verzweifelten Auflehnungsversuch der Psychose.' 
Die Religion beeinträchtigt dieses Spiel der Auswahl und An- 
passung, indem sie ihren Weg zum Glückserwerb und Leidens- 
schutz allen in gleicher Weise aufdrängt. Ihre Technik besteht 
darin, den Wert des Lebens herabzudrücken und das Bild der 
realen Welt wahnhaft zu entstellen, was die Einschüchterung der 
Intelligenz zur Voraussetzung hat. Um diesen Preis, durch gewalt- 
same Fixierung eines psychischen Infantilismus und Einbeziehung 



i) Es drängt mich, wenigstens auf eine der Lücken hiniiiweisen, die in obiger 
Darstellung geblieben sind. Eine Betrachtung der menschlichen Glücksmöglichkeiten 
sollte es nicht unterlassen, das relative Verhältnis des NarziQimis lur Objektlibido 
in Rechnung zu bringen. Man verlangt zu wissen, was es für die LibidoÖkouomie 
bedeutet, im wesentlidien auf sich selbst gestellt za. sein, 



«I 



g3 Schriften aus den Jahren I^sS — 19)3 

in einen Massenwahn gelingt es der Religion, vielen Menschen die 
individuelle Neurose zu ersparen. Aber tauni mehr; es gibt, wie 
wir gesagt haben, viele Wege, die zu dem Glück führen können, 
wie es dem Menschen erreichbar ist, keinen, der sicher dahin leitet. 
Auch die Religion kann ihr Versprechen nicht halten. Wenn der 
Gläubige sich endlich genötigt findet, von Gottes „unerforschlichem 
Ratschluß" zu reden, so gesteht er damit ein, daß ihm als letzte 
Trostraöglichkeit und Lustquelle im Leiden nur die bedingungslose 
Unterwerfung übriggeblieben ist. Und wenn er zu dieser bereit 
ist, hätte er sich wahrscheinlich den Umweg ersparen können. 

m 

Unsere Untersuchung über das Glück hat uns bisher nicht viel 
gelehrt, was nicht allgemein bekannt ist. Auch wenn wir sie mit 
der Frage fortsetzen, warum es für die Menschen so schwer ist, 
glücklich zu werden, scheint die Aussicht, Neues zu erfahren, nicht 
viel größer. Wir haben die Antwort bereits gegeben, indem wir auf 
die drei Quellen hinwiesen, aus denen unser Leiden kommt: die 
Übermacht der Natur, die Hinfälligkeit unseres eigenen Körpers und 
die Unzulänglichkeit der Einrichtungen, welche die Beziehungen 
der Menschen zueinander in Familie, Staat und Gesellschaft regeln. 
In betreff der beiden ersten kann unser Urteil nicht lange schwanken- 
es zwingt uns zur Anerkennung dieser Leidensquellen und zur 
Ergebung ins Unvermeidliche. Wir werden die Natur nie voU- 
I kommen beherrschen, unser Organismus, selbst ein Stück dieser 

/ Natur, wird immer ein vergängliches, in Anpassung und Leistung 

beschränktes Gebilde bleiben. Von dieser Erkenntnis geht keine 
lähmende Wirkung aus; im Gegenteil, sie weist unserer Tätigkeit 
die Richtung. Können wir nicht alles Leiden aufheben, so doch 
manches, und anderes lindern, mehrtausendjährige Erfahrung hat 
uns davon überzeugt. Anders verhalten wir uns zur dritten, zur 
sozialen Leidensquelle. Diese wollen wir überhaupt nicht gelten 



fet_ 



Das Unbehagen in der Kultur gg 



lassen, können nicht einsehen, warum die von uns selbst geschaffenen 
Einrichtungen nicht vielmehr Schutz und Wohltat für uns alle sein 
sollten. Allerdings, wenn wir bedenken, wie schlecht uns gerade 
dieses Stück der Leidverhütung gelungen ist, erwacht der Verdacht, 
es könnte auch hier ein Stück der unbesiegbaren Natur dahinter- 
stecken, diesmal unserer eigenen psychischen Beschaffenheit. 

Auf dem Wege, uns mit dieser Möglichkeit zu beschäftigen, treffen 
wir auf eine Behauptung, die so erstaunhch ist, daß wir bei ihr 
verweilen wollen. Sie lautet, einen großen Teil der Schuld an 
unserem Elend trage unsere sogenannte Kultur; wir wären viel 
glücklicher, wenn wir sie aufgeben und in primitive Verhältnisse 
zurückfinden würden. Ich heiße sie erstaunlich, weil — wie immer 
man den Begriff Kultur bestimmen mag — es doch feststeht daQ 
alles, womit wir uns gegen die Bedrohung aus den Quellen des 
Leidens zu schützen versuchen, eben der nämlichen Kultur zu- 
gehört. 

Auf welchem Weg sind wohl so viele Menschen zu diesem 
Standpunkt befremdlicher Kulturfeindlichkeit gekommen? Ich meine 
eine tiefe, lang bestehende Unzufriedenheit mit dem jeweiligen 
Kulturzustand stellte den Boden her, auf dem sich dann bei be- 
stimmten historischen Anlässen eine Verurteilung erhob. Den letzten 
und den vorletzten dieser Anlässe glaube ich zu erkennen- ich bin 
nicht gelehrt genug, um die Kette derselben weit genug in die 
Geschichte der menschlichen Art zu rückzu verfolgen. Schon beim 
Sieg des Christentums über die heidnischen Religionen muß ein 
solcher kulturfeindlicher Faktor beteiligt gewesen sein. Der durch 
die christliche Lehre vollzogenen Entwertung des irdischen Lebens 
stand er ja sehr nahe. Die vorletzte Veranlassung ergab sich, als 
man im Fortschritt der Entdeckungsreisen in Berührung mit pri- 
mitiven Völkern und Stämmen kam. Bei ungenügender Beobachtung 
und miß verständh eher Auffassung ihrer Sitten und Gebräuche 
schienen sie den Europäern ein einfaches, bedürfnisarmes, glück- 
liches Leben zu führen, wie es den kulturell überlegenen Besuchern 



1 



54 Schriften aus den Jahren 1^28 — 1$)^ 

unerreichbar war. Die spätere Erfahrung hat manches Urteil dieser 
Art berichtigt; in vielen Fällen hatte man irrtümlich ein Maß von 
Lebenserleichterung, das der Großmut der Natur und der Be- 
quemlichkeit in der Befriedigung der großen Bedürfnisse zu danken 
war, der Abwesenheit von verwickelten kulturellen Anforderungen 
zugeschrieben. Die letzte Veranlassung ist uns besonders vertraut; 
sie trat auf, als man den Mechanismus der Neurosen kennenlernte, 
die das bißchen Glück des Kulturmenschen zu untergraben drohen. 
Man fand, daß der Mensch neurotisch wird, weil er das Maß von 
Versagung nicht ertragen kann, das ihm die Gesellschaft imi Dienste 
ihrer kulturellen Ideale auferlegt, und man schloß daraus, daß es 
eine Rückkehr zu Glücksmöglichkeiten bedeutete, wenn diese An- 
forderungen aufgehoben oder sehr herabgesetzt würden. 

Es kommt noch ein Moment der Enttäuschung dazu. In den 
letzten Generationen haben die Menschen außerordentliche Fort- 
schritte in den Naturwissenschaften und in ihrer technischen 
Anwendung gemacht, ihre Herrschaft über die Natur in einer 
früher unvorstellbaren Weise befestigt. Die Einzelheiten dieser 
Fortschritte sind allgemein bekannt, es erübrigt sich, sie auf- 
zuzählen. Die Menschen sind stolz auf diese Errungenschaften 
und haben ein Recht dazu. Aber sie glauben bemerkt zu haben, 
daß diese neu gewonnene Verfügung über Raum und Zeit, diese 
Unterwerfung der Naturkräfte, die Erfüllung jahrtausendealter 
Sehnsucht, das Maß von Lustbefriedigung, das sie vom Leben 
erwarten, nicht erhöht, sie nach ihren Empfindungen nicht glück- 
licher gemacht hat. Man sollte sich begnügen, aus dieser Fest- 
stellung den Schluß zu ziehen, die Macht über die Natur sei 
nicht die einzige Bedingung des Menschenglücks, wie sie ja auch 
nicht das einzige Ziel der Kulturbestrebungen ist, und nicht die 
Wertlosigkeit der technischen Fortschritte für unsere Glücks- 
ökonomie daraus ableiten. Man möchte einwenden, ist es denn 
nicht ein positiver Lustgewinn, ein unzweideutiger Zuwachs an 
Glücksgefühl, wenn ich beliebig oft die Stimme des Kindes hören 



Das Unbehagen in der Kultur 55 



kann, das Hunderte von Kilometern entfernt von mir lebt, wenn 
ich die kürzeste Zeit nach der Landung des Freundes erfahren 
kann, daß er die lange, beschwerliche Reise gut bestanden hat? 
Bedeutet es nichts, daß es der Medizin gelungen ist, die Sterblich- 
keit der kleinen Kinder, die Infektionsgefahr der gebärenden 
Frauen so außerordentlich herabzusetzen, ja die mittlere Lebens- 
dauei* des Kulturmenschen um eine beträchtliche Anzahl von 
Jahren zu verlängern? Und solcher Wohltaten, die wir dem viel- 
geschmähten Zeitalter der wissenschaftlichen und technischen Fort- 
schritte verdanken, können wir noch eine große Reihe anführen, 
— aber da läßt sich die Stimme der pessimistischen Kritik ver- 
nehmen und mahnt, die meisten dieser Befriedigungen folgten 
dem Muster jenes „billigen Vergnügens", das in einer gewissen 
Anekdote angepriesen wird. Man verschafft sich diesen Genuß, 
indem man in kalter Wintemacht ein Bein nackt aus der Decke 
herausstreckt und es dann wieder einzieht. Gäbe es keine Eisen- 
bahn, die die Entfernungen überwindet, so hätte das Kind die 
Vaterstadt nie verlassen, man brauchte kein Telephon, um seine 
Stimme zu hören. Wäre nicht die Schiffahrt über den, Ozean ein- 
gerichtet, so hätte der Freund nicht die Seereise unternommen, 
ich brauchte den Telegraphen nicht, um meine Sorge um ihn 
zu beschwichtigen. Was nützt uns die Einschränkung der Kinder- 
sterblichkeit, wenn gerade sie uns die äußerste Zurückhaltung in 
der Kinderzeugung aufnötigt, so daß wir im ganzen doch nicht 
mehr Kinder aufziehen, als in den Zeiten vor der Herrschaft 
der Hygiene, dabei aber unser Sexualleben in der Ehe unter 
schwierige Bedingungen gebracht und wahrscheinlich der wohl- 
tätigen, natürlichen Auslese entgegengearbeitet haben? Und was 
soll uns endhch ein langes Leben, wenn es beschwerlich, arm 
an Freuden und so leidvoll ist, daß wir den Tod nur als Erlöser 
bewillkommnen können? 

Es scheint festzustehen, daß wir uns in unserer heutigen Kultur 
nicht wohlfühlen, aber es ist sehr schwer, sich ein Urteil darüber 



1 



g6 Schriften aus den Jahren 1^28 — /^JJ 

zu bilden, ob und inwieweit die Menschen früherer Zeiten sich 
glücklicher gefühlt haben und welchen Anteil ihre Kulturbedin- 
gungen daran hatten. Wir werden immer die Neigung haben, das 
Elend objektiv zu erfassen, d. h. uns mit unseren Ansprüchen 
und Empfänglichkeiten in jene Bedingungen zu versetzen, um 
dann zu prüfen, welche Anlässe zu Glücks- und Unglücksempfin- 
dungen wir in ihnen fänden. Diese Art der Betrachtung, die 
objektiv erscheint, weil sie von den Variationen der subjektiven 
Empfindlichkeit absieht, ist natürlich die subjektivste, die möglich 
ist, indem sie an die Stelle aller anderen unbekannten seelischen 
Verfassungen die eigene einsetzt. Das Glück ist aber etwas durch- 
aus Subjektives. Wir mögen noch so sehr vor gewisssen Situationen 
zurückschrecken, der des antiken Galeerensklaven, des Bauern im 
50jährigen Krieg, des Opfers der heiligen Inquisition, des Juden, 
der den Pogrom erwartet, es ist uns doch unmögHch, uns in 
diese Personen einzufühlen, die Veränderungen zu erraten, die 
ursprüngliche Stumpfheit, allmähliche Abstumpfung, Einstellung 
der Erwartungen, gröbere und feinere Weisen der Narkotisierung 
in der Empfanghchkeit für Lust- und Unlustempfindungen herbei- 
geführt haben. Im Falle äußerster Leidmöglichkeit werden auch 
bestimmte seelische Schutzvorrichtungen in Tätigkeit versetzt. Es 
scheint mir unfruchtbar, diese Seite des Problems weiter zu 
verfolgen. 

Es ist Zeit, daß wir uns um das Wesen dieser Kultur kümmern, 
deren Glückswert in Zweifel gezogen wird. Wir werden keine 
Formel fordern, die dieses Wesen in wenigen Worten ausdrückt, 
noch ehe wir etwas aus der Untersuchung erfahren haben. Es 
genügt uns also, zu wiederholen,' daß das Wort „Kultur" die 
ganze Summe der Leistungen und Einrichtungen bezeichnet, in 
denen sich unser Leben von dem unserer tierischen Ahnen ent- 
fernt und die zwei Zwecken dienen: dem Schutz des Menschen 

1) Siehe; Die Zukunft einer Illusion, 1927. (Ges, Sehr. Bd. XI.) 



Das Unbehagen in der Kultur gy 

gegen die Natur und der Regelung der Beziehungen der Menschen 
untereinander. Um, mehr zu verstehen, werden wir die Züge der 
Kultur im einzelnen zusammensuchen, wie sie sich in mensch- 
lichen Gemeinschaften zeigen. Wir lassen uns dabei ohne Bedenken 
vom Sprachgebrauch, oder wie man auch sagt: Sprachgefühl, 
leiten im Vertrauen darauf, daß wir so inneren Einsichten gerecht 
werden, die sich dem Ausdruck in abstrakten Worten noch 
widersetzen. 

Der Eingang ist leicht: Als kulturell anerkennen wir alle Tätig- 
keiten und Werte, die dem Menschen nützen, indem sie ihm die 
Erde dienstbar machen, ihn gegen die Gewalt der Naturkräfte 
schützen u. dgl. Über diese Seite des Kulturellen besteht ja 
am wenigsten Zweifel. Um weit genug zurückzugehen, die ersten 
kulturellen Taten waren der Gebrauch von Werkzeugen, die 
Zähmung des Feuers, der Bau von Wohnstätten. Unter ihnen 
ragt die Zähmung des Feuers als eine ganz außerordentliche, vor- 
bildlose Leistung hervor," mit den anderen schlug der Mensch 
Wege ein, die er seither immer weiter verfolgt hat, zu denen 
die Anregung leicht zu erraten ist. Mit all seinen Werkzeugen 



i) Psychoanalytisches Material, unvollständig, nicht sicher deutbar, läßt doch 
wenigstens eine — phantastisch klingende — Vermutung über den Ursprung dieser 
menschlichen Großtat lu. Als wäre der Urmensch gewohnt gewesen, wenn er dem 
Feuer begegnete, eine infantile Lust an ihm lu befriedigen, indem er es durch seinen 
Homstrahl auslöschte. An der ursprünglichen phallischen Auffassung der züngelnden, 
sich in die Hohe reckenden Flamme kann nach vorhandenen Sagen kein Zweifel 
sein. Das Feuerlöschen durch Urinieren — auf das noch die späten Riesenkinder 
Gulliver in Liliput und Rabelais' Gargantua zurückgreifen — war also wie ein 
sexueller Akt mit einem Mann, ein Genuß der männlichen Potenz im homosexuellen 
Wettkampf. Wer zuerst auf diese Lust verzichtete, das Feuer verschonte, konnte es 
mit sich forttragen und in seinen Dienst zwingen. Dadurch daß er das Feuer seiner 
eigenen sexuellen Erregung dampfte, hatte er die Naturkraft des Feuers gezähmt. 
Diese große kulturelle Eroberung wäre also der Lohn für einen Triebverzicht. Und 
weiter, als hätte man das Weib zur Hüterin des auf dem häuslichen Herd gefangen- 
gehaltenen Feuers bestellt, weil ihr anatomischer Bau es ihr verbietet, einer solchen 
Lust Versuchung nachzugeben. Es ist auch bemerkenswert, wie regelmäßig die ana- 
lytischen Erfahrungen den Zusammenhang von Ehrgeiz, Feuer und Hamerotik 
bezeugen. 



gS Schriften aus den Jahren l$28 — 1$^} 



vervollkommnet der Mensch seine Organe — die motorischen wie 
die sensorischen — oder räumt die Schranken für ihre Leistung 
weg. Die Motoren stellen ihm riesige Kräfte zur Verfügung, die 
er wie seine Muskeln in beliebige Richtungen schicken kann, 
das Schiff und das Flugzeug machen, daß weder Wasser noch 
Luft seine Fortbewegung hindern können. Mit der Brille korrigiert 
er die Mängel der Linse in seinem Auge, mit dem Fernrohr 
schaut er in entfernte Weiten, mit dem Mikroskop überwindet 
er die Grenzen der Sichtbarkeit, die durch den Bau seiner Netz- 
haut abgesteckt werden. In der photographischen Karhera hat er 
ein Instrument geschaffen, das die flüchtigen Seheindrücke festhält, 
was ihm die Grammophonplatte für die ebenso vergänglichen 
Schalleindrücke leisten muß, beides im Grunde Materialisationen 
des ihm gegebenen Vermögens der Erinnerung, seines Gedächt- 
nisses. Mit Hilfe des Telephons hört er aus Entfernungen, die 
selbst das Märchen als unerreichbar respektieren würdej die Schrift 
ist ursprünglich die Sprache des Abwesenden, das Wohnhaus ein 
Ersatz für den Mutterleib, die erste, wahrscheinlich noch immer 
ersehnte Behausung, in der man sicher war und sich so wohl 
fühlte. 

Es klingt nicht nur wie ein Märchen, es ist direkt die Erfüllung 
aller — nein, der meisten ■ — Märchen wünsche, was der Mensch 
durch seine Wissenschaft und Technik auf dieser Erde hergestellt 
hat, in der er zuerst als ein schwaches Tierwesen auftrat und in 
die jedes Individuum seiner Art wiederum als hilfloser Säugling — 
oh inch of nature! — eintreten muß. All diesen Besitz darf er 
als Kulturerwerb ansprechen. Er hatte sich seit langen Zeiten eine 
Idealvorstellung von Allmacht und Allwissenheit gebildet, die er 
in seinen Göttern verkörperte. Ihnen schrieb er alles zu, was seinen 
Wünschen unerreichbar schien, — oder ihm verboten war. Man 
darf also sagen, diese Götter waren Kulturideale. Nun hat er sich 
der Erreichung dieses Ideals sehr angenähert, ist beinahe selbst 
ein Gott geworden. Freilich nur so, wie man nach allgemein 



Das Unbehagen in der Kultur 59 

menschlichem Urteil Ideale zu erreichen pflegt. Nicht vollkommen, 
in einigen Stücken gar nicht, in anderen nur so halbwegs. Der 
Mensch ist sozusagen eine Art Prothesengott geworden, recht groß- 
artig, wenn er alle seine Hilfsorgane anlegt, aber sie sind nicht 
mit ihm verwachsen und machen ihm gelegenthch noch viel zu 
schaffen. Er hat übrigens ein Recht, sich damit zu trösten, daß 
diese Entwicklung nicht gerade mit dem Jahr 1930 A. D. abge- 
schlossen sein wird. Ferne Zeiten werden neue, wahrscheinlich 
unvorstellbar große Fortschritte auf diesem Gebiete der Kultur mit 
sich bringen, die Gottähnlichkeit noch weiter steigern. Im Interesse 
unserer Untersuchung wollen wir aber auch nicht daran vergessen, 
daß der heutige Mensch sich in seiner Gottähnlichkeit nicht glück- 
lich fühlt. 

Wir anerkennen also die Kulturhühe eines Landes, wenn wir 
finden, daß alles in ihm gepflegt und zweckmäßig besorgt wird, 
was der Ausnützung der Erde durch den Menschen und dem Schutz 
desselben vor den Naturkräften dienlich, also kurz zusammengefaßt: 
ihm nützlich ist. In einem solchen Land seien Flüsse, die mit 
Überschwemmungen drohen, in ihrem Lauf reguliert, ihr Wasser 
durch Kanäle hingeleitet, wo es entbehrt wird. Der Erdboden werde 
sorgfaltig bearbeitet und mit den Gewächsen beschickt, die er zu 
tragen geeignet ist, die mineralischen Schätze der Tiefe emsig zu 
Tage gefördert und zu den verlangten Werkzeugen und Geräten 
verarbeitet. Die Verkehrsmittel seien reichlich, rasch und zuverlässig, 
die wilden und gefährlichen Tiere seien ausgerottet, die Zucht der 
zu Haustieren gezähmten sei in Blüte. Wir haben aber an die 
Kultui' noch andere Anforderungen zu stellen und hoffen bemerkens- 
werterweise sie in denselben Ländern verwirklicht zu finden. Als 
wollten wir unseren zuerst erhobenen Anspruch verleugnen, be- 
grüßen wir es auch als kulturell, wenn wir sehen, daß sich die 
Sorgfalt der Menschen auch Dingen zuwendet, die ganz und gar 
nicht nützlich sind, eher unnütz erscheinen, z. B. wenn die in 
einer Stadt als Spielplätze und Luftreservoirs notwendigen Garten- 



6o Schriften aus den Jahren 1^28 — J?^^ 

flächen auch Blumenbeete tragen, oder wenn die Fenster der 
Wohnuneen mit Blumentöpfen geschmückt sind. Wir merken bald, 
das Unnütze, dessen Schätzung wir von der Kultur erwarten, ist 
die Schönheit; wir fordern, daß der Kulturmensch die Schönheit 
verehre, wo sie ihm in der Natur begegnet, und sie herstelle an 
Gegenständen, soweit seiner Hände Arbeit es vermag. Weit entfernt, 
daß unsere Ansprüche an die Kultur damit erschöpft wären. Wir 
verlangen noch die Zeichen von Reinlichkeit und Ordnung zu 
sehen. Wir denken nicht hoch von der Kultur einer englischen 
Landstadt zur Zeit Shakespeares, wenn wir lesen, daß ein hoher 
Misthaufen vor der Türe seines väterlichen Hauses in Stratford 
lagerte; wir sind ungehalten und schelten es „barbarisch* , was 
der Gegensatz zu kulturell ist, wenn wir die Wege des Wiener 
Waldes mit weggeworfenen Papieren bestreut finden. Unsauberkeit 
jeder Art scheint uns mit Kultur unvereinbar; auch auf den mensch- 
lichen Körper dehnen wir die Forderung der Reinlichkeit aus, 
hören mit Erstaunen, welch üblen Geruch die Person des Roi 
Soleil zu verbreiten pflegte, und schütteln den Kopf, wenn uns 
auf Isola bella die winzige Waschschüssel gezeigt wird, deren sich 
Napoleon bei seiner Morgentoilette bediente. Ja, wir sind nicht 
überrascht, wenn jemand den Gebrauch von Seife direkt als Kultur- 
messer aufstellt. Ähnlich ist es mit der Ordnung, die ebenso wie 
die Reinlichkeit sich ganz auf Menschenwerk bezieht. Aber während 
wir Reinlichkeit in der Natur nicht erwarten dürfen, ist die Ordnung 
vielmehr der Natur abgelauscht; die Beobachtung der großen astro- 
nomischen Regelmäßigkeiten hat dem Menschen nicht nur das 
VorbUd, sondern die ersten Anhaltspunkte für die Einführung der 
Ordnung in sein Leben gegeben. Die Ordnung ist eine Art Wieder- 
holungszwang, die durch einmalige Einrichtung entscheidet, wann, 
wo und wie etwas getan werden soll, so daß man in jedem gleichen 
Falle Zögern und Schwanken erspart. Die Wohltat der Ordnung 
ist ganz unleugbar, sie ermöglicht dem Menschen die beste Aus- 
nützung von Raum und Zeit, während sie seine psychischen Kräfte 



Das Unbehagen in der Kultur 61 

schont. Man hätte ein Recht zu erwarten, daß sie sich von Anfang 
an und zwanglos im menschlichen Tun durchsetzt und darf er- 
staunen, daß dies nicht der Fall ist, daß der Mensch vielmehr 
einen natürlichen Hang zur Nachlässigkeit, Unregelmäßigkeit und 
UnZuverlässigkeit in seiner Arbeit an den Tag legt und erst müh- 
selig zur Nachahmung der himmlischen Vorbilder erzogen werden 
muß. 

Schönheit, Reinlichkeit und Ordnung nehmen offenbar eine 
besondere Stellung unter den Kulturanforderungen ein. Niemand 
wird behaupten, daß sie ebenso lebenswichtig seien wie die Be- 
herrschung der Naturkräfte und andere Momente, die wir noch 
kennen lernen sollen, und doch wird niemand gern sie als Neben- 
sächlichkeiten zurückstellen wollen. Daß die Kultur nicht allein 
auf Nutzen bedacht ist, zeigt schon das Beispiel der Schönheit, die 
wir unter den Interessen der Kultur nicht vermissen wollen. Der 
Nutzen der Ordnung ist ganz offenbar; bei der Reinlichkeit haben 
wir zu bedenken, daß sie auch von der Hygiene gefordert wird, 
und können vermuten, daß dieser Zusammenhang den Menschen 
auch vor der Zeit einer wissenschaftlichen Krankheits Verhütung 
nicht ganz fremd war. Aber der Nutzen erklärt uns das Streben 
nicht ganz 5 es muß noch etwas anderes im Spiele sein. 

Durch keinen anderen Zug vermeinen wir aber die Kultur 
besser zu kennzeichnen, als durch die Schätzung und Pflege der 
höheren psychischen Tätigkeiten, der intellektuellen, wissenschaft- 
lichen und künstlerischen Leistungen, der führenden Rolle, welche 
den Ideen im Leben der Menschen eingeräumt wird. Unter diesen 
Ideen stehen obenan die religiösen Systeme, auf deren verwickelten 
Aufbau ich an anderer Stelle Licht zu werfen versuchte; neben 
ihnen die philosophischen Spekulationen und endlich, was man 
die Idealbildungen der Menschen heißen kann, ihre Vorstellungen 
von einer möglichen Vollkommenheit der einzelnen Person, des 
Volkes, der ganzen Menschheit und die Anforderungen, die sie 
auf Grund solcher Vorstellungen erheben. Daß diese Schöpfungen 



•J* 



* 



6b Schriften aus den Jahren 1^28 — 193) 

nicht unabhängig voneinander sind, vielnnehr innig untereinander 
verwoben, erschwert sowohl ihre Darstellung wie ihre psycho- 
logische Ableitung. Wenn wir ganz allgemein annehmen, die Trieb- 
feder aller menschlichen Tätigkeiten sei das Streben nach den 
beiden zusammenfließenden Zielen, Nutzen und Lustgewinn, so 
müssen wir dasselbe auch für die hier angeführten kulturellen 
Äußerungen gelten lassen, obwohl es nur für die wissenschaftliche 
und künstlerische Tätigkeit leicht ersichtlich ist. Man kann aber 
nicht bezweifeln, daß auch die anderen starken Bedürfnissen der 
Menschen entsprechen, vielleicht solchen, die nur bei einer Minder- 
zahl entwickelt sind. Auch darf man sich nicht durch Werturteile 
über einzelne dieser religiösen, philosophischen Systeme und dieser 
Ideale beirren lassen; ob man die höchste Leistung des Menschen- 
geistes in ihnen sucht oder ob man sie als Verirrungen beklagt, 
man muß anerkennen, daß ihr Vorhandensein, besonders ihre Vor- 
herrschaft, einen Hochstand der Kultur bedeutet. 

Als letzten, gewiß nicht unwichtigsten Charakterzug einer 
Kultur haben wir zu würdigen, in welcher Weise die Beziehungen 
der Menschen zueinander, die sozialen Beziehungen, geregelt sind, 
die den Menschen als Nachbarn, als Hilfskraft, als Sexualobjekt 
eines anderen, als Mitglied einer Familie, eines Staates betreffen. 
Es wird hier besonders schwer, sich von bestimmten Idealforde- 
rungen frei zu halten und das, was überhaupt kulturell ist, zu 
erfassen. Vielleicht beginnt man mit der Erklärung, das kulturelle 
Element sei mit dem ersten Versuch, diese sozialen Beziehungen zu 
regeln, gegeben. Unterbliebe ein solcher Versuch, so wären diese 
Beziehungen der Willkür des Einzelnen unterworfen, d. h. der 
physisch Stärkere würde sie im Sinne seiner Interessen und Trieb- 
regungen entscheiden. Daran änderte sich nichts, wenn dieser 
Stärkere seinerseits einen einzelnen noch Stärkeren fände. Das 
menschliche Zusammenleben wird erst ermöglicht, wenn sich eine 
Mehrheit zusammenfindet, die stärker ist als jeder Einzelne und 
gegen jeden Einzelnen zusammenhält. Die Macht dieser Gemein- 



^ 



Das Unbehagen in der Kultur 65 

Schaft stellt sich nun als „Recht" der Macht des Einzelnen, die 
als „rohe Gewalt" verurteilt wird, entgegen. Diese Ersetzung der 
Macht des Einzelnen durch die der Gemeinschaft ist der ent- 
scheidende kultureile Schritt. Ihr Wesen besteht darin, daß sich 
die Mitglieder der Gemeinschaft in ihren Befriedigungsmöglich- 
keiten beschränken, während der Einzelne keine solche Schranke 
kannte. Die nächste kulturelle Anforderung ist also die der Ge- 
rechtigkeit, d. h. die Versicherung, daß die einmal gegebene Rechts- 
ordnung nicht wieder zu Gunsten eines Einzelnen durchbrochen 
werde. Über den ethischen Wert eines solchen Rechts wird hier- 
mit nicht entschieden. Der weitere Weg der kulturellen Entwick- 
lung scheint dahin zu streben, daß dieses Recht nicht mehr der 
Willensausdruck einer kleinen Gemeinschaft — Kaste, Bevölkerungs- 
schichte, Volksstammes — sei, welche sich zu anderen und viel- 
leicht umfassenderen solchen Massen wieder wie ein gewalttätiges 
Individuum verhält. Das Endergebnis soll ein Recht sein, zu dem 
alle — wenigstens alle Gemeinschaf tsfah igen — durch ihre Trieb- 
opfer beigetragen haben und das keinen — wiederum mit der 
gleichen Ausnahme — zum Opfer der rohen Gewalt werden läßt. 
Die individuelle Freiheit ist kein Kulturgut. Sie war ain größten 
vor jeder Kultur, allerdings damals meist ohne Wert, weil das > 

Individuum kaum imstande war, sie zu verteidigen. Durch die 
Kulturentwickkmg erfährt sie Einschränkungen und die Gerech- 
tigkeit fordert, daß keinem diese Einschränkungen erspart werden. 
Was sich in einer menschlichen Gemeinschaft als Freiheitsdrang 
rührt, kann Auflehnung gegen eine bestehende Ungerechtigkeit 
sein und so einer weiteren Entwicklung der Kudtur günstig werden, 
mit der Kultur verträglich bleiben. Es kann aber auch dem Rest 
der ursprünglichen, von der Kultur ungebändigten Persönlichkeit 
entstammen und so Grundlage der Kulturfeindseligkeit werden. 
Der Freiheitsdrang richtet sich also gegen bestimmte Formen und 
Ansprüche der Kultur oder gegen Kultur überhaupt. Es scheint 
nicht, daß man den Menschen durch irgendwelche Beeinflussung 



64. Schriften aus den Jahren l^2S — l^)) 

dazu bringen kann, seine Natur in die eines Termiten umzuwandeln, 
er wird wohl immer seinen Anspruch auf individuelle Freiheit 
gegen den Willen der Masse verteidigen. Ein gut Teil des Ringens 
der Menschheit staut sich um die eine Aufgabe, einen zweck- 
mäßigen, d. h. beglückenden Ausgleich zwischen diesen indivi- 
duellen und den kulturellen Massenansprüchen zu finden, es ist 
eines ihrer Schicksalsprobleme, ob dieser Ausgleich durch eine be- 
stimmte Gestaltung der Kultur erreichbar oder ob der Konflikt 
unversöhnlich ist. 

Indem wir uns vom gemeinen Empfinden sagen ließen, welche 
Züge im Leben der Menschen kulturell zu nennen sind, haben 
wir einen deutlichen Eindruck vom Gesamtbild der Kultur be- 
kommen, freilich zunächst nichts erfahren, was nicht allgemein 
bekannt ist. Dabei haben wir uns gehütet, dem Vorurteil beizu- 
stimmen, Kultur sei gleichbedeutend mit Vervollkommnung, sei 
der Weg zur Vollkommenheit, die dem Menschen vorgezeichnet 
ist. Nun aber drängt sich uns eine Auffassung auf, die vielleicht 
anderswohin führt. Die Kulturentwicklung erscheint uns als ein 
eigenartiger Prozeß, der über die Menschheit abläuft, an dem 
uns manches wie vertraut anmutet. Diesen Prozeß können wir 
durch die Veränderungen charakterisieren, die er mit den be- 
kannten menschlichen Triebanlagen vornimmt, deren Befriedigung 
doch die ökonomische Aufgabe unseres Lebens ist. Einige dieser 
Triebe werden in solcher Weise aufgezehrt, daß an ihrer Stelle 
etwas auftritt, was wir beim Einzelindividuum als Charaktereigen- 
schaft beschreiben. Das merkwürdigste Beispiel dieses Vorganges 
haben wir an der Analerotik des jugendhchen Menschen gefunden. 
Sein ursprüngliches Interesse an der Exkretionsfunktion, ihren 
Organen und Produkten wandelt sich im Lauf des Wachstums in 
die Gruppe von Eigenschaften um, die uns als Sparsamkeit, Sinn 
für Ordnung und Reinlichkeit bekannt sind, die, an und für sich 
wertvoll und willkommen, sich zu auffälliger Vorherrschaft steigern 
können und dann das ergeben, was man den Analcharakter heißt. 



Das Unbehagen in der Kultur 65 



Wie das zugeht, wissen wir nicht, an der Richtigkeil dieser Auf- 
fassung ist kein Zweifel.^ Nun haben wir gefunden, daß Ordnung 
und Reinlichkeit wesentliche Kuhuransprüche sind, obgleich ihre 
Lebensnotwendigteit nicht gerade einleuchtet, ebensowenig wie 
ihre Eignung als Genußquellen. An dieser Stelle mußte sich uns 
die Ähnlichkeit des Kulturprozesses mit der Libidoentwicklung 
des Einzelnen zuerst aufdrängen. Andere Triebe werden dazu ver- 
anlaßt, die Redingungen ihrer Befriedigung zu verschieben, auf 
andere Wege zu verlegen, was in den meisten Fällen mit der 
uns wohlbekannten Sublimierung (der Triebziele) zusammenfällt, 
in anderen sich noch von ihr sondern läßt. Die Triebsublimierung 
ist ein besonders hervorstechender Zug der Kulturentwicklung, sie 
macht es möglich, daß höhere psychische Tätigkeiten, wissenschaft- 
liche, künstlerische, ideologische, eine so bedeutsame Rolle im 
Kulturleben spielen. Wenn man dem ersten Eindruck nachgibt, 
ist man versucht zu sagen, die Sublimierung sei überhaupt ein 
von der Kultur erzwungenes Triebschicksal. Aber man tut besser, 
sich das noch länger zu überlegen. Drittens endhch, und das 
scheint das Wichtigste, ist es unmöglich zu übersehen, in welchem 
Ausmaß die Kultur auf Triebverzicht aufgebaut ist, wie sehr sie 
gerade die Nichtbefriedigung (Unterdrückung, Verdrängung oder 
sonst etwas?) von mächtigen Trieben zur Voraussetzung hat. Diese 
„Kulturversagung" beherrscht das große Gebiet der sozialen Be- 
ziehungen der Menschen^ wir wissen bereits, sie ist die Ursache 
der Feindseligkeit, gegen die alle Kulturen zu kämpfen haben. Sie 
wird auch an unsere wissenschaftliche Arbeit schwere Anforderun- 
gen stellen, wir haben da viel Aufklärung zu geben. Es ist nicht 
leicht zu verstehen, wie man es möglich macht, einem Trieb die 
Befriedigung zu entziehen. Es ist gar nicht so ungefährlich; wenn 
man es nicht ökonomisch kompensiert, kann man sich auf ernste 
Störungen gefaßt machen. 

1) S. Charakter und Analerotik, 1908 (Ggs. Schriften, Bd. V) und zahlreiche weitere 
Beiträge von E. Jones u. a, 

Freud Xri. S 



66 Schriften aus den Jahren lp2S — ipSJ 

Wenn wir aber wissen wollen, welchen Wert unsere Auffassung 
der Kulturentwicklung als eines besonderen Prozesses, vergleichbar 
der normalen Reifung des Individuums, beanspruchen kann, müssen 
wir offenbar ein anderes Problem in Angriff nehmen, uns die 
Frage stellen, welchen Einflüssen die Kulturentwicklung ihren. 
Ursprung dankt, wie sie entstanden ist und wodurch ihr Lauf 
bestimmt wurde. ' 

IV . 

Diese Aufgabe scheint übergroß, man darf seine Verzagtheit ein- 
gestehen. Hier das Wenige, was ich erraten konnte. 

Nachdem der Urmensch entdeckt hatte, daß es — wörtlich so 
verstanden — in seiner Hand lag, sein Los auf der Erde durch 
Arbeit zu verbessern, konnte es ihm nicht gleichgültig sein, ob 
ein Anderer mit oder gegen ihn arbeitete. Der Andere gewann 
für ihn den Wert des Mitarbeiters, mit dem zusammen zu leben 
nützlich war. Noch vorher, in seiner affenähnlichen Vorzeit, hatte 
er die Gewohnheit angenommen, Familien zu bilden; die Mit- 
glieder der Familie waren wahrscheinlich seine ersten Helfer. Ver- 
mutlich hing die Gründung der Familie damit zusammen, daß das 
Bedürfnis genitaler Befriedigung nicht mehr wie ein Gast auftrat, 
der plötzlich bei einem erscheint und nach seiner Abreise lange 
nichts mehr von sich hören läßt, sondern sich als Dauermieter 
beim Einzelnen niederließ. Damit bekam das Männchen ein Motiv, 
das Weib oder allgemeiner; die Sexualobjekte bei sich zu behalten ^ 
die Weibchen, die sich von ihren hilflosen Jungen nicht trennen 
wollten, mußten auch in deren Interesse beim stärkeren Männchen 
bleiben. ^ In dieser primitiven Familie vermissen wir noch einen 

i) Die organische Periodizität des Sexual Vorgangs ist iwar erhalten geblieben, aber 
ihr Einfluß auf die psychische Sexualerregung hat sich eher ins Gegenteil verkehrt. 
Diese Veränderung hängt am ehesten zusammen mit dem Zurücktreten der Geruchs- 
reize, durch welche der Menstruationsvorgang auf die männliche Psyche einwirkte. 
Deren Rolle wurde von Gesichtserregungen übernommen, die im Gegensatz zu den 



Das Unbehagen in der Kultur 67 



■wesentlichen Zug der Kultur; die Willkür des Oberhauptes und 
Vaters war unbeschränkt. In „Totem und Tabu" habe ich ver- 
sucht, den Weg aufzuzeigen, der von dieser Familie zur nächsten 
Stufe des Zusammenlebens in Form der Brüderbünde führte. Bei 



intermittierenden Genichs reizen eine permanente Wirkung unterhalten konnten. Das 
Tabu der Menstruation entstammt dieser „organischen Verdrängting" als Abwehr einer 
überwundenen Entwicklungsphase; alle anderen Motivierungen sind wahrscheinlich 
sekundärer Natur. (Vgl. C. D. Daly, Hindumjtiiologie und Kastrationskomplex, 
Jmago XTII, 1927.) Dieser Vorgang wiederholt sich auf anderem Niveau, wenn die 
Götter einer überholten Kultiirperiode zu Dämonen werden. Das Zurücktreten der 
Geruchsreiie scheint aber selbst Folge der Abwendung des Menschen von der Erde, 
des Entschlusses zum aufrechten Gang, der nun die bisher gedeckten Genitalien sicht- 
bar und schutzbedürftig macht und so das Schämen hervorruft. Am Beginne des ver- 
hängnisvollen Kultnrprozesses stünde also die Aufrichtung des Menschen. Die Ver- 
kettung läuft von hier aus Über die Entwertung der Geruchsreiie und die Isolierung 
der Periode zum Übergewicht der Gesichtsr eiae, Sichtbarwerden der Genitalien, weiter 
lur Kontinuität der Sexual er regung, Gründung der Familie und damit lur Schwelle 
der menschlichen Kultur. Dies ist nur eine theoretische Spekulation, aber wichtig 
genug, um eine exakte Nachprüfung aii den Lebensverhältnissen der dem Menschen 
nahestehenden Tiere zu verdienen. 

Auch in dem Kultiu-streben nach Reinlichkeit, das in hygienischen Rücksichten 
eine nachträgliche Rechtfertigung findet, aber sich bereits vor dieser Einsicht ge- 
äußert hat, ist ein soziales Moment unverkennbar. Der Antrieb zur Reinlichkeit ent- 
8pring:t dem Drang nach Beseitigung der Exkremente, die der Sinnes Wahrnehmung 
unangenehm geworden sind. Wir wissen, daß es in der Kinderstube anders ist. Die 
Exkremente erregen beim Kinde keinen Abscheu, erscheinen ihm als losgelöster Teil 
seines Korpers wertvoll. Die Erziehung dringt hier besonders energisch auf die Be- 
schleunigimg des bevorstehenden Entwicklungsganges, der die Exkremente wertlos, 
ekelhaft, abscheulich und verwerflich machen soll. Eine solche Umwertung wäre 
kaum möglich, wenn diese dem Körper entzogenen Stoffe nicht durch ihre starken 
Gerüche verurteilt wären, an dem Schicksal teilzunehmen, das nach der Au&ichtung 
des Menschen vom Boden den Geruchsreizen vorbehalten ist. Die Analerotik erliegt 
also zunächst der „organischen Verdrängung", die den Weg zur Kultur gebahnt hat. 
Der soziale Paktor, der die weitere Umwandlung der Analerotik besorgt, bezeugt 
sich durch die Tatsache, daß trotz aller Entwicklimgsfortschritte dem Menschen der 
Geruch der eigenen Exkremente kaum anstößig ist, immer nur der der Ausschei- 
dungen des Anderen. Der Unreinliche, d. h. der, der seine Exkremente nicht ver- 
birgt, beleidigt also den Anderen, zeigt keine Rücksicht für ihn, und dasselbe besagen 
ja auch die kräftigsten, gebräuchlichsten Beschimpfungen. Es wäre auch unverständ- 
lich, daß der Mensch den Namen seines treuesten Freundes in der Tierwelt als 
Schimpfwort verwendet, wenn der Hund nicht durch zwei Eigenschaften die Verach- 
tung des Menschen auf sich zöge, daß er ein Geruchstier ist, das sich vor Exkre- 
menten nicht scheut, und daß er sich seiner sexuellen Funktionen nicht schämt. 



68 



Schriften aus den Jahren 192S — 193} 



der Überwältigung des Vaters hatten die Söhne die Erfahrung 
gemacht, daß eine Vereinigung stärker sein kann als der Einzelne. 
Die totemistische Kultur ruht auf den Einschränkungen, die sie 
zur Aufrechthaltung des neuen Zustandes einander auferlegen 
mußten. Die Tabuvorschriften waren das* erste „Recht". Das Zu- 
sammenleben der Menschen war also zweifach begründet durch 
den Zwang zur Arbeit, den die äußere Not schuf, und durch die 
Macht der Liebe, die von Seiten des Mannes das Sexualobjekt im 
Weibe, von Seiten des Weibes das von ihr abgelöste Teilstück des 
Kindes nicht entbehren wollte. Eros und Ananke sind auch die 
Eltern der menschlichen Kultur geworden. Der erste Kulturerfolg 
war, daß nun auch eine größere Anzahl von Menschen in Ge- 
meinschaft bleiben konnten. Und da beide großen Mächte dabei 
zusammenwirkten, könnte man erwarten, daß sich die weitere 
Entwicklung glatt vollziehen würde, zu immer besserer Beherr- 
schung der Außenwelt wie zur weiteren Ausdehnung der von 
der Gemeinschaft umfaßten Menschenzahl. Man versteht auch 
nicht leicht, wie diese Kultur auf ihre Teilnehmer anders als be- 
glückend wirken kann. 

Ehe wir noch untersuchen, woher eine Störung kommen kann, 
lassen wir uns durch die Anerkennung der Liebe als einer Grund- 
lage der Kultur ablenken, um eine Lücke in einer früheren Er- 
örterung auszufüllen. Wir sagten, die Erfahrung, daß die geschlecht- 
liche (genitale) Liebe dem Menschen die stärksten Belriedigungs- 
erlebnisse gewähre, ihm eigentlich das Vorbild für alles Glück 
gebe, müßte es nahegelegt haben, die Glücksbefriedigung im Leben 
auch weiterhin auf dem Gebiet der geschlechtlichen Beziehungen 
zu suchen, die genitale Erotik in den Mittelpunkt des Lebens zu 
stellen. Wir setzten fort, daß man sich auf diesem Wege in bedenk- 
lichster Weise von einem Stück der Außenwelt, nämlich vom 
gewählten Liebesobjekt, abhängig mache und dem stärksten Leiden 
aussetze wenn man von diesem verschmäht werde oder es durch Un- 
treue oder Tod verliere. Die Weisen aller Zeiten haben darum nach- 



Das Unbehagen in der Kultur 6 g 



drücklichst von diesem Lebensweg abgeraten^ er hat dennoch für eine 
große Anzahl von Menschenkindern seine Anziehung nicht verloren. 

Einer geringen Minderzahl wird es durch ihre Konstitution er- 
möglicht, das Glück doch auf dem Wege der Liebe zu finden, 
wobei aber weitgehende seelische Abänderungen der Liebesfunktion 
unerläßlich sind. Diese Personen machen sich von der Zustimmung 
des Objekts unabhängig, indem sie den Hauptwert vom Geliebt- 
werden auf das eigene Lieben verschieben, sie schützen sich gegen 
dessen Verlust, indem sie ihre Liebe nicht auf einzelne Objekte, 
sondern in gleichem Maße auf alle Menschen richten, und sie 
vermeiden die Schwankungen und Enttäuschungen der genitalen 
Liebe dadurch, daß sie von deren Sexualziel ablenken, den Trieb 
in eine zielgehemmte Regung verwandeln. Was sie auf diese 
Art bei sich zustande bringen, der Zustand eines gleichschwebenden, 
unbeirrbaren, zärtUchen Empfindens, hat mit dem stürmisch be- 
wegten, genitalen Liebesleben, von dem es doch abgeleitet ist, nicht 
mehr viel äußere Ähnlichkeit. Der heilige Franciscus von Assisi 
mag es in dieser Ausnützung der Liebe für das innere Glücks- 
gefühl am weitesten gebracht haben^ was wir als eine der Tech- 
niken der Erfüllung des Lustprinzips erkennen, ist auch viel- 
fach in Beziehung zur Religion gebracht worden, mit der es in 
jenen entlegenen Regionen zusammenhängen mag, wo die Unter- 
scheidung des Ichs von den Objekten und dieser voneinander ver- 
nachlässigt wird. Eine ethische Betrachtung, deren tiefere Motivierung 
uns noch offenbar werden wird, will in dieser Bereitschaft zur 
allgemeinen Menschen- und Weltliebe die höchste Einstellung sehen, 
zu der sich der Mensch erheben kann. Wir möchten schon hier I 

unsere zwei hauptsächlichen Bedenken nicht zurückhalten. Eine 
Liebe, die nicht auswählt, scheint uns einen Teil ihres eigenen 
Werts einzubüßen, indem sie an dem Objekt ein Unrecht tut. 
Und weiter: es sind nicht alle Menschen liebenswert. 

Jene Liebe, welche die Familie gründete, bleibt in ihrer ur- 
sprünglichen Ausprägung, in der sie auf direkte sexuelle Befriedigung 



70 Schriften aus den Jahren 1^28 — I93S 

nicht verzichtet, sowie in ihrer Modifikation als zielgehemmte 
Zärthchkeit in der Kultur weiter wirksam. In beiden Formen setzt 
sie ihre Funktion fort, eine größere Anzahl von Menschen an- 
einander zu binden und in intensiverer Art, als es dem Interesse 
der Arbeitsgemeinschaft gelingt. Die Nachlässigkeit der Sprache in 
der Anwendung des Wortes „Liebe" findet eine genetische Recht- 
fertigung. Liebe nennt man die Beziehung zwischen Mann und 
Weib, die auf Grund ihrer genitalen Bedürfnisse eine Familie 
gegründet haben, Liebe aber auch die positiven Gefühle zwischen 
Eltern und Kindern, zwischen den Geschwistern in der Familie, 
obwohl wir diese Beziehung als zielgehemmte Liebe, als Zärtlich- 
keit, beschreiben müssen. Die zielgehemmte Liebe war eben ur- 
sprünglich vollsinnliche Liebe und ist es im Unbewußten des 
Menschen noch immer. Beide, vollsinnliche und zielgehemmte Liebe, 
greifen über die Familie hinaus und stellen neue Bindungen an 
bisher Fremde her. Die genitale Liebe führt zu neuen Familien- 
bildungen, die zielgehemmte zu „Freundschaften", welche kulturell 
wichtig werden, weil sie manchen Beschränkungen der genitalen 
Liebe, z. B. deren Ausschließlichkeit, entgehen. Aber das Verhältnis 
der Liebe zur Kultur verliert im Verlaufe der Entwicklung seine 
Eindeutigkeit. Einerseits widersetzt sich die Liebe den Interessen 
der Kultur, anderseits bedroht die Kultur die Liebe mit emp- 
findlichen Einschränkungen. 

Diese Entzweiung scheint unvermeidlich; ihr Grund ist nicht 
sofort zu erkennen. Sie äußert sich zunächst als ein Konflikt 
zwischen der Familie und der größeren Gemeinschaft, der der 
Einzelne angehört. Wir haben bereits erraten, daß es eine der 
Hauptbestrebungen der Kultur ist, die Menschen zu großen Ein- 
heiten zusammenzuballen. Die Familie will aber das Individuum 
nicht freigeben. Je inniger der Zusammenhalt der Familienmitglieder 
ist, desto mehr sind sie oft geneigt, sich von anderen abzuschließen, 
desto schwieriger wird ihnen der Eintritt in den größeren Lebens- 
kreis. Die phylogenetisch ältere, in der Kindheit allein bestehende 



n 



Das Unbehagen in. der Kultur 7 1 

Weise des Zusammenlebens wehrt sich, von der später erworbenen 
kulturellen abgelöst zu werden. Die Ablösung von der Familie 
wird für jeden Jugendlichen zu einer Aufgabe, bei deren Lösung 
ihn die Gesellschaft oft durch Pubertäts- und Aufnahmsriten unter- 
stützt. Man gewinnt den Eindruck, dies seien Schwierigkeiten, 
die jeder psychischen, ja im Grunde auch jeder organischen Ent- 
wicklung anhängen. 

Ferner treten bald die Frauen in einen Gegensatz zur Kultur- 
strömung und entfalten ihren verzögernden und zurückhaltenden 
Einfluß, dieselben, die anfangs durch die Forderungen ihrer Liebe 
das Fundament der Kultur gelegt hatten. Die Frauen vertreten 
die Interessen der Familie und des Sexuallebens; die Kulturarbeit 
ist immer mehr Sache der Männer geworden, stellt ihnen immer 
schwierigere Aufgaben, nötigt sie zu Triebsublimierungen, denen 
die Frauen wenig gewachsen sind. Da der Mensch nicht über 
unbegrenzte Quantitäten psychischer Energie verfügt, muß er seine 
Aufgaben durch zweckmäßige Verteilung der Libido erledigen. 
Was er für kulturelle Zwecke verbraucht, entzieht er großenteils 
den Frauen und dem Sexualleben: das beständige Zusammensein 
mit Männern, seine Abhängigkeit von den Beziehungen zu ihnen 
entfremden ihn sogar seinen Aufgaben als Ehemann und Vater. 
So sieht sich die Frau durch die Ansprüche der Kultur in den Hinter- 
grund gedrängt und tritt zu ihr in ein feindliches Verhältnis. 

Von Seiten der Kultur ist die Tendenz zur Einschränkung des 
Sexuallebens nicht minder deutlich als die andere zur Ausdehnung 
des Kullurkreises. Schon die erste Kulturphase, die des Totemis- 
mus, bringt das Verbot der inzestuösen Objektwahl mit sich, viel- 
leicht die einschneidendste Verstümmelung, die das menschliche 
Liebesleben im Laufe der Zeiten erfahren hat. Durch Tabu, Ge- 
setz und Sitte werden weitere Einschränkungen hergestellt, die 
sowohl die Männer als die Frauen betreffen. Nicht alle Kulturen 
gehen darin gleich weit; die wirtschafthche Struktur der Ge- 
sellschaft beeinflußt auch das Maß der restlichen Sexualfreiheit. 



1 



'j<2 Schriften aus den Jahren ip2S — I^Sß 

Wir wissen schon, daß die Kultur dabei dem Zwang der öko- 
nomischen Notwendigkeit folgt, da sie der Sexualität einen großen 
Betrag der psychischen Energie entziehen muß, die sie selbst ver- 
braucht. Dabei benimmt sich die Kultur gegen die Sexuahtät wie 
ein Volksstamm oder eine Schichte der Bevölkerung, die eine 
andere ihrer Ausbeutung unterworfen hat. Die Angst vor dem 
Aufstand der Unterdrückten treibt zu strengen Vorsichtsmaßregeln. 
Einen Höhepunkt solcher Entwicklung zeigt unsere westeuropäische 
Kultur. Es ist psychologisch durchaus berechtigt, daß sie damit 
einsetzt, die Äußerungen des kindlichen Sexuallebens zu verpönen, 
denn die Eindämmung der sexuellen Gelüste der Erwachsenen hat 
keine Aussicht, wenn ihr nicht in der Kindheit vorgearbeitet wurde. 
Nur läßt es sich auf keine Art rechtfertigen, daß die Kultur- 
gesellschaft so weit gegangen ist, diese leicht nachweisbaren, ja 
auffälligen Phänomene auch zu leugnen. Die Objektwahl des ge- 
schlechtsreifen Individuums wird auf das gegenteilige Geschlecht ein- 
geengt, die meisten außergenitalen Befriedigungen als Perversionen 
untersagt. Die in diesen Verboten kundgegebene Forderung eines für 
alle gleichartigen Sexuallebens setzt sich über die Ungleichheiten in 
der angeborenen und erworbenen Sexualkonstitution der Menschen 
hinaus, schneidet eine ziemliche Anzahl von ihnen vom Sexual- 
genuß ab und wird so die Quelle schwerer Ungerechtigkeit. Der 
Erfolg dieser einschränkenden Maßregeln könnte nun sein, daß bei 
denen, die normal, die nicht konstitutionell daran verhindert sind, 
alles Sexualinteresse ohne Einbuße in die offen gelassenen Kanäle 
einströmt. Aber was von der Ächtung frei bleibt, die heterosexuelle ^M 
genitale Liebe, wird durch die Beschränkungen der Legitimität und ' 

der Einehe weiter beeinträchtigt. Die heutige Kultur gibt deutlich 
zu erkennen, daß sie sexuelle Beziehungen nur auf Grund einer 
einmaligen, unauflösbaren Bindung eines Mannes an ein Weib ge- 
statten will, daß sie die Sexualität als selbständige Lustquelle nicht 
mag und sie nur als bisher unersetzte Quelle für die Vermehrung 
der Menschen zu dulden gesinnt ist. 



Das Unbehagen in der Kultur 75 

Das ist natürlich ein Extrem. Es ist bekannt, daß es sich als 
undurchführbar, selbst für kürzere Zeiten, erwiesen hat. Nur die 
Schwächlinge haben sich einem so weitgehenden Einbruch in ihre 
Sexual f reih eit gefügt, stärkere Naturen nur unter einer kompen- 
sierenden Bedingung, von der später die Rede sein kann. Die 
Kulturgesellschaft hat sich genötigt gesehen, viele Überschreitungen 
stillschweigend zuzulassen, die sie nach ihren Satzungen hätte ver- 
folgen müssen. Doch darf man nicht nach der anderen Seite irre- 
gehen und annehmen, eine solche kulturelle Einstellung sei über- 
haupt harmlos, weil sie nicht alle ihre Absichten erreiche. Das 
Sexualleben des Kulturmenschen ist doch schwer geschädigt, es 
macht mitunter den Eindruck einer in Rückbildung befindlichen 
Funktion, wie unser Gebiß und unsere Kopfhaare als Organe zu 
sein scheinen. Man hat wahrscheinlich ein Recht anzunehmen, 
daß seine Bedeutung als Quelle von Glücksempfindungen, also in 
der Erfüllung unseres Lebenszweckes, empfindlich nachgelassen hat.' 
Manchmal glaubt man zu erkennen, es sei nicht allein der Druck 
der Kultur, sondern etwas am Wesen der Funktion selbst versage 
uns die volle Befriedigung und dränge uns auf andej'e Wege. Es 
mag ein Irrtum sein, es ist schwer zu entscheiden.^ 

1) Unter den Dichtungen des feinsinnigen Engläiidei-s J. Galswortty, der sich 
heute allgemeiner Anerkenimng erfreut, schätzte ich früh eine kleine Geschichte, be- 
titelt: „The Appletree". Sie zeigt in eindringlicher Weise, wie iin Leben des heutigen 
KulturmeiiEclien für die einfache, natürliche Liebe zweier Menschenkinder kein Raum 
mehr ist. 

2) Folgende Bemerkungen, um die oben ausgesprochene Vermutung zii stützen: 
Auch der Mensch ist ein Tierwesen von nnxweideutig bisexueller Anlage. Das Indi- 
viduum entspricht einer Verschmelzung zweier symmetrischer Hälften, vnn denen 
nach Ansicht mancher Forscher die eine rein männlich, die andere tveiblich ist. Eben- 
sowohl ist es möglich, daß jede HHlfte ursprünglich hermaphroditisch war. Die Ge- 
schlechtlich keit ist eine biologische Tatsache, die, obwohl von außerordentlicher Be- 
deutung für das Seelenleben, psychologisch schwer lu erfassen ist. IVir sind gewohnt 
zu sagen: jeder Mensch zeige sowohl männliche als weibliche Triebregungen, Be- 
dürfnisse, Eigenschaften, aber den Charakter des Männlichen und Weiblichen kann 
iwar die Anatomie, aber nicht die Psychologie aufzeigen. Für sie verblaßt der ge- 
■chlechtliche Gegensati zu dem von Aktivität und Passivität, wobei wir allzu unbe- 
denklich die Aktivität mit der Männlichkeit, die Passivität mit der Weiblichkeit 



74 Schriften aus den Jahren Ip28 — ip}J 



Die psychoanalytische Arbeit hat uns gelehrt, daß gerade diese 
Versagungen des Sexuallebens von den sogenannten Neurotifcern 
nicht vertragen werden. Sie schaffen sich in ihren Symptomen 
Ersatzbefriedigungen, die aber entweder an sich Leiden schaffen 

zusammenfallen lassen, was sich in der Tierreihe keineswegs ausnahmslos bestätigt:. 
Die Lehre von der Bisexualität liegt noch sehr im Dunkeln, und daß sie noch keine 
Verknüpfung mit der Trieblehre gefunden hat, müssen wir in der Psychoanalyse als 
schwere Störung verspüren. Wie dem auch sein mag, wenn wir als tatsächlich an- 
nehmen, daß der Einzelne in seinem Sexualleben männliche wie weibliche Wünsche 
befriedigen will, sind wir für die Möglichkeit vorbereitet, daß diese Ansprüche nicht 
durch das nämliche Objekt erfüllt werden und daß sie einander stören, wenn es nicht 
gelingt, sie auseinander zu halten und jede Regung in eine besondere, ihr angemessene 
Bahn zu leiten. Eine andere Schwierigkeit ergibt sich daraus, daß der erotischen 
Beziehung außer der ihr eigenen sadistischen Komponente so häuHg ein Betrag von 
direkter Aggressionsneigung beigesellt ist. Das Liebesohjekt wird diesen Komplikationen 
nicht immer soviel Verständnis und Toleranz entgegenbringen, wie jene Bäuerin, die 
sich beklagt, daß ihr Mann sie nicht mehr liebt, weil er sie seit einer Woche nicht 
mehr geprügelt hat. 

Am tiefsten reicht aber die Vermutung', die an die Ausführungen in der Anmerkung 
S. 66 anknüpft, daß mit der Aufrichtung des Menschen und der Entwertung des 
Geruchssinnes die gesamteSexualität, nicht nur dieAnalerotik, ein Opfer der organischen 
Verdrängung zu werden drohte, so daß seither die sexuelle Funktion von einem weiter 
nicht zu begründenden Widerstreben begleitet wird, das eine volle Befriedigung ver- 
hindert und vom Sexualziel wegdrängt zu Suhlimierungen und Libido Verschiebungen. 
Ich weiß, daO Bleuler („Der Sexualwi der stand". Jahrbuch für psychoanalyt. und 
psychopathol. Forschungen, Bd. V, 1915) einmal auf das Vorhandensein einer solchen 
ursprünglichen abweisenden Einstellung zum Sexualleben hingewiesen hat. An der 
Tatsache des „Inter uriTiat a faects Tuuetmur" nehmen alle Neurotiker und viele außer 
ihnen Anstoß. Die Genitalien erzeugen auch starke Geruchsempfindungen, die vielen 
Menschen unerträglich sind und ihnen den Sexualverkehr verleiden. So ergäbe sich 
als tiefste Wurzel der mit der Kultur fortschreitenden Sexual Verdrängung die organische 
Abwehr der mit dem aufrechten Gang gewonnenen neuen Lebensform gegen die 
frühere animalische Existenz, ein Resultat wissenschaftlicher Erforschung, das sich 
in merkwürdiger Weise mit oft laut gewordenen banalen Vorurteilen deckt. Immer- 
hin sind dies derzeit nur ungesicherte, von der Wissenschaft nicht erhärtete Möglich- 
keiten. Wir wollen auch nicht vergessen, daß trotz der unleugbaren Entwertung der 
Geruchsreiie es selbst in Europa Völker gibt, die die starken, uns so widrigen Genital- 
gerüche als Reizmittel der Sexualität hochschätzen und auf sie nicht verzichten wollen. 
(Siehe die folkloristischen Erhebungen auf die „Umfrage" von Iwan Bloch „Über 
den Geruchssinn in der vita sexualis" in verschiedenen Jahrgängen der „Anthro- 
prophyteia" von Friedrich S. Krauß.) 



Das Unbehagen in der Kultur jq 

oder Leidensquelle werden, indem sie ihnen Schwierigkeiten mit 
Umwelt und Gesellschaft bereiten. Das letztere ist leicht verständ- 
lich, das andere gibt uns ein neues Rätsel auf. Die Kultur verlaugt 
aber noch andere Opfer als an Sexualbefriedigung. 

Wir haben die Schwierigkeit der Kulturentwicklung als eine 
allgemeine Entwicklungsschwierigkeit aufgefaßt, indem wir sie auf 
die Trägheit der Libido zurückführten, auf deren Abneigung, eine 
alte Position gegen eine neue zu verlassen. Wir sagen ungefähr 
dasselbe, wenn wir den Gegensatz zwischen Kultur und Sexualität 
davon ableiten, daß die sexuelle Liebe ein Verhältnis zwischen zwei 
Personen ist, bei dem ein Dritter nur überflüssig oder störend sein 
kann, während die Kultur auf Beziehungen unter einer größeren 
Menschenanzahl ruht. Auf der Höhe eines Liebesverhältnisses bleibt 
kein Interesse für die Umwelt übrige das Liebespaar genügt sich 
selbst, braucht auch nicht das gemeinsame Kind, um glücklich zu 
sein. In keinem anderen Falle verrät der Eros so deutlich den 
Kern seines Wesens, die Absicht, aus mehreren eines zu machen 
aber wenn er dies, wie es sprichwörtlich geworden ist, in der Ver- 
liebtheit zweier Menschen zueinander erreicht hat, will er darüber 
nicht hinausgehen. 

Wir können uns bisher sehr gut vorstellen, daß eine Kultur- 
gemeinschaft aus solchen Doppelindividuen bestünde, die, in sich 
libidinös gesättigt, durch das Band der Arbeits- und Interessen- 
gemeinschaft miteinander verknüpft sind. In diesem Falle brauchte 
die Kultur der Sexualität keine Energie zu entziehen. Aber dieser 
wünschenswerte Zustand besteht nicht und hat niemals bestanden^ 
die Wirklichkeit zeigt uns, daß die Kultur sich nicht mit den ihr 
bisher zugestandenen Bindungen begnügt, daß sie die Mitglieder 
der Gemeinschaft auch libidinös aneinander binden will, daß sie 
sich aller Mittel hiezu bedient, jeden Weg begünstigt, starke Identi- 
fizierungen unter ihnen herzustellen, im größten Ausmaße ziel- 
gehemmte Libido aufbietet, um die Gemeinschafts bände durch 
Freundschaftsbeziehungen zu kräftigen. Zur Erfüllung dieser Ab- 






76 Schriften aus den Jahren 1^28- — I^)} 

sichten wird die Elinschränkung des Sexuallebens unvermeidlich. 
Uns fehlt aber die Einsicht in die Notwendigkeit, welche die Kultur 
auf diesen Weg drängt und ihre Gegnerschaft zur Sexualität be- 
gründet. Es muß sich um einen von uns noch nicht entdeckten 
störenden Faktor handeln. 

Eine der sogenannten Idealforderungen der Kulturgesellschaft 
kann uns hier die Spur zeigen. Sie lautet; Du sollst den Nächsten 
lieben wie dich selbst; sie ist weltberühmt, gewiß älter als das 
Christentum, das sie als seinen stolzesten Anspruch vorweist, aber 
sicherlich nicht sehr alt; in historischen Zeiten war sie den Menschen 
noch fremd. Wir wollen uns naiv zu ihr einstellen, als hörten 
wir von ihr zum ersten Male. Dann können wir ein Gefühl von 
Überraschung und Befremden nicht unterdrücken. Warum sollen 
wir das? Was soll es uns helfen? Vor allem aber, wie bringen 
wir das zustande? Wie wird es uns möglich? Meine Liebe ist etwas 
mir Wertvolles, das ich nicht ohne Rechenschaft verwerfen darf. 
Sie legt mir Pflichten auf, die ich mit Opfern zu erfüllen bereit 
sein muß. Wenn ich einen anderen liebe, muß er es auf irgend 
eine Art verdienen. (Ich sehe von dem Nutzen, den er mir bringen 
kann, sowie von seiner möglichen Bedeutung als Sexualobjekt für 
mich ab; diese beiden Arten der Beziehung kommen für die Vor- 
schrift der Nächstenliebe nicht in Betracht.) Er verdient es, wenn 
er mir in wichtigen Stücken so ähnlich ist, daß ich in ihm mich 
selbst lieben kann; er verdient es, wenn er so viel vollkommener 
ist als ich, daß ich mein Ideal von meiner eigenen Person in ihm 
lieben kann; ich muß ihn lieben, wenn er der Sohn meines Freundes 
ist, denn der Schmerz des Freundes, wenn ihm ein Leid zustößt, 
wäre auch mein Schmerz, ich müßte ihn teilen. Aber wenn er 
mir fremd ist und mich durch keinen eigenen Wert, keine bereits 
erworbene Bedeutung für mein Gefühlsleben anziehen kann, wird 
es mir schwer, ihn zu lieben. Ich tue sogar unrecht damit, denn 
meine Liebe wird von all den Meinen als Bevorzugung geschätzt; 
es ist ein Unrecht an ihnen, wenn ich den Fremden ihnen gleich- 



I 



Das Unbehagen in der Kultur 77 



Stelle. Wenn ich ihn aber lieben soll, mit jener Weltliebe, bloß 
weil er auch ein Wesen dieser Erde ist, wie das Insekt, der Regen- 
wurm, die Ringelnatter, dann wird, fürchte ich, ein geringer Be- 
trag Liebe auf ihn entfallen, unmöglich soviel, als ich nach dem 
Urteil der Vernunft berechtigt bin für mich selbst zurückzubehalten. 
Wozu eine so feierUch auftretende Vorschrift, wenn ihre Erfüllung 
sich nicht als vernünftig empfehlen kann? 

Wenn ich näher zusehe, finde ich noch mehr Schwierigkeiten. 
Dieser Fremde ist nicht nur im allgemeinen nicht liebenswert, ich 
muß ehrlich bekennen, er hat mehr Anspruch auf meine Feind- 
seligkeit, sogar auf meinen Haß. Er scheint nicht die mindeste 
Liebe für mich zu haben, bezeigt mir nicht die geringste Rück- 
sicht. Wenn es ihm einen Nutzen bringt, hat er kein Bedenken, 
mich zu schädigen, fragt sich dabei auch nicht, ob die Höhe seines 
Nutzens der Größe des Schadens, den er mir zufügt, entspricht. 
Ja, er braucht nicht einmal einen Nutzen davon zu haben; wenn 
er nur irgend eine Lust damit befriedigen kann, macht er sich 
nichts daraus, mich zu verspotten, zu beleidigen, zu verleumden, seine 
Macht an mir zu zeigen, und je sicherer er sich fühlt, je hilfloser ich 
bin, desto sicherer darf ich dies Benehmen gegen mich von ihm er- 
warten. Wenn er sich anders verhält, wenn er mir als Fremdem 
Rücksicht und Schonung erweist, bin ich ohnedies, ohne jene Vor- 
schrift, bereit, es ihm in ähnlicher Weise zu vergellen. Ja, wenn 
jenes großartige Gebot lauten würde; Liebe deinen Nächsten wie 
dein Nächster dich liebt, dann würde ich nicht widersprechen. Es 
gibt ein zweites Gebot, das mir noch unfaßbarer scheint und ein 
noch heftigeres Sträuben in mir entfesselt. Es heißt: Liebe deine 
Feinde. Wenn ich's recht überlege, habe ich unrecht, es als eine 
noch stärkere Zumutung abzuweisen. Es ist im Grunde dasselbe. 

i) Ein großer Dichter darf sich gestatten, schwer verpönte psychologische Wahr- 
heiten wenigstens scherzend zum Ausdruck iii bringen. So gesteht H. Heine: „Ich 
habe die friedlichste Gesinnung. Meine Wünsche sind: eine bescheidene Hütte, ein 
Strohdach, aber ein gutes Bett, gutes Essen, Milch und Butter, sehr frisch, vor dem 
Fenster Blumen, vor der Tür einige schöne Bäume, und wenn der liebe Gott mich 



78 Schriften aus den Jakren l^2S—lp)) 



Ich glaube nun von einer würdevollen Stimme die Mahnung 
zu hören: Eben darum, weil der Nächste nicht hebenswert und 
eher dein Feind ist, sollst du ihn heben wie dich selbst. Ich ver- 
stehe dann, das ist ein ähnlicher Fall wie das Credo quia absurdum. 

Es ist nun sehr wahrscheinhch, daß der Nächste, wenn er auf- 
gefordert wird, mich so zu lieben wie sich selbst, genau so ant- 
worten wird wie ich und mich mit den nämlichen Begründungen 
abweisen wird. Ich hoffe, nicht mit demselben objektiven Recht, 
aber dasselbe wird auch er meinen. Immerhin gibt es Unterschiede 
im Verhalten der Menschen, die die Ethik mit Hinwegsetzung 
über deren Bedingtheit als „gut" und „böse" klassifiziert. Solange 
diese unleugbaren Unterschiede nicht aufgehoben sind, bedeutet 
die Befolgung der hohen ethischen Forderungen eine Schädigung 
der Kulturabsichten, indem sie direkte Prämien für das Bösesein 
aufstellt. Man kann hier die Erinnerung an einen Vorgang nicht 
abweisen, der sich in der französischen Kammer zutrug, als über 
die Todesstrafe verhandelt wurde; ein Redner hatte sich leiden- 
schafthch für ihre Abschaffung eingesetzt und erntete stürmischen 
Beifall, bis eine Stimme aus dem Saale die Worte dazwischenrief: 
„Que messieurs les assassins commencent !" 

Das gern verleugnete Stück Wirklichkeit hinter alledem ist, daß 
der Mensch nicht ein sanftes, liebebedürftiges Wesen ist, das sich 
höchstens, wenn angegriffen, auch zu verteidigen vermag, sondern 
daß er zu seinen Triebbegabungen auch einen mächtigen Anteil 
von Aggressionsneigung rechnen darf. Infolgedessen ist ihm der 
Nächste nicht ntir möghcher Helfer und Sexualobjekt, sondern auch 
eine Versuchung, seine Aggression an ihm zu befriedigen, seine 
Arbeitskraft ohne Entschädigung aiaszunützen, ihn ohne seine Ein- 
willigung sexuell zu gebrauchen, sich in den Besitz seiner Habe 

ganz glücklich machen will, läßt er mich die Freude erleben, daß an diesen Bäumen 
etwa sechs bis sieben meiner Feinde aufgehängt werden. Mit gerührtem Herzen werde 

ich ihnen vor ihrem Tode alle Unbill verleihen, die sie mir im Leben zugefugt 

ja, man muß seinen Feinden verzeihen, aber nicht früher, als bis sie gehenkt werden." 
(Heine, Gedanken und Einfälle.) 



Das Unbehagen in der Kultur yg 

ZU setzen, ihn zu demütigen, ihm Schmerzen zu bereitenj zu martern 
und zu töten. Homo homini lupus-^ wer hat nach allen Erfahrungen 
des Lebens und der Geschichte den Mut, diesen Satz zu bestreiten? 
Diese grausame Aggression wartet in der Regel eine Provokation 
ab oder stellt sich in den Dienst einer anderen Absicht, deren 
Ziel auch mit milderen Mitteln zu erreichen wäre. Unter ihr 
günstigen Umständen, wenn die seelischen Gegenkräfte, die sie 
sonst hemmen, weggefallen sind, äußert sie sich auch spontan, ent- 
hüllt den Menschen als wilde Bestie, der die Schonung der eigenen 
Art fremd ist. Wer die Greuel der Völkerwanderung, der Ein- 
brüche der Hunnen, der sogenannten Mongolen unter Dschengis 
Khan und Timurlenk, der Eroberung Jerusalems durch die frommen 
Kreuzfahrer, ja selbst noch die Schrecken des letzten Weltkriegs 
in seine Erinnerung ruft, wird sich vor der Tatsächlichkeit dieser 
Auffassung demütig beugen müssen. 

Die Existenz dieser Aggressionsneigung, die wir bei uns selbst 
verspüren können, beim anderen mit Recht voraussetzen, ist das 
Moment, das unser Verhältnis zum Nächsten stört und die Kultur 
zu ihrem Aufwand nötigt. Infolge dieser primären Feindsehgkeit 
der Menschen gegeneinander ist die Kulturgesellschaft beständig 
vom Zerfall bedroht. Das Interesse der Arbeitsgemeinschaft würde 
sie nicht zusammenhalten, triebhafte Leidenschaften sind stärker 
als vernünftige Interessen. Die Kultur muß alles aufbieten, um 
den Aggressionstrieben der Menschen Schranken zu setzen, ihre 
Äußerungen durch psychische Reaktionsbildungen niederzuhalten. 
Daher also das Aufgebot von Methoden, die die Menschen zu 
Identifizierungen und zielgehemmten Liebesbeziehungen antreiben 
sollen, daher die Einschränkung des Sexuallebens und daher auch 
das Idealgebot, den Nächsten so zu lieben wie sich selbst, das sich 
wirklich dadurch rechtfertigt, daß nichts anderes der ursprünglichen 
menschlichen Natur so sehr zuwiderläuft. Durch alle ihre Mühen 
hat diese Kulturbestrebung bisher nicht sehr viel erreicht. Die 
gröbsten Ausschreitungen der brutalen Gewalt hofft sie zu verhüten, 



8o Schriften aiis den Jahren ip2S — ipjj 

indem sie sich selbst das Recht beilegt, an den Verbrechern Gewalt 
zu üben, aber die vorsichtigeren und feineren Äußerungen der 
menschhchen Aggression vermag das Gesetz nicht zu erfassen. Jeder 
von uns kommt dahin, die Erwartungen, die er in der Jugend 
an seine Mitmenschen geknüpft, als Illusionen fallen zu lassen, und 
kann erfahren, wie sehr ihm das Leben durch deren Übelwollen 
erschwert und schmerzhaft gemacht wird. Dabei wäre es ein Un- 
recht, der Kultur vorzuwerfen, daß sie Streit und Wettkampf aus 
den menschlichen Betätigungen ausschließen will. Diese sind sicher- 
lich unentbehrlich, aber Gegnerschaft ist nicht notwendig Feind- 
schaft, wird nur zum Anlaß für sie mißbraucht. 

Die Kommunisten glauben den Weg zur Erlösung vom Übel 
gefunden zu haben. Der Mensch ist eindeutig gut, seinem Nächsten 
wohlgesinnt, aber die Einrichtung des privaten Eigentums hat seine 
Natur verdorben. Besitz an privaten Gütern gibt dem einen die 
Macht und damit die Versuchung, den Nächsten zu mißhandeln; 
der vom Besitz Ausgeschlossene muß sich in Feindseligkeit gegen 
den Unterdrücker auflehnen. Wenn man das Privateigentum auf- 
hebt, alle Güter gemeinsam macht und alle Menschen an deren 
Genuß teilnehmen läßt, werden Übelwollen und Feindseligkeit unter 
den Menschen verschwinden. Da alle Bedürfnisse befriedigt sind, 
wird keiner Grund haben, in dem anderen seinen Feind zu sehen; 
der notwendigen Arbeit werden sich alle bereitwiUig unterziehen. 
Ich habe nichts mit der wirtschaftlichen Kritik des kommunistischen 
Systems zu tun, ich kann nicht untersuchen, ob die Abschaffung 
des privaten Eigentums zweckdienlich und vorteilhaft ist.^ Aber 



i) Wer in seinen eigenen jungen Jahren das Elend der Armut verkostet, die Gleich- 
giltifkeit und den Hochmut der Eesitienden erfahren hat, sollte vor dem Verdacht 
geschützt sein, daß er kein Verständnis und kein Wohlwollen für die Bestrebung-en 
hat, die Besitaungleichheit der Menschen und was sich aus ihr ableitet, lu bekämpfen. 
Freilich, wenn sich dieser Kampf auf die abstrakte Gereclitigkeitsf orderung der Gleich- 
heit aller Menschen berufen will, liegt der Einwand zu nahe, daß die Natur durch 
die höchst ungleichmäßige körperliche Ausstattung und geistige Begabung der Einzelnen 
Ungerechtigkeiten eingesetzt hat, gegen die es keine Abhilfe gibt. 



Das Unbehagen in der Kultur 8 1 

seine psychologische Voraussetzung vermag ich als haltlose Illusion 
zu erkennen. Mit der Aufhebung des Privateigentums entzieht 
man der menschlichen Aggressionslust eines ihrer Werkzeuge, gewiß 
ein starkes, und gewiß nicht das stärkste. An den Unterschieden 
von Macht und Einfluß, welche die Aggression für ihre Absichten 
mißbraucht, daran hat man nichts geändert, auch an ihrem Wesen 
nicht. Sie ist nicht durch das Eigentum geschaffen worden, herrschte 
fast uneingeschränkt in Urzeiten, als das Eigentum noch sehr arm- 
selig war, zeigt sich bereits in der Kinderstube, kaum daß das 
Eigentum seine anale Urform aufgegeben hat, bildet den Boden- 
satz aller zärtlichen und Liebesbeziehungen unter den Menschen, 
vielleicht mit alleiniger Ausnahme der einer Mutter zu ihrem 
männlichen Kind. Räumt man das persönliche Anrecht auf ding- 
liche Güter weg, so bleibt noch das Vorrecht aus sexuellen Be- 
ziehungen, das die Quelle der stärksten Mißgunst und der heftigsten 
Feindseligkeit unter den sonst gleichgestellten Menschen werden 
muß. Hebt man auch dieses auf durch die völlige Befreiung des 
Sexuallebens, beseitigt also die Familie, die Keimzelle der Kultur, 
so läßt sich zwar nicht vorhersehen, welche neuen Wege die 
Kulturentwicklung einschlagen kann, aber eines darf man erwarten, 
daß der unzerstörbare Zug der menschlichen Natur ihr auch dort- 
hin folgen wird. 

Es wird den Menschen offenbar nicht leicht, auf die Befriedigung 
dieser ihrer Aggressionsneigung zu verzichten; sie fühlen sich nicht 
wohl dabei. Der Vorteil eines kleineren Kulturkreises, daß er dem 
Trieb einen Ausweg an der Befeindung der Außenstehenden gestattet, 
ist nicht geringzuschätzen. Es ist immer möglich, eine größere 
Menge von Menschen in Liebe aneinander zu binden, wenn nur 
andere für die Äußerung der Aggression übrig bleiben. Ich habe 
mich einmal mit dem Phänomen beschäftigt, daß gerade benach- 
barte und einander auch sonst nahe stehende Gemeinschaften sich 
gegenseitig befehden und verspotten, so Spanier und Portugiesen, 
Nord- und Süddeutsche, Engländer und Schotten usw. Ich gab ihm 

Freud XII. 6 



Sfl Schriften aus den Jakren 1^28 — J9)3 

den Namen „Narzißmus der kleinen Differenzen", der nicht viel zur 
Erklärung beiträgt. Man erkennt nun darin eine bequeme und 
relativ harmlose Befriedigung der Aggressionsneigung, durch die 
den Mitgliedern der Gemeinschaft das Zusammenhalten erleichtert 
wird. Das überallhin versprengte Volk der Juden hat sich in 
dieser Weise anerkennenswerte Verdienste um die Kulturen seiner 
Wirts Völker erworben j leider haben alle Judengemetzel des Mittel- 
alters nicht ausgereicht, dieses Zeitalter friedlicher und sicherer für 
seine christlichen Genossen zu gestalten. Nachdem der Apostel 
Paulus die allgemeine Menschenliebe zum Fundament seiner christ- 
lichen Gemeinde gemacht hatte, war die äußerste Intoleranz des 
Christentums gegen die draußen Verbliebenen eine unvermeidliche 
Folge geworden; den Römern, die ihr staatliches Gemeinwesen 
nicht auf die Liebe begründet hatten, war religiöse Unduldsamkeit 
fremd gewesen, obwohl die Religion bei ihnen Sache des Staates 
und der Staat von Religion durchtränkt war. Es war auch kein 
unverständlicher Zufall, daß der Traum einer germanischen Welt- 
herrschaft zu seiner Ergänzung den Antisemitismus aufrief, und 
man erkennt es als begreiflich, daß der Versuch, eine neue kommu- 
nistische Kultur in Rußland aufzurichten, in der Verfolgung der 
Bourgeois seine psychologische Unterstützung findet. Man fragt 
sich nur besorgt, was die Sowjets anfangen werden, nachdem sie 
ihre Bourgeois ausgerottet haben. 

Wenn die Kultur nicht allein der Sexualität, sondern auch der 
Aggressionsneigung des Menschen so große Opfer auferlegt, so ver- 
stehen wir es besser, daß es dem Menschen schwer wird, sich in 
ihr beglückt zu finden. Der Urmensch hatte es in der Tat darin 
besser, da er keine Triebeinschränkungen kannte. Zum Ausgleich 
war seine Sicherheit, solches Glück lange zu genießen, eine sehr 
geringe. Der Kulturmensch hat für ein Stück Glücksmöglichkeit 
ein Stück Sicherheit eingetauscht. Wir wollen aber nicht vergessen, 
daß in der Urfamilie nur das Oberhaupt sich solcher Triebfreiheit 
erfreute; die anderen lebten in sklavischer Unterdrückung. Der 






Das Unbehagen in der Kultur 85 

Gegensalz zwischen einer die Vorteile der Kultur genießenden 
Minderheit und einer dieser Vorteile beraubten Mehrzahl war also 
in jener Urzeit der Kultur aufs Äußerste getrieben. Über den heute 
lebenden Primitiven haben wir durch sorgfältigere Erkundung er- 
fahren, daß sein Triebleben keineswegs ob seiner Freiheit beneidet 
werden darf; es unterliegt Einschränkungen von anderer Art, aber 
vielleicht von größerer Strenge als das des modernen Kulturmenschen. 
Wenn wir gegen unseren jetzigen Kulturzustand mit Recht ein- 
wenden, wie unzureichend er unsere Forderungen an eine be- 
glückende Lebensordnung erfüllt, wie viel Leid er gewähren läßt, 
das wahrscheinlich zu vermeiden wäre, wenn wir mit schonungsloser 
Kritik die Wurzeln seiner UnvoUkommenheit aufzudecken streben, 
üben wir gewiß unser gutes Recht und zeigen uns nicht als Kultur- 
feinde. Wir dürfen erwarten, allmählich solche Abänderungen unserer 
Kultur durchzusetzen, die unsere Bedürfnisse besser befriedigen 
und jener Kritik entgehen. Aber vielleicht machen wir uns auch 
mit der Idee vertraut, daß es Schwierigkeiten gibt, die dem Wesen 
der Kultur anhaften und die keinem Reformversuch weichen werden. 
Außer den Aufgaben der Triebeinschränkung, auf die wir vor- 
bereitet sind, drängt sich uns die Gefahr eines Zustandes auf, den 
man „das psychologische Elend der Masse" benennen kann. Diese 
Gefahr droht am ehesten, wo die gesellschaftliche Bindung haupt- 
sächlich durch Identifizierung der Teilnehmer untereinander her- 
gestellt wird, während Führerindividualitäten nicht zu jener Be- 
deutung kommen, die ihnen bei der Massenbildung zufallen sollte.' 
Der gegenwärtige Kulturzustand Amerikas gäbe eine gute Gelegen- 
heit, diesen befürchteten Kulturschaden zu studieren. Aber ich 
vermeide die Versuchung, in die Kritik der Kultur Amerikas ein- 
zugehen; ich will nicht den Eindruck hervorrufen, als wollte ich 
mich selbst amerikanischer Methoden bedienen. 



1) Siehe: Massenpsychologie und Ich-Analyse, 1921. (Ges. Sehr. Ed. VI.) 



84 Schriften aus den Jahren lp2S — I93ß 



VI 

Ich habe bei keiner Arbeit so stark die Empfindung gehabt wie 
diesmal, daß ich allgemein Bekanntes darstelle, Papier und Tinte 
in weiterer Folge Setzerarbeit und Druckerschwärze aufbiete, um 
eigentlich selbstverständliche Dinge zu erzählen. Darum greife ich 
es gerne auf, wenn sich der Anschein ergibt, daß die Anerkennung 
eines besonderen, selbständigen Aggressionstriebes eine Abänderung 
der psychoanalytischen Trieblehre bedeutet. 

Es wird sich zeigen, daß dem, nicht so ist, daß es sich bloß 
darum handelt, eine Wendung, die längst vollzogen worden ist 
schärfer zu fassen und in ihre Konsequenzen zu verfolgen. Von allen 
langsam entwickelten Stücken der analytischen Theorie hat sich die 
Trieblehre am mühseligsten vorwärts getastet. Und sie war doch 
dem Ganzen so unentbehrlich, daß irgend etwas an ihre Stelle 
gerückt werden mußte. In der vollen Ratlosigkeit der Anfänge 
gab mir der Satz des Dichterphilosophen Schiller den ersten 
Anhalt, daß „Hunger und Liebe" das Getriebe der Welt zusam- 
menhalten. Der Hunger konnte als Vertreter jener Triebe gelten 
die das Einzelwesen erhalten wollen, die Liebe strebt nach Ob- 
jekten^ ihre Hauptfunktion, von der Natur in jeder Weise be- 
günstigt, ist die Erhaltung der Art. So traten zuerst Ichtriebe und 
Objekttriebe einander gegenüber. Für die Energie der letzteren, und 
ausschließlich für sie, führte ich den Namen Libido ein; somit lief der 
Gegensatz zwischen den Ichtrieben und den aufs Objekt gerichteten 
„libidinösen" Trieben der Liebe im weitesten Sinne. Einer von diesen 
Objekttrieben, der sadistische, tat sich zwar dadurch hervor, daß sein 
Ziel so gar nicht liebevoll war, auch schloß er sich offenbar in 
manchen Stücken den Ichtrieben an, konnte seine nahe Verwandt- 
schaft mit ßemächtigungstrieben ohne libidinöse Absicht nicht ver- 
bergen, aber man kam über diese Unstimmigkeit hinweg; der 
Sadismus gehörte doch offenbar zum Sexualleben, das grausame Spiel 



J 



Das Unbehagen in der Kultur 85 

konnte das zärtliche ersetzen. Die Neurose erschien als der Ausgang 
eines Kampfes zwischen dem Interesse der Selbstbewahrung und den 
Anforderungen der Libido, ein Kampf, in dem das Ich gesiegt hatte, 
aber um den Preis schwerer Leiden und Verzichte. 

Jeder Analytiker wird zugeben, daß dies auch heute nicht wie 
ein längst überwundener Irrtum klingt. Doch wurde eine Ab- 
änderung unerläßlich, als unsere Forschung vom Verdrängten zum 
Verdrängenden, von den Objekttrieben zum Ich fortschritt. Ent- 
scheidend wurde hier die Einführung des Begriffes Narzißmus, d. h. 
die Einsicht, daß das Ich selbst mit Libido besetzt ist, sogar deren 
ursprüngliche Heimstätte sei und gewissermaßen auch ihr Haupt- 
quartier bleibe. Diese narzißtische Libido wendet sich den Ob- 
jekten zu, wird so zur Objektlibido und kann sich in narzißtische 
Libido zurückverwandeln. Der Begriff Narzißmus machte es möglich, 
die traumatische Neurose sowie viele den Psychosen nahestehende 
Affektionen und diese selbst analytisch zu erfassen. Die Deutung 
der Übertragungsneurosen als Versuche des Ichs, sich der Sexualität 
zu erwehren, brauchte nicht verlassen zu werden, aber der Begriff 
der Libido geriet in Gefahr. Da auch die Ichtriebe libidinös waren, 
schien es eine Weile unvermeidlich, Libido mit Triebenergie über- 
haupt zusammenfallen zu lassen, wie C. G. Jung schon früher 
gewollt hatte. Doch blieb etwas zurück wie eine noch nicht zu 
begründende Gewißheit, daß die Triebe nicht alle von gleicher 
Art sein können. Den nächsten Schritt machte ich in „Jenseits des 
Lustprinzips" (1930), als mir der Wiederholungszwang und der 
konservative Charakter des Trieblebens zuerst auffiel. Ausgehend 
von Spekulationen über den Anfang des Lebens und von biologi- 
schen Parallelen zog ich den Schluß, es müsse außer dem Trieb, 
die lebende Substanz zu erhalten und zu immer größeren Ein- 
heiten zusammenzufassen,' einen anderen, ihm gegensätzlichen, 

1) Der Gegensatz, in den hierbei die rastlose AusbreitungstendenT des Eros znx 
allgemeinen konservativen Natur der Triebe tritt, ist auffällig und kann der Ausgangs- 
punkt weiterer Problemstellungen werden. 






86 Schriften aus den Jakren 192S — r^jj 

geben, der diese Einheiten aufzulösen und in den uranfänglichen, 
anorganischen Zustand zurückzuführen strebe. Also außer dem Eros 
einen Todestrieb; aus dem Zusammen- und Gegeneinanderwirken 
dieser beiden ließen sich die Phänomene des Lebens erklären. Nun 
war es nicht leicht, die Tätigkeit dieses angenommenen Todestriebs 
aufzuzeigen. Die Äußerungen des Eros waren auffaUig und geräusch- 
voll genug; man konnte annehmen, daß der Todestrieb stumm im 
Inneren des Lebewesens an dessen Auflösung arbeite, aber das 
war natürlich kein Nachweis. Weiter führte die Idee, daß sich 
ein Anteil des Triebes gegen die Außenwelt wende und dann als 
Trieb zur Aggression und Destruktion zum Vorschein komme. 
Der Trieb würde so selbst in den Dienst des Eros gezwängt, 
indem das Lebewesen anderes. Belebtes wie Unbelebtes, anstatt 
seines eigenen Selbst vernichtete. Umgekehrt würde die Ein- 
schränkung dieser Aggression nach außen die ohnehin immer 
vor sich gehende Selbstzerstörung steigern müssen. Gleichzeitig 
konnte man aus diesem Beispiel erraten, daß die beiden Trieb- 
arten selten — vielleicht niemals — voneinander isoliert auf- 
treten, sondern sich in verschiedenen, sehr wechselnden Men- 
gungsverhältnissen miteinander legieren und dadurch unserem 
Urteil unkenntlich machen. Im längst als Partialtrieb der Se- 
xualität bekannten Sadismus hätte man eine derartige besonders 
starke Legierung des Liebesstrebens mit dem Destruktionstrieb 
vor sich, wie in seinem Widerpart, im Masochismus, eine Ver- 
bindung der nach innen gerichteten Destruktion mit der Se- 
xuahtät, durch welche die sonst unwahrnehmbare Strebung eben 
auffällig und fühlbar wird. 

Die Annahme des Todes- oder Destruktionstriebes hat selbst in 
analytischen Kreisen Widerstand gefunden; ich weiß, daß vielfach 
die Neigung besteht, alles, was an der Liebe gefährlich und feind- 
selig gefunden wird, heber einer ursprünglichen Bipolarität ihres 
eigenen Wesens zuzuschreiben. Ich hatte die hier entwickelten 
Auffassungen anfangs nur versuchsweise vertreten, aber im Laufe 



J 



Das Unbehagen in der Kultur 87 

der Zeit haben sie eine solche Macht über mich gewonnen, daß 
ich nicht mehr anders denken kann. Ich meine, sie sind theoretisch 
ungleich brauchbarer als alle möglichen anderen, sie stellen jene 
Vereinfachung ohne Vernachlässigung oder Vergewaltigung der 
Tatsachen her, nach der wir in der wissenschaftHchen Arbeit 
streben. Ich erkenne, daß wir im Sadismus und Masochismus 
die stark mit Erotik legierten Äußerungen des nach außen und 
nach innen gerichteten Destruktionstriebes immer vor uns ge- 
sehen haben, aber ich verstehe nicht mehr, daß wir die Ubi- 
quität der nicht erotischen Aggression und Destruktion über- 
sehen und versäumen konnten, ihr die gebührende Stellung in 
der Deutung des Lebens einzuräumen. (Die nach innen ge- 
wendete Destruktionssucht entzieht sich ja, wenn sie nicht erotisch 
gefärbt ist, meist der Wahrnehmung.) Ich erinnere mich meiner 
eigenen Abwehr, als die Idee des Destruktionstriebs zuerst in 
der psychoanalytischen Literatur auftauchte, und wie lange es 
dauerte, bis ich für sie empfänglich wurde. DaJ3 andere die- 
selbe Ablehnung zeigten und noch zeigen, verwundert mich 
weniger. Denn die Kindlein, sie hören es nicht gerne, wenn 
die angeborene Neigung des Mensclien zum „Bösen", zur Ag- 
gression, Destruktion und damit auch zur Grausamkeit erwähnt 
wird. Gott hat sie ja zum Ebenbild seiner eigenen Vollkommen- 
heil geschaffen, man will nicht daran gemahnt werden, wie schwer 
es ist, die — trotz der Beteuerungen der Christian Science — 
unleugbare Existenz des Bösen mit seiner Allmacht oder seiner 
Allgüte zu vereinen. Der Teufel wäre zur Entschuldigung Gottes 
die beste Auskunft, er würde dabei dieselbe Ökonomisch entlastende 
Rolle übernehmen, wie der Jude in der Welt des arischen Ideals. 
Aber selbst dann: man kann doch von Gott ebensowohl Rechen- 
schaft für die Existenz des Teufels verlangen, wie für die des 
Bösen, das er verkörpert. Angesichts dieser Schwierigkeiten ist es 
für jedermann ratsam, an geeigneter Stelle eine tiefe Verbeugung 
vor der tief sittlichen Natur des Menschen zu machen; es verhilft 



88 Schriften aus den Jahren 1^28 — -f^Ji 

einem zur allgemeinen Beliebtheit und es wird einem manches 
dafür nachgesehen.^ 

Der Name Libido kann wiederum für die Kraftäußerungen des 
Eros verwendet werden, um sie von der Energie des Todestriebs 
zu sondern.^ Es ist zuzugestehen, daß wir letzteren um so viel 
schwerer erfassen, gewissermaßen nur als Rückstand hinter dem 
Eros erraten und daß er sich uns entzieht, wo er nicht durch die 
Legierung mit dem Eros verraten wird. Im Sadismus, wo er das 
erotische Ziel in seinem Sinne umbiegt, dabei doch das sexuelle 
Streben voll befriedig-t, gelingt uns die klarste Einsicht in sein 
Wesen und seine Beziehung zum Eros. Aber auch wo er ohne 
sexuelle Absicht auftritt, noch in der bUndesten Zerstörungswut 
läßt sich nicht verkennen, daß seine Befriedigung mit einem außer- 
ordentlich hohen narzißtischen Genuß verknüpft ist, indem sie dem 
Ich die Erfüllung seiner alten Allmachtswünsche zeigt. Gemäßigt 
und gebändigt, gleichsam zielgehemmt, muß der Destruktionstrieb, 
auf die Objekte gerichtet, dem Ich die Befriedigung seiner Lebens- 
bedürfnisse und die Herrschaft über die Natur verschaffen. Da 
seine Annahme wesentlich auf theoretischen Gründen ruht, muß 



1} Gani besonders überzeugend wirkt die Identifizierung des bösen Prinzips mit 
dem Destruktionstrieb in Goethes Mephistopheles: 
„Denn alles, was entsteht, 
Ist wert, daß es au Grunde gebt. 



So ist denn alles, was Ihr Sünde, 
Zerstörung, kurz das Böse nennt, 
Mein eigentliches Element." 
Als seinen Gegner nennt der Teufel selbst nicht das Heilige, das Gute, sondern 
die Kraft der Natur zum Zeugen, zur Mehrung des Lebens, also den Eros. 



„Der Luft, dem Wasser, wie der Erden 
Entwinden tausend Keime sich, 
Im Trocknen, Feuchten, Warmen, Kalten! 
Hätt' ich mir nicht die Flamme vorhebalten. 
Ich hätte nichts Aparts für mith." 
a) Unsere gegenwärtige Auffassung kann man ungefähr in dem Satz ausdrücken 
daß an jeder Triebäußerung Libido beteiligt ist, aber daß nicht alles an ihr Libido ist. 



■I 



Das Unbehagen in der Kultur 8g 

man zugeben, daß sie auch gegen theoretische Einwentlungen nicht 
voll gesichert ist. Aber so erscheint es uns eben jetzt beim gegen- 
wärtigen Stand unserer Einsichten ^ zukünftige Forschung und 
Überlegung wird gewiß die entscheidende Klarheit bringen. 

Für alles Weitere stelle ich mich also auf den Standpunkt, daß 
die Aggressionsneigung eine ursprüngliche, selbständige Trieban- 
lage des Menschen ist, und komme darauf zurück, daß die Kultur 
ihr stärkstes Hindernis in ihr findet. Irgendeinmal im Laufe dieser 
Untersuchung hat sich uns die Einsicht aufgedrängt, die Kultur 
sei ein besonderer Prozeß, der über die Menschheit abläuft, und 
wir stehen noch immer unter dem Banne dieser Idee. Wir fügen 
hinzu, sie sei ein ProEeß im Dienste des Eros, der vereinzelte 
menschliche Individuen, später Familien, dann Stämme, Völker, 
Nationen zu einer großen Einheit, der Menschheit, zusammenfassen 
wolle. Warum das geschehen müsse, wissen wir nicht; das sei eben 
das Werk des Eros. Diese Menschenmengen sollen libidinös an- 
einander gebunden werden; die Notwendigkeit allein, die Vorteile 
der Arbeitsgemeinschaft werden sie nicht zusammenhalten. Diesem 
Programm der Kultur widersetzt sich aber der natürliche Aggressions- 
trieb der Menschen, die Feindseligkeit eines gegen alle und aller 
gegen einen. Dieser Aggressionstrieb ist der Abkömmling und 
Hauptvertreter des Todestriebes, den wir neben dem Eros gefunden 
haben, der sich mit ihm in die Weltherrschaft teilt. Und nun, 
meine ich, ist uns der Sinn der Kulturentwicklung nicht mehr 
dunkel. Sie muß uns den Kampf zwischen Eros und Tod, Lebens- 
trieb und Destruktionstrieb zeigen, wie er sich an der Menschen- 
art vollzieht. Dieser Kampf ist der wesentliche Inhalt des Lebens 
überhaupt und darum ist die Kulturentwicklung kurzweg zu be- 
zeichnen als der Lebenskampf der Menschenart.' Und diesen Streit 
der Giganten wollen unsere Kinderfrauen beschwichtigen mit dem 
„Eiapopeia vom, Himmel"! 

i) Walirscheinlich mit der näheren BestimmuTig: wie er sich von einem gewissen, 
noch lu erratenden Ereignis an gestalten mußte. 



go Schriften aus den Jahren. lp2S — 19)) 



VII 

Warum zeigen unsere Verwandten, die Tiere, keinen solchen 
Kulturkampf? Oh, wir wissen es nicht. Sehr wahrscheinlich haben 
einige unter ihnen, die Bienen, Ameisen, Termiten durch Jahr- 
hunderttausende gerungen, bis sie jene staatlichen Institutionen, 
jene Verteilung der Funktionen, jene Einschränkung der Individuen 
gefunden haben, die wir heute bei ihnen bewundern. Kennzeichnend 
für unseren gegenwärtigen Zustand ist es, daß unsere Empfindungen 
uns sagen, in keinem dieser Tierstaaten und in keiner der dort 
dem Einzelwesen zugeteilten Rollen würden wir uns glücklich 
schätzen. Bei anderen Tierarten mag es zum zeitweiligen Ausgleich 
zwischen den Einflüssen der Umwelt und den in ihnen sich be- 
kämpfenden Trieben, somit zu einem Stillstand der Entwicklung 
gekommen sein. Beim. Urmenschen mag ein neuer Vorstoß der 
Libido ein neuerliches Strauben des Destruktionstriebes angefacht 
haben. Es ist da sehr viel zu fragen, worauf es noch keine Ant- 
wort gibt. 

Eine andere Frage liegt uns näher. Welcher Mittel bedient sich 
die Kultur, um die ihr entgegenstehende Aggression zu hemmen, 
unschädlich zu machen, vielleicht auszuschalten? Einige solcher Me- 
thoden haben wir bereits kennen gelernt, die anscheinend wichtigste 
aber noch nicht. Wir können sie an der Entwicklungsgeschichte 
des Einzelnen studieren. Was geht mit ihm vor, um seine Aggressions- 
lust unschädlich zu machen? Etwas sehr Merkwürdiges, das wir 
nicht erraten hätten und das doch so nahe liegt. Die Aggression 
wird introjiziert, verinnerlicht, eigentlich aber dorthin zurückge- 
schickt, woher sie gekommen ist, also gegen das eigene Ich ge- 
wendet. Dort wird sie von einem Anteil des Ichs übernommen, 
das sich als Über-Ich dem übrigen entgegenstellt, und nun als 
„Gewissen" gegen das Ich dieselbe strenge Aggressionsbereitschaft 
ausübt, die das Ich gerne an anderen, fremden Individuen befriedigt 



Das Unbehagen in der Kultur 91 

hätte. Die Spannung zwischen dem gestrengen Über-Ich und dem 
ihm unterworfenen Ich heißen wir Schuldbewußtsein; sie äußert 
sich als Straf bedürfnis. Die Kultur bewältigt also die gefährliche 
Aggressionslust des Individuums, indem sie es schwächt, entwaffnet 
und durch eine Instanz in seinem Inneren, wie durch eine Be- 
satzung in der eroberten Stadt, überwachen läßt. 

Über die Entstehung des Schuldgefühls denkt der Analytiker 
anders als sonst die Psychologen; auch ihm wird es nicht leicht, 
darüber Rechenschaft zu geben. Zunächst, wenn man fragt, wie 
kommt einer zu einem Schuldgefühl, erhält man eine Antwort, 
der man nicht widersprechen kann: man fühlt sich schuldig (Fromme 
sagen: sündig), wenn man etwas getan hat, was man als „böse" 
erkennt. Dann merkt man, wie wenig diese Antwort gibt. Viel- 
leicht nach einigem Schwanken wird man hinzusetzen, auch wer 
dies Böse nicht getan hat, sondern bloß die Absicht, es zu tun, 
bei sich erkennt, kann sich für schuldig halten, und dann wird 
man die Frage aufwerfen, warum hier die Absicht der Ausführung 
gleichgeachtet wird. Beide Fälle setzen aber voraus, daß man das 
Böse bereits als verwerflich, als von der Ausführung auszuschließen 
erkannt hat. Wie kommt man zu dieser Entscheidung? Ein ur- 
sprüngliches, sozusagen natürliches Unterscheidungsvermögen für 
Gut und Böse darf man ablehnen. Das Böse ist oft gar nicht das 
dem Ich Schädliche oder Gefährliche, im Gegenteil auch etwas, 
was ihm erwünscht ist, ihm Vergnügen bereitet. Darin zeigt sich 
also fremder Einfluß; dieser bestimmt, was Gut und Böse heißen 
soll. Da eigene Empfindung den Menschen nicht auf denselben 
"Weg geführt hätte, muß er ein Motiv haben, sich diesem fremden 
Einfluß zu unterwerfen. Es ist in seiner Hilflosigkeit und Ab- 
hängigkeit von anderen leicht zu entdecken, kann am besten als 
Angst vor dem Liebesverlust bezeichnet werden. Verliert er die 
Liebe des anderen, von dem er abhängig ist, so büßt er auch den 
Schutz vor mancherlei Gefahren ein, setzt sich vor allem der Gefahr 
aus, daß dieser Übermächtige ihm in der Form der Bestrafung 



ga Schriften aus den Jahren 1^28 — J^)} 

seine Überlegenheit erweist. Das Böse ist also anfänglich dasjenige, 
wofür man mit Liebesverlust bedroht wird; aus Angst vor diesem 
Verlust muß man es vermeiden. Darum macht es auch wenig aus, 
ob man das Böse bereits getan hat, oder es erst tun will; in beiden 
Fällen tritt die Gefahr erst ein, wenn die Autorität es entdeckt, 
und diese würde sich in beiden Fällen ähnlich benehmen. 

Man heißt diesen Zustand „schlechtes Gewissen", aber eigent- 
lich verdient er diesen Namen nicht, denn auf dieser Stufe ist 
das Schuldbewußtsein offenbar nur Angst vor dem Liebesverlust, 
„soziale' Angst. Beim kleinen Rind kann es niemals etwas anderes 
sein, aber auch bei vielen Erwachsenen ändert sich nicht mehr 
daran, als daß an Stelle des Vaters oder beider Eltern die größere 
menschliche Gemeinschaft tritt. Darum gestatten sie sich regel- 
mäßig, das Böse, das ihnen Annehmlichkeiten verspricht, auszu- 
führen, wenn sie nur sicher sind, daß die Autorität nichts davon 
erfährt oder ihnen nichts anhaben kann, und ihre Angst gilt allein 
der Entdeckung.' Mit diesem Zustand hat die Gesellschaft unserer 
Tage im allgemeinen zu rechnen. 

Eine große Änderung tritt erst ein, wenn die Autorität durch 
die Aufrichtung eines Über-Ichs verinnerlicht wird. Damit werden 
die Gewissensphänomene auf eine neue Stufe gehoben, im Grunde 
sollte man erst jetzt von Gewissen und Schuldgefühl sprechen." 
Jetzt entfällt auch die Angst vor dem Entdecktwerden und vollends 
der Unterschied zwischen Böses tun und Böses wollen, denn vor 
dem Über-Ich kann sich nichts verbergen, auch Gedanken nicht. 
Der reale Ernst der Situation ist allerdings vergangen, denn die 
neue Autorität, das Über~lch, hat unseres Glaubens kein Motiv, 
das Ich, mit dem es innig zusammengehört, zu mißhandeln. Aber 

1) Man denke an Rousseaus berühmten Mandarin! 

2) Daß in dieser übersichtlichen Darstellung scharf getrennt wird, was sich in 
Wirklichkeit in fließenden Übergängen volllieht, daß es sich nicht um die Existenz 
eines Über-Ichs allein, sondern um dessen relative Stärke und Einflußsphäre handelt, 
wird jeder Einsichtige verstehen und in Rechnung bringen. Alles Bisherige über 
Gewissen und Schuld ist ja allgemein bekannt und nahezu unbestritten. 



Das Unbehagen in der Kultur 95 

der Einfluß der Genese, der das Vergangene und Überwundene 
weiterleben läßt, äußert sich darin, daß es im Grunde so bleibt, 
wie es zu Anfang war. Das Über-Ich peinigt das sündige Ich mit 
den nämlichen Angstempfin düngen und lauert auf Gelegenheiten, 
es von der Außenwelt bestrafen zu lassen. 

Auf dieser zweiten Entwicklungsstufe zeigt das Gewissen eine 
Eigentümlichkeit, die der ersten fremd war und die nicht mehr 
leicht zu erklären ist. Es benimmt sich nämlich um so strenger 
und mißtrauischer, je tugendhafter der Mensch ist, so daß am Ende 
gerade, die es in der Heiligkeit am weitesten gebracht, sich der 
ärgsten Sündhaftigkeit beschuldigen. Die Tugend büßt dabei ein 
Stück des ihr zugesagten Lohnes ein, das gefügige und enthaltsame 
Ich genießt nicht das Vertrauen seines Mentors, bemüht sich, wie 
es scheint, vergeblich, es zu erwerben. Nun wird man bereit sein 
einzuwenden; das seien künstlich zurechtgemachte Schwierigkeiten. 
Das strengere und wachsamere Gewissen sei eben der ihn kenn- 
zeichnende Zug des sittlichen Menschen, und wenn die Heiligen 
sich für Sünder ausgeben, so täten sie es nicht mit Unrecht unter 
Berufung auf die Versuchungen zur Triebbefriedigung, denen sie 
in besonders hohem Maße ausgesetzt sind, da Versuchungen be- 
kanntlich durch beständige Versagung nur wachsen, während sie 
bei gelegentlicher Befriedigung wenigstens zeitweilig nachlassen. 
Eine andere Tatsache des an Problemen so reichen Gebiets der 
Ethik ist die, daß Mißgeschick, also äußere Versagung die Macht 
des Gewissens im Über-Ich so sehr fördert. Solange es dem 
Menschen gut geht, ist auch sein Gewissen milde und läßt dem 
Ich allerlei angehen^ wenn ihn ein Unglück getroffen hat, hält 
er Einkehr in sich, erkennt seine Sündhaftigkeit, steigert seine 
Gewissensansprüche, legt sich Enthaltungen auf und bestraft sich 
durch Bußen.' Ganze Völker haben sich ebenso benommen und 



Diese Förderung der Moral diircli Mißgeschick behandelt Mark Twain in einer 
köstlichen kleinen Geschichte: The fint mdon I evtr siole. Diese erste Melone ist lu- 
fällig unreif. Ich hörte Mark Twain diese kleine Geschichte selbst vortragen, Nach- 



94 Schriften aus den Jahren 1^28 — ^9)} 



benehmen sich noch immer so. Aber dies erklärt sich bequem 
aus der ursprünglichen infantilen Stufe des Gewissens, die also 
nach der Introjektion ins Über-Ich nicht verlassen wird, sondern 
neben und hinter ihr fortbesteht. Das Schicksal wird als Ersatz 
der Elterninstanz angesehen^ wenn man Unglück hat, bedeutet es 
daß man von dieser höchsten Macht nicht mehr geliebt wird, und 
von diesem Liebesverlust bedroht, beugt man sich von neuem vor 
der Eltemvertretung im Über-Ich, die man im Glück vernach- 
lässigen wollte. Dies wird besonders deutlich, wenn man in streng 
religiösem Sinne im Schicksal nur den Ausdruck des götthchen 
Willens erkeimt. Das Volk Israel hatte sich für Gottes bevorzugtes 
Kind gehalten, und als der große Vater Unglück nach Unglück 
über dies sein Volk hereinbrechen ließ, wurde es nicht etwa irre 
an dieser Beziehung oder zweifelte an Gottes Macht und Gerechtig 
keit, sondern erzeugte die Propheten, die ihm seine Sündhaftigkeit 
vorhielten, und schuf aus seinem Schuldbewußtsein die überstrengen 
Vorschriften seiner PriesterreHgion. Es ist merkwürdig, wie anders 
sich der Primitive benimmt! Wenn er Unglück gehabt hat, gibt 
er nicht sich die Schuld, sondern dem Fetisch, der offenbar seine 
Schuldigkeit nicht getan hat, und verprügelt ihn, anstatt sich selbst 
zu bestrafen. 

Wir kennen also zwei Ursprünge des Schuldgefühls, den aus 
der Angst vor der Autorität und den späteren aus der Angst vor 
dem Über-Ich. Das erstere zwingt dazu, auf Triebbefriedigungen zu 
verzichten, das andere drangt, da man den Fortbestand der ver- 
botenen Wünsche vor dem Über-Ich nicht verbergen kann, außer- 
dem zur Bestrafung. Wir haben auch gehört, wie man die Strenge 
des Über-Ichs, also die Gewissensforderung, verstehen kann. Sie 
setzt einfach die Strenge der äußeren Autorität, die von ihr ab- 
gelöst und teilweise ersetzt wird, fort. Wir sehen nun, in welcher 

dem er ihren Titel ausgesprochen hatte, hielt er intie und fragte sich wie zweifelnd; 
„Was it tkeßrst"? Damit hatte er alles gesagt. Die erste war also nicht die einaige 
geblieben. 



Das Unbehagen in der Kultur 95 

Beziehung der Triebverzicht zum Schuldbewußtsein steht. Ursprüng- 
lich ist ja der Triebverzicht die Folge der Angst vor der äußeren 
Autorität; man verzichtet auf Befriedigungen, um deren Liebe nicht 
zu verlieren. Hat man diesen Verzicht geleistet, so ist man sozu- 
sagen mit ihr quitt, es sollte kein Schuldgefühl erübrigen. Anders 
ist es im Falle der Angst vor dem^ Über-Ich. Hier hilft der Trieb- 
verzicht nicht genug, denn der Wunsch bleibt bestehen und läßt 
sich vor dem Über-Ich nicht verheimlichen. Es wird also trotz des 
erfolgten Verzichts ein Schuldgefühl zustande kommen und dies 
ist ein großer ökonomischer Nachteil der Über-Ich- Einsetzung, wie 
man sagen kann, der Gewissensbildung. Der Triebverzicht hat nun 
keine voll befreiende Wirkung mehr, die tugendhafte Enthaltung 
wird nicht mehr durch die Sicherung der Liebe gelohnt, für ein 
drohendes äußeres Unglück — Liebesverlust und Strafe von Seiten 
der äußeren Autorität — hat man ein andauerndes inneres Un- 
glück, die Spannung des Schuldbewußtseins, eingetauscht. 

Diese Verhältnisse sind so verwickelt und zugleich so wichtig, 
daß ich sie trotz der Gefahren der Wiederholung noch von anderer 
Seite angreifen möchte. Die zeitliche Reihenfolge wäre also die: 
zunächst Triebverzicht infolge der Angst vor der Aggression der 
äußeren Autorität, — darauf läuft ja die Angst vor dem Liebes- 
verlust hinaus, die Liebe schützt vor dieser Aggression der Strafe, — 
dann Aufrichtung der inneren Autorität, Triebverzicht infolge der 
Angst vor ihr, Gewissensangst. Im zweiten Falle Gleichwertung 
von böser Tat und böser Absicht, daher Schuldbewußtsein, Straf- 
bedürfnis. Die Aggression des Gewissens konserviert die Aggression 
der Autorität. Soweit ist es wohl klar geworden, aber wo bleibt 
Raum für den das Gewissen verstärkenden Einfluß des Unglücks 
(des von außen auferlegten Verzichts), für die außerordentliche 
Strenge des Gewissens bei den Besten und Fügsamsten? Wir haben 
beide Besonderheiten des Gewissens bereits erklärt, aber wahrschein- 
lich den Eindruck übrig behalten, daß diese Erklärungen nicht bis 
zum Grunde reichen, einen Rest unerklärt leissen. Und hier greift 



96 Schriften aus den Jahren 1^28 — 193} 

endlich eine Idee ein, die durchaus der Psychoanalyse eigen und 
dem gewöhnhchen Denken der Menschen fremd ist. Sie ist von 
solcher Art, daß sie uns verstehen läßt, wie uns der Gegenstand 
so verworren und undurchsichtig erscheinen mußte. Sie sagt näm- 
lich, anfangs ist zwar das Gewissen (richtiger: die Angst, die später 
Gewissen wird) Ursache des Triebverzichts, aber später kehrt sich 
das Verhältnis um. Jeder Triebverzicht wird nun eine dynamische 
Quelle des Gewissens, jeder neue Verzicht steigert dessen Strenge 
und Intoleranz, und wenn wir es nur mit der uns bekannten Ent- 
stehungsgeschichte des Gewissens besser in Einklang bringen könnten, 
wären wir versucht, uns zu dem paradoxen Satz zu bekennen; Das 
Gewissen ist die Folge des Triebverzichts; oder: Der (uns von außen 
auferlegte) Triebverzicht schafft das Gewissen, das dann weiteren 
Triebverzicht fordert. 

Eigentlich ist der Widerspruch dieses Satzes gegen die gegebene 
Genese des Gewissens nicht so groß und wir sehen einen Weg, 
ihn weiter zu verringern. Greifen wir zum Zwecke einer leichteren 
Darstellung das Beispiel des Aggressionstriebes heraus und nehmen 
wir an, es handle sich in diesen Verhältnissen immer um Aggressions- 
verzicht. Dies soll natürlich nur eine vorläufige Annahme sein. Die 
Wirkung des Triebverzichts auf das Gewissen geht dann so vor 
sich, daß jedes Stück Aggression, dessen Befriedigung wir unter- 
lassen, vom Über-Ich übernommen wird und dessen Aggression 
(gegen das Ich) steigert. Es stimmt dazu nicht recht, daß die ur- 
sprüngliche Aggression des Gewissens die fortgesetzte Strenge der 
äußeren Autorität ist, also mit Verzicht nichts zu tun hat. Diese 
Unstimmigkeit bringen wir aber zum Schwinden, wenn wir für 
diese erste Aggressionsausstattung des Über-Ichs eine andere Ab- 
leitung annehmen. Gegen die Autorität, welche das Kind an den 
ersten, aber auch bedeutsamsten Befriedigungen verhindert, muß 
sich bei diesem ein erhebliches Maß von Aggressionsneigung ent- 
wickelt haben, gleichgiltig welcher Art die geforderten Triebent- 
sagungen waren. Notgedrungen mußte das Kind auf die Befriedi- 



Das Unbehagen in der Kultur gy 

gung dieser rachsüchtigen Aggression verzichten. Es hilft sich aus 
dieser schwierigen ökonomischen Situation auf dem Wege bekannter 
Mechanismen, indem es diese unangreifbare Autorität durch Identi- 
fizierung in sich aufnimmt, die nun das Über-Ich wird und in 
den Besitz all der Aggression gerät, die man gern als Kind gegen 
sie ausgeübt hätte. Das Ich des Kindes muß sich mit der traurigen 
Rolle der so erniedrigten Autorität — des Vaters — begnügen. 
Es ist eine Umkehrung der Situation, wie so häufig. „Wenn ich 
der Vater wäre und du das Kind, ich würde dich schlecht be- 
handeln." Die Beziehung zwischen Über-Ich und Ich ist die durch 
den Wunsch entstellte Wiederkehr realer Beziehungen zwischen dem 
noch ungeteilten Ich und einem äußeren Objekt. Auch das ist 
typisch. Der wesentliche Unterschied aber ist, daß die ursprüng- 
liche Strenge des Über-Ichs nicht — oder nicht so sehr — die 
ist, die man von ihm erfahren hat oder die man ihm zumutet, 
sondern die eigene Aggression gegen ihn vertritt. Wenn das zu- 
triift, darf man wirklich behaupten, das Gewissen sei im Anfang 
entstanden durch die Unterdrückung einer Aggression und verstärke 
sich im weiteren Verlauf durch neue solche Unterdrückungen. 
Welche der beiden Auffassungen hat nun recht? Die frühere, 
die uns genetisch so unanfechtbar erschien, oder die neuere, 
welche die Theorie in so willkommener Weise abrundet? Offen- 
bar, auch nach dem Zeugnis der direkten Beobachtung, sind beide 
berechtigt; sie widerstreiten einander nicht, treffen sogar an einer 
Stelle zusammen, denn die rachsüchtige Aggression des Kindes 
wird durch das Maß der strafenden Aggression, die es vom Vater 
erwartet, mitbestimmt werden. Die Erfahrung aber lehrt, daß die 
Strenge des Über-Ichs, das ein Kind entwickelt, keineswegs die 
Strenge der Behandlung, die es selbst erfahren hat, wiedergibt.' Sie 
erscheint unabhängig von ihr, bei sehr milder Erziehung kann ein 
Kind ein sehr strenges Gewissen bekommen. Doch wäre es auch 

1} Wie von Melanie Klein und anderen, englischen Autoren richtig hervor- 
gehoben wurde. 

Freud XII. 7 - 



g8 Schriften aus den Jahren 1^28 — 1^3) 

unrichtig, wollte man diese Unabhängigkeit übertreiben^ es ist nicht 
schwer, sich zu überzeugen, daß die Strenge der Erziehung auch 
auf die Bildung des kindlichen Über-lchs einen starken Einfluß 
übt. Es kommt darauf hinaus, daß bei der Bildung des Über-lchs 
und Entstehung des Gewissens mitgebrachte konstitutionelle Faktoren 
und Einflüsse des Milieus der realen Umgebung zusammenwirken, 
und das ist keineswegs befremdend, sondern die allgemeine ätiologi- 
sche Bedingung all solcher Vorgänge.^ 

Man kann auch sagen, wenn das Kind auf die ersten großen 
TriebversagTingen mit überstarker Aggression und entsprechender 
Strenge des Über-lchs reagiert, folgt es dabei einem phylogeneti- 
schen Vorbild und setzt sich über die aktuell gerechtfertigte Re- 
aktion hinaus, denn der Vater der Vorzeit war gewiß fürchterlich 
und ihm durfte man das äußerste Maß von Aggression zumuten. 
Die Unterschiede der beiden Auffassungen von der Genese des 
Gewissens verringern sich also noch mehr, wenn man von der 
individuellen zur phylogenetischen Entwicklungsgeschichte über- 
geht. Dafür zeigt sich ein neuer bedeutsamer Unterschied in diesen 
beiden Vorgängen. Wir können nicht über die Annahme hinaus, 
daß das Schuldgefühl der Menschheit aus dem Ödipuskomplex 
stammt und bei der Tötung des Vaters durch die Brüdervereinigung 
erworben wurde. Damals wurde eine Aggression nicht unterdrückt, 
sondern ausgeführt, dieselbe Aggression, deren Unterdrückung beim 

1) Fr. Alexander hat in der „Psychoanalyse der GesaantpersÖnlichkeit" (1927) 
die heideii Haiipttypen der pathogenen Eriiehungsmethoden, die Uherstreiige und die 
Verwöhnung, im Anschluß an Aichhorns Studie über die Verwahrlosung zutreffend 
gewürdigt. Der „übermäßig weiche und nachsichtige" Vater wird heim Kinde Anlaß 
lur Bildung eines überstrengen Über-lchs werden, weil diesem Kind unter dem Ein- 
druck der Liebe, die es empfängt, kein anderer Ausweg für seine Aggression bleibt 
als die Wendung nach Innen. Beim Verwahrlosten, der ohne Liebe erzogen wurde, 
entfällt die Spannung zwischen Ich und Über-Ich, seine ganze Aggression kann sich 
nach außen richten. Sieht man also von einem anzunehmenden konstitutionellen Faktor 
ab, so darf man sagen, das strenge Gewissen entstehe aus dem Zusammenwirken 
aweier Lebens einflüsse, der Tri eh versagung, welche die Aggression entfesselt, und 
der Lieb es er fahrung, welche diese Aggression nach innen wendet und dem Über-Ich 
überträgt. 






Das Unbehagen in der Kultur gg 



Kinde die Quelle des Schuldgefühls sein soll. Nun würde ich mich 
nicht verwundern, wenn ein Leser ärgerlich ausriefe: „Es ist also 
ganz gleichgültig, ob man den Vater umbringt oder nicht, ein 
Schuldgefühl bekommt man auf alle Fälle! Da darf man sich einige 
Zweifel erlauben. Entweder ist es falsch, daß das Schuldgefühl von 
unterdrückten Aggressionen herrührt, oder die ganze Geschichte 
von der Vatertütung ist ein Roman und die Urmenschenkinder 
haben ihre Väter nicht häufiger umgebracht, als es die heutigen 
pflegen. Übrigens, wenn es kein Roman, sondern plausible Historie 
ist, so hätte man einen Fall, in dem das geschieht, was alle Welt 
erwartet, nämlich, daß man sich schuldig fühlt, weil man wirklich 
etwas, was nicht zu rechtfertigen ist, getan hat. Und für diesen 
Fall, der sich immerhin alle Tage ereignet, ist uns die Psycho- 
analyse die Erklärung schuldig geblieben." 

Das ist wahr und soll nachgeholt werden. Es ist auch kein be- 
sonderes Geheimnis. Wenn man ein Schuldgefühl hat, nachdem 
und weil man etwas verbrochen hat, so sollte man dies Gefühl 
eher Reue nennen. Es bezieht sich nur auf eine Tat, setzt natürlich 
voraus, daß ein Gewissen, die Bereitschaft sich schuldig zu fühlen 
bereits vor der Tat bestand. Eine solche Reue kann uns also nie 
dazu verhelfen, den Ursprung des Gewissens und des Schuldgefühls 
überhaupt zu finden. Der Hergang dieser alltäglichen Fälle ist ge- 
wöhnlich der, daß ein Triebbedürfnis die Stärke erworben hat, seine 
Befriedigung gegen das in seiner Stärke auch nur begrenzte Ge- 
wissen durchzusetzen, und daß mit der natürlichen Abschwächung 
des Bedürfnisses durch seine Befriedigung das frühere Kräftever- 
hältnis wiederhergestellt wird. Die Psychoanalyse tut also recht 
daran, den Fall des Schuldgefühls aus Reue von diesen Erörterungen 
auszuschließen, so häufig er auch vorkommt und so groß seine 
praktische Bedeutung auch ist. 

Aber wenn das menschliche Schuldgefühl auf die Tötung des 
Urvaters zurückgeht, das war doch ein Fall von „Reue", und 
damals soll der Voraussetzung nach Gewissen und Schuldgefühl 

7* 



100 Schriften aus den Jahren I^lS — I^)) 

vor der Tat nicht bestanden haben? Woher kam in diesem Fall 
die Reue? Gewiß, dieser Fall muß uns das Geheimnis des Schuld- 
gefühls aufklären, unseren Verlegenheiten ein Ende machen. Und 
ich meine, er leistet es auch. Diese Reue war das Ergebnis der 
uranfänglichen Gefühlsambivalenz gegen den Vater, die Söhne 
haßten ihn, aber sie liebten ihn auch; nachdem der Haß durch 
die Aggression befriedigt war, kam in der Reue über die Tat die 
Liebe zum Vorschein, richtete durch Identifizierung mit dem Vater 
das Über-Ich auf, gab ihm die Macht des Vaters wie zur Be- 
strafung für die gegen ihn verübte Tat der Aggression, schuf die 
Einschränkungen, die eine Wiederholung der Tat verhüten sollten. 
Und da die Aggressionsneigung gegen den Vater sich in den fol- 
genden Geschlechtern wiederholte, blieb auch das Schuldgefühl be- 
stehen und verstärkte sich von neuem durch jede unterdrückte 
und dem Über-Ich übertragene Aggression. Nun, meine ich, er- 
fassen wir endlich zweierlei in voller Klarheit, den Anteil der Liebe 
an der Entstehung des Gewissens und die verhängnisvolle Unver- 
meidlichkeit des Schuldgefühls. Es ist wirklich nicht entscheidend, 
ob man den Vater getötet oder sich der Tat enthalten hat, man 
muß sich in beiden Fällen schuldig finden, denn das Schuldgefühl 
ist der Ausdruck des Ambivalenzkonflikts, des ewigen Kampfes 
zwischen dem Eros und dem Destruktions- oder Todestrieb. Dieser 
Konflikt wird angefacht, sobald den Menschen die Aufgabe des 
Zusammenlebens gestellt wird; solange diese Gemeinschaft nur die 
Form der Familie kennt, muß er sich im Ödipuskomplex äußern, 
das Gewissen einsetzen, das erste Schuldgefühl schaffen. Wenn eine 
Erweiterung dieser Gemeinschaft versucht wird, wird derselbe 
Konflikt in Formen, die von der Vergangenheit abhängig sind, fort- 
gesetzt, verstärkt und hat eine weitere Steigerung des Schuldgefülils 
zur Folge. Da die Kultur einem inneren erotischen Antrieb ge- 
horcht, der sie die Menschen zu einer innig verbundenen Masse 
vereinigen heißt, kann sie dies Ziel nur auf dem Wege einer immer 
wachsenden Verstärkung des Schuldgefühls erreichen. Was am 



1 



i 



Das Unbehagen in der Kultur loi 

Vater begonnen wurde, vollendet sich an der Masse. Ist die Kultur 
der notwendige Entwicklungsgang von der Familie zur Menschheit, 
so ist unablösbar mit ihr verbunden, als Folge des mitgeborenen 
Ambivalenzkonflikts, als Folge des ewigen Haders zwischen Liebe 
und Todesstreben, die Steigerung des Schuldgefühls vielleicht bis 
zu Höhen, die der Einzelne schwer erträglich findet. Man gedenkt 
der ergreifenden Anklage des großen Dichters gegen die „himm- 
lischen Mächte": 

„Ihr führt in's Leben uns hinein, 

Ihr laßt den Armen schuldig werden, 

Dann überlaßt Ihr ihn der Pein, 

Denn jede Schuld rächt sich auf Erden." ^ 

Und man darf wohl aufseufzen bei der Erkenntnis, daß es ein- 
zelnen Menschen gegeben ist, aus dem Wirbel der eigenen Gefühle 
die tiefsten Einsichten doch eigentlich mühelos heraufzuholen, zu 
denen wir anderen uns durch qualvolle Unsicherheit und rastloses 
Tasten den Weg zu bahnen haben. 

VIII 

Am Ende eines solchen Weges angelangt, muß der Autor seine 
Leser um Entschuldigung bitten, daß er ihnen kein geschickter 
Führer gewesen, ihnen das Erlebnis öder Strecken und beschwer- 
hcher Umwege nicht erspart hat. Es ist kein Zweifel, daß man 
es besser machen kann. Ich will versuchen, nachträglich etwas gut- 
zumachen. 

Zunächst vermute ich bei den Lesern den Eindruck, daß die 
Erörterungen über das Schuldgefühl den Rahmen dieses Aufsatzes 
sprengen, indem sie zuviel Raum für sich einnehmen und ihren 
anderen Inhalt, mit dem sie nicht immer innig zusammenhängen, 
an den Rand drängen. Das mag den Aufbau der Abhandlung ge- 
stört haben, entspricht aber durchaus der Absicht, das Schuldgefühl 

1) Goethe, Lieder des Harfners in „Wilhelm Meister". 



loa Schriften aus den Jahren I^2S — 193) 

als das wichtigste Problem der Kulturentwicklung hinzustellen und 
darzutun, daß der Preis für den Kulturfortschrilt in der Glücks- 
einbuße durch die Erhöhung des Schuldgefühls bezahlt wird.* Was 
an diesem Satz, dem Endergebnis unserer Untersuchung, noch be- 
fremdlich klingt, läßt sich wahrscheinlich auf das ganz sonderbare, 
noch durchaus unverstandene Verhältnis des Schuldgefühls zu un- 
serem Bewußtsein zurückführen. In den gemeinen, uns als normal 
geltenden Fällen von Reue macht es sich dem Bewußtsein deutlich 
genug wahrnehmbar^ wir sind doch gewöhnt, anstatt Schuldgefühl 
„Schuldbewußtsein" zu sagen. Aus dem Studium der Neurosen, 
denen wir doch die wertvollsten Winke zum Verständnis des Nor- 
malen danken, ergeben sich widerspruchsvolle Verhältnisse. Bei 
einer dieser Affektionen, der Zwangsneurose, drängt sich das Schuld- 
gefühl überlaut dem Bewußtsein auf, es beherrscht das Krankheits- 
bild wie das Leben der Kranken, läßt kaum anderes neben sich 
aufkommen. Aber in den meisten anderen Fällen und Formen von 
Neurose bleibt es völlig unbewußt, ohne darum geringfügigere 
Wirkungen zu äußern. Die Kranken glauben uns nicht, wenn wir 
ihnen ein „unbewußtes Schuldgefühl" zumuten 5 um nur halbwegs 
von ihnen verstanden zu werden, erzählen wir ihnen von einem 
unbewußten Straf bedürfnis, in dem sich das Schuldgefühl äußert. 
Aber die Beziehung zur Neurosenform darf nicht überschätzt werden; 

1) „So macht Gewissen Feige aus uns allen . , ." 

Daß sie dem jugendlichen Menschen verheimlicht, welche Rolle die Sexualität in 
seinem Leben spielen wird, ist nicht der einzige Vorwurf, den man gegen die heutige 
Erziehung erhehen muß. Sie sündigt außerdem darin, daß sie ihn nicht auf die 
Aggression vorbereitet, deren Objekt er zu werden bestimmt ist. Indem sie die Jugend 
mit SO unrichtiger psychologischer Orientierung ins Leben entläßt, benimmt sich die 
Erziehung nicht anders, als wenn man Leute, die auf eine Polarexpedition gehen, mit 
Sommerkleidern und Karten der oberitalischen Seen ausrüsten würde. Dabei wird 
ein gewisser Mißbrauch der ethischen Forderungen deutlich. Die Strenge derselben 
würde nicht viel schaden, wenn die Erziehung sagte: So sollten die Menschen sein, 
um glücklich zu werden und andere glücklich zu machen; aber man muß damit 
rechnen, daß sie nicht so sind. Anstatt dessen läßt man den Jugendlichen glauben, 
daß alle anderen die ethischen Vorschriften erfüllen, also tugendhaft sind. Damit 
begründet man die Forderung, daß er auch so werde. 



Das Unbehagen in der Kultur 105 

es gibt auch bei der Zwangsneurose Typen von Kranken, die ihr 
Schuldgefülil nicht wahrnehmen oder es als ein quälendes Un- 
behagen, eine Art von Angst erst dann empfinden, wenn sie an 
der Ausführung gewisser Handlungen verhindert werden. Diese 
Dinge sollte man endlich einmal verstehen können, man kann es 
noch nicht. Vielleicht ist hier die Bemerkung ■willkommen, daß das 
Schuldgefühl im Grunde nichts ist als eine topische Abart der Angst, 
in seinen späteren Phasen fällt es ganz mit der Angst vor dem 
Über-Ich zusammen. Und bei der Angst zeigen sich im Ver- 
hältnis zum Bewußtsein dieselben außerordentlichen Variationen. 
Irgendwie steckt die Angst hinter allen Symptomen, aber bald 
nimmt sie lärmend das Bewußtsein ganz für sich in Anspruch, 
bald verbirgt sie sich so vollkommen, daß wir genötigt sind, von un- 
bewußter Angst oder — wenn wir ein reineres psychologisches 
Gewissen haben wollen, da ja die Angst zunächst nur eine Emp- 
findung ist, — von Ang-stmöglichkeilen zu reden. Und darum ist 
es sehr wohl denkbar, daß auch das durch die Kultur erzeugte 
Schuldbewußtsein nicht als solches erkannt wird, zum großen Teil 
unbewußt bleibt oder als ein Unbehagen, eine Unzufriedenheit zum 
Vorschein kommt, für die man andere Motivierungen sucht. Die 
Rehgionen wenigstens haben die Rolle des Schuldgefühls in der 
Kultur nie verkannt. Sie treten ja, was ich an anderer Stelle nicht 
gewürdigt hatte,' auch mit dem Anspruch auf, die Menschheit von 
diesem Schuldgefühl, das sie Sünde heißen, zu erlösen. Aus der 
Art, wie im Christentum diese Erlösung gewonnen wird, durch 
den Opfertod eines Einzelnen, der damit eine allen gemeinsame 
Schuld auf sich nimmt, haben wir ja einen Schluß darauf gezogen, 
welches der erste Anlaß zur Erwerbung dieser Urschuld, mit der 
auch die Kultur begann, gewesen sein mag."^ 

Es kann nicht sehr wichtig werden, mag aber nicht überflüssig 
sein, daß wir die Bedeutung einiger Worte wie: Über-Ich, Ge- 
il Ich meine: Die Zukunft einer Illusion {1927). (Ges. Stlir, Bd. XI.) 
21 Totem und Tabu (1912). (Ges. Sehr. Bd. X.) 



104 



Schriften aus den Jahren ip2S — 193 J 



wissen, Schuldgefühl, Straf Bedürfnis, Reue erläutern, die wir viel- 
leicht oft zu lose und eines fürs andere gebraucht haben. Alle 
beziehen sich auf dasselbe Verhältnis, benennen aber verschiedene 
Seiten desselben. Das Über-Ich ist eine von uns erschlossene Instanz, 
das Gewissen eine Funktion, die wir ihm neben anderen zu- 
schreiben, die die Handlungen und Absichten des Ichs zu über- 
wachen und zu beurteilen hat, eine zensorische Tätigkeit ausübt. 
Das Schuldgefühl, die Härte des Über-Ichs, ist also dasselbe wie 
die Strenge des Gewissens, ist die dem Ich zugeteilte Wahrnehmung, 
daß es in solcher Weise überwacht wird, die Abschätzung der 
Spannung zwischen seinen Strebungen und den Forderungen des 
Über-Ichs, und die der ganzen Beziehung zugrunde liegende Angst 
vor dieser kritischen Instanz, das Straf bedürfnis, ist eine Trieb- 
äußerung des Ichs, das unter dem Einfluß des sadistischen Über- 
Ichs masochistisch geworden ist, d. h. ein Stück des in ihm vor- 
handenen Triebes zur inneren Destruktion zu einer erotischen 
Bindung an das Über-Ich verwendet. Vom Gewissen sollte man 
nicht eher sprechen, als bis ein Über-Ich nachweisbar ist; vom 
Schuldbewußtsein muß man zugeben, daß es früher besteht als 
das Über-Ich, also auch als das Gewissen. Es ist dann der unmittel- 
bare Ausdruck der Angst vor der äußeren Autorität, die Aner- 
kennung der Spannung zwischen dem Ich und dieser letzteren, 
der direkte Abkömmling des Konflikts zwischen dem Bedürfnis 
nach deren Liebe und dem Drang nach Triebbefriedigung, dessen 
Hemmung die Neigung zur Aggression erzeugt. Die Übereinander- 
lagerung dieser beiden Schichten des Schuldgefühls — aus Angst 
vor der äußeren und vor der inneren Autorität — hat uns manchen 
Einblick in die Beziehungen des Gewissens erschwert. Reue ist 
eine Gesamtbezeichnung für die Reaktion des Ichs in einem Falle 
des Schuldgefühls, enthält das wenig umgewandelte Empfindungs- 
material der dahinter wirksamen Angst, ist selbst eine Strafe und 
kann das Strafbedürfnis einschließen; auch sie kann also älter sein, 
als das Gewissen. 



Das Unbehagen in der Kultur 105 

Es kann auch nichts schaden, daß wir uns nochmals die Wider- 
sprüche vorführen, die uns eine Weile bei unserer Untersuchung 
verwirrt haben. Das Schuldgefühl soHte einmal die Folge unter- 
lassener Aggressionen sein, aber ein andermal und gerade bei seinem 
historischen Anfang, der Vatertötung, die Folge einer ausgeführten 
Aggression. Wir fanden auch den Ausweg aus dieser Scliwierigkeit. 
Die Einsetzung der inneren Autorität, des Über-Ichs, hat eben die 
Verhältnisse gründlich geändert. Vorher fiel das Schuldgefühl mit 
der Reue zusammen^ wir merken dabei, daß die Bezeichnung Reue 
für die Reaktion nach wirklicher Ausführung der Aggression zu 
reservieren ist. Nachher verlor infolge der Allwissenheit des Über- 
Ichs der Unterschied zwischen beabsichtigter und erfüllter Aggression 
seine Kraft; nun konnte sowohl eine wirklich ausgeführte Gewalttat 
Schuldgefühl erzeugen — wie alle Welt weiß — als auch eine 
bloß beabsichtigte — wie die Psychoanalyse erkannt hat. Über die 
Veränderung der psychologischen Situation hinweg hinterläßt der 
Ambivalenzkonflikt der beiden Urtriebe die nämhche Wirkung. 
Die Versuchung liegt nahe, hier die Lösung des Rätsels von der 
wechselvollen Beziehung des Schuldgefühls zum, Bewußtsein zu 
suchen. Das Schuldgefühl aus Reue über die böse Tat müßte immer 
bewußt sein, das aus Wahrnehmung des bösen Impulses könnte 
unbewußt bleiben. Allein so einfach ist das nicht, die Zwangs- 
neurose widerspricht dem energisch. Der zweite Widerspruch war, 
daß die aggressive Enei'gie, mit der man das Über-Ich ausgestattet 
denkt, nach einer Auffassung bloß die Strafenergie der äußeren 
Autorität fortsetzt und für das Seelenleben erhält, während eine 
andere Auffassung meint, es sei vielmehr die nicht zur Verwendung 
gelangte eigene Aggression, die man gegen diese hemmende Autorität 
aufbringt. Die erste Lehre schien sich der Geschichte, die zweite 
der Theorie des Schuldgefühls besser anzupassen. Eingehendere 
Überlegung hat den anscheinend unversöhnlichen Gegensatz beinahe 
allzuviel verwischt; es bheb als wesentlich und gemeinsam übrig, 
daß es sich um eine nach innen verschobene Aggression handelt. 



io6 Schriften aus den Jahren 1^28 — r^jj 

Die klinische Beobachtung gestattet wiederum, wirkhch zwei Quellen 
für die dem Über-lch zugeschriebene Aggression zu unterscheiden, 
von denen im einzelnen Fall die eine oder die andere die stärkere 
Wirkung ausübt, die im allgemeinen aber zusammenwirken. 

Hier ist, meine ich, der Ort, eine Auffassung ernsthaft zu ver- 
treten, die ich vorhin zur vorläufigen Annahme empfohlen hatte. 
In der neuesten analytischen Literatur zeigt sich eine Vorliebe für 
die Lehre, daß jede Art von Versagung, jede verhinderte Trieb- 
befriedigung eine Steigerung des Schuldgefühls zur Folge habe oder 
haben könnte.' Ich glaube, man schafft sich eine große theoretische 
Erleichterung, wenn man das nur von den aggressiven Trieben 
gelten läßt, und man wird nicht viel finden, was dieser Annahme 
widerspricht. Wie soll man es denn dynamisch und ökonomisch 
erklären, daß an Stelle eines nicht erfüllten erotischen Anspruchs 
eine Steigerung des Schuldgefühls auftritt? Das scheint doch nur 
auf dem Umwege möglich, daß die Verhinderung der erotischen 
Befriedigung ein Stück Aggressionsneigung gegen die Person hervor- 
ruft, welche die Befriedigung stört, und daß diese Aggression selbst 
wieder unterdrückt werden muß. Dann aber ist es doch nur die 
Aggression, die sich in Schuldgefühl umwandelt, indem sie unter- 
drückt und dem Über-lch zugeschoben wird. Ich bin überzeugt, 
wir werden viele Vorgänge einfacher und durchsichtiger darstellen 
können, wenn wir den Fund der Psychoanalyse zur Ableitung des 
Schuldgefühls auf die aggressiven Triebe einschränken. Die Be- 
fragung des klinischen Materials gibt hier keine eindeutige Antwort, 
weil unserer Voraussetzung gemäß die beiden Triebarten kaum 
jemals rein, voneinander isoliert, auftreten; aber die Würdigung 
extremer Fälle wird wohl nach der Richtung weisen, die ich er- 
warte. Ich bin versucht, von dieser strengeren Auffassung einen 
ersten Nutzen zu ziehen, indem ich sie auf den Verdrängungs- 
vorgang anwende. Die Symptome der Neurosen sind, wie wir ge- 

i) Insbesondere bei E.Jones, Susan Isaacs, Melanie Klein; wie ich verstehe, 
aber auch bei Reik und Alexander, 




Das Unbehagen in der Kultur 1 07 

lernt haben, wesentlich Ersatzbefriedigungen für unerfüllte sexuelle 
Wünsche. Im Laufe der analytischen Arbeit haben wir zu unserer 
Überraschung erfahren, daß vielleicht jede Neurose einen Betrag 
von unbewußtem Schuldgefühl verhüllt, der wiederum die Sym- 
ptome durch ihre Verwendung zur Strafe befestigt. Nun liegt es 
nahe, den Satz zu formulieren: wenn eine Triebstrebung der Ver- 
drängung unterliegt, so werden ihre libidinösen Anteile in Sym- 
ptome, ihre aggressiven Komponenten in Schuldgefühl umgesetzt. 
Auch wenn dieser Satz nur in durchschnittlicher Annäherung richtig 
ist, verdient er unser Interesse. 

Manche Leser dieser Abhandlung mögen auch unter dem Ein- 
druck stehen, daß sie die Formel vom Kampf zwischen Eros nnd 
Todestrieb zu oft gehört haben. Sie sollte den Kulturprozeß kenn- 
zeichnen, der über die Menschheit abläuft, wurde aber auch auf die 
Entwicklung des Einzelnen bezogen und sollte überdies das Ge- 
heimnis des organischen Lebens überhaupt enthüllt haben. Es 
scheint unabweisbar, die Beziehungen dieser drei Vorgänge zu- 
einander zu untersuchen. Nun ist die Wiederkehr derselben Formel 
durch die Erwägung gerechtfertigt, daß der Kulturprozeß der 
Menschheit wie die Entwicklung des Einzelnen auch Lebensvor- 
gänge sind, also am allgemeinsten Charakter des Lebens Anteil 
haben müssen. Anderseits trägt gerade darum der Nachweis dieses 
allgemeinen Zuges niclits zur Unterscheidung bei, solange dieser 
nicht durch besondere Bedingungen eingeengt wird. Wir können 
uns also erst bei der Aussage beruhigen, der Kulturprozeß sei jene 
Modifikation des Lebensprozesses, die er unter dem Einfluß einer 
vom Eros gestellten, von der Ananke, der realen Not angeregten 
Aufgabe erfährt, und diese Aufgabe ist die Vereinigung vereinzelter 
Menschen zu einer unter sich libidinös verbundenen Gemeinschaft. 
Fassen wir aber die Beziehung zwischen dem Kulturprozeß der 
Menschheit und dem Entwicklungs- oder Erziehungsprozeß des ein- 
zelnen Menschen ins Auge, so werden wir uns ohne viel Schwanken 
dafür entscheiden, daß die beiden sehr ähnlicher Natur sind, wenn 



io8 Schriften aus den Jahren 1^28 — l^^) 

nicht überhaupt derselbe Vorgang an andersartigen Objekten. Der 
Kuhurprozeß der Menschenart ist natürlich eine Abstraktion von 
höherer Ordnung als die Entwicklung des Einzelnen, darum schwerer 
anschaulich zu erfassen, und die Aufspürung von Analogien soll 
nicht zwanghaft übertrieben werden; aber bei der Gleichartigkeit 
der Ziele - — hier die Einreihung eines Einzelnen in eine mensch- 
liche Masse, dort die Herstellung einer Masseneinheit aus vielen 
Einzelnen — kann die Ähnlichkeit der dazu verwendeten Mittel und 
der zustandeko mm enden Phänomene nicht überraschen. Ein die 
beiden Vorgänge unterscheidender Zug darf wegen seiner außer- 
ordentlichen Bedeutsamkeit nicht lange unerwähnt bleiben. Im 
Entwicklungsprozeß des Einzelmenschen wird das Programm des 
Lustprinzips, Glücksbefriedigung zu finden, als Hauptziel festgehalten, 
die Einreihung in oder Anpassung an eine menschliche Gemein- 
schaft erscheint als eine kaum zu vermeidende Bedingung, die auf 
dem Wege zur Erreichung dieses Glücksziels erfüllt werden soll. 
Ginge es ohne diese Bedingung, so wäre es vielleicht besser. Anders 
ausgedrückt: die individuelle Entwicklung erscheint uns als ein 
Produkt der Interferenz zweier Strebungen, des Strebens nach Glück, 
das wir gewöhnlich „egoistisch", und des Strebens nach Ver- 
einigung mit den anderen in der Gemeinschaft, das wir „al- 
truistisch" heißen. Beide Bezeichnungen gehen nicht viel über die 
Oberfläche hinaus. In der individuellen Entwicklung fallt, wie ge- 
sagt, der Hauptakzent meist auf die egoistische oder Glücksstrebung, 
die andere, „kulturell" zu nennende, begnügt sich in der Regel 
mit der Rolle einer Einschränkung. Anders beim Kulturprozeß; 
hier ist das Ziel der Herstellung einer Einheit aus den menschlichen 
Individuen bei weitem die Hauptsache, das Ziel der Beglückung 
besteht zwar noch, aber es wird in den Hintergrund gedrängt; 
fast scheint es, die Schöpfung einer großen menschlichen Gemein- 
schaft würde am besten gelingen, wenn man sich um das Glück 
des Einzelnen nicht zu kümmern brauchte. Der Entwicklungsprozeß 
des Einzelnen darf also seine besonderen Züge haben, die sich im 



Das Unbehagen in der Kultur log 

Kulturprozeß der Menschheit nicht wiederfinden; nur insofern dieser 
erstere Vorgang den Anschluß an die Gemeinschaft zum Ziel hat, 
muß er mit dem letzteren zusammenfallen. 

Wie der Planet noch um seinen Zentralkörper kreist, außer daß 
er um die eigene Achse rotiert, so nimmt auch der einzelne Mensch 
am Entwicklungsgang der Menschheit teil, während er seinen 
eigenen Lebensweg geht. Aber unserem blöden Auge scheint das 
Kräftespiel am Himmel zu ewig gleicher Ordnung erstarrt; im 
organischen Geschehen sehen wir noch, wie die Kräfte miteinander 
ringen und die Ergebnisse des Konflikts sich beständig verändern. 
So haben auch die beiden Strebungen, die nach individuellem Glück 
und die nach menschlichem Anschluß, bei jedem Individuum mit 
einander zu kämpfen, so müssen die beiden Prozesse der indivi- 
duellen und der Kulturentwicklung einander feindlich begegnen 
und sich gegenseitig den Boden bestreiten. Aber dieser Kampf 
zwischen Individuum und Gesellschaft ist nicht ein Abkömmling 
des wahrscheinlich unversöhnlichen Gegensatzes der Urtriebe, Eros 
und Tod, er bedeutet einen Zwist im Haushalt der Libido, ver- 
gleichbar dem Streit um die Aufteilung der Libido zwischen dem 
Ich und den Objekten, und er läßt einen endlichen Ausgleich zu 
beim Individuum, wie hoffentlich auch in der Zukunft der Kultur, 
mag er gegenwärtig das Leben des Einzelnen noch so sehr be- 
schweren. 

Die Analogie zwischen dem Kulturprozeß und dem Entwick- 
lungsweg des Individuums läßt sich um ein bedeutsames Stück 
erweitern. Man darf nämlich behaupten, daß auch die Gemein- 
schaft ein Über-lch ausbildet, unter dessen Einfluß sich die Kultur- 
entwicklung vollzieht. Es mag eine verlockende Aufgabe für einen 
Kenner menschlicher Kulturen sein, diese Gleichstellung ins Einzelne 
zu verfolgen. Ich will mich auf die Hervorhebung einiger auf- 
fälliger Punkte beschränken. Das Über-lch einer Kulturepoche hat 
einen ähnlichen Ursprung wie das des Einzelmenschen, es ruht 
auf dem Eindruck, den große FührerpersÖnhchkeiten hinterlassen 



1 10 Schriften aus den Jahren l^lS — J93S 

haben, Menschen von überwältigender Geisteskraft oder solche, in 
denen eine der menschlichen Strebungen die stärkste und reinste, 
darum oft auch einseitigste, Ausbildung gefunden hat. Die Analogie 
geht in vielen Fällen noch weiter, indem diese Personen — häufig 
genug, wenn auch nicht immer — zu ihrer Lebenszeit von den 
anderen verspottet, mißhandelt oder selbst auf grausame Art be- 
seitigt wurden, wie ja auch der Urvater erst lange nach seiner 
gewaltsamen Tötung zur Göttlichkeit aufstieg. Für diese Schicksals- 
verknüpfung ist gerade die Person Jesu Christi das ergreifendste 
Beispiel, wenn sie nicht etwa dem Mythus angehört, der sie in 
dunkler Erinnerung an jenen Urvorgang ins Leben rief. Ein anderer 
Punkt der Übereinstimmung ist, daß das Kultur- Über-Ich ganz wie 
das des Einzelnen strenge Ideal forderungen aufstellt, deren Nicht- 
befolgung durch „Gewissensangst" gestraft wird. Ja, hier stellt sich 
der merkwürdige Fall her, daß die hierher gehörigen seelischen 
Vorgänge uns von der Seite der Masse vertrauter, dem Bewußtsein 
zugänglicher sind, als sie es beim Einzelmenschen werden können. 
Bei diesem machen sich nur die Aggressionen des Über-Ichs im 
Falle der Spannung als Vorwürfe überlaut vernehmbar, während 
die Forderungen selbst im Hintergrunde oft unbewußt bleiben. 
Bringt man sie zur bewußten Erkenntnis, so zeigt sich, daß sie 
mit den Vorschriften des ieweiligen Kultur-Über-Ichs zusammen 
fallen. An dieser Stelle sind sozusagen beide Vorgänge, der kulturelle 
Entwicklungsprozeß der Menge und der eigene des Individuums 
regelmäßig miteinander verklebt. Manche Äußerungen und Eigen- 
schaften des Über-Ichs können darum leichter an seinem Verhalten 
in der Kulturgemeinschaft als beim Einzelnen erkannt werden. 
Das Kultur-Über-Ich hat seine Ideale ausgebildet und erhebt 
seine Forderungen. Unter den letzteren werden die, welche die 
Beziehungen der Menschen zueinander betreffen, als Ethik zu- 
sammengefaßt. Zu allen Zeiten wurde auf diese Ethik der größte 
Wert gelegt, als ob man gerade von ihr besonders wichtige Lei- 
stungen erwartete. Und wirklich wendet sich die Ethik jenem 



Das Unbehagen in der Kultur ni 

Punkt zu, der als die wundeste Stelle jeder Kultur leicht kenntlich 
ist. Die Ethik ist also als ein therapeutischer Versuch aufzufassen, 
als Bemühung, durch ein Gebot des Über-Ichs zu erreichen, was 
bisher durch sonstige Kulturarbeit nicht zu erreichen war. Wir 
wissen bereits, es fragt sich hier darum, wie das größte Hindernis 
der Kultur, die konstitutionelle Neigung der Menschen zur Aggression 
gegeneinander, wegzuräumen ist, und gerade darum wird uns das 
wahrscheinlich jüngste der kulturellen Über- Ich-Gebote besonders 
interessant, das Gebot: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. In 
der Neurosenforschung und Neurosentherapie kommen wir dazu, 
zwei Vorwürfe gegen das Über- Ich des Einzelnen zu erheben: Es 
kümmert sich in der Strenge seiner Gebote und Verbote zu wenig 
um das Glück des Ichs, indem es die Widerstände gegen die 
Befolgung, die Triebstärke des Es und die Schwierigkeiten der 
realen Umwelt nicht genügend in Rechnung bringt. Wir sind 
daher in therapeutischer Absicht sehr oft genötigt, das Über-lch 
zu bekämpfen, und bemühen uns, seine Ansprüche zu erniedrigen. 
Ganz ähnliche Einwendungen können wir gegen die ethischen 
Forderungen des Kultur-Über-Ichs erheben. Auch dies kümmert 
sich nicht genug um die Tatsachen der seelischen Konstitution des 
Menschen, es erläßt ein Gebot und fragt nicht, ob es dem Menschen 
möglich ist, es zu befolgen. Vielmehr, es nimmt an, daß dem Ich 
des Menschen alles psychologisch möglich ist, was man ihm auf- 
trägt, daß dem Ich die unumschränkte Herrschaft über sein Es 
zusteht. Das ist ein Irrtum, und auch bei den sogenannt normalen 
Menschen läßt sich die Beherrschung des Es nicht über bestimmte 
Grenzen steigern. Fordert man mehr, so erzeugt man beim Ein- 
zelnen Auflehnung oder Neurose oder macht ihn unglücklich. Das 
Gebot „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" ist die stärkste 
Abwehr der menschlichen Aggression und ein ausgezeichnetes Bei- 
spiel für das unpsychologische Vorgehen des Kultur-Über-Ichs. Das 
Gebot ist undurchführbar; eine so großartige Inflation der Liebe 
kann nur deren Wert herabsetzen, nicht die Not beseitigen. Die 



112 Schriften aus den Jahren Ip28 — I^J} 

Kultur vernachlässigt all das; sie mahnt nur, je schwerer die Be- 
folgung der Vorschrift ist, desto verdienstvoller ist sie. Allein wer 
in der gegenwärtigen Kultur eine solche Vorschrift einhält, setzt 
sich nur in Nachteil gegen den, der sich über sie hinaussetzt. 
Wie gewaltig muß das Kulturhindernis der Aggression sein, wenn 
die Abwehr derselben ebenso unglücklich machen kann wie die 
Aggression selbst! Die sogenannte natürliche Ethik hat hier nichts 
zu bieten außer der narzißtischen Befriedigung, sich für besser 
halten zu dürfen, als die anderen sind. Die Ethik, die sich an die 
Religion anlehnt, läßt hier ihre Versprechungen eines besseren 
Jenseits eingreifen. Ich meine, solange sich die Tugend nicht schon 
auf Erden lohnt, wird die Ethik vergeblich predigen. Es scheint 
auch mir unzweifelhaft, daß eine reale Veränderung in den Be- 
ziehungen der Menschen zum Besitz hier mehr Abhilfe bringen 
wird als jedes ethische Gebot; doch wird diese Einsicht bei den 
Sozialisten durch ein neuerliches idealistisches Verkennen der mensch- 
lichen Natur getrübt und für die Ausführung entwertet. 

Die Betrachtungsweise, die in den Erscheinungen der Kultur- 
entwicklung die Rolle eines Über-Ichs verfolgen will, scheint mir 
noch andere Aufschlüsse zu versprechen. Ich eile zum. Abschluß. 
Einer Frage kann ich allerdings schwer ausweichen. Wenn die 
Kulturentwicklung so weitgehende Ähnlichkeit mit der des Einzelnen 
hat und mit denselben Mitteln arbeitet, soll man nicht zur Diagnose 
berechtigt sein, daß manche Kulturen, — oder Kulturepochen, — 
möglicherweise die ganze Menschheit — unter dem Einfluß der 
Kulturstrebungen „neurotisch" geworden sind? An die analj-tische 
Zergliederung dieser Neurosen könnten therapeutische Vorschläge 
anschließen, die auf großes praktisches Interesse Anspruch hätten. 
Ich könnte nicht sagen, daß ein solcher Versuch zur Übertragung 
der Psychoanalyse auf die Kulturgemeinschaft unsinnig oder zur 
Unfruchtbarkeit verurteilt wäre. Aber man müßte sehr vorsichtig 
sein, nicht vergessen, daß es sich doch nur um Analogien handelt,. 
und daß es nicht nur bei Menschen, sondern auch bei Begriffen 



Das Unbehagen in der Kultur 113 

gefahrlich ist, sie aus der Sphäre zu reißen, in der sie entstanden 
und entwickelt worden sind. Audi stößt die Diagnose der Gemein- 
schaftsneurosen auf eine besondere Schwierigkeit. Bei der Einzel- 
neurose dient uns als nächster Anhalt der Kontrast, in dem sich 
der Kranke von seiner als „normal" angenommenen Umgebung 
abhebt. Ein solcher Hintergrund entfallt bei einer gleichartig 
affizierten Masse, er müßte anderswoher geholt werden. Und was 
die therapeutische Verwendung der Einsicht betrifft, was hülfe die 
zutreffendste Analyse der sozialen Neurose, da niemand die Autorität 
besitzt, der Masse die Therapie aufzudrängen? Trotz aller dieser 
Erschwerungen darf man erwarten, daß jemand eines Tages das 
Wagnis einer solchen Pathologie der kulturellen Gemeinschaften 
unternehmen wird. . ■ 

Eine Wertung der menschlichen Kultur zu geben, liegt mir aus 
den verschiedensten Motiven sehr ferne. Ich habe mich bemüht 
das enthusiastische Vorurteil von mir abzuhalten, unsere Kultur 
sei das Kostbarste, was wir besitzen oder erwerben können und 
ihr Weg müsse uns notwendigerweise zu Höhen ungeahnter Voll- 
kommenheit führen. Ich kann wenigstens ohne Entrüstung den 
Kritiker anhören, der meint, wenn man die Ziele der Kultur- 
strebung und die Mittel, deren sie sich bedient, ins Auge faßt 
müsse man zu dem Schlüsse kommen, die ganze Anstrengung sei 
nicht der Mühe wert, und das Ergebnis könne nur ein Zustand 
sein, den der Einzelne unerträglich finden muß. Meine Unpartei- 
lichkeit wird mir dadurch leicht, daß ich über all diese Dinge 
sehr wenig weiß, mit Sicherheit nur das eine, daß die Werturteile 
der Menschen unbedingt von ihren Glückswünschen geleitet werden, 
also ein Versuch sind, ihre Illusionen mit Argumenten zu stützen. 
Ich verstünde es sehr wohl, wenn jemand den zwangsläufigen 
Charakter der menschlichen Kultur hervorheben und z. B. sagen 
würde, die Neigung zur Einschränkung des Sexuallebens oder zur 
Durchsetzung des Humanitätsideals auf Kosten der natürlichen Aus- 
lese seien Entwicklungsrichtungen, die sich nicht abwenden und 

Freud Xll. 8 






114 



Schriften aus den Jahren 192S — J^j j 



nicht ablenken lassen, und denen man sich am besten beugt, wie 
wenn es Naturnotwendigkeiten wären. Ich kenne auch die Ein- 
wendung dagegen, daß solche Slrebungen, die man für unüber- 
windbar hielt, oft im Laufe der Menschheitsgeschichte beiseite 
geworfen und durch andere ersetzt worden sind. So sinkt mir der 
Mut, vor meinen Mitmenschen als Prophet aufzustehen, und ich 
beuge mich ihrem Vorwurf, daß ich ihnen keinen Trost zu bringen 
weiß, denn das verlangen sie im Grunde alle, die wildesten Re- 
volutionäre nicht weniger leidenschaftlich als die bravsten Fromm- 
gläubigen. 

Die Schicksalsfrage der Menschenart scheint mir zu sein, ob und 
in welchem Maße es ihrer Kulturentwicklung gelingen wird, der 
Störung des Zusammenlebens durch den menschhchen Aggressions- 
und Selbstvernichtungstrieb Herr zu werden. In diesem Bezug ver- 
dient vielleicht gerade die gegenwärtige Zeit ein besonderes Inter- 
esse. Die Menschen haben es jetzt in der Beherrschung der Natur- 
kräfte so weit gebracht, daß sie es mit deren Hilfe leicht haben, 
einander bis auf den letzten Mann auszurotten. Sie wissen das, 
daher ein gut Stück ihrer gegenwärtigen Unruhe, ihres Unglücks, 
ihrer Angststimmung. Und nun ist zu erwarten, daß die andere 
der beiden „himmhschen Mächte", der ewige Eros, eine An- 
strengung machen wird, um sich im Kampf mit seinem ebenso 
unsterblichen Gegner zu behaupten. Aber wer kann den Erfolg und 
Ausgang voraussehen? 



r 



ÜBER LIBIDINÖSE TYPEN 

Zuerst erschienen in „Internationale Zeitschrift für 
Psychoanalyse", Bd, XVII, i^ji. 

Unsere Beobachtung zeigt uns, daß die einzelnen menschlichen 
Personen das allgemeine Bild des Menschen in einer kaum über- 
sehbaren Mannigfaltigkeit verwirklichen. Wenn man dem berech- 
tigten Bedürfnis nachgibt, in dieser Menge einzelne Typen zu 
unterscheiden, so wird man von vorneherein die Wahl haben nach 
welchen Merkmalen und von welchen Gesichtspunkten man diese 
Sonderung vornehmen soll. Körperliche Eigenschaften werden für 
diesen Zweck gewiß nicht weniger brauchbar sein als psychische- 
am wertvollsten werden solche Unterscheidungen sein, die ein regel- 
mäßiges Beisammensein von körperlichen und seelischen Merk- 
malen versprechen. ; :. .,.' 

Es ist fraglich, ob es uns bereits jetzt möglich ist, Typen von 
solcher Leistung herauszufinden, wie es später einmal auf einer 
noch unbekannten Basis gewiß gelingen wird. Beschränkt man sich 
auf die Bemühung, bloß psychologische Typen aufzustellen, so haben 
die Verhältnisse der Libido den ersten Anspruch, der Einteilung 
als Grundlage zu dienen. Man darf fordern, daß diese Einteilung 
nicht bloß aus unserem Wissen oder unseren Annahmen über die 
Libido abgeleitet sei, sondern daß sie sich auch in der Erfahrung 
leicht wiederfinden lasse und daß sie ihr Teil dazu beilrage, die 
Masse unserer Beobachtungen für unsere Auffassung zu klären. 



«• 



1 1 6 ^ Schr iften aus den Jahren 1928 — IQU 

Es ist ohne weiteres zuzugeben, daß diese libidinösen Typen auch 
auf psychischem Gebiet nicht die einzig möglichen zu sein brauchen, 
und daß man, von anderen Eigenschaften ausgehend, vielleicht eine 
ganze Reihe anderer psychologischer Typen aufstellen kann. Für 
alle solche Typen muß gelten, daß sie nicht mit Krankheitsbildern 
zusammenfallen dürfen. Sie sollen im Gegenteil alle die Variationen 
umfassen, die nach unserer praktisch gerichteten Schätzung in die 
Breite de^ Normalen fallen. Wohl aber können sie sich in ihren 
extremen Ausbildungen den Krankheitsbildern annähern und solcher- 
art die vermeintliche Kluft zwischen dem Normalen und dem Patho- 
logischen ausfüllen helfen. 

Nun lassen sich je nach der vorwiegenden Unterbringung der 
Libido in den Provinzen des seelischen Apparats drei libidinöse 
Haupttypen unterscheiden. Deren Namengebung ist nicht ganz 
leicht; in Anlehnung an unsere Tiefenpsychologie möchte ich sie 
als den erotischen, den narzißtischen und den Zwangstypus 
bezeichnen. 

Der erotische Typus ist leicht zu charakterisieren. Die Erotiker 
sind Personen, deren Hauptinteresse — der relativ größte Betrag 
ihrer Libido — dem Liebesleben zugewendet ist. Lieben, besonders 
aber Geliebtwerden, ist ihnen das Wichtigste. Sie werden von der 
Angst vor dem Liebesverlust beherrscht und sind darum besonders 
abhängig von den anderen, die ihnen die Liebe versagen können. 
Dieser Typus ist auch in seiner reinen Form recht häufig. Varia- 
tionen desselben ergeben sich je nach der Vermengung mit einem 
andern Typus und dem gleichzeitigen Ausmaß von Aggression. 
Sozial wie kulturell vertritt dieser Typus die elementaren Trieb- 
ansprüche des Es, dem die andern psychischen Instanzen gefügig 

geworden sind. 

Der zweite Typus, dem ich den zunächst befremdlichen Namen 
Zwangstypus gegeben habe, zeichnet sich durch die Vorherrschaft 
des Über-Ichs aus, das sich unter hoher Spannung vom Ich absondert. 
Er wird von der Gewissensangst beherrscht an Stelle der Angst vor 



Über libidinöse Typen ' ' 117 



dem Lieb es Verlust, zeigt eine sozusagen innere Abhängigkeit anstatt 
der äußeren, entfaltet ein hohes Maß von Selbständigkeit und wird 
sozial zum eigentlichen, vorwiegend konservativen Träger der Kultur, 
Der dritte, mit gutem Recht narzißtisch geheißene Typus ist 
wesentlich negativ charakterisiert. Keine Spannung zwischen Ich 
und Über-Ich, — man würde von diesem Typus her kaum zur 
Aufstellung eines Über-Ichs gekommen sein, — keine Übermacht 
der erotischen Bedürfnisse, das Hauptinteresse auf die Selbsterhaltung 
gerichtet, unabhängig und wenig eingeschüchtert. Dem Ich ist ein 
großes Maß von Aggression verfügbar, das sich auch in Bereit- 
schaft zur Aktivität kundgibt^ im Liebesleben wird das Lieben vor 
dem Geliebtwerden bevorzugt. Menschen dieses Typus imponieren 
den andern als „Persönlichkeiten", sind besonders geeignet, anderen 
als Anhalt zu dienen, die Rolle von Führern zu übernehmen, der 
Kulturentwicklung neue Anregungen zu geben oder das Bestehende 
zu schädigen. 

Diese reinen Typen werden dem Verdacht der Ableitung aus der 
Theorie der Libido kaum entgehen. Man fühlt sich aber auf dem 
sicheren Boden der Erfahrung, wenn man sich nun den gemischten 
Typen zuwendet, die um so viel häufiger zur Beobachtung kommen 
als die reinen. Diese neuen Typen, der erotisch-zwanghafte, der 
erotisch-narzißtische und der narzißtische Zwangstypus 
scheinen in der Tat eine gute Unterbringung der individuellen 
psychischen Strukturen, wie wir sie durch die Analyse kennenge- 
lernt haben, zu gestatten. Es sind längst vertraute Charakterbilder 
auf die man bei der Verfolgung dieser Mischtypen gerät. Beim 
erotischen Zwangstypus scheint die Übermacht des Trieblebens 
durch den Einfluß des Über-Ichs eingeschränkt^ die Abhängigkeit 
gleichzeitig von rezenten menschhchen Objekten und von den 
Relikten der Eltern, Erzieher und Vorbilder erreicht bei diesem 
Typus den höchsten Grad. Der erotisch-narzißtische ist viel- 
leicht jener, dem man die größte Häufigkeit zusprechen muß. Er 
vereinigt Gegensätze, die sich in ihm gegenseitig ermäßigen können; 



1 1 8 Schriften aus den Jahren 1^28 — -T^jj 



man kann an ihm im Vergleich mit den beiden anderen erotischen 
Typen lernen, daß Aggression und Aktivität mit der Vorherrschaft 
des Narzißmus zusammengehen. Der narzißtische Zwangstypus 
endlich ergibt die kulturell wertvollste Variation, indem er zur 
äußeren Unabhängigkeit und Beachtung der Gewissensforderung 
die Fähigkeit zur kraftvollen Betätigung hinzufügt und das Ich 
gegen das Über-Ich verstärkt. 

Man könnte meinen, einen Scherz zu machen, wenn man die 
Frage auf wirft, warum ein anderer theoretisch möglicher Misch- 
typus hier keine Erwähnung findet, nämlich der erotisch-zwang- 
haft-narzißtische. Aber die Antwort auf diesen Scherz ist ernst- 
haft: weil ein solcher Typus kein Tj-pus mehr wäre, sondern die 
absolute Norm, die ideale Harmonie, bedeuten würde. Man wird 
dabei inne, daß das Phänomen des Typus eben dadurch entsteht, 
daß von den drei Hauptverwendungen der Libido im seelischen 
Haushalt eine oder zwei auf Kosten der anderen begünstig;t 
worden sind. 

Man kann sich auch die Frage vorlegen, welches das Verhältnis 
dieser libidinösen Typen zur Pathologie ist, ob einige von ihnen 
zum Übergang in die Neurose besonders disponiert sind, und dann, 
welche Typen zu welchen Formen führen. Die Antwort wird lauten, 
daß die Aufstellung dieser libidinösen Typen kein neues Licht auf 
die Genese der Neurosen wirft. Nach dem Zeugnis der Erfahrung 
sind alle diese Typen ohne Neurose lebensfähig. Die reinen Typen 
mit dem unbestrittenen Übergewicht einer einzelnen seelischen 
Instanz scheinen die größere Aussicht zu haben, als reine Charakter- 
bilder aufzutreten, während man von den gemischten Typen er- 
warten könnte, daß sie für die Bedingungen der Neurose einen 
günstigeren Boden bieten. Doch meine ich, man sollte über diese 
Verhältnisse nicht ohne besonders gerichtete, sorgfältige Nachprüfung 

entscheiden. 

Daß die erotischen Typen im Falle der Erkrankung Hysterie 
ergeben, wie die Zwangstypen Zwangsneurose, scheint ja leicht zu 



über libidinöse Typen 1 1 g 



erraten, ist aber auch an der zuletzt betonten Unsicherheit be- 
t^igt. Die narzißtischen Typen, die bei ihrer sonstigen Unab- 
hängigkeit der Versagung von Seiten der Außenwelt ausgesetzt sind, 
enthalten eine besondere Disposition zur Psychose, wie sie auch 
wesentliche Bedingungen des Verbrechertums beistellen. 

Die ätiologischen Bedingungen der Neurose sind bekanntlich noch 
nicht sicher erkannt. Die Veranlassungen der Neurose sind Ver- 
sagungen und innere Konflikte, Konflikte zwischen den drei großen 
psychischen Instanzen, Konflikte innerhalb des Libidohaushalts in- 
folge der bisexuellen Anlage, zwischen den erotischen und aggres- 
siven Triebkomponenten. Was diese dem normalen psychischen 
Ablauf zugehörigen Vorgänge pathogen macht, bemüht sich die 
Neurosenpsychologie zu ergründen. 



ÜBER DIE 
WEIBLICHE SEXUALITÄT 

Zuerst erschienen in „Internationale Zeitschrift für 
Psychoanalyse", Bd. XVII, ipjl. 

I 

In der Phase des normalen Ödipuskomplexes finden wir das Kind 
an den gegengeschlechtlichen Elternteil zärtlich gebunden, während 
im Verhältnis zum gleichgeschlechtlichen die Feindseligkeit vorwiegt. 
Es macht uns keine Schwierigkeiten, dieses Ergebnis für den Knaben 
abzuleiten. Die Mutter war sein erstes Liebesobjekt; sie bleibt es, 
mit der Verstärkung seiner verliebten Strebungen und der tieferen 
Einsicht in die Beziehung zwischen Vater und Mutter muß der 
Vater zum Rivalen werden. Anders für das kleine Mädchen. Ihr 
erstes Objekt war doch auch die Mutter; wie findet sie den Weg 
zum Vater? Wie, wann und warum macht sie sich von der Mutter 
los? Wir haben längst verstanden, die Entwicklung der weiblichen 
Sexualität werde durch die Aufgabe kompliziert, die ursprünglich 
leitende genitale Zone, die Klitoris, gegen eine neue, die Vagina, 
aufzugeben. Nun erscheint uns eine zweite solche Wandlung, der 
Umtausch des ursprünglichen Mutterobjekts gegen den Vater, nicht 
weniger charakteristisch und bedeutungsvoll für die Entwicklung 
des Weibes. In welcher Art die beiden Aufgaben miteinander ver- 
knüpft sind, können wir noch nicht erkennen. 



I 



d 



über die weibliche Sexualität 121 



Frauen mit starker Vaterbindung sind bekanntlich sehr häufig; 
sie brauchen auch keineswegs neurotisch zu sein. An solchen Frauen 
habe ich die Beobachtungen gemacht, über die ich hier berichte und 
die mich zu einer gewissen Auffassung der weiblichen Sexualität 
veranlaßt haben. Zwei Tatsachen sind mir da vor allem aufgefallen. 
Die erste war: wo eine besonders intensive Vaterbindung bestand, da 
hatte es nach dem Zeugnis der Analyse vorher eine Phase von aus- 
schließlicher Mutterbindung gegeben von gleicher Intensität und 
Leidenschaftlichkeit. Die zweite Phase hatte bis auf den Wechsel 
des Objekts dem Liebesleben kaum einen neuen Zug hinzugefügt. 
Die primäre Mutterbeziehung war sehr reich und vielseitig aus- 
gebaut gewesen. 

Die zweite Tatsache lehrte, daß man auch die Zeitdauer dieser 
Mutterbindung stark unterschätzt hatte. Sie reichte in mehreren 
Fällen bis weit ins vierte, in einem bis ins fünfte Jahr, nahm also 
den bei weitem längeren Anteil der sexuellen Frühblüte ein. Ja 
man mußte die Möglichkeit gelten lassen, daß eine Anzahl von 
weiblichen Wesen in der ursprünglichen Mutterbindung stecken 
bleibt und es niemals zu einer richtigen Wendung zum Manne 
bringt. 

Die präödipale Phase des Weibes rückt hiemit zu einer Bedeu- 
tung auf, die wir ihr bisher nicht zugeschrieben haben. 

Da sie für alle Fixierungen und Verdrängungen Raum hat, auf 
die wir die Entstehung der Neurosen zurückführen, scheint es er- 
forderlich, die Allgemeinheit des Satzes, der Ödipuskomplex sei der 
Kern der Neurose, zurückzunehmen. Aber wer ein Sträuben gegen 
diese Korrektur verspürt, ist nicht genötigt, sie zu machen. Einer- 
seits kann man dem Ödipuskomplex den weiteren Inhalt geben, daß 
er alle Beziehungen des Kindes zu beiden Eltern umfaßt, ander- 
seits kann man den neuen Erfahrungen auch Rechnung tragen, 
indem man sagt, das Weib gelange zur normalen positiven Ödipus- 
situation erst, nachdem es eine vom negativen Komplex beherrschte 
Vorzeit überwunden. Wirklich ist während dieser Phase der Vater 



1B2 Schriften aus den Jahren ip2S — 19J) 

für das Mädchen nicht viel anderes als ein lästiger Rivale, wenn- 
gleich die Feindseligkeit gegen ihn nie die für den Knaben charak- 
teristische Höhe erreicht. Alle Erwartungen eines glatten Parallelis- 
mus zwischen männlicher und weiblicher Sexual entwicklung haben 
wir ja längst aufgegeben. 

Die Einsicht in die präödipale Vorzeit des Mädchens wirkt als 
Überraschung, ähnlich wie auf anderem Gebiet die Aufdeckung 
der minoisch-raykenischen Kultur hinter der griechischen. 

Alles auf dem Gebiet dieser ersten Mutterbindung erschien mir 
so schwer analytisch zu erfassen, so altersgrau, schattenhaft, kaum 
wiederbelebbar, als ob es einer besonders unerbittlichen Verdrän- 
gung erlegen wäre. Vielleicht kam dieser Eindruck aber davon, 
daß die Frauen in der Analyse bei mir an der nämlichen Vater- 
bindung festhalten konnten, zu der sie sich aus der in Rede stehen- 
den Vorzeit geflüchtet hatten. Es scheint wirklich, daß weibliche 
Analytiker, wie Jeanne Lampl-de Groot und Helene Deutsch, 
diese Tatbestände leichter und deutlicher wahrnehmen konnten, 
weil ihnen bei ihren Gewährspersonen die Übertragung auf einen 
geeigneten Mutterersatz zu Hilfe kam. Ich habe es auch nicht 
dahin gebracht, einen Fall vollkommen zu durchschauen, beschränke 
mich daher auf die Mitteilung der allgemeinsten Ergebnisse und 
führe nur wenige Proben aus meinen neuen Einsichten an. Dahin 
gehört, daß diese Phase der Mutterbindung eine besonders intime 
Beziehung zur Ätiologie der Hysterie vermuten läßt, was nicht 
überraschen kann, wenn man erwägt, daß beide, die Phase wie 
die Neurose, zu den besonderen Charakteren der Weiblichkeit ge- 
hören, ferner auch, daß man in dieser Mutterabhängigkeit den 
Keim der späteren Paranoia des Weibes findet.' Denn dies scheint 
die überraschende, aber regelmäßig angetroffene Angst, von der 
Mutter umgebracht (aufgefressen?) zu werden, wohl zu sein. Es 



1) In dem bekannten Fall von Ruth Mack Brunswick (Die Analyse eines 
Eifers« chlswahncs, Int. Zeitschr. f. PsA. XIV, 1928J geht die Affektion direkt au» der 
präödipalen (Schwester-) Fixierung hervor. 



über die weibliche Sexualität 1 33 

liegt nahe, anzunehmen, daß diese Angst einer Feindseligkeit ent- 
spricht, die sich im Kind gegen die Mutter infolge der vielfachen 
Einschränkungen der Erziehung und Körperpflege entwickelt, und 
daß der Mechanismus der Projektion durch die Frühzeit der psy- 
chischen Organisation begünstigt wird. 



11 

Ich habe die beiden Tatsachen vorangestellt, die mir als neu 
aufgefallen sind, daß die starke Vaterabhängigkeit des Weibes nur 
das Erbe einer ebenso starken Mutterbindung antritt und daß diese 
frühere Phase durch eine unerwartet lange Zeitdauer angehalten 
hat. Nun will ich zurückgreifen, um diese Ergebnisse in das uns 
bekanntgewordene Bild der weiblichen Sexualentwicklung einzu- 
reihen, wobei Wiederholungen nicht zu vermeiden sein werden. 
Die fortlaufende Vergleichung mit den Verhältnissen beim Manne 
kann unserer Darstellung nur förderlich sein. 

Zunächst ist es unverkennbar, daß die für die menschhche An- 
lage behauptete Bisexualität beim Weib viel deutlicher hervortritt 
als beim Mann. Der Mann hat doch nur eine leitende Geschlechts- 
zone, ein Geschlechtsorgan, während das Weib deren zwei besitzt: 
die eigentlich weibliche Vagina und die dem männlichen Glied 
analoge Klitoris. Wir halten uns für berechtigt anzunehmen, daß 
die Vagina durch lange Jahre so gut wie nicht vorhanden ist, viel- 
leicht erst zur Zeit der Pubertät Empfindungen liefert. In letzter 
Zeit mehren sich allerdings die Stimmen der Beobachter, die vagi- 
nale Regungen auch in diese frühen Jahre verlegen. Das Wesent- 
liche, was also an Genitalität in der Kindheit vorgeht, muß sich 
beim Weibe an der Klitoris abspielen. Das Geschlechtsleben des 
Weibes zerfällt regelmäßig in zwei Phasen, von denen die erste 
männlichen Charakter hat; erst die zweite ist die spezifisch weib- 
liche. In der weiblichen Entwicklung gibt es so einen Prozeß der 
Überführung der einen Phase in die andere, dem beim Manne 



124 Schriften aus den Jahren Ip2S — 19)3 

nichts analog ist. Eine weitere Komplikation entsteht daraus, daß 
sich die Funktion der virilen Klitoris in das spätere weibliche Ge- 
schlechtsleben fortsetzt in einer sehr wechselnden und gewiß nicht 
befriedigend verstandenen Weise. Natürlich wissen wir nicht, wie 
sich diese Besonderheiten des Weibes biologisch begründen; noch 
weniger können wir ihnen teleologische Absicht unterlegen. 

Parallel dieser ersten großen Differenz läuft die andere auf dem 
Gebiet der Objektfind ung. Beim Manne wird die Mutter zum ersten 
Liebesobjekt infolge des Einflusses von Nahrungszufuhr und Körper- 
pflege, und sie bleibt es, bis sie durch ein ihr wesensähnliches oder 
von ihr abgeleitetes ersetzt wird. Auch beim Weib muß die Mutter 
das erste Objekt sein. Die Urbedingungen der Objektwahl sind ja 
für alle Kinder gleich. Aber am Ende der Entwicklung soll der 
Mann-Vater das neue Liebesobjekt geworden sein, d. h. dem Ge- 
schlechtswechsel des Weibes muß ein Wechsel im Geschlecht des 
Objekts entsprechen. Als neue Aufgaben der Forschung entstehen 
hier die Fragen, auf welchen Wegen diese Wandlung vor sich 
geht, wie gründlich oder unvollkommen sie vollzogen wird, welche 
verschiedenen Möglichkeiten sich bei dieser Entwicklung ergehen. 

Wir haben auch bereits erkannt, daß eine weitere Differenz der 
Geschlechter sich auf das Verhältnis zum Ödipuskomplex bezieht. 
Unser Eindruck ist hier, daß unsere Aussagen über den Ödipus- 
komplex in voller Strenge nur für das männliche Kind passen, und 
daß wir recht daran haben, den Namen Elektrakomplex abzulehnen, 
(ler die Analogie im. Verhalten beider Geschlechter betonen will. Die 
schicksalhafte Beziehung von gleichzeitiger Liebe zu dem einen und 
Rivalitätsliaß gegen den anderen Elternteil stellt sich nur für das 
männliche Kind her. Bei diesem ist es dann die Entdeckung der 
Kastrationsmöglichkeit, wie sie durch den Anblick des weiblichen 
Genitales erwiesen wird, die die Umbildung des Ödipuskomplexes 
erzwingt, die Schaffung des Über-Ichs herbeiführt und so all die 
Vorgänge einleitet, die auf die Einreihung des Einzelwesens in die 
Kulturgemeinschaft abzielen. Nach der Verinnerlichung der Vater- 



über die weibliche Sexualität lag 

Instanz zum Über-Ich ist die weitere Aufgabe zu lösen, dies letztere 
von den Personen abzulösen, die es ursprünglich seelisch vertreten 
hat. Auf diesem merkwürdigen Entwicklungsweg ist gerade das 
narzißtische Genitalinteresse, das an der Erhaltung des Penis, zur 
Einschränkung der infantilen Sexualität gewendet worden. 

Beim Manne erübrigt vom Einfluß des Kastrationskomplexes auch 
ein Maß von Geringschätzung für das als kastriert erkannte Weib. 
Aus dieser entwickelt sich im Extrem eine Hemmung der Objekt- 
wahl und bei Unterstützung durch organische Faktoren ausschließ- 
liche Homosexualität. Ganz andere sind die Wirkungen des Kastra- 
tionskomplexes beim Weib. Das Weib anerkennt die Tatsache seiner 
Kastration und damit auch die Überlegenheit des Mannes und seine 
eigene Minderwertigkeit, aber es sträubt sich auch gegen diesen 
unliebsamen Sachverhalt. Aus dieser zwiespältigen Einstellung leiten 
sich drei Enlwicklungsrichtungen ab. Die erste führt zur allge- 
meinen Abwendung von der Sexualität. Das kleine Weib, durch 
den Vergleich mit dem Knaben geschreckt, wird mit seiner Klitoris 
unzufrieden, verzichtet auf seine phallische Betätigung und damit 
auf die Sexualität überhaupt wie auf ein gutes Stuck seiner Männ- 
lichkeit auf anderen Gebieten. Die zweite Richtung hält in trotziger 
Selbstbehauptung an der bedrohten Männlichkeit fest; die Hoff- 
nung, noch einmal einen Penis zu bekommen, bleibt bis in unglaub- 
lich späte Zeiten aufrecht, wird zum Lebenszweck erhoben, und 
die Phantasie, trotz alledem ein Mann zu sein, bleibt oft gestaltend 
für lange Lebensperioden. Auch dieser „Männlichkeitskomplex" des 
Weibes kann in manifest homosexuelle Objektwahl ausgehen. Erst 
eine dritte, recht umwegige Entwicklung mündet in die normal 
weibliche Endgestaltung aus, die den Vater als Objekt nimmt und 
so die weibliche Form des Ödipuskomplexes findet. Der Ödipus- 
komplex ist also beim Weib das Endergebnis einer längeren Ent- 
wicklung, er wird durch den Einfluß der Kastration nicht zerstört, 
sondern durch ihn geschaffen, er entgeht den starken feindlichen 
Einflüssen, die beim Mann zerstörend auf ihn einwirken, ja er 



126 Schriften aus den Jahren 1^28 — 1933 

wird allzuhäufig vom Weib überhaupt nicht überwunden. Darum, 
sind auch die kulturellen Ergebnisse seines Zerfalls geringfügiger 
und weniger belangreich. Man geht wahrscheinlich nicht fehl, wenn 
man aussagt, daß dieser Unterschied in der gegenseitigen Beziehung 
von Ödipus- und Kastrationskomplex den Charakter des Weibes als 
soziales Wesen prägt.' 

Die Phase der ausschließlichen Mutterbindung, die präödipal 
genannt werden kann, beansprucht also beim Weib eine weitaus 
größere Bedeutung, als ihr beim Mann zukommen kann. Viele Er- 
scheinungen des weiblichen Sexuallebens, die früher dem Verständnis 
nicht recht zugänglich waren, finden in der Zurückführung auf 
sie ihre volle Aufklärung. Wir haben z. B. längst bemerkt, daß viele 
Frauen, die ihren Mann nach dem Vatervorbild gewählt oder ihn 
an die Vaterstelle gesetzt haben, doch in der Ehe an ihm ihr 
schlechtes Verhältnis zur Mutter wiederholen. Er sollte die Vater- 
beziehung erben und in Wirklichkeit erbt er die Mutterbeziehung. 
Das versteht man leicht als einen naheliegenden Fall von Regression. 
Die Mutterbeziehung war die ursprüngliche, auf sie war die Vater- 
bindung aufgebaut, und nun kommt in der Ehe das Ursprüng- 
liche aus der Verdrängung zum Vorschein. Die Überschreibung 
affektiver Bindungen vom Mutter- auf das Vaterobjekt bildete ja 
den Hauptinhalt der zum Weibtum führenden Entwicklung. 

Wenn wir bei so vielen Frauen den Eindruck bekommen, daß 
ihre Reifezeit vom Kampf mit dem Ehemann ausgefüllt wird, wie 

1) Man kann vorhersehen, daß die Feministen unter den Männern, aüer auch 
unsere weiblichen Analytiker mit diesen Ausführungen nicht einverstanden sein 
werden. Sie dürften kaum die Einwendung zurückhalten, solche Lehren stammen 
aus dem „IMännlichkeitskomplex" des Mannes und sollen dazu dienen, seiner ange- 
borenen Neigung lur Herabsetzung und Unterdrückung des Weibes eine tbeoretiscbe 
Rech t fei- tigung zu schaffen. Allein eine solche psychoanalytische Argumentation 
mahnt in diesem Falle, wie so häufig, an den berühmten „Stock mit zwei Enden" 
Dostojewskis. Die Gegner werden es ihrerseits begreiflich finden, daQ das Geschlecht 
der Frauen nicht annehmen will, was der heiß begehrten Gleichstellung mit dem 
Manne zu widersprechen scheint. Die agonale Verwendmig der Analyse führt offen- 
bar nicht zur Entscheidung. 



über die weibliche Sexualität 127 

ihre Jugend im Kampf mit der Mutter verbracht wurde, so werden 
wir im Licht der vorstehenden Bemerkungen den Schluß ziehen, 
daß deren feindselige Einstellung zur Mutter nicht eine Folge der 
Rivalität des Ödipuskomplexes ist, sondern aus der Phase vorher 
stammt und in der Ödipussituation nur Verstärkung und Verwen- 
dung erfahren hat. So wird es auch durch direkte analytische Unter- 
suchung bestätigt. Unser Interesse muß sich den Mechanismen zu- 
wenden, die bei der Abwendung von dem so intensiv und aus- 
schließlich geliebten Mutterobjekt wirksam geworden sind. Wir sind 
darauf voibereitet, nicht ein einziges solches Moment, sondern eine 
ganze Reihe von solchen Momenten zu finden, die zum gleichen 
Endziel zusammenwirken. 

Unter ihnen treten einige hervor, die durch die Verhältnisse der 
infantilen Sexualität überhaupt bedingt sind, also in gleicher Weise 
für das Liebesleben des Knaben gelten. In erster Linie ist hier die 
Eifersucht auf andere Personen zu nennen, auf Geschwister, Rivalen, 
neben denen auch der Vater Platz findet. Die kindliche Liebe ist 
maßlos, verlangt Ausschließlichkeit, gibt sich nicht mit Anteilen 
zufrieden. Ein zweiter Charakter ist aber, daß diese Liebe auch 
eigentlich ziellos, einer vollen Befriedigung unfähig ist, und wesent- 
lich darum ist sie dazu verurteilt, in Enttäuschung auszugehen und 
einer feindlichen Einstellung Platz zu machen. In späteren Lebens- 
zeiten kann das Ausbleiben einer Endbefriedigung einen anderen 
Ausgang begünstigen. Dies Moment mag wie bei den zielgehemmten 
Liebesbeziehungen die ungestörte Fortdauer der Libidobesetzung 
versichern, aber im Drang der Entwicklungsvorgänge ereignet es 
sich regelmäßig, daß die Libido die unbefriedigende Position ver- 
läßt, um eine neue aufzusuchen. 

Ein anderes weit mehr spezifisches Motiv zur Abwendung von 
der Mutter ergibt sich aus der Wirkung des Kastrationskomplexes 
auf das penislose Geschöpf. Irgendeinmal macht das kleine Mädchen 
die Entdeckung seiner organischen Minderwertigkeit, natürlich früher 
und leichter, wenn es Brüder hat oder andere Knaben in der Nähe 



128 S chriften aus den Jahren l^2S—i^}) 

sind. Wir haben schon gehört, welche drei Richtungen sich dann 
voneinander scheiden: a) die zur Einstellung des ganzen Sexual- 
lebens^ b) die zur trotzigen Überbetonung der MännUchkeit; c) die 
Ansätze zur endgültigen Weiblichkeit. Genauere Zeitangaben zu 
machen und typische Verlaufsweisen festzulegen, ist hier nicht leicht. 
Schon der Zeitpunkt der Entdeckung der Kastration ist wechselnd, 
manche andere Momente scheinen inkonstant und vom Zufall ab- 
hängig. Der Zustand der eigenen phallischen Betätigung kommt 
in Betracht, ebenso ob diese entdeckt wird oder nicht, und welches 
Maß von Verhinderung nach der Entdeckung erlebt wird. 

Die eigene phalHsche Betätigung, Masturbation an der Klitoris, 
wird vom kleinen Mädchen meist spontan gefunden, ist gewiß 
zunächst phantasielos. Dem Einfluß der Körperpflege an ihrer Er- 
weckung wird durch die so häufige Phantasie Rechnung getragen, 
die Mutter, Amme oder Kinderfrau zur Verführerin macht. Ob die 
Onanie der Mädchen seltener und von Anfang an weniger ener- 
gisch ist als die der Knaben, bleibt dahingestellt; es wäre wohl 
möglich. Auch wirkliche Verführung ist häufig genug, sie geht 
entweder von anderen Kindern oder von Pflegepersonen aus, die 
das Kind beschwichtigen, einschläfern oder von sich abhängig machen 
wollen. Wo Verführung einwirkt, stört sie regelmäßig den natür- 
lichen Ablauf der Entwicklungsvorgänge; oft hinterläßt sie weit- 
gehende und andauernde Konsequenzen. 

Das Verbot der Masturbation wird, wie wir gehört haben, zum 
Anlaß, sie aufzugeben, aber auch zum Motiv der Auflehnung gegen 
die verbietende Person, also die Mutter oder den Mutterersatz, 
der später regelmäßig mit ihr verschmilzt. Die trotzige Behauptung 
der Masturbation scheint den Weg zur Männlichkeit zu eröffnen. 
Auch wo es dem. Kind nicht gelungen ist, die Masturbation zu 
unterdrücken, zeigt sich die Wirkung des anscheinend machtlosen 
Verbots in seinem späteren Bestreben, sich mit allen Opfern von 
der ihm verleideten Befriedigung frei zu machen. Noch die Objekt- 
wahl des reifen Mädchens kann von dieser festgehaltenen Absicht 



i 



über die weiblicke Sexualität i ag 

beeinflußt werden. Der Groll wegen der Behinderung in der freien 
sexuellen Betätigung spielt eine große Rolle in der Ablösung von 
der Mutter. Dasselbe Motiv wird auch nach der Pubertät wieder 
zur Wirkung kommen, wenn die Mutter ihre Pflicht erkennt, 
die Keuschheit der Tochter zu behüten. Wir werden natürlich 
nicht daran vergessen, daß die Mutter der Masturbation des Knaben 
in gleicher Weise entgegentritt und somit auch ihm ein starkes 
Motiv zur Auflehnung schafft. 

Wenn das kleine Mädchen durch den Anblick eines m^ännlichen 
Genitales seinen eigenen Defekt erfährt, nimmt sie die unerwünschte 
Belehrung nicht ohne Zögern und ohne Sträuben an. Wie wir 
gehört haben, wird die Erwartung, auch einmal ein solches Genitale 
zu bekommen, hartnäckig festgehalten, und der Wunsch danach 
überlebt die Hoffnung noch um lange Zeit. In allen Fällen hält 
das Kind die Kastration zunächst nur für ein individuelles Miß- 
geschick, erst später dehnt es dieselbe auch auf einzelne Kinder, 
endlich auf einzelne Erwachsene aus. Mit der Einsicht in die 
Allgemeinheit dieses negativen Charakters stellt sich eine große 
Entwertung der Weiblichkeit, also auch der Mutter, her. 

Es ist sehr wohl möglich, daß die vorstehende Schilderung, wie 
sich das kleine Mädchen gegen den Eindruck der Kastration und 
das Verbot der Onanie verhält, dem Leser einen verworrenen und 
widerspruchsvollen Eindruck macht. Das ist nicht ganz die Schuld 
des Autors. In Wirklichkeit ist eine allgemein zutreffende Dar- 
stellung kaum möglich. Bei verschiedenen Individuen findet man 
die verschiedensten Reaktionen, bei demselben Individuum bestehen 
die entgegengesetzten Einstellungen nebeneinander. Mit dem ersten 
Eingreifen des Verbots ist der Konflikt da, der von nun an die 
Entwicklung der Sexualfunktion begleiten wird. Es bedeutet auch 
eine besondere Erschwerung der Einsicht, daß man so große Mühe 
hat, die seelischen Vorgänge dieser ersten Phase von späteren zu 
unterscheiden, durch die sie überdeckt und für die Erinnerung 
entstellt werden. So wird z. B. später einmal die Tatsache der 

Freud Xir. 9 



150 Schriften aus den Jahren I<^2S—I^)J 

Kastration als Strafe für die onanistische Betätigung aufgefaßt, deren 
Ausführung aber dem Vater zugeschoben, was beides gewiß nicht 
ursprünglich sein kann. Auch der Knabe befürchtet die Kastration 
regelmäßig von Seiten des Vaters, obwohl auch bei ihm die Drohung 
zumeist von der Mutter ausgeht. 

Wie dem auch sein mag, am Ende dieser ersten Phase der 
Mutierbindung taucht als das stärkste Motiv zur Abwendung von 
der Mutter der Vorwurf auf, daß sie dem Kind kein richtiges 
Genitale mitgegeben, d. h. es als Weib geboren hat. Nicht ohne 
Überraschung vernimmt man einen anderen Vorwurf, der etwas 
weniger weit zurückgreift: die Mutter hat dem Kind zu wenig 
Milch gegeben, es nicht lange genug genährt. Das mag in unseren 
kulturellen Verhältnissen recht oft zutreffen, aber gewiß nicht so 
oft, als es in der Analyse behauptet wird. Es scheint vielmehr, 
als sei diese Anklage ein Ausdruck der allgemeinen Unzufriedenheit 
der Kinder, die unter den kulturellen Bedingungen der Monogamie 
nach sechs bis neun Monaten der Mutterbrust entwöhnt werden, 
während die primitive Mutter sich zwei bis drei Jahre lang aus- 
schließlich ihrem Kinde widmet, als wären unsere Kinder für immer 
ungesättigt geblieben, als hätten sie nie lang genug an der Mutler- 
brust gesogen. Ich bin aber nicht sicher, ob man nicht bei der 
Analyse von Kindern, die solange gesäugt worden sind wie die 
Kinder der Primitiven, auf dieselbe Klage stoßen würde. So groß 
ist die Gier der kindlichen Libido! Überblickt man die ganze Reihe 
der Motivierungen, welche die Analyse für die Abwendung von 
der Mutter aufdeckt, daß sie es unterlassen hat, das Mädchen mit 
dem einzig richtigen Genitale auszustatten, daß sie es ungenügend 
ernährt hat, es gezwungen hat, die Mutterliebe mit anderen zu 
teilen, daß sie nie alle Liebeserwartungen erfüllt, und endlich, 
daß sie die eigene Sexualbetätigung zuerst angeregt und dann ver- 
boten hat, so scheinen sie alle zur Rechtfertigung der endlichen 
Feindseligkeit unzureichend. Die einen von ihnen sind unvermeidliche 
Abfolgen aus der Natur der infantilen Sexualität, die anderen nehmen 



über die weibliche Sexualität 151 

sich aus wie später zurechtgemachte Rationalisierungen der un- 
verstandenen Gefühlswandlung. Vielleicht geht es eher so zu, daß 
die Mutterbindung zugrunde gehen muD, gerade darum, weil sie 
die erste und so intensiv ist, ähnlich wie man es so oft an den 
ersten, in stärkster Verliebtheit geschlossenen Ehen der jungen 
Frauen beobachten kann. Hier wie dort würde die Liebeseinslellung 
an den unausweichlichen Enttäuschungen und an der Anhäufung 
der Anlässe zur Aggression scheitern. Zweite Ehen gehen in der 
Regel weit besser aus. 

Wir können nicht so weit gehen zu behaupten, daß die Am- 
bivalenz der Gefühlsbesetzungen ein allgemeingültiges psycho- 
logisches Gesetz ist, daß es überhaupt unmöglich ist, große Liebe 
für eine Person zu empfinden, ohne daß sich ein vielleicht ebenso 
großer Haß hinzugesellt oder umgekehrt. Dem Normalen und 
Erwachsenen gelingt es ohne Zweifel, beide Einstellungen von- 
einander zu sondern, sein Liebesobjekt nicht zu hassen und seinen 
Feind nicht auch lieben zu müssen. Aber das scheint das Ergebnis 
späterer Entwicklungen. In den ersten Phasen des Liebeslebens ist 
offenbar die Ambivalenz das Regelrechte. Bei vielen Menschen 
bleibt dieser archaische Zug über das ganze Leben erhalten für 
die Zwangsneurotiker ist es charakteristisch, daß in ihren Obiekt- 
beziehungen Liebe und Haß einander die Waage halten. Auch für 
die Primitiven dürfen wir das Vorwiegen der Ambivalenz behaupten. 
Die intensive Bindung des kleinen Mädchens an seine Mutter 
müßte also eine stark ambivalente sein und unter der Mithilfe 
der anderen Momente gerade durch diese Ambivalenz zur Abwendung 
von ihr gedrängt werden, also wiederum infolge eines allgemeinen 
Charakters der infantilen Sexualität. 

Gegen diesen Erklärungsversuch erhebt sich sofort die Frage: 
Wie wird es aber den Knaben möglich, ihre gewiß nicht weniger 
intensive Mutterbindung unangefochten festzuhalten? Ebenso rasch 
ist die Antwort bereit: Weil es ihnen ermöglicht ist, ihre Ambi- 
valenz gegen die Mutter zu erledigen, indem sie all ihre feind- 



Ija Schriften aus den Jahren 1^28 — I^)) 

seligen Gefühle beim Vater unterbringen. Aber erstens soll man 
diese Antwort nicht geben, ehe man die präödipale Phase der 
Knaben eingehend studiert hat, und zweitens ist es wahrscheinlich 
überhaupt vorsichtiger, sich einzugestehen, daß man diese Vorgänge, 
die man eben kennen gelernt hat, noch gar nicht gut durchschaut. 



m 

Eine weitere Frage lautet: Was verlangt das kleine Mädchen 
von der Mutter? Welcher Art sind seine Sexualziele in jener Zeit 
der ausschließlichen Mutterbindung? Die Antwort, die man aus 
dem analytischen Material entnimmt, stimmt ganz mit unseren 
Erwartungen überein. Die Sexualziele des Mädchens bei der Mutter 
sind aktiver wie passiver Natur, und sie werden durch die Libido- 
phasen bestimmt, die das Kind durchläuft. Das Verhältnis der 
Aktivität zur Passivität verdient hier unser besonderes Interesse. 
Es ist leicht zu beobachten, daß auf jedem Gebiet des seelischen 
Erlebens, nicht nur auf dem der Sexualität, ein passiv empfangener 
Eindruck beim Kind die Tendenz zu einer aktiven Reaktion hervor- 
ruft. Es versucht, das selbst zu machen, was vorhin an oder mit 
ihm gemacht worden ist. Es ist das ein Stück der Bewältigungs- 
arbeit an der Außenwelt, die ihm auferlegt ist, und kann selbst 
dazu führen, daß es sich um die Wiederholung solcher Eindrücke 
bemüht, die es wegen ihres peinlichen Inhalts zu vermeiden Anlaß 
hätte. Auch das Kinderspiel wird in den Dienst dieser Absicht 
gestellt, ein passives Erlebnis durch eine aktive Handlung zu er- 
gänzen und es gleichsam auf diese Art aufzuheben. Wenn der 
Doktor dem sich sträubenden Kind den Mund geöffnet hat, um 
ihm in den Hals zu schauen, so wird nach seinem Fortgehen das 
Kind den Doktor spielen und die gewalttätige Prozedur an einem 
kleinen Geschwisterchen wiederholen, das ebenso hilflos gegen es 
ist, wie es selbst gegen den Doktor war. Eine Auflehnung gegen 
die Passivität und eine Bevorzugung der aktiven Rolle ist dabei 



1 



I 



^ 



iJber die weibliche Sexualität i «j 



unverkennbar. Nicht bei allen Kindern wird diese Schwenkung von 
der Passivität zur Aktivität gleich regelmäßig und energisch aus- 
fallen, bei manchen mag sie ausbleiben. Aus diesem Verhalten des 
Kindes mag man einen Schluß auf die relative Stärke der Männ- 
lichkeit und WeibUchkeit ziehen, die das Kind in seiner Sexualität 
an den Tag legen wird. 

Die ersten sexuellen und sexuell mitbetonten Erlebnisse des 
Kindes bei der Mutter sind natürlich passiver Natur. Es wird von 
ihr gesäugt, gefüttert, gereinigt, gekleidet und zu allen Verrich- 
tungen angewiesen. Ein Teil der Libido des Kindes bleibt an diesen 
Erfahrungen haften und genießt die mit ihnen verbundenen Be- 
friedigungen, ein anderer Teil versucht sich an ihrer Umwendung 
zur Aktivität. An der Mutterbrust wird zuerst das Gesäugtwerden 
durch das aktive Saugen abgelöst. In den anderen Beziehungen 
begnügt sich das Kind entweder mit der Selbständigkeit, d. h. mit 
dem Erfolg, daß es selbst ausführt, was bisher mit ihm geschehen 
ist, oder mit aktiver Wiederholung seiner passiven Erlebnisse im 
Spiel, oder es macht wirklich die Mutter zum Objekt, gegen das 
es als tätiges Subjekt auftritt. Das letztere, was auf dem Gebiet 
der eigentUchen Betätigung vor sich geht, erschien mir lange Zeit 
hindurch unglaublich, bis die Erfahrung jeden Zweifel daran 
widerlegte. 

Man hört selten davon, daß das kleine Mädchen die Mutter 
waschen, ankleiden oder zur Verrichtung ihrer exkrementellen Be- 
dürfnisse mahnen will. Es sagt zwar gelegentlich: jetzt wollen wir 
spielen, daß ich die Mutter bin und du das Kind, — aber zumeist 
erfüllt es sich diese aktiven Wünsche in indirekter Weise ira Spiel 
mit der Puppe, in dem es selbst die Mutter darstellt wie die Puppe 
das Kind. Die Bevorzugung des Spiels mit der Puppe beim Mäd- 
chen im Gegensatz zum Knaben wird gewöhnlich als Zeichen der 
früh erwachten WeibUchkeit aufgefaßt. Nicht mit Unrecht, allein 
man soll nicht übersehen, daß es die Aktivität der Weiblichkeit 
ist, die sich hier äußert, und daß diese Vorliebe des Mädchens 



j g^ Sc hriften aus den Jahren r^28—Ip)ß 

wahrscheinlich die Ausschließlichkeit der Bindung an die Mutter 
bei voller Vernachlässigung des Vaterobjekts bezeugt. 

Die so überraschende sexuelle Aktivität des Mädchens gegen die 
Mutter äußert sich der Zeitfolge nach in oralen, sadistischen und 
endlich selbst phallischen, auf die Mutter gerichteten Strebungen, 
Die Einzelheiten sind hier schwer zu berichten, denn es handelt 
sich häufig um dunkle Triebregungen, die das Kind nicht psychisch 
erfassen konnte zur Zeit, da sie vorfielen, die darum erst eine 
nachträgliche Interpretation erfahren haben und dann in der 
Analyse in Ausdrucksweisen auftreten, die ihnen ursprünglich ge- 
wiß nicht zukamen. Mitunter begegnen sie uns als Übertragungen 
auf das spätere Vaterobjekt, wo sie nicht hingehören und das Ver- 
ständnis empfindUch stören. Die aggressiven oralen und sadistischen 
Wünsche findet man in der Form, in welche sie durch frühzeitige 
Verdrängung genötigt werden, als Angst, von der Mutter um- 
gebracht zu werden, die ihrerseits den Todeswunsch gegen die 
Mutter, wenn er bewußt wird, rechtfertigt. Wie oft diese Angst 
vor der Mutter sich an eine unbewußte Feindseligkeit der Mutter 
anlehnt, die das Kind errät, läßt sich nicht angeben. (Die Angst, 
gefressen zu werden, habe ich bisher nur bei Männern gefunden, 
sie wird auf den Vater bezogen, ist aber wahrscheinlich das Ver- 
wandlungsprodukt der auf die Mutter gerichteten oralen Aggression. 
Man will die Mutter auffressen, von der man sich genährt hatj 
beim Vater fehlt für diesen Wunsch der nächste Anlaß.) 

Die weiblichen Personen mit starker Mutterbindung, an denen 
ich die präödipale Phase studieren konnte, haben übereinstimmend 
berichtet, daß sie den Klystieren und Darmeingießungen, die die 
Mutter bei ihnen vornahm, größten Widerstand entgegenzusetzen 
und mit Angst und Wutgeschrei darauf zu reagieren pflegten. 
Dies kann wohl ein sehr häufiges oder selbst regelmäßiges Ver- 
halten der Kinder sein. Die Einsicht in die Begründung dieses 
besonders heftigen Sträubens gewann ich erst durch eine Bemer- 
kung von Ruth Mack Brunswick, die sich gleichzeitig mit den 



über die weibliche SeTualität ise 

nämlichen Problemen beschäftigte, sie möchte den Wutausbruch 
nach dem Klysma dem Orgasmus nach genitaler Reizung ver- 
gleichen. Die Angst dabei wäre als Umsetzung der rege gemachten 
Aggressionslust zu verstehen. Ich meine, daß es wirklich so ist 
und daß auf der sadistisch-analen Stufe die intensive passive 
Reizung der Darmzone durch einen Ausbruch von Aggressions- 
lust beantwortet wird, die sich direkt als Wut oder infolge ihrer 
Unterdrückung als Angst kundgibt. Diese Reaktion scheint in 
späteren Jahren zu versiegen. 

Unter den passiven Regungen der phallischen Phase hebt sich 
hervor, daß das Mädchen regelmäßig die Mutter als Verführerin 
beschuldigt, weil sie die ersten oder doch die stärksten genitalen 
Empfindungen bei den Vornahmen der Reinigung und Körper- 
pflege durch die Mutter (oder die sie vertretende Pfiegeperson) 
verspüren mußte. Daß das Kind diese Empfindungen gerne mag 
und die Mutter auffordert, sie durch wiederholte Berührung und 
Reibung zu verstärken, ist mir oft von Müttern als Beobachtung 
an ihren zwei- bis dreijährigen Töchterchen mitgeteilt worden. 
Ich mache die Tatsache, daß die Mutter dem Kind so unvermeid- 
lich die phallische Phase eröffnet, dafür verantwortlich, daß in den 
Phantasien späterer Jahre so regelmäßig der Vater als der sexuelle 
Verführer erscheint. Mit der Abwendung von der Mutter ist auch 
die Einführung ins Geschlechtsleben auf den Vater überschrieben 
worden. 

In der phallischen Phase kommen endlich auch intensive aktive 
Wunschregungen gegen die Mutter zustande. Die Sexualbetätigung 
dieser Zeit gipfelt in der Masturbation an der Klitoris, dabei wird 
wahrscheinlich die Mutter vorgestellt, aber ob es das Kind zur 
Vorstellung eines Sexualziels bringt und welches dies Ziel ist, ist 
aus meiner Erfahrung nicht zu erraten. Erst wenn alle Interessen 
des Kindes durch die Ankunft eines Geschwisterchens einen neuen 
Antrieb erhalten haben, läßt sich ein solches Ziel klar erkennen. Das 
kleine Mädchen will der Mutter dies neue Kind gemacht haben, 



1 56 Schrift en aus den Jahren 192S — 19JJ 

ffanz SO wie der Knabe, und auch seine Reaktion auf dies Ereignis 
und sein Benehmen gegen das Kind ist dasselbe. Das klingt ja 
absurd genug, aber vielleicht nur darum, weil es uns so unge- 
wohnt klingt. 

Die Abwendung von der Mutter ist ein höchst bedeuUamer 
Schritt auf dem Entwicklungsweg des Mädchens, sie ist mehr als 
ein bloßer Objektwechsel. Wir haben ihren Hergang und die 
Häufung ihrer vorgeblichen Motivierungen bereits beschrieben, nun 
fügen wir hinzu, daß Hand in Hand mit ihr ein starkes Absinken 
der aktiven und ein Anstieg der passiven Sexualregungen zu beob- 
achten ist. Gewiß sind die aktiven Strebungen stärker von der 
Versagung betroffen worden, sie haben sich als durchaus unaus- 
führbar erwiesen und werden darum auch leichter von der Libido 
verlassen, aber auch auf Seite der passiven Strebungen hat es an 
Enttäuschungen nicht gefehlt. Häufig wird mit der Abwendung 
von der Mutter auch die klitoridische Masturbation eingestellt, oft 
genug wird mit der Verdrängung der bisherigen Männlichkeit des 
kleinen Mädchens ein gutes Stück ihres Sexualstrebens überhaupt 
dauernd geschädigt. Der Übergang zum Vaterobjekt wird mit Hilfe 
der passiven Strebungen vollzogen, soweit diese dem Umsturz ent- 
gangen sind. Der Weg zur Entwicklung der Weiblichkeit ist nun 
dem Mädchen freigegeben, insoferne er nicht durch die Reste der 
überwundenen präödipalen Mutterbindung eingeengt ist. 

Überbhckt man nun das hier beschriebene Stück der weiblichen 
Sexualentwicklung, so kann man ein bestimmtes Urteil über das 
Ganze der Weiblichkeit nicht zurückdrängen. Man hat die näm- 
lichen libidinösen Kräfte wirksam gefunden wie beim männlichen 
Kind, konnte sich überzeugen, daß sie eine Zeitlang hier wie dort 
dieselben Wege einschlagen und zu den gleichen Ergebnissen 

kommen. 

Es sind dann biologische Faktoren, die sie von ihren anfäng- 
hehen Zielen ablenken und selbst aktive, in jedem Sinne männ- 
liche Strebungen in die Bahnen der Weiblichkeit leiten. Da wir 



i 



I 



über die weibliche Sexualität j 37 

die Zurückführung der Sexualerregung auf die Wirkung bestimmter 
chemischer Stoffe nicht abweisen können, lieget zuerst die Erwartung 
nahe, daß uns die Biochemie eines Tages einen Stoff darstellen 
wird, dessen Gegenwart die männliche, und einen, der die weib- 
liche Sexualerregung hervorruft. Aber diese Hoffnung scheint nicht 
weniger naiv als die andere, heute glücklich überwundene, unter 
dem Mikroskop die Erreger von Hysterie, Zwangsneurose, Melan- 
cholie usw. gesondert aufzufinden. 

Eis muß auch in der Sexualchemie etwas komplizierter zugehen. 
Für die Psychologie ist es aber gleichgültig, ob es einen einzigen 
sexuell erregenden Stoff im Körper gibt oder deren zwei oder 
eine Unzahl davon. Die Psychoanalyse lehrt uns, mit einer einzigen 
Libido auszukommen, die allerdings aktive und passive Ziele also 
Befriedigungsarten, kennt. In diesem Gegensatz, vor allem in der 
Existenz von Libidostrebungen mit passiven Zielen, ist der Rest des 
Problems enthalten. ■ 

IV ' ■ \ 

Wenn man die analytische Literatur unseres Gegenstandes ein- 
sieht, überzeugt man sich, daß alles, was ich hier ausgeführt habe 
dort bereits gegeben ist. Es wäre unnötig gewesen, diese Arbeit 
zu veröffentlichen, wenn nicht auf einem so schwer ziagänglichen 
Gebiet jeder Bericht über eigene Erfahrungen und persönliche 
Auffassungen wertvoll sein könnte. Auch habe ich manches schärfer 
gefaßt und sorgfältiger isoliert. In einigen der anderen Abhand- 
lungen wird die Darstellung unübersichtlich infolge der gleich- 
zeitigen Erörterung der Probleme des Über-Ichs und des Schuld- 
gefühls. Dem bin ich ausgewichen, ich habe bei der Beschreibung 
der verschiedenen Ausgänge dieser Entwicklungsphase aucli nicht 
die Komplikationen behandelt, die sich ergeben, wenn das Kind 
infolge der Enttäuschung am Vater zur aufgelassenen Mutter- 
bindung zurückkehrt oder nun im Laufe des Lebens wiederholt von 
einer Einstellung zur anderen herüberwechselt. Aber gerade weil 



K 



i'i 



138 Schriften aus den Jahren 192S — I^)) 

meine Arbeit nur ein Beitrag ist unter anderen, darf ich mir eine ein- 
gehende Würdigung der Literatur ersparen und kann mich darauf be- 
schränken, bedeutsamere Übereinstimmungen mit einigen und wich- 
tigere Abweichungen von anderen dieser Arbeiten hervorzuheben. 
In die eigentlich noch unübertroffene Schilderung Abrahams 
der „Äußerungsformen des weibhchen Kastrationskomplexes" (In- 
ternat. Zeitschr. f. PsA., VII, 1921) möchte man gerne das Moment 
der anfänglich ausschließlichen Mutterbindung eingefügt wissen. 
Der wichtigen Arbeit von Jeanne' Lampl-de Groot^ muß ich 
in den wesentlichen Punkten zustimmen. Hier wird die volle Iden- 
tität der präödipalen Phase bei Knaben und Mädchen erkannt, 
die sexuelle (phallische) Aktivität des Mädchens gegen die Mutter 
behauptet und durch Beobachtungen erwiesen. Die Abwendung 
von der Mutter wird auf den Einfluß der zur Kenntnis genom- 
menen Kastration zurückgeführt, die das Kind dazu nötigt, das 
Sexualobjekt und damit auch oft die Onanie aufzugeben, für die 
ganze Entwicklung die Formel geprägt, daß das Mädchen eine 
Phase des „negativen" Ödipuskomplexes durchmacht, ehe sie in 
den positiven eintreten kann. Eine Unzulänglichkeit dieser Arbeit 
finde ich darin, daß sie die Abwendung von der Mutter als bloßen 
Objektwechsel darstellt und nicht darauf eingeht, daß sie sich unter 
den deutlichsten Zeichen von Feindseligkeit vollzieht. Diese Feind- 
seligkeit findet volle Würdigung in der letzten Arbeit von Helene 
Deutsch (Der feminine Masochismus und seine Beziehung zur 
Frigidität, Internat. Zeitschr. f. PsA., XVI, 1930), woselbst auch 
die phallische Aktivität des Mädchens und die Intensität seiner 
Mutterbindung anerkannt werden. H. Deutsch gibt auch an, 
daß die Wendung zum Vater auf dem Weg der (bereits bei der 
Mutter rege gewordenen) passiven Strebungen geschieht. In ihrem 

1) Nach dem Wunsch der Autorin korrigiere ich so ihren Namen, der in der 
Zeitschrift als A. L. de Gr. angeführt ist. 

2) Zur Entwicklungsgeschichte des Ödipuskomplexes der Frau. Internat. Zeitschr. 
f. PsA., XUI, 1927, 



ÜL 



über die weibliche Sexualität igg 

früher (1925) veröffentlichten Buch „Psychoanalyse der weiblichen 
Sexualfunktionen" hatte die Autorin sich von der Anwendung des 
Ödipusschemas auch auf die präödipale Phase noch nicht frei ge- 
macht und darum die phallische Aktivität des Mädchens als Identi- 
fizierung mit dem Vater gedeutet. 

Fe nie hei (Zur prägenitalen Vorgeschichte des Ödipuskomplexes, 
Internat. Zeitschr. f. PsA., XVI, 1950) betont mit Recht die Schwie- 
rigkeit, zu erkennen, was von dem in der Analyse erhobenen Mate- 
rial unveränderter Inhalt der präödipalen Phase und was daran re- 
gressiv (oder anders) entstellt ist. Er anerkennt die phallische Aktivität 
des Mädchens nach Jeanne Lampl-de Groot nicht, verwahrt sich 
auch gegen die von Melanie Klein (Frühstadien des Ödipuskonfliktes, 
Internat. Zeitschr. f. PsÄ., XIV, 1928 u. a. a. 0.) vorgenommene 
„Vorverlegung" des Ödipuskomplexes, dessen Beginn sie schon in 
den Anfang des zweiten Lebensjahres versetzt. Diese Zeitbestim- 
mung, die notwendigerweise auch die Auffassung aller anderen 
Verhältnisse der Entwicklung verändert, deckt sich in der Tat nicht 
mit den Ergebnissen der Analyse an Erwachsenen und ist beson- 
ders unvereinbar mit meinen Befunden von der langen Andauer 
der präödipalen Mutterbindung der Mädchen. Einen Weg zur Mil- 
derung dieses Widerspruches weist die Bemerkung, daß wir auf 
diesem Gebiet noch nicht zu unterscheiden vermögen, was durch 
biologische Gesetze starr festgelegt und was unter dem Einfluß 
akzidentellen Erlebens beweglich und veränderlich ist. Wie es von 
der Wirkung der Verführung längst bekannt ist, können auch andere 
Momeiite, der Zeitpunkt der Geburt von Geschwistern, der Zeit- 
punkt der Entdeckung des Geschlechtsunterschieds, die direkte Beob- 
achtung des Geschlechtsverkehrs, das werbende oder abweisende 
Benehmen der Eltern u. a., eine Beschleunigung und Reifung der 
kindlichen Sexualentwicklung herbeiführen. 

Bei manchen Autoren zeigt sich die Neigung, die Bedeutung 
der ersten ursprünglichsten Libidoregungen des Kindes zugunsten 
späterer Entwicklungsvorgänge herabzudrücken, so daß jenen — 



140 Schriften aus den Jakren 1^28 — I^^) 

extrem ausgedrückt — die Rolle verbliebe, nur gewisse Richtungen 
anzugeben, während die Intensitäten, welche diese Wege ein- 
schlagen, von späteren Regressionen und Reaktionsbildungen be- 
stritten werden. So z. B. wenn K. Horney (Flucht aus der Weib- 
lichkeit, Internat. Zeitschr. f. PsA., XII, 1926) meint, daß der pri- 
märe Penisneid des Mädchens von uns weit überschäzt wird, während 
die Intensität des später entfalteten Männlichkeitsstreben s einem 
sekundären Penisneid zuzuschreiben ist, der zur Abwehr der weib- 
lichen Regungen, speziell der weiblichen Bindung an den Vater, 
gebraucht wird. Das entspricht nicht meinen Eindrücken. So sicher 
die Tatsache späterer Verstärkungen durch Regression und Reak- 
tionsbildung ist, so schwierig es auch sein mag, die relative Ab- 
schätzung der zusammenströmenden Libldokomponenten vorzu- 
nehmen, so meine ich doch, wir sollen nicht übersehen, daß jenen 
ersten Libidoregungen eine Intensität eigen ist, die allen späteren 
überlegen bleibt, eigentlich inkommensurabel genannt werden darf. 
Es ist gewiß richtig, daß zwischen der Vaterbindung und dem 
Männlichkeitskomplex eine Gegensätzlichkeit besteht, — es ist der 
allgemeine Gegensatz zwischen Aktivität und Passivität, MännUch- 
keit und Weiblichkeit, — aber es gibt uns kein Recht, anzunehmen, 
nur das eine sei primär, das andere verdanke seine Stärke nur der 
Abwehr. Und wenn die Abwehr gegen die Weiblichkeit so ener^sch 
ausfällt, woher kann sie sonst ihre Kraft beziehen als aus dem 
Männlichkeitsstreben, das seinen ersten Ausdruck im Penisneid des 
Kindes gefunden hat und darum nach ihm benannt zu werden ver- 
dient? 

Ein ähnlicher Einwand ergibt sich gegen die Auffassung von 
Jones (Die erste Entwicklung der weiblichen Sexualität, Internat. 
Zeitschr. f. PsA., XIV, 1928), nach der das phallische Stadium bei 
Mädchen eher eine sekundäre Schutzreaktion sein soll als ein wirk- 
liches Entwicklungsstadium. Das entspricht weder den dynamischen 
noch den zeillichen Verhältnissen. 



ZUR GEWINNUNG DES FEUERS 

Zuerst erschienen in „Imago", Bd. Xf^III, 19)2. 

In einer Anmerkung meiner Schrift „Das Unbehagen in der 
Kultur" (S. 57) habe ich — eher beiläufig — erwähnt, welche Ver- 
mutung über die Gewinnung des Feuers durch den Urmenschen 
man sich auf Grund des psychoanalytischen Materials bilden könnte. 
Der Widerspruch von Albrecht Schaeffer („Die Psychoanalytische 
Bewegung", Jahrgang II, 1950, S. 251) und der überraschende 
Hinweis in vorstehender Mitteilung von Erlenmeyer' über das 
mongolische Verbot, auf Asche zu pissen^ veranlassen mich, das 
Thema wieder aufzunehmen.^ 

Ich meine nämhch, daß meine Annahme, die Vorbedingung der 
Bemächtigung des Feuers sei der Verzicht auf die homosexuell- 
betonte Lust gewesen, es durch den Harnstrahl zu löschen, lasse 

1) E. H. Erlenmeyer, Notii zur Preudschen Hypothese über die Zähmung des 
Feuers. Imago, XVIII, 195a. 

2) Wohl auf heiße Asche, aus der man noch Feuer gewinnen kann, nicht auf 
erloschene. 

3) Der Widerspruch von Loreni in „Chaos und Ritus" (Imago XVII, 1931, 
S. 435 ff) geht von der Voraussetzung aus, daß die Zähmung des Feuers iiherhaupt 
erst mit der Entdeckung begonnen habe, man sei imstande, es durch irgendeine 
Manipulation willkürlich hervorzurufen. — Dagegen verweist mich Dr. J. Härnik 
auf eine Äußerung von Dr. Richard Lasch (in Georg Buschans Sammelwerk 
„Illustrierte Volkerkunde", Stuttgart 1922, Bd. I, S. 24): „Vermutlich ist die Kunst 
der Peuererhaltung der Fenererzeugung lange vorausgegangen; einen entsprechenden 
Beweis hiefür liefert die Tatsache, daß die heutigen pygmäenartigen Urbewohner der 
Andamanen wohl das Feuer besitzen und bewahren, eine autochthone Methode der 
Feuererzeugung aber nicht kennen." 



2 42 Schrifte n aus den Jahren 1^28 — J^j j 

sich durch die Deutung der griechischen Proraetheussage bestätigen, 
wenn man die zu erwartenden Entstellungen von der Tatsache 
bis zum Inhalt des Mythus in Betracht zieht. Diese Entstellungen 
sind von derselben Art und nicht ärger als jene, die wir alltäglich 
anerkennen, wenn wir aus den Träumen von Patienten ihre ver- 
drängten, doch so überaus bedeutsamen Kindheitserlebnisse rekon- 
struieren. Die dabei verwendeten Mechanismen sind die Darstellung 
durch Symbole und die Verwandlung ins Gegenteil. Ich kann es 
nicht wagen, alle Züge des Mythus in solcher Art zu erklären; aulBer 
dem ursprünglichen Sachverhalt mögen andere und spätere Vor- 
gänge zu seinem Inhalt beigetragen haben. Aber die Elemente, die 
eine analytische Deutung zulassen, sind doch die auffälligsten und 
wichtigsten, nämlich die Art, wie Prometheus das Feuer transpor- 
tiert, der Charakter der Tat (Frevel, Diebstahl, Betrug an den 
Göttern) und der Sinn seiner Bestrafung. 

Der Titane Prometheus, ein noch göttlicher Kulturheros,' viel- 
leicht selbst ursprünglich ein Demiurg und Menschenschöpfer, bringt 
also den Menschen das Feuer, das er den Göttern entwendet hat, 
versteckt in einem hohlen Stock, Fenchelrohr. Einen solchen Gegen- 
stand würden wir in einer Traumdeutung gern als Penissymbol 
verstehen wollen, wenngleich die nicht gewöhnliche Betonung der 
Höhlung uns dabei stört. Aber wie bringen wir dieses Penisrohr 
mit der Aufbewahrung des Feuers zusammen? Das scheint aussichts- 
los, bis wir uns an den im Traum so häufigen Vorgang der Ver- 
kehrung, Verwandlung ins Gegenteil, Umkehrung der Beziehungen 
erinnern, der uns so oft den Sinn des Traumes verbirgt. Nicht das 
Feuer beherbergt der Mensch in seinem Penisrohr, sondern im 
Gegenteil das Mittel, um das Feuer zu löschen, das Wasser seines 
Harnstrahls. An diese Beziehung zwischen Feuer und Wasser knüpft 
dann reiches, wohlbekanntes analytisches Material an. 

Zweitens, der Erwerb des Feuers ist ein Frevel, es wird durch 

i) Herakles ist dann halbgöttlich, Theseus ganz menschlich. 



Zur Gewinnung des Feuers 1 43 



Raub oder Diebstahl gewonnen. Dies ist ein konstanter Zug aller 
Sagen über die Gewinnung des Feuers, er findet sich bei den ver- 
schiedensten und entlegensten Völkern, nicht nur in der griechischen 
Sage vom Feuerbringer Prometheus. Hier muß also der wesentliche 
Inhalt der entstellten Menschheitsreminiszenz enthalten sein. Aber 
warum ist die Feuergewinnung untrennbar mit der Vorstellung 
eines Frevels verknüpft? Wer ist dabei der Geschädigte, Betrogene? 
Die Sage bei Hesiod gibt eine direkte Antwort, indem sie in einer 
anderen Erzählung, die nicht direkt mit dem Feuer zusammen- 
hängt, Prometheus bei der Einrichtung der Opfer Zeus zugunsten 
der Menschen übervorteilen läßt. Also die Götter sind die Betrogenen! 
Den Göttern teilt der Mythus bekanntlich die Befriedigung aller 
Gelüste zu, auf die das Menschenkind verzichten muß wie wir es 
vom Inzest her kennen. Wir würden in analytischer Ausdrucksweise 
sagen, das Triebleben, das Es, sei der durch die Feuerlöschent- 
sagung betrogene Gott, ein menschliches Gelüste ist in der Sai>-e 
in ein göttliches Vorrecht umgewandelt. Aber die Gottheit hat in 
der Sage nichts vom Charakter eines Über-Ichs, sie ist noch Re- 
präsentant des übermächtigen Trieblebens. 

Die Umwandlung ins Gegenteil ist am gründlichsten in einem 
dritten Zug der Sage, in der Bestrafung des Feuerbringers. Prome- 
theus wird an einen Felsen geschmiedet, ein Geier frißt täglich an 
seiner Leber. Auch in den Feuersagen anderer Völker spielt ein 
Vogel eine Rolle, er muß etwas mit der Sache zu tun haben, ich 
enthalte mich zunächst der Deutung. Dagegen fühlen wir uns auf 
sicherem Boden, wenn es sich um die Erklärung handelt, warum 
die Leber zum Ort der Bestrafung gewählt ist. Die Leber galt den 
Alten als der Sitz aller Leidenschaften und Begierden; eine Strafe 
wie die des Prometheus war also das Richtige für einen triebhaften 
Verbrecher, der gefrevelt hatte unter dem Antrieb böser Gelüste. 
Das genaue Gegenteil trifft aber für den Feuerbringer zu; er hatte 
Triebverzicht geübt und gezeigt, wie wohltätig, aber auch wie 
unerläßlich ein solcher Triebverzicht in kultureller Absicht ist. Und 



144 Schriften aus den Jahren 1^2$ — 1$}) 

warum mußte eine solche kulturelle Wohltat überhaupt von der 
Sage als strafwürdiges Verbrechen behandelt werden? Nun, wenn 
sie durch alle Entstellungen durchschimmern läßt, daß die Ge- 
winnung des Feuers einen Triebverzicht zur Voraussetzung hatte, 
so drückt sie doch unverhohlen den Groll aus, den die triebhafte 
Menschheit gegen den Kulturheros verspüren mußte. Und das stimmt 
zu unseren Einsichten und Erwartungen. Wir wissen, daß die Auf- 
forderung zum Triebverzicht und die Durchsetzung desselben Feind- 
seligkeit und Aggressionslust hervorruft, die sich erst in einer späteren 
Phase der psychischen Entwicklung in Schuldgefühl umsetzt. 

Die Undurchsichtigkeit der Prometheussage wie anderer Feuer- 
mythen wird durch den Umstand gesteigert, daß das Feuer dem 
Primitiven als etwas der verliebten Leidenschaft Analoges — wir 
würden sagen: als Symbol der Libido — erscheinen mußte. Die 
Wärme, die das Feuer ausstrahlt, ruft dieselbe Empfindung hervor, 
die den Zustand sexueller Erregtheit begleitet, und die Flamme 
mahnt in Form und Bewegungen an den tätigen Phallus. Daß die 
Flamme dem mythischen Sinn als Phallus erschien, kann nicht 
zweifelhaft sein, noch die Abkunftsage des römischen Königs Servius 
TuUius zeugt dafür. Wenn wir selbst von dem zehrenden Feuer 
der Leidenschaft und von den züngelnden Flammen reden, also 
die Flamme einer Zunge vergleichen, haben wir uns vom Denken 
unserer primitiven Ahnen nicht so sehr weit entfernt. In unserer 
Herleitung der Feuergewinnung war ja auch die Voraussetzung ent- 
halten, daß dem Urmenschen der Versuch, das Feuer durch sein 
eigenes Wasser zu löschen, ein lustvolles Ringen mit einem anderen 
Phallus bedeutete. 

Auf dem Wege dieser symbolischen Angleichung mögen also 
auch andere, rein phantastische Elemente in den Mythus einge- 
drungen und in ihm mit den historischen verwebt worden sein. 
Man kann sich ja kaum der Idee erwehren, daß, wenn die Leber 
der Sitz der Leidenschaft ist, sie symbolisch dasselbe bedeutet wie 
das Feuer selbst und daß dann ihre tägliche Aufzehrung und Er- 



"Zur Gewinnung des Feuers ia.e 



neuerung eine zutreffende Schilderung von dem Verhalten der 
Liebesgelüste ist, die, täglich befriedigt, sich täglich wiederher- 
stellen. Dem Vogel, der sich an der Leber sättigt, fiele dabei die 
Bedeutung des Penis zu, die ihm auch sonst nicht fremd ist, wie 
Sagen, Träume, Sprachgebrauch und plastische Darstellungen aus 
dem Altertum erkennen lassen. Ein kleiner Schritt weiter führt 
zum Vogel Phönix, der aus jedem seiner Feuertode neu verjüngt 
hervorgeht, und der wahrscheinlich eher und früher den nach seiner 
Erschlaffung neu belebten Phallus gemeint hat als die im Abendrot 
untergehende und dann wieder aufgehende Sonne. 

Man darf die Frage aufwerfen, ob man es der mythenbildenden 
Tätigkeit zumuten darf, sich — gleichsam spielerisch — in der 
verkleideten Darstellung allgemeinbekannter, wenn auch höchst 
interessanter seelischer Vorgänge mit körperlicher Äußerung zu ver- 
suchen ohne anderes Motiv als bloße Darstellungslust. Darauf kann 
man gewiß keine sichere Antwort geben, ohne das Wesen des 
Mythus verstanden zu haben, aber für unsere beiden Fälle ist es 
leicht, den nämlichen Inhalt und damit eine bestimmte Tendenz zu 
erkennen. Sie beschreiben die Wiederherstellung der libidinösen 
Gelüste nach ihrem Erlöschen durch eine Sättigung, also ihre Un- 
zerstörbarkeit, und diese Hervorhebung ist als Trost durchaus an 
ihrem Platz, wenn der historische Kern des Mythus eine Nieder- 
lage des Trieblebens, einen notwendig gewordenen Triebverzicht 
behandelt. Es ist wie das zweite Stück der begreiflichen Reaktion 
des in seinem Triebleben gekränkten Urmenschen; nach der Be- 
strafung des Frevlers die Versicherung, daß er im Grunde doch 
nichts ausgerichtet hat. 

An unerwarteter Stelle begegnen wir der Verkehrung ins Ge- 
genteil in einem anderen Mythus, der anscheinend sehr wenig 
mit dem Feuermythus zu tun hat. Die lernäische Hydra mit ihren 
zahllosen züngelnden Schlangenköpfen — unter ihnen ein un- 
sterblicher — ist nach dem Zeugnis ihres Namens ein Wasser- 
drache. Der Kulturheros Herakles bekämpft sie, indem er ihre 

Freud XII. la 



1^6 Schriften aus de n Jahren 1^28 — !$)) 

Köpfe abhaut, aber die wachsen immer nach, und er wird des 
Untiers erst Herr, nachdem er den unsterblichen Kopf mit Feuer 
ausgebrannt hat. Ein Wasserdrache, der durch das Feuer gebändigt 
wird — das ergibt doch keinen Sinn. Wohl aber, wie in so vielen 
Träumen, die Umkehrung des manifesten Inhalts. Dann ist die 
Hydra ein Brand, die züngelnden Schlangenköpfe sind die Flammen 
des Brandes, und als Beweis ihrer libidinösen Natur zeigen sie -wie 
die Leber des Prometheus wieder das Phänomen des Nachwachseus, 
der Erneuerung nach der versuchten Zerstörung. Herakles löscht 
nun diesen Brand durch — Wasser. (Der unsterbUche Kopf ist 
wohl der Phallus selbst, seine Vernichtung die Kastration.) Herakles 
ist aber auch der Befreier des Prometheus, der den an der Leber 
fressenden Vogel tötet. Sollte man nicht einen tieferen Zusamra.en- 
hang zwischen beiden Mythen erraten? Es ist ja so, als ob die 
Tat des einen Heros durch den anderen gutgemacht würde. Pro- 
metheus hatte die Löschung des Feuers verboten, — wie das 
Gesetz des Mongolen, — Herakles sie für den Fall des Unheil 
drohenden Brandes freigegeben. Der zweite Mythus scheint der 
Reaktion einer späteren Kulturzeit auf den Anlaß der Feuerge- 
winnung zu entsprechen. Man gewinnt den Eindruck, daß man 
von hier aus ein ganzes Stück weit in die Geheimnisse des Mythus 
eindringen könnte, aber freilich wird man nur für eine kurze 
Strecke vom Gefühl der Sicherheit begleitet. 

Für den Gegensatz von Feuer und Wasser, der das ganze Ge- 
biet dieser Mythen beherrscht, ist außer dem historischen und dem 
symbolisch-phantastischen noch ein drittes Moment aufzeigbar, eine 
physiologische Tatsache, die der Dichter in den Zeilen beschreibt: 

„Was dem Menschen dient zum Seichen, 
Damit schafft er Seinesgleichen." (Heine). 

Das Glied des Mannes hat zwei Funktionen, deren Beisammen- 
sein manchem ein Ärgernis ist. Es besorgt die Entleerung des 
Harnes und es führt den Liebesakt aus, der das Sehnen der ge- 



Zi/r Gewinnung des Breuers 147 

nilalen Libido stillt. Das Kind glaubt noch, die beiden Funktionen 
vereinen zu können; nach seiner Theorie kommen die Kinder 
dadurch zustande, daß der Mann in den Leib des Weibes uriniert, 
Aber der Ewachsene weiß, daß die beiden Akte in Wirklichkeit 
unverträglich miteinander sind — so unverträglich wie Feuer und 
Wasser. Wenn das Ghed in jenen Zustand von Erregung gerät, 
der ihm die Gleichstellung mit dem Vogel eingetragen hat, und 
während jene Empfindungen verspürt werden, die an die Wärme 
des Feuers mahnen, ist das Urinieren unmöghch; und umgekehrt, 
wenn das Glied der Entleerung des Körperwassers dient scheinen 
alle seinen Beziehungen zur Genitalfunktion erloschen. Der Gegen- 
satz der beiden Funktionen könnte uns veranlassen zu sagen daß 
der Mensch sein eigenes Feuer durch sein eigenes Wasser löscht. 
Und der Urmensch, der darauf angewiesen war, die Außenwelt 
mit Hilfe seiner eigenen Körperempfindungen und Körperverhält- 
nisse zu begreifen, dürfte die Analogien, die ihm das Verhalten 
des Feuers zeigte, nicht unbemerkt und ungenützt gelassen haben. 



lo" 



NEUE FOLGE DER VORLESUNGEN 
ZUR EINFÜHRUNG 
IN DIE PSYCHOANALYSE 



Erschienen im Dezember 1^)2 im Internationalen Psychoanalytischen f^er- 
lag in Wien. 

Die „Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse" 
ist 19)3 in englischer Spraclie (übersetzt von W, J. H. Sprott) in London 
bei der Hogarth Press und in New York bei Norton & Co. erschienen. 

Folgende autorisierte Übersetzungen sind in Vorbereitung: 

Französisch: (Übersetzt von Arme Berman) bei Gallimard in Paris. 

Norwegisch: (übersetzt von Dr. Schjelderup) bei Gyldendal Norsk Forlag, Oslo. 

Spanisch: (übersetzt von Luis Löpez-Baltesteros y de Torres) im Rahmen der 
spanischen Gesamtausgabe der Schriften des Verfassers (Obras Completas, 
Madrid, Biblioteca Nueva). 



tä.. 



VORWORT 

Die „Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse" wurden 
in den beiden Wintersemestern 1915/16 und 1916/17 in einem 
Hörsaal der Wiener psychiatrischen Klinik vor einem aus Hörern 
aller Fakultäten gemischten Auditorium gehalten. Die Vorlesungen 
der ersten Hälfte wurden improvisiert und unmittelbar nachher 
niedergeschrieben, die derzweiten während eines dazwischenliegenden 
Somineraufenthalts in Salzburg entworfen und im folgenden Winter 
wortgetreu vorgetragen. Ich besaß damals noch die Gabe eines 
phonographischen Gedächtnisses. , ■ 

Zum Unterschied hievon sind diese neuen Vorlesungen niemals 
gehalten worden. Mein Alter hatte mich inzwischen der Ver- 
pflichtung enthoben, die — wenn auch nur peripherische — Zu- 
gehörigkeit zur Universität durch Abhaltung von Vorlesungen zum 
Ausdruck zu bringen, und eine chirurgische Operation hatte mich 
als Redner unmöglich gemacht. Es ist also nur eine Vorspiegelung 
der Phantasie, wenn ich mich während der nachfolgenden Aus- 
führungen wieder in den Hörsaal versetze; sie mag mithelfen, bei 
der Vertiefung in den Gegenstand die Rücksicht auf den Leser 
nicht zu vergessen. 

Diese neuen Vorlesungen wollen keineswegs an die Stelle der 
früheren treten. Sie sind überhaupt nichts Selbständiges, das er- 
warten kann, sich einen eigenen Leserkreis zu finden, sondern sie 
sind Fortsetzungen und Ergänzungen, die in ihrer Beziehung zu 






iga Schri ften aus den Jahren Jp2S — 1^33 ^^ 

den früheren in drei Gruppen zerfallen. In eine erste Gruppe ge- 
hören Neubearbeitungen von Themen, die schon vor fünfzehn Jahren 
behandelt worden sind, aber infolge der Vertiefung unserer Ein- 
sichten und der Veränderung unserer Anschauungen heute eine 
andere Darstellung verlangen, also kritische Revisionen. Die beiden 
anderen Gruppen umfassen die eigentlichen Erweiterungen, indem 
sie Dinge behandeln, die es entweder in der Zeit der ersten Vor- 
lesungen in der Psychoanalyse noch nicht gab, oder von denen 
damals zu wenig vorhanden war, um eine besondere Kapitelüber- 
schrift zu rechtfertigen. Es ist nicht zu vermeiden, aber auch nicht 
zu bedauern, daß einzelne der neuen Vorlesungen die Charaktere 
dieser und jener Gruppe in sich vereinigen. 

Die Abhängigkeit dieser neuen Vorlesungen von den „Vorlesungen 
zur Einführung" kommt auch darin zum Ausdruck, daß sie deren 
Zählung fortsetzen. Die erste dieses Bandes wird als die XXIX. 
bezeichnet. Wiederum bieten sie dem Analytiker von Fach wenig 
Neues und wenden sich an jene große Menge Gebildeter, denen 
man ein wohlwollendes, wenn auch zurückgehaltenes Interesse für die 
Eigenart und die Erwerbungen der jungen Wissenschaft zuschreiben 
möchte. Auch diesmal ist es meine leitende Absicht gewesen, 
dem Schein der Einfachheit, Vollständigkeit und Abgeschlossenheit 
keine Opfer zu bringen, Probleme nicht zu verhüllen, Lücken und 
Unsicherheiten nicht zu verleugnen. Auf keinem andern Gebiet 
wissenschaftlicher Arbeit dürfte man sich solcher Vorsätze zu 
nüchterner Selbstbescheidung rühmen. Sie gelten überall als selbst- 
verständlich, das Publikum erwartet es nicht anders. Kein Leser 
einer Darstellung der Astronomie wird sich enttäuscht und der 
Wissenschaft überlegen fühlen, wenn man ihm die Grenzen zeigt, 
an denen imsere Kenntnis des Weltalls ins Nebelhafte zerflattert. 
Nur in der Psychologie ist es anders, hier kommt die konstitutionelle 
Untauglichkeit des Menschen zu wissenschaftlicher Forschung in 
vollem Ausmaß zum Vorschein. Man scheint von der Psychologie 
nicht Fortschritte im Wissen zu verlangen, sondern irgendwelche 



Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 153 

andere Befriedigungen; man macht ihr aus jedem ungelösten Problem, 
aus jeder eingestandenen Unsicherheit einen Vorwurf. 

Wer die Wissenschaft vom Seelenleben liebt, wird auch diese 
Unbilde hinnehmen müssen. 



Wien^ im Sommer 1^)2. 



Freud. 



■ f 



I .' 



XXIX. VORLESUNG 

REVISION DER TRAUMLEHRE 

Meine Damen und Herren! Wenn ich Sie nach länger als fünf- 
zehnjähriger Pause wieder zusammengerufen habe, um mit Ihnen 
zu besprechen, was die Zwischenzeit an Neuem, vielleicht auch 
Besserem, in der Psychoanalyse gebracht hat, so ist es von mehr 
als einem Gesichtspunkt aus recht und billig, daß wir unsere Auf- 
merksamkeit zuerst dem Stande der Traumlehre zuwenden. Diese 
nimmt in der Geschichte der Psychoanalyse eine besondere Stelle 
ein, bezeichnet einen Wendepunkt^ mit ihr hat die Analyse den 
Schritt von einem psychotherapeutischen Verfahren zu einer Tiefen- 
psychologie vollzogen. Die Traumlehre ist seither auch das Kenn- 
zeichnendste und Eigentümlichste der jungen Wissenschaft geblieben, 
etwas wozu es kein Gegenstück in unserem sonstigen Wissen gibt, 
ein Stück Neuland, dem Volksglauben und der Mystik abgewonnen. 
Die Fremdartigkeit der Behauptungen, die sie aufstellen mußte, hat 
ihr die Rolle eines Schiboleth verliehen, dessen Anwendung ent- 
schied, wer ein Anhänger der Psychoanalyse werden konnte und 
wem sie endgültig unfaßbar blieb. Mir selbst war sie ein sicherer 
Anhalt in jenen schweren Zeiten, da die unerkannten Tatbestände 
der Neurosen mein ungeübtes Urteil zu verwirren pflegten. So oft 
ich auch an der Richtigkeit meiner schwankenden Erkenntnisse 
zu zweifeln begann, wenn es mir gelungen war, einen sinnlos 
verworrenen Traum in einen korrekten und begreiflichen seelischen 




Neue Folge der Vorlesungen zur EinfüJirujig in die Psychoanalyse 155 

Vorgang beim Träumer umzusetzen, erneuerte sich meine Zu- 
versicht, auf der richtigen Spur zu sein. 

Es hat also für uns ein besonderes Interesse, gerade am Fall 
der Traumlehre zu verfolgen, einerseits welche Wandlungen die 
Psychoanalyse in diesem Intervall erfahren, anderseits welche Fort- 
schritte sie unterdes im Verständnis und in der Schätzung der 
Mitwelt gemacht hat. Ich sage es Ihnen gleich heraus, Sie werden 
nach beiden Richtungen enttäuscht werden. 

Durchblättern Sie mit mir die Jahrgänge der „Internationalen 
Zeitschrift für (ärzthche) Psychoanalyse", in denen seit 1913 die 
maßgebenden Arbeiten auf unserem Gebiet vereinigt sind. Sie finden 
in den früheren Banden eine ständige Rubrik „Zur Traumdeutung" 
mit reichen Beiträgen zu den verschiedenen Punkten der Traum- 
lehre. Aber je weiter Sie gehen, desto seltener werden solche Bei- 
träge, die ständige Rubrik verschwindet endlich ganz. Die Analytiker 
benehmen sich, als hätten sie über den Traum nichts mehr zu 
sagen, als wäre die Traumlehre abgeschlossen. Wenn Sie aber 
fragen, was die ferner Stehenden von der Traumdeutung ange- 
nommen haben, die vielen Psychiater und Psychotherapeuten, die 
an unserem Feuer ihre Süppchen kochen, — ohne übrigens so 
recht dankbar für die Gastfreundschaft zu sein, — die sogenannten 
Gebildeten, die sich auffällige Ergebnisse der Wissenschaft anzueignen 
pflegen, die Literaten und das große Publikum, so ist die Antwort 
wenig befriedigend. Einige Formeln sind allgemein bekannt worden, 
darunter solche, die wir nie vertreten haben, wie der Satz, alle 
Träume seien sexueller Natur, aber gerade so wichtige Dinge wie 
die grundlegende Unterscheidung von manifestem Trauminhalt und 
latenten Traumgedanken, die Einsicht, daß die Angstträume der 
wunscherfüllenden Funktion des Traums nicht widersprechen, die 
Unmöglichkeit, den Traum zu deuten, wenn man nicht über die 
dazugehörigen Assoziationen des Träumers verfügt, vor allem aber 
die Erkenntnis, daß das Wesentliche am Traum der Prozeß der 
Traumarbeit ist, all das scheint dem allgemeinen Bewußtsein noch 



156 Schriften aus den Jahren lp2S — ip^J 

ungefähr so fremd zu sein wie vor dreißig Jahren. Ich darf so 
sagen, denn ich habe im Laufe dieser Zeit eine Unzahl von Briefen 
erhaUen, deren Schreiber ihre Träume zur Deutung vorlegen oder 
Auskünfte über die Natur des Traumes verlangen, die behaupten, 
daß sie die „Traumdeutung" gelesen haben und dabei doch in 
jedem Satz ihre Verständnislosigkeit für unsere Traumlehre ver- 
raten. Das soll uns nicht abhalten, uns nochmals im Zusammen- 
hang vorzuführen, was wir vom Traum wissen. Sie erinnern sich, 
das vorige Mal haben wir eine ganze Anzahl von Vorlesungen 
darauf verwendet, zu zeigen, wie man zum Verständnis dieses bis- 
her unerklärten seelischen Phänomens gelangt ist. 

Wenn uns also jemand, z. B. ein Patient in der Analyse, einen 
seiner Träume berichtet, so nehmen wir an, er habe uns hiemit 
eine der Mitteilungen gemacht, zu denen er sich durch den Ein- 
tritt in die analytische Behandlung verpflichtet hatte. Eine Mit- 
teilung freilich mit ungeeigneten Mitteln, denn der Traum ist an 
sich keine soziale Äußerung, kein Mittel der Verständigung. Wir 
verstehen ja auch nicht, was uns der Träumer sagen wollte, und 
er selbst weiß es auch nicht besser. Nun haben wir rasch eine 
Entscheidung zu treffen; Entweder der Traum ist, wie uns die 
nichtanalytischen Ärzte versichern, ein Anzeichen dafür, daß der 
Träumer schlecht geschlafen hat, daß nicht alle seine Hirnpartien 
gleichmäßig zur Ruhe gekommen sind, daß einzelne Stellen unter 
dem Einfluß unbekannter Reize weiterarbeiten wollten und es 
nur in sehr unvollkommener Weise konnten. Wenn dem so ist, 
dann tuen wir Recht daran, uns mit dem psychisch wertlosen 
Produkt der nächtlichen Störung nicht weiter zu beschäftigen. Denn 
was sollten wir von dessen Untersuchung für unsere Absichten 
Brauchbares erwarten? Oder aber — doch wir merken, wir haben 
uns von vornherein anders entschieden. Wir haben - — zugegeben, 
recht willkürlich — die Voraussetzung gemacht, das Postulat auf- 
gestellt, daß auch dieser unverständliche Traum ein vollgültiger, 
sinn- und wertvoller psychischer Akt sein müsse, den wir in der 



Neue Folge der yorlesun^en zur Einführung in die Psychoanalyse 157 

Analyse wie eine andere Mitteilung verwenden können. Ob wir 
recht haben, kann nur der Erfolg des Versuchs zeigen. Gelingt es 
uns, den Traum in eine solche wertvolle Äußerung umzuwandeln, 
so haben wir offenbar Aussicht, Neues zu erfahren, Mitteilungen 
von einer Art zu erhalten, wie sie uns sonst unzugänglich ge- 
blieben wären. 

Nun aber erheben sich vor uns die Schwierigkeiten unserer 
Aufgabe und die Rätsel unseres Themas. Wie stellen wir es an, 
den Traum in eine solche normale Mitteilung umzuwandeln, und 
wie erklären wir es, daß ein Teil der Äußerungen des Patienten 
diese für ihn wie für uns gleich unverständliche Form angenommen 
hat? 

Sie sehen, meine Damen und Herren, daß ich dieses Mal nicht 
den Weg einer genetischen, sondern den einer dogmatischen Dar- 
stellung gehe. Unser erster Schritt ist, unsere neue Einstellung 
zum Problem des Traums durch die Einführung zweier neuer 
Begriffe, Namen, festzulegen. Wir heißen, was man den Traum 
genannt hat, den Traumtext oder den manifesten Traum, und 
das, was wir suchen, sozusagen hinter dem Traum vermuten, die 
latenten Traumgedanken. Dann können wir unsere beiden Auf- 
gaben in folgender Art aussprechen: Wir haben den manifesten in 
den latenten Traum umzuwandeln und anzugeben, wie im Seelen- 
leben des Träumers der letztere zum ersteren geworden ist. Das 
erste Stück ist eine praktische Aufgabe, es fällt der Traumdeu- 
tung zu, braucht eine Technik^ das zweite eine theoretische, es 
soll den angenommenen Prozeß der Traumarbeit erklären und 
kann nur eine Theorie sein. Beide, Technik der Traumdeutung 
und Theorie der Traumarbeit, sind neu zu schaffen. 

Mit welchem Stück sollea wir nun anfangen? Ich meine, mit 
der Technik der Traumdeutung^ es wird plastischer ausfallen und 
Ihnen einen lebendigeren Eindruck machen. 

Also der Patient habe einen Traum erzählt, den wir deuten sollen. 
Wir haben gelassen zugehört, ohne dabei unser Nachdenken in 



158 Schriften aus den Jahren 192S — 7?JJ 

Bewegung zu setzen. Was tun wir zunächst? Wir beschließen, uns 
um das, was wir gehört haben, um den manifesten Traum, mög- 
lichst wenig zu kümmern. Natürlich zeigt dieser manifeste Traum 
allerlei Charaktere, die uns nicht ganz gleichgültig sind. Er kann 
zusammenhängend sein, glatt komponiert wie eine Dichtung, oder 
unverständlich verworren, fast wie ein Delirium, kann absurde 
Elemente enthalten oder Witze und anscheinend geistreiche Schlüsse, 
er kann dem Träumer klar und scharf erscheinen oder trüb und 
verschwommen, seine Bilder mögen die volle sinnliche Stärke von 
Wahrnehmungen zeigen oder schattenhaft sein wie ein undeutlicher 
Hauch, die verschiedensten Charaktere mögen sich in demselben 
Traum zusammenfinden, auf verschiedene Stellen verteilt; der Traum 
mag endlich einen indifferenten Gefühlston zeigen oder von den 
stärksten freudigen oder peinlichen Erregungen begleitet werden — 
glauben Sie nicht, daß wir diese unendliche Mannigfaltigkeit im 
manifesten Traum für nichts achten, wir werden später auf sie 
zurückkommen und sehr vieles an ihr für die Deutung verwertbar 
finden, aber zunächst sehen wir von ihr ab und schlagen den 
Hauptweg ein, der zur Traumdeutung führt. Das heißt, wir fordern 
den Träumer auf, sich gleichfalls vom Eindruck des manifesten 
Traums frei zu machen, seine Aufmerksamkeit vom Ganzen weg 
auf die einzelnen Teile des Trauminhalts zu richten und uns der 
Reihe nach mitzuteilen, was ihm zu jedem dieser Teilstücke ein- 
fällt, welche Assoziationen sich ihm ergeben, wenn er sie einzeln 
ins Auge faßt. 

Nicht wahr, das ist eine besondere Technik, nicht die gewöhn- 
liche Art, eine Mitteilung oder Aussage zu behandeln? Sie erraten 
auch gewiß, daß hinter diesem Verfahren Voraussetzungen stecken, 
die noch nicht ausgesprochen worden sind. Aber gehen wir weiter. 
In welcher Reihenfolge lassen wir den Patienten die Teilstücke 
seines Traums vornehmen ? Da stehen uns mehrere Wege offen. 
Wir können einfach der chronologischen Ordnung folgen, wie sie 
sich bei der Erzählung des Traums herausgestellt hat. Das ist die so- 



Neue Folßc der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 1 59 

zusagen strengste, klassische Methode. Oder wir können den Träumer 
weisen, sich zuerst die Tagesreste im Traum herauszusuchen, 
denn die Erfahrung hat uns gelehrt, daß fast in jedem. Traum ein 
Erinnerungsrest oder eine Anspielung an eine Begebenheit des 
Traumtags, oft an mehrere, eingegangen ist, und wenn wir diesen 
Anknüpfungen folgen, haben wir oft mit einem Schlag den Über- 
gang von der scheinbar weit entrückten Traumwelt zum realen 
Leben des Patienten gefunden. Oder wir heißen ihn, mit jenen 
Elementen des Trauminhalts den Anfang machen, die ihm durch 
ihre besondere Deutlichkeit und sinnliche Stärke auffallen. Wir 
wissen nämlich, daß es ihm bei diesen besonders leicht werden 
wird, Assoziationen zu bekommen. Es macht keinen Unterschied, auf 
welche dieser Arten wir uns den gesuchten Assoziationen nähern. 

Und dann erhalten wir diese Assoziationen. Sie bringen das Ver- 
schiedenartigste, Erinnerungen an den gestrigen Tag, den Traum- 
tag, und an längst vergangene Zeiten, Überlegungen, Diskussionen 
mit einem Für und Wider, Bekenntnisse und Anfragen. Manche 
von ihnen sprudelt der Patient heraus, vor anderen stockt er eine 
Weile. Die meisten zeigen eine deutliche Beziehung zu einem 
Element des Traums; kein Wunder, denn sie gehen ja von diesen 
Elementen aus, aber es kommt auch vor, daß der Patient sie mit 
den Worten einleitet: Das scheint gar nichts mit dem Traum zu 
tun zu haben; ich sage es, weil es mir einföllt. 

Hört man sich diese Fülle von Einfällen an, so merkt man bald, 
daß sie mit dem Trauminhalt mehr gemeinsam haben als nur die 
Ausgangspunkte. Sie werfen ein überraschendes Licht auf alle Teile 
des Traums, füllen die Lücken zwischen ihnen aus, machen ihre 
sonderbaren Zusammenstellungen verständlich. Endlich muß man 
sich über das Verhältnis zwischen ihnen und dem Trauminhalt 
klar werden. Der Traum erscheint als ein verkürzter Auszug aus 
den Assoziationen, nach allerdings noch nicht durchschauten Regeln 
hergestellt, seine Elemente wie die aus einer Wahl hervorgegan- 
genen Repräsentanten einer Menge. Es ist kein Zweifel, daß wir 



i6o ' Schriften aus den Jahren l^2S — l^}} 

durch unsere Technik erhalten haben, was durch den Traum er- 
setzt wird und worin der psychische Wert des Traums zu finden 
ist, was aber nicht mehr die befremdenden Eigentümlichkeiten des 
Traums, seine Fremdartigkeit, Verworrenheit zeigt. 

Aber kein Mißverständnis ! Die Assoziationen zum Traum sind 
noch nicht die latenten Traumgedanken. Diese sind in den Assozia- 
tionen wie in einer Mutterlauge enthahen — aber doch nicht 
ganz vollständig enthalten. Die Assoziationen bringen einerseits viel 
mehr, als wir für die Formulierung der latenten Traumgedanken 
brauchen, nämlich alle die Ausführungen, Übergänge, Verbindungen, 
die der Intellekt des Patienten auf dem Wege der Annäherung 
an die Traumgedanken produzieren mußte. Anderseits hat die 
Assoziation oft gerade vor den eigentlichen Traumgedanken halt- 
gemacht, ist ihnen nur nahegekommen, hat sie nur in den An- 
spielungen berührt. Wir greifen da selbsttätig ein, vervollständigen 
die Andeutungen, ziehen unabweisbare Schlüsse, sprechen das aus, 
woran der Patient in seinen Assoziationen nur gestreift hat. Das 
klingt dann so, als ließen wir unseren Witz und unsere Willkür 
mit dem Material spielen, das uns der Träumer zur Verfügung 
stellt, und mißbrauchten es dazu, in seine Äußerungen hinein- 
zudeuten, was sich aus ihnen nicht herausdeuten läßt; auch ist es 
nicht leicht, die Rechtmäßigkeit unseres Vorgehens in einer ab- 
strakten Darstellung zu erweisen. Aber machen Sie nur selbst eine 
Traumanalyse oder vertiefen Sie sich in ein gut beschriebenes 
Beispiel in unserer Literatur und Sie werden sich überzeugen, wie 
zwingend eine solche Deutungsarbeit abläuft. 

Wenn wir bei der Traumdeutung im allgemeinen und in erster 
Linie von den Assoziationen des Träumers abhängig sind, so be- 
nehmen wir uns doch gegen gewisse Elemente des Trauminhalts 
ganz selbständig, vor allem darum, weil wir müssen, weil bei ihnen 
in der Regel die Assoziationen versagen. Wir haben frühzeitig ge- 
merkt, daß es immer die nämlichen Inhalte sind, bei denen dies 
zutrifft; sie sind nicht sehr zahlreich, und gehäufte Erfahrung hat 



Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die P sychoanalyse 1 6 1 

uns gelehrt, daß sie als Symbole für etwas anderes aufzufassen 
und zu deuten sind. Im Vergleich mit den anderen Traumeleraenten 
darf man ihnen eine feststehende Bedeutung zuschreiben, die aber 
nicht eindeutig zu sein braucht, deren Umfang durch besondere 
uns ungewohnte Regeln bestimmt wird. Da wir diese Symbole zu 
übersetzen verstehen, der Träumer aber nicht, obwohl er sie selbst 
gebraucht hat, kann es sich treffen, daß uns der Sinn eines Traums 
unmittelbar klar wird, noch vor allen Bemühungen um die Traum- 
deutung, sobald wir nur den Traumtext gehört haben, während 
der Träumer selbst noch vor einem Rätsel steht. Aber über die 
Symbolik, unser Wissen von ihr, die Probleme, die sie uns bietet 
habe ich schon in den früheren Vorlesungen so viel erzählt daß 
ich mich heute nicht zu wiederholen brauche. 

Das ist also unsere Methode der Traumdeutung. Die nächste 
■wohlberechtigte Frage lautet: Kann man mit ihrer Hilfe alle 
Träume deuten? Und die Antwort ist; Nein, nicht alle, aber doch 
so viele, daß man der Brauchbarkeit und Berechtigung des Ver- 
fahrens sicher ist. Aber warum nicht alle? Die neuerliche Antwort 
hat uns etwas Wichtiges zu lehren, was bereits in die psychischen 
Bedingungen der Traumbildung einführt: Weil sich die Arbeit der 
Traumdeutung gegen einen Widerstand vollzieht, der von unschein- 
baren Größen bis zur Unüberwindlichkeit — wenigstens für unsere 
jeweiligen Machtmittel — variiert. Die Äußerungen dieses Wider- 
standes kann man während der Arbeit nicht übersehen. An manchen 
Stellen werden die Assoziationen ohne Zögern gegeben, und schon 
der erste oder zweite Einfall bringt die Aufklärung. An anderen 
stockt und zaudert der Patient, ehe er eine Assoziation ausspricht, 
und dann hat man oft eine lange Kette von Einfällen anzuhören, 
bevor man etwas für das Verständnis des Traumes Brauchbares er- 
hält. Je länger und umwegiger die Assoziationskette, desto stärker 
ist der Widerstand, meinen wir gewiß mit Recht. Auch im Ver- 
gessen der Träume verspüren wir denselben Einfluß. Es kommt 
oft genug vor, daß der Patient sich trotz aller Bemühung an einen 

Freud XIL ,. 



i62 - Schriften aus den Jahren Ip2S — igj j 

seiner Träume nicht mehr besinnen kann. Nachdem wir aber in 
einem Stück analytischer Arbeit eine Schwierigkeit beseitigt haben, 
die den Patienten in seinem Verhältnis zur Analyse gestört hatte, 
stellt sich der vergessene Traum plötzlich wieder ein. Auch zwei . 
andere Beobachtungen gehören hierher. Es ereignet sich sehr oft, 
daß von einem Traum zunächst ein Stück wegbleibt, das dann als 
Nachtrag angefügt wird. Das ist als ein Versuch aufzufassen, dieses 
Stück zu vergessen. Die Erfahrung zeigt, daß gerade dieses Stück 
das bedeutungsvollste ist; wir nehmen an, seiner Mitteilung stand 
ein stärkerer Widerstand im Wege als bei den anderen. Ferner, wir 
sehen oft, daß der Träumer dem Vergessen seiner Träume entgegen- 
arbeitet, indem er den Traum unmittelbar nach dem Erwachen 
schrifthch fixiert. Wir können ihm sagen, das ist nutzlos, denn der 
Widerstand, dem er die Erhaltung des Traumtextes abgewonnen 
hat, verschiebt sich dann auf die Assoziation und macht den mani- 
festen Traum für die Deutung unzugänglich. Unter diesen Verhält- 
nissen brauchen wir uns nicht zu verwundern, wenn ein weiteres 
Ansteigen des Widerstands überhaupt die Assoziationen unterdrückt 
und dadurch die Traumdeutung vereitelt. 

Wir ziehen aus alledem den Schluß, daß der Widerstand, den 
wir bei der Arbeit an der Traumdeutung merken, auch an der 
Entstehung des Traums einen Anteil haben muß. Man kann ge- 
radezu Träume, die unter geringem, und solche, die unter hohem 
Widerstandsdruck entstanden sind, unterscheiden. Aber dieser Druck 
wechselt auch innerhalb desselben Traums von Stelle zu Stelle; er 
ist Schuld an den Lücken, Unklarheiten, Verworrenheiten, die den 
Zusammenhang des schönsten Traumes unterbrechen können. 

Aber was leistet da Widerstand und gegen was? Nun, der Wider- 
stand ist uns das sichere Anzeichen eines Konflikts. Es muß eine 
Kraft da sein, die etwas ausdrücken will, und eine andere, die sich 
sträubt, diese Äußerung zuzulassen. Was dann als manifester Traum 
zustande kommt, mag alle die Entscheidungen zusammenfassen, zu 
denen sich dieser Kampf der zwei Strebungen verdichtet hat. An 



Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung i n die Psychoanalyse 1 65 

der einen Stelle mag es der einen Kraft gelungen sein, durchzu- 
setzen, was sie sagen wollte, an anderen ist es der widerstrebenden 
Instanz geglückt, die beabsichtigte Mitteilung vollkommen auszu- 
löschen oder durch etwas, was keine Spur von ihr verrät, zu er- 
setzen. Am häufigsten und für die Traumbildung am meisten 
charakteristisch sind die Fälle, in denen der Konflikt in ein Kom- 
promiß ausgegangen ist, so daß die mitteilsame Instanz zwar sagen 
konnte, was sie wollte, aber nicht so, wie sie es wollte, sondern 
nur gemildert, entstellt und unkennthch gemacht. Wenn also der 
Traum die Traumgedanken nicht getreu wiedergibt, wenn es einer 
Deutungsarbeit bedarf, um die Kluft zwischen beiden zu über- 
brücken, so ist das ein Erfolg der widerstrebenden, hemmenden 
und einschränkenden Instanz, die wir aus der Wahrnehmung des 
Widerstands bei der Traumdeutung erschlossen haben. Solange wir 
den Traum als isoliertes Phänomen unabhängig von ihm verwandten 
psychischen Bildungen studierten, haben wir diese Instanz den 
Traumzensor geheißen. 

Sie wissen längst, daß diese Zensur keine dem Traumleben be- 
sondere Einrichtung ist. Daß der Konflikt zweier psychischer In- 
stanzen, die wir — ungenau — als das unbewußte Verdrängte und 
das Bewußte bezeichnen, überhaupt unser Seelenleben beherrscht 
und daß der Widerstand gegen die Traumdeutung, das Anzeichen 
der Traumzensur, nichts anderes ist als der Verdrängungswiderstand, 
durch den jene beiden Instanzen sich voneinander absetzen. Sie 
wissen auch, daß aus dem Konflikt derselben unter bestimmten 
Bedingungen andere psychische Gebilde hervorgehen, die ebenso 
wie der Traum das Ergebnis von Kompromissen sind, und werden 
nicht verlangen, daß ich hier aUes, was in der Einführung zur 
Neurosenlehre enthalten ist, vor Ihnen wiederhole, um Ihnen vor- 
zuführen, was wir von den Bedingungen solcher Kompromißbildung 
wissen. Sie haben verstanden, daß der Traum ein pathologisches 
Produkt ist, das erste Glied der Reihe, die das hysterische Symptom, 
die Zwangsvorstellung, die Wahnidee umfaßt, aber vor den anderen 



11' 



1 64 ' ■ Schriften aus den Jahren I$2S — 19}) 

ausgezeichnet durch seine Flüchtigkeit und seine Entstehung unter 
Verhältnissen, die dem nornicden Leben angehören. Denn, halten 
wir daran fest, das Traumleben ist, wie schon Aristoteles gesagt 
hat die Art, wie unsere Seele während des Schlafzustandes arbeitet. 
Der Schlafzusland stellt eine Abwendung von der realen Außen- 
\velt her, und damit ist die Bedingung für die Entfaltung einer 
Psychose gegeben. Das sorgfältigste Studium der ernsthaften Psy- 
chosen wird uns keinen Zug entdecken lassen, der für diesen Krank- 
heitszustand mehr charakteristisch wäre. Aber in der Psychose wird 
die Abwendung von der Reahtät auf zweierlei Weise hervorgerufen, 
entweder indem das Unbewußt- Verdrängte überstark wird, so daß 
es das an der Realität hängende Bewußte überwältigt, oder weil 
die Realität so unerträglich leidvoll geworden ist, daß sich das be- 
drohte Ich in verzweifelter Auflehnung dem unbewußten Trieb- 
haften in die Arme wirft. Die harmlose Traumpsychose ist die 
Folge einer bewußt gewollten, nur zeitweiligen Zurückziehung von 
der Außenwelt, sie schwindet auch mit der Wiederaufnahme der Be- 
ziehungen zu dieser. Während der Isolierung des Schlafenden stellt 
sich auch eine Veränderung in der Verteilung seiner psychischen 
Energie her; ein Teil des Verdrängungsaufwands, der sonst zur 
Niederhaltung des Unbewußten gebraucht wurde, kann erspart 
werden, denn wenn dies seine relative Befreiung auch zur Aktivität 
ausnützt, findet es doch den Weg zur Motilität verschlossen und 
nur den unschädlichen zur halluzinatorischen Befriedigung frei. Es 
kann sich jetzt also ein Traum bilden; die Tatsache der Traum- 
zensur zeigt aber, daß noch genug vom Verdrängungswiderstand 
auch während des Schlafs erhalten geblieben ist. 

Hier eröffnet sich uns ein Weg zur Beantwortung der Frage, 
ob der Traum auch eine Funktion hat, ob er mit einer nützlichen 
Leistung betraut ist. Die reizlose Ruhe, welche der Schlafzustaud 
herstellen möchte, wird von drei Seiten bedroht, in mehr zufälliger 
Weise von äußeren Reizen während des Schlafs und von Tages- 
interessen, die sich nicht abbrechen lassen, in unvermeidhcher Weise 



Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 165 

von den ungesättigten verdrängten Triebregungen, die auf die Ge- 
legenheit zur Äußerung lauern. Infolge der nächtlichen Herab- 
setzung der Verdrängungen bestünde die Gefahr, daß die Ruhe 
des Schlafs jedesmal gestört wird, so oft die äußere oder innere 
Anregung eine Verknüpfung mit einer der unbewußten Trieb- 
quellen erreichen kann. Der Traumvorgang läßt das Produkt eines 
solchen Zusammenwirkens in ein unschädliches halluzinatorisches 
Erlebnis einmünden und versichert so die Fortdauer des Schlafs. 
Es ist kein Widerspruch gegen diese Funktion, wenn der Traum 
zeitweilig den Schläfer unter Angstentwicklung weckt, wohl aber 
ein Signal, daß der Wächter die Situation für zu gefährlich hält 
und nicht mehr glaubt, sie bewältigen zu können. Nicht selten 
vernehmen wir dann noch im Schlaf die Beschwichtigung, die das 
Aufwachen verhüten will: Aber es ist ja nur ein Traum! 

Soviel, meine Damen und Herren, wollte ich Ihnen über die 
Traumdeutung sagen, deren Aufgabe es ist, vom manifesten Traum 
zu den latenten Traumgedanken zu führen. Ist dies erreicht, so ist 
in der praktischen Analyse zumeist das Interesse für den Traum 
erloschen. Man fügt die Mitteilung, die man in der Form eines 
Traums erhalten hat, in die anderen ein und geht in der Analyse 
weiter. Wir haben ein Interesse, noch länger beim Traum zu ver- 
weilen; es lockt uns, den Prozeß zu studieren, durch den die latenten 
Traumgedanken in den manifesten Traum verwandelt wurden. Wir 
heißen ihn die Traumarbeit. Sie erinnern sich, ich habe ihn in den 
früheren Vorlesungen so eingehend beschrieben, daß ich mich in 
der heutigen Überschau auf die knappsten Zusammenfassungen be- 
schränken darf. 

Der Prozeß der Traumarbeit ist also etwas ganz Neues und Fremd- 
artiges, dessengleichen vorher nicht bekannt worden war. Er hat uns 
den ersten Einblick in die Vorgänge gegeben, die sich im unbewußten 
System abspielen, und uns gezeigt, daß sie ganz andere sind, als was 
wir von unserem bewußten Denken kennen, daß sie diesem letz- 
teren als unerhört und fehlerhaft erscheinen müßten. Die Bedeutung 



l66 Schriften aus den Jahren l^2S — Ip^] 

dieser Funde ist dann durch die Entdeckung erhöht worden, daß bei 
der Bildung der neurotischen Symptome dieselben Mechanismen — 
wir getrauen uns nicht zu sagen: Denkvorgänge — wirksam sind, 
die die latenten Traumgedanken in den manifesten Traum verwan- 
delt haben. 

Im. folgenden werde ich eine schematisierende Da rstellungs weise 
nicht vermeiden können. Nehmen wir an, wir überblicken in einem 
bestimmten Falle alle die latenten, mehr oder minder affektiv ge- 
ladenen Gedanken, durch die sich nach vollzogener Traumdeutung 
der manifeste Traum ersetzt hat. Dann fällt uns unter ihnen ein 
Unterschied auf, und dieser Unterschied wird uns weit führen. Fast 
alle dieser Traumgedanken werden vom Träumer erkannt oder an- 
erkannt; er gibt zu, er hat so gedacht, diesmal oder ein ander Mal, 
oder er hätte so denken können. Nur gegen die Annahme eines ein- 
zigen sträubt er sich; der ist ihm fremd, vielleicht sogar widerlich; 
möglicherweise wird er ihn in leidenschaftlicher Erregung von sich 
weisen. Nun wird uns klar, die anderen Gedanken sind Stücke eines 
bewußten, korrekter gesagt; vorbewußten Denkens; sie hätten auch 
im Wachlebeu gedacht werden können, haben sich auch wahrschein- 
lich tagsüber gebildet. Dieser eine verleugnete Gedanke aber, oder 
richtiger diese eine Regung, ist ein Kind der Nacht; sie gehört dem 
Unbewußten des Träumers an, wird darum von ihm verleugnet und 
verworfen. Sie mußte den nächtlichen Nachlaß der Verdrängung ab- 
warten, um es zu irgendeiner Art von Ausdruck zu bringen. Immer- 
hin ist dieser Ausdruck ein abgeschwächter, entstellter, verkleideter; 
ohne die Arbeit der Traumdeutung hätten wir ihn nicht gefunden. 
Der Verknüpfung mit den anderen einwandfreien Traumgedanken 
dankt diese unbewußte Regung die Gelegenheit, sich in einer 
unscheinbaren Verkleidung durch die Schranke der Zensur einzu- 
schleichen; anderseits danken die vorbewußten Traumgedanken 
dieser selben Verknüpfung die Macht, das Seelenleben auch während 
des Schlafs zu beschäftigen. Denn uns bleibt kein Zweifel daran: 
Diese unbewußte Regung ist der eigentüche Schöpfer des Traums, 



Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 167 

sie bringt die psychische Energie für seine Bildung auf. Wie jede 
andere Triebregung kann sie nichts anderes anstreben als ihre 
eigene Befriedigung, und unsere Erfahrung im Traumdeuten zeigt 
uns auch, daß dies der Sinn alles Träumens ist. In jedem Traum 
soll ein Triebwunsch als erfüllt dargestellt werden. Die nächt- 
liche Absperrung des Seelenlebens von der Realität, die dadurch 
ermöglichte Regression zu primitiven Mechanismen machen es 
möglich, daß diese gewünschte Triebbefriedigung halluzinatorisch 
als Gegenwart erlebt wird. Infolge derselben Regression werden 
im Traum Vorstellungen in visuelle Bilder umgesetzt, die latenten 
Traumgedanken also dramatisiert und illustriert. 

Aus diesem Stück der Traumarbeit erhalten wir Auskunft über 
einige der auffälligsten und besondersten Charaktere des Traums. 
Ich wiederhole den Hergang der Traumbildung. Die Einleitung: der 
Wunsch zu schlafen, die absichtliche Abwendung von der Außen- 
welt. Zwei Folgen derselben für den seelischen Apparat, erstens 
die Möglichkeit, daß ältere und primitivere Arbeitsweisen in ihm 
hervortreten können, die Regression, zweitens die Herabsetzung 
des Verdrängungs Widerstandes, der auf dem Unbewußten lastet. 
Als Folge dieses letzteren Moments ergibt sich die Möglichkeit 
zur Traumbildung, die von den Anlässen, den rege gewordenen 
inneren und äußeren Reizen, ausgenutzt wird. Der Traum, der so 
entsteht, ist bereits eine Kompromißbildung; er hat eine doppelte 
Funktion, er ist einerseits ichgerecht, indem er durch die Erledi- 
gung der schlafstörenden Reize dem Schlafwunsch dient, ander- 
seits gestattet er einer verdrängten Triebregung die unter diesen 
Verhältnissen mögliche Befriedigung in der Form einer halluzi- 
nierten Wunscherfüllung. Der ganze vom schlafenden Ich zuge- 
lassene Prozeß der Traumbildung steht aber unter der Bedingung 
der Zensur, die von dem Rest der aufrechterhaltenen Verdrän- 
gung ausgeübt wird. Einfacher kann ich den Vorgang nicht dar- 
stellen, er ist nicht einfacher. Aber ich kann nun in der Beschrei- 
bung der Traumarbeit fortfahren. 



i68 Schriften aus den Jahren 1^28 — 19 J3 

Nochmals zurück zu den latenten Traumgedanken ! Ihr stärkstes 
Element ist die verdrängte Triebregung» die sich in ihnen in An- 
lehnung an zufällig vorhandene Reize und in Ühertrag^ung an die 
Tagesreste einen wenngleich gemilderten und verkleideten Aus- 
druck geschaffen hat. Wie jede Triebregung drängt auch diese zur 
Befriedigung durch die Handlung, aber der Weg zur Motilität ist 
ihr durch die physiologischen Einrichtungen des Sciüafzustandes 
versperrt^ sie ist genötigt, die rückläufige Richtung zur Wahr- 
nehmung einzuschlagen und sich mit einer halluzinierten Befrie- 
digung zu begnügen. Die latenten Traumgedanken werden also iu 
eine Summe von Sinnesbildern und visuellen Szenen umgesetzt. 
Auf diesem Wege geschieht das mit ihnen, was uns so neuartig 
und befremdend erscheint. Alle die sprachlichen Mittel, durch welche 
die feineren Denkrelationen ausgedrückt werden, die Konjunktionen 
und Präpositionen, die Abänderungen der Deklination und Kon- 
jugation entfallen, weil die Darstellungsmittel für sie fehlen; wie 
in einer primitiven Sprache ohne Grammatik wird nur das Roh- 
material des Denkens ausgedrückt, Abstraktes auf das ihm zugrunde 
liegende Konkrete zurückgeführt. Was so erübrigt, kann leicht zu- 
sammenhanglos erscheinen. Es entspricht sowohl der archaischen 
Regression im seelischen Apparat wie den Anforderungen der Zen- 
sur, wenn die Darstellung von gewissen Objekten und Vorgängen 
durch Symbole, die dem bewußten Denken fremd geworden sind, 
in reichem Ausmaß verwendet wird. Aber weit darüber hinaus 
greifen andere Veränderungen, die mit den Elementen der Traum- 
gedanken vorgenommen werden. Solche von ihnen, die irgend 
einen Berührungspunkt auffinden lassen, werden zu neuen Ein- 
heiten verdichtet. Bei der Umsetzung der Gedanken in Bilder 
werden diejenigen unzweideutig bevorzugt, die eine derartige Zu- 
sammenlegung, Verdichtung, gestatten^ als ob eine Kraft wirksam 
wäre, die das Material einer Pressung, Zusammendrängung, aus- 
setzt. Infolge der Verdichtung kann dann ein Element im manifesten 
Traum zahlreichen Elementen in den latenten Traumgedanken ent- 



Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 169 

sprechen- umgekehrt kann aber auch ein Element der Traum- 
gedanken durch mehrere Bilder im Traum vertreten werden. 

Noch merkwürdiger ist der andere Vorgang der Verschiebung 
oder Akzentübertragung, der im bewußten Denken nur als Denk- 
fehler oder als Mittel des Witzes bekannt ist. Die einzelnen Vorstel- 
lungen der Traumgedanken sind ja nicht gleichwertig, sie sind mit 
verschieden großen Affektbeträgen besetzt und dementsprechend vom 
Urteil als mehr oder minder wichtig, des Interesses würdig einge- 
schätzt. In der Traumarbeit werden diese Vorstellungen von den an 
ihnen haftenden Affekten getrennt ; die Affekte werden für sich er- 
ledigt, sie können auf anderes verschoben werden, erhalten bleiben 
Verwandlungen erfahren, überhaupt nicht im Traum erscheinen. Die 
Wichtigkeit der vom Affekt entblößten Vorstellungen kehrt im Traum 
als sinnliche Stärke der Traumbilder wieder, aber wir bemerken 
daß dieser Akzent von bedeutsamen Elementen auf indifferente 
übergegangen ist, so daß im Traum als Hauptsache in den Vorder- 
grund gerückt scheint, was in den Traumgedanken nur eine Neben- 
rolle spielte, und umgekehrt das Wesentliche der Traumgedanken 
im Traum nur eine beiläufige, wenig deutliche Darstellung findet. 
Kein anderes Stück der Traurnarbeit trägt soviel dazu bei den 
Traum für den Träumer fremdartig und unbegreiflich zu machen. 
Die Verschiebung ist das Hauptmittel der Traumentstellung, 
welche sich die Traumgedanken unter dem Einfluß der Zensur 
gefallen lassen müssen. 

Nach diesen Einwirkungen auf die Traumgedanken ist der Traum 
fast fertiggemacht. Es tritt noch ein ziemhch inkonstantes Moment 
hinzu, die sogenannte sekundäre Bearbeitung, nachdem der Traum 
als Wa'hrnehmungsobjekt vor dem Bewußtsein aufgetaucht ist. Wir 
behandeln ihn dann so, wie wir überhaupt gewohnt sind, unsere 
Wahrnehmungsinhalte zu behandeln, suchen Lücken auszufüllen, 
Zusammenhänge einzufügen, setzen uns dabei oft genug groben 
Mißverständnissen aus. Aber diese gleichsam rationalisierende Tätig- 
keit, die im besten Falle den Traum mit einer glatten Fassade 



1 70 Sc hriften aus den Jahren l^lS—I^}? 

versieht, wie sie zu seinem wirklichen Inhalt nicht passen kann, 
kann auch unterlassen werden oder sich nur in sehr bescheidenem. 
Maß äußern, wo dann der Traum alle seine Risse und Sprünge 
offen zur Schau trägt. Anderseits ist nicht zu vergessen, daß auch 
die Traumarbeit nicht immer gleich energisch verfährt; oft genug 
schränkt sie sich nur auf gewisse Stücke der Traumgedanken ein 
und andere von ihnen dürfen unverändert im Traum erscheinen. 
Dann macht es den Eindruck, als hätte man im Traum die feinsten 
und kompliziertesten intellektuellen Operationen ausgeführt, speku- 
liert, Witze gemacht, Entschlüsse gefaßt, Probleme gelöst, während 
all dies das Ergebnis unserer normalen geistigen Tätigkeit ist, eben- 
sowohl am Tag vor dem Traum wie während der Nacht vor- 
gefallen sein mag, mit der Traumarbeit nichts zu tun hat und 
nichts für den Traum Charakteristisches zum Vorschein bringt. 
Es ist auch nicht überflüssig, nochmals den Gegensatz zu betonen, 
der innerhalb der Traumgedanken selbst zwischen der unbewußten 
Triebregung und den Tagesresten besteht. Während die letzteren 
die ganze Mannigfaltigkeit unserer seelischen Akte aufweisen, läuft 
die erstere, die der eigentliche Motor der Traumbildung wird, regel- 
mäßig in eine Wunscherfüllung aus. 

Das alles hätte ich Ihnen schon vor fünfzehn Jahren sagen können, 
ja ich glaube, ich habe es Ihnen damals auch wirklich gesagt. Nun 
wollen wir zusammentragen, was etwa in dieser Zwischenzeit an 
Abänderungen und neuen Einsichten hinzugekommen ist. 

Ich sagte Ihnen schon, ich fürchte, Sie werden finden, es ist recht 
wenig, und werden nicht verstehen, warum ich Ihnen auferlegt 
habe, das Nämliche zweimal anzuhören, und mir, es zu sagen. Aber 
es sind i g Jahre dazwischen, und ich hoffe, auf diese Art am leichte- 
sten den Kontakt mit Ihnen wiederherzustellen. Auch sind es so 
elementare Dinge, von so entscheidender Wichtigkeit für das Ver- 
ständnis der Psychoanalyse, daß man sie gern ein zweites Mal an- 
hören mag, und daß sie nach 1 5 Jahren so sehr dieselben geblieben 
sind, ist an und für sich wissenswert. 

\ 



n 



Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 171 

Sie finden in der Literatur dieser Zeit natürlich eine große An- 
zahl von Bestätigungen und Detailausführungen, von denen ich 
Ihnen nur Proben zu geben vorhabe. Auch kann ich dabei einiges, 
was schon früher bekannt wurde, nachholen. Es bezieht sich zu- 
meist auf die Symbolik im Traum und die sonstigen Darstellungs- 
weisen des Traumes. Nun hören Sie, erst ganz kürzlich haben die 
Mediziner an einer amerikanischen Universität sich geweigert, der 
Psychoanalyse den Charakter einer Wissenschaft zuzugestehen, mit 
der Begründung, daß sie keine experimentellen Beweise zulasse. 
Sie hätten denselben Einwand auch gegen die Astronomie erheben 
können^ das Experimentieren mit den Himmelskörpern ist ja 
besonders schwierig. Man bleibt da auf die Beobachtung ange- 
wiesen. Immerhin haben gerade Wiener Forscher den Anfang 
gemacht, unsere Traumsyrabolik experimentell zu bestätigen. Ein 
Dr. Schrötter hat schon xgia gefunden, wenn man tief hypnoti- 
sierten Personen den Auftrag gibt, von sexuellen Vorgängen zu 
träumen, erscheint in dem so provozierten Traum das sexuelle 
Material durch die uns bekannten Symbole ersetzt. Zum Beispiel: 
einer Frau wird aufgegeben, vom Gesclilechtsverkehr mit einer 
Freundin zu träumen. In ihrem Traum erscheint diese Freundin 
mit einer Reisetasche, die mit einem Zettel beklebt ist; Nur 
far Damen. Noch eindrucksvoller sind Versuche von Betlheim 
und Hartmann 1934, die an Kranken mit sogenannter Korsa- 
koffscher Verworrenheit arbeiteten. Sie erzählten ihnen Ge- 
schichten mit grob sexuellem Inhalt und achteten auf die Ent- 
stellungen, die bei der geforderten Reproduktion des Erzählten 
auftraten. Dabei kamen wiederum die uns vertrauten Symbole für 
Geschlechtsorgane und Geschlechtsverkehr zum Vorschein, unter 
anderem das Symbol der Stiege, von dem die Autoren mit Recht 
sagen, daß es einem bewußten Entstellungswunsch unerreichbar 
gewesen wäre. 

V. Silberer hat in einer sehr interessanten Versuchsreihe ge- 
zeigt, daß man die Traumarbeit gleichsam in flagranti dabei über- 



1 ya Schriften aus den Jahren Ip2S — ^9)3 

raschen kann, wie sie abstrakte Gedanken in visuelle Bilder um- 
setzt. Wenn er sich in Zuständen von Müdigkeit und Schlaf- 
trunkenheit zu geistiger Arbeit nötigen wollte, dann entschw^and 
ihm oft der Gedanke und an seiner Stelle trat eine Vision auf, 
die offenbar sein Ersatz war. 

Ein einfaches Beispiel dafür: Ich denke daran, sagt Silberer, 
daß ich vorhabe, in einem Aufsatz eine holprige Stelle auszubessern. 
Vision: Ich sehe mich ein Stück Holz glatthobeln. Bei diesen Ver- 
suchen ereignete es sich häufig, daß nicht der einer Bearbeitung 
harrende Gedanke, sondern sein eigener subjektiver Zustand während 
der Bemühung zum Inhalt der Vision wurde, das Zuständhche 
anstatt des Gegenständlichen, was Silberer als „funktionales Phä- 
nomen" bezeichnet hat. Ein Beispiel wird Ihnen gleich zeigen, was 
gemeint ist. Der Autor bemüht sich, die Ansichten zweier Philo- 
sophen über ein gewisses Problem miteinander zu vergleichen. 
Aber in seiner Schläfrigkeit entschlüpft ihm die eine davon immer 
wieder und endlich hat er die Vision, daß er eine Auskunft von 
einem mürrischen Sekretär verlangt, der, über einen Schreibtisch 
gebeugt, ihn zuerst nicht beachtet und dann ihn unwillig und ab- 
weisend ansieht. Wahrscheinlich erklärt es sich aus den Versuchs- 
bedingungen selbst, daß die so erzwungene Vision so häufig ein 
Ergebnis der Selbstbeobachtung darstellt. 

Bleiben wir noch bei den Symbolen. Es gab solche, die wir erkannt 
zu haben glaubten, und bei denen es uns doch störte, daß wir 
nicht angeben konnten, wie das Symbol zu der Bedeutung ge- 
kommen war. In solchen Fällen mußten uns Bestätigungen von 
anderswoher, aus Sprachwissenschaft, Folklore, Mythologie, Ritual 
besonders willkommen sein. Ein Beispiel dieser Art war das Symbol 
des Mantels. Wir sagten, im Traume einer Frau bedeutet der Mantel 
einen Mann. Ich hoffe nun, es macht Ihnen einen Eindruck, wenn 
Sie hören, daß Th. Reik 1920 uns berichtet: „In dem höchst 
altertümlichen Brautzeremoniell der Beduinen bedeckt der Bräutigam 
die Braut mit einem besonderen, ,Aba' genannten Mantel und spricht 



Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 175 

dazu die rituellen Worte: ,Es soll Dich fortan niemand bedecken 
als nur ich'." (Nach Robert Eisler: „Weltenmantel und Himmels- 
zelt.") Wir haben auch mehrere neue Symbole aufgefunden, von 
denen ich Ihnen wenigstens zwei Beispiele berichten will. Nach 
Abraham 1932 ist die Spinne im Traum ein Symbol der Mutter, 
aber der phallischen Mutter, vor der man sich fürchtet, so daß 
die Angst vor der Spinne den Schrecken vor dem Mutterinzest 
und das Grauen vor dem weiblichen Genitale ausdrückt. Sie wissen 
vielleicht, daß das mythologische Gebilde des Medusenhaupts auf 
dasselbe Motiv des Kastrationsschrecks zurückzuführen ist. Das 
andere Symbol, von dem ich Ihnen sprechen will, ist das der Brücke. 
Ferenczi hat es 1921 — 1922 aufgeklärt. Es bedeutet ursprünglich 
das männliche Glied, das das Elternpaar beim Geschlechtsverkehr 
miteinander verbixidet, aber es entwickelt sich dann zu weiteren 
Bedeutungen, die sich von jener ersten ableiten. Insoferne es dem 
männlichen Glied zu verdanken ist, daß man überhaupt aus dem, 
Geburtswasser zur Welt kann, wird die Brücke der Übergang vom. 
Jenseits (dem Noch-nicht-geboren-sein, dem Mutterleib) zum Dies- 
seits (dem Leben), und da sich der Mensch auch den Tod, als 
Rückkehr in den Mutterleib (ins Wasser) vorstellt, bekommt die 
Brücke auch die Bedeutung einer Beförderung in den Tod und 
endlich in weiterer Entfernung von ihrem Anfangssinn bezeichnet 
sie Übergang, Zustandsveränderung überhaupt. Dazu stimmt es dann, 
wenn eine Frau, die den Wunsch nicht überwunden hat, ein Mann 
zu sein, so häufig von Brücken träumt, die zu kurz sind, um das 
andere Ufer zu erreichen. 

Im manifesten Inhalt der Träume kommen recht häufig Bilder 
und Situationen vor, die an bekannte Motive aus Märchen, Sagen 
und Mythen erinnern. Die Deutung solcher Träume wirft dann 
ein Licht auf die ursprünglichen Interessen, die diese Motive ge- 
schaffen haben, wobei wir aber natürlich nicht an den Bedeutungs- 
wandel vergessen dürfen, der im Laufe der Zeiten dieses Material 
betroffen hat. Unsere Deutungsarbeit deckt sozusagen den Rohstoff 



1 



174 ■ Schriften aus den Jahren 19 28 — J95J 

auf, der häufig genug im weitesten Sinne sexuell zu nennen ist, 
aber in späterer Bearbeitung die verschiedenartigste Verwendung 
fand. Solche Zurückführungen pflegen uns den Zorn aller nicht 
analytisch gerichteten Forscher einzutragen, als ob wir alles, was 
sich an späteren Entwicklungen darüber aufgebaut, leugnen oder 
geringschätzen wollten. Nichtsdestoweniger sind solche Einsichten 
lehrreich und interessant. Das gleiche gilt für die Ableitung ge- 
wisser Motive der bildenden Kunst, wenn z. B. J. Eisler (1919) 
nach der Anleitung von Träumen seiner Patienten den mit einem 
Knäblein spielenden Jüngling, der im Hermes des Praxiteles dar- 
gestellt ist, analytisch deutet. Nur noch ein Wort, aber ich kann 
es mir nicht versagen zu erwähnen, wie häufig gerade mytho- 
logische Themen durch die Traumdeutung Aufklärung finden. So 
läßt sich z. B. die Labyrinthsage als Darstellung einer analen Geburt 
erkennen} die verschlungenen Gänge sind der Darm, der Ariadne- 
faden die Nabelschnur. 

Die Darstellungs weisen der Traumarbeit, ein reizvoller und kaum 
zu erschöpfender Stoff, sind uns durch eingehendes Studium immer 
vertrauter worden; ich will Ihnen auch davon einige Proben geben. 
So z. B. stellt der Traum die Relation der Häufigkeit durch die 
Vervielfältigung von Gleichartigem dar. Hören Sie den sonderbaren 
Traum eines jungen Mädchens an: Sie tritt in einen großen Saal 
ein und findet in ihm eine Person auf einem Stuhl sitzend, sechs-, 
achtmal, noch öfter wiederholt, die aber jedesmal ihr Vater ist. 
Das versteht sich leicht, wenn man aus den Neben umständen der 
Deutung erfährt, daß dieser Raum den Mutterleib vorstellt. Dann 
wird der Traum gleichwertig mit der uns wohlbekannten Phantasie 
des Mädchens, das schon im Intrauter inieben mit dem Vater zu- 
sammengetroffen sein will, wenn er während der Schwangerschaft 
dem Mutterleib einen Besuch abstattete. Daß etwas im Traum 
umgekehrt, das Eintreten vom Vater auf die eigene Person ver- 
schoben ist, darf Sie nicht beirren j es hat übrigens noch seine be- 
sondere Bedeutung. Die Vervielfältigung der Vaterperson kann nur 



Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 175 

ausdrücken, daß der betreffende Vorgang sich wiederholt ereignet 
hat. EigentUch müssen wir auch zugestehen, daß der Traum sich 
nicht viel herausnimmt, wenn er Häufigkeit durch Häufung 
ausdrückt. Er hat nur auf die Urbedeutung des Wortes zurück- 
gegriffen, das uns heute eine Wiederholung in der Zeit bezeichnet, 
aber von einer Ansammlung im Raum hergenommen ist. Aber die 
Traumarbeit setzt überhaupt, wo es angeht, zeitliche Beziehungen 
in räumliche um und stellt sie als solche dar. Man sieht etwa im 
Traum eine Szene zwischen Personen, die sehr klein und weit 
entfernt erscheinen, als ob man sie durch das umgekehrte Ende 
eines Opernglases betrachten würde. Die Kleinheit wie die räum- 
liche Entfernung bedeuten hier das gleiche, es ist die Entfernung 
in der Zeit gemeint, es soll verstanden werden, dai3 es eine Szene 
aus weil zurückliegender Vergangenheit ist. Ferner, Sie erinnern 
vielleicht, daß ich Ihnen schon in den früheren Vorlesungen ge- 
sagt und an Beispielen gezeigt habe, wir hätten gelernt, auch rein 
formale Züge des manifesten Traums für die Deutung zu ver- 
werten, also in Inhalt aus den latenten Traumgedanken umzusetzen. 
Nun wissen Sie ja, daß alle Träume einer Nacht in denselben 
Zusammenhang gehören. Aber es ist nicht einmal gleichgültig, ob 
diese Träume dem Träumenden als ein Kontinuum erscheinen oder 
ob er sie in mehrere Stücke gliedert und in wie viele. Die Anzahl 
dieser Stücke entspricht oft ebensoviel gesonderten Mittelpunkten 
der Gedankenbildung in den latenten Traumgedanken oder mit- 
einander ringenden Strömungen im Seelenleben des Träumers, von 
denen jede in einem besonderen Traumstück vorherrschenden, wenn 
auch nie ausschließlichen Ausdruck findet. Ein kurzer Vortraum 
und ein langer Haupttraum stehen oft zueinander in der Be- 
ziehung von Bedingung und Ausführung, wovon Sie ein sehr deut- 
liches Beispiel in jenen alten Vorlesungen finden können. Ein 
Traum, den der Träumer als irgendwie eingeschoben bezeichnet, 
entspricht wirklich einem Nebensatz in den Traumgedanken. Franz 
Alexander hat (1925) in einer Studie über Traumpaare gezeigt, 



1^6 Schriften aas den Jakren i^lS — I^^) 

daß zwei Traume einer Nacht sich nicht selten derart in die Er- 
füllung der Traumaufgabe teilen, daß sie zusammen genommen 
eine Wunscherfüllung in zwei Etappen ergeben, was jeder Traum 
für sich nicht leistet. Wenn der Traumwunsch etwa eine unerlaubte 
Handlung an einer bestimmten Person zum Inhalt hat, so erscheint 
diese Person unverhüllt im ersten Traum, die Handlung aber wird 
nur schüchtern angedeutet. Der zweite Traum macht es dann 
anders. Die Handlung wird unverhüllt genannt, aber die Person 
unkenntlich gemacht oder durch eine indifferente ersetzt. Das macht 
doch wirklich den Eindruck von Schlauheit. Eine zweite und 
ähnliche Relation zwischen den beiden Teilen eines Traumpaares 
ist die, daß der eine die Bestrafung darstellt, der andere die sündige 
Wunscherfüllung. Also gleichsam: Wenn man die Strafe dafür auf 
sich nimmt, dann darf man sich das Verbotene erlauben. 

Ich kann Sie nicht länger bei ähnlichen Kleinfunden aufhalten, 
auch nicht bei den Diskussionen, die sich auf die Verwertung der 
Traumdeutung in der analytischen Arbeit beziehen. Ich kann an- 
nehmen, daß Sie ungeduldig sind zu hören, welche Änderungen 
sich in den Grundanschauungen über Wesen und Bedeutung des 
Traumes vollzogen haben. Sie sind bereits darauf vorbereitet, daß 
gerade darüber wenig zu berichten ist. Der bestrittenste Punkt der 
ganzen Lehre war wohl die Behauptung, daß alle Träume Wunsch- 
erfüllungen sind. Den unvermeidlichen, immer wiederkehrenden 
Einwand der Laien, daß es doch so viele Angstträume gibt, haben 
wir bereits in den früheren Vorlesungen, ich darf es sagen, voU 
erledigt. Mit der Einteilung in Wunsch-, Angst- und Strafträume 
haben wir unsere Lehre aufrechterhalten. 

Auch die Strafträume sind Wunscherfüllungen, aber nicht solche 
der Triebregungen, sondern der kritisierenden, zensurierenden und 
strafenden Instanz im Seelenleben. Wenn wir einen reinen Straf- 
traum vor uns haben, so gestattet uns eine leichte Gedanken- 
operation, den Wunschtraum wieder herzustellen, auf den der 
Straftraum die richtige Entgegnung ist, der für den manifesten 



A^g^g Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 1 7 7 

Traum durch diese Zurückweisung ersetzt wurde. Sie wissen, meine 
Damen und Herren, daß das Studium des Traums uns zuerst zum 
Verständnis der Neurosen verhelfen hat. Sie werden es auch be- 
greiflich finden, daß unsere Kenntnis der Neurosen späterhin unsere 
Auffassung des Traums beeinflussen konnte. Wie Sie hören werden 
haben wir uns genötigt gesehen, im Seelenleben eine besondere 
kritisierende und verbietende Instanz anzunehmen, die wir das 
Über-Ich heißen. Indem wir nun auch die Traumzensur als eine 
Leistung dieser Instanz erkannten, wurden wir angeleitet, den 
Anteil des Über-Ichs an der Traumbildung sorgfältiger zu beachten. 
Gegen die Wunscherfüllungstheorie des Traumes haben sich nur 
zwei ernsthafte Schwierigkeiten erhoben, deren Erörterung weitab 
führt, allerdings noch keine voll befriedigende Erledigung gefunden 
hat. Die erste ist durch die Tatsache gegeben, daß Personen, die 
ein Schockerlebnis, ein schweres psychisches Trauma durchgemacht 
haben, wie es so oft im Krieg der Fall war und sich auch als 
Begründung einer traumatischen Hysterie findet, vom Traum so 
regelmäßig in die traumatische Situation zurückversetzt werden. 
Das sollte nach unseren Annahmen über die Funktion des Traumes 
nicht der Fall sein. Welche Wunschregung könnte durch dieses 
Rückgreifen auf das höchst peinliche traumatische Erlebnis befriedigt 
werden? Das ist schwer zu erraten. Mit der zweiten Tatsache 
treffen wir in der analytischen Arbeit fast täghch zusammen; sie 
bedeutet auch keinen so gewichtigen Einwand wie die andere. 
Sie wissen, es ist eine der Aufgaben der Psychoanalyse, den Schleier 
der Amnesie zu lüften, der die ersten Kinderjahre verhüllt und 
aie in ihnen enthaltenen Äußerungen des frühkindlichen Sexual- 
lebens zur bewußten Erinnerung zu bringen. Nun sind diese ersten 
Sexualerlebnisse des Kindes mit schmerzlichen Eindrücken von 
Angst, Verbot, Enttäuschung und Bestrafung verknüpft^ man ver- 
steht, daß sie verdrängt worden sind, aber dann versteht man 
nicht, daß sie einen so breiten Zugang zum Traumleben haben, 
daß sie die Muster für so viele Traumphantasien hergeben, daß 



Freud Xn. 



i^g Schrißen aus den Jahren 1928—19)3 



die Träume von Reproduktionen dieser InfantiUzenen und von 
Anspielungen an sie erfüllt sind. Ihr Unlustcharakter und die 
Wunscherfüllungstendenz der Traumarbeit scheinen sich doch 
schlecht miteinander zu vertragen. Aber vielleicht sehen wir in 
diesem Fall die Schwierigkeit zu groß. An denselben Kindheits- 
erlebnissen haften ja alle die unvergänglichen, unerfüllten Trieb- 
wünsche, die durchs ganze Leben die Energie für die Traumbildung 
abgeben, denen man es wohl zutrauen kann, daß sie in ihrem 
gewaltigen Auftrieb auch das Material peinUch empfundener Be- 
gebenheiten an die Oberfläche drängen können. Und anderseits ist 
in der Art und Weise, wie dieses Material reproduziert wird, die 
Bemühung der Traumarbeit unverkennbar, die die Unlust durch 
Entstellung verleugnen, Enttäuschung in Gewährung verwandeln 
will. Bei den traumatischen Neurosen ist es anders, hier laufen 
die Träume regelmäßig in Angstentwicklung aus. Ich meine, wir 
sollen uns nicht scheuen zuzugestehen, daß in diesem Falle die 
Funktion des Traumes versagt. Ich will mich nicht auf den Sau 
berufen, daß die Ausnahme die Regel bestätigt; seine Weisheit 
erscheint mir recht zweifelhaft. Aber wohl hebt die Ausnahme 
die Regel nicht auf. Wenn man eine einzelne psychische Leistung 
wie das Träumen zum Zweck des Studiums aus dem ganzen Ge- 
triebe isoliert, hat man es sich möglich gemacht, die ihr eigenen 
Gesetzmäßigkeiten aufzudecken; wenn man sie wiederum ins Gefüge 
einsetzt, muß man gefaßt sein zu finden, daß diese Ergebnisse 
durch den Zusammenstoß mit anderen Mächten verdunkelt oder 
beeinträchtigt werden. Wir sagen, der Traum ist eine Wunsch- 
erfüllung; wenn Sie den leuten Einwänden Rechnung tragen 
wollen, so sagen Sie immerhin, der Traum ist der Versuch 
einer Wunscherfüllung. Für keinen, der sich in die psychische 
Dynamik hineinversetzen kann, haben Sie dann etwas anderes 
gesagt. Unter bestimmten Verhältnissen kann der Traum seine 
Absicht nur sehr unvollkommen durchsetzen oder muß sie über- 
haupt aufgeben; die unbewußte Fixierung an ein Trauma scheint 



Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in d ie Psychoanalyse 1 79 

unter diesen Verhinderungen der Traumfunktion obenan zu stehen. 
Während der Schläfer träumen muß, weil der nächthche Nachlaß 
der Verdrängung den Auftrieb der traumatischen Fixierung aktiv 
werden läßt, versagt die Leistung seiner Traumarbeit, die die 
Erinnerungsspuren der traumatischen Begebenheit in eine Wunsch- 
erfüllung umwandeln möchte, unter diesen Verhältnissen ereignet 
es sich, daß man schlaflos wird, aus Angst vor dem Mißglücken 
der Traumfunktion auf den Schlaf verzichtet. Die traumatische 
Neurose zeigt uns da einen extremen Fall, aber man muß auch 
den Kindheitserlebnissen den traumatischen Charakter zugestehen 
und braucht sich nicht zu verwundern, wenn sich geringfüo-igere 
Störungen der Traumleistung auch unter anderen Bedingungen 
ergeben. 



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XXX. VORLESUNG 

; TRAUM UND OKKULTISMUS 

Meine Damen und Herren! Wir werden heute einen schmalen 
Weg gehen, aber der kann uns zu einer weiten Aussicht führen. 

Die Ankündigung, daß ich über die Beziehung des Traums zum 
Okkuhismus sprechen werde, kann Sie kaum überraschen. Der 
Traum ist ja oft als die Pforte zur Welt der Mystik betrachtet worden, 
gilt heute noch vielen selbst als ein okkultes Phänomen. Auch 
wir, die ihn zum Objekt wissenschaftlicher Untersuchung gemacht 
haben, bestreiten nicht, daß ihn ein oder mehrere Fäden mit jenen 
dunklen Dingen verknüpfen. Mystik, Okkultismus, was ist mit 
diesen Namen gemeint? Erwarten Sie keinen Versuch von mir, 
diese schlecht umgrenzten Gebiete durch Definitionen zu um- 
fassen. In einer allgemeinen und unbestimmten Weise wissen wir 
alle, woran wir dabei zu denken haben. Es ist eine Art von Jenseits 
der hellen, von unerbitthchen Gesetzen beherrschten Welt, welche 
die Wissenschaft für uns aufgebaut hat. 

Der Okkultismus behauptet die reale Existenz jener „Dinge 
zwischen Himmel und Erde, von denen unsere Schulweisheit sich 
nichts träumen läßt". Nun, wir wollen nicht an der Engherzigkeit 
der Schule festhalten; wir sind bereit zu glauben, was man uns 
glaubwürdig macht. 

Wir gedenken mit diesen Dingen zu verfahren wie mit allem 
anderen Material der Wissenschaft, zunächst festzustellen, ob solche 



Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 181 

Vorgänge wirklich nachweisbar sind, und dann, aber erst dann, wenn 
sich ihre Tatsächlichkeit nicht bezweifeln läßt, uns um ihre Er- 
klärung zu bemühen. Aber es ist nicht zu leugnen, daß schon 
dieser Entschluß uns schwer gemacht wird durch intellektuelle, 
psychologische und historische Momente. Es ist nicht derselbe Fall, 
wie wenn wir an andere Untersuchungen herangehen. 

Die intellektuelle Schwierigkeit zuerst! Gestatten Sie mir grobe, 
handgreifliche Verdeutlichungen. Nehmen wir an, es handle sich 
um die Frage nach der Beschaffenheit des Erdinnern. Bekanntlich 
wissen wir nichts Sicheres darüber. Wir vermuten, daß es aus 
schweren Metallen im glühenden Zustand besteht. Nun stelle einer 
die Behauptung auf, das Erdinnere sei mit Kohlensäure gesättigtes 
Wasser, also eine Art Sodawasser. Wir werden gewiß sagen das 
ist sehr unwahrscheinlich, widerspricht allen unseren Erwartungen 
ninim.t keine Rücksicht auf jene Anhaltspunkte unseres Wissens, 
die uns zur Aufstellung der Metallhypothese geführt haben. Aber 
undenkbar ist es immerhin nicht; wenn uns jemand einen Weg 
zur Prüfung der Sodawasserhypothese zeigt, werden wir ihn ohne 
Widerstand gehen. Aber nun kommt ein anderer mit der ernst- 
haften Behauptung, der Erdkern bestehe aus Marmelade! Dagegen 
werden wir uns ganz anders verhalten. Wir werden uns sagen, 
Marmelade kommt in der Natur nicht vor, es ist ein Produkt der 
menschlichen Küche, die Existenz dieses Stoffes setzt außerdem 
das Vorhandensein von Obstbäumen und von deren Früchten vor- 
aus, und wir wüßten nicht, wie wir Vegetation und menschliche 
Kochkunst ins Erdinnere verlegen könnten^ das Ergebnis dieser 
intellektuellen Einwendungen wird eine Schwenkung unseres 
Interesses sein, anstatt auf die Untersuchung einzugehen, ob wirk- 
lich der Erdkern aus Marmelade besteht, werden wir uns fragen, 
was es für ein Mensch sein muß, der auf eine solche Idee kommen 
kann, und höchstens noch ihn fragen, woher er das weiß. Der 
unglückliche Urheber der Marmeladetheorie wird schwer gekränkt 
sein und uns anklagen, daß wir ihm aus angeblich Wissenschaft- 



i82 Schriften aus den Jahren ip28 — Ip}} 

lichem Vorurteil die objektive Würdigung seiner Behauptung ver- 
sagen. Aber es wird ihm nichts nützen. Wir verspüren, daß Vor- 
urteile nicht immer verwerflich sind, daß sie manchmal berechtigt 
sind, zweckmäßig, um uns unnützen Aufwand zu ersparen. Sie 
sind ia nichts anderes als Analogieschlüsse nach anderen, gut be- 
gründeten Urteilen. 

Eine ganze Anzahl der okkultistischen Behauptungen wirkt auf 
uns ähnlich wie die Marmeladehypothese, so daß wir uns berech- 
tigt glauben, sie ohne Nachprüfung von vornherein abzuweisen. 
Aber es ist doch nicht so einfach. Ein Vergleich wie der von 
mir gewählte beweist nichts, beweist so wenig wie überhaupt 
Vergleiche. Es bleibt ja fraglich, ob er paßt, und man versteht, 
daß die Einstellung der verächtlichen Verwerfung bereits seine 
Auswahl bestimmt hat. Vorurteile sind manchmal zweckmäßig 
und bereclitigt, andere Male aber irrtümlich und schädlich, und 
man weiß nie, wann sie das eine, wann sie das andere sind. Die 
Geschichte der Wissenschaften selbst ist überreich an Vorfällen, 
die vor einer voreiligen Verdammung warnen können. Lange 
Zeit galt es auch als eine unsinnige Annahme, daß die Steine, die 
wir heute Meteoriten heißen, aus dem Himmelsraum auf die 
Erde gelangt sein sollten, oder daß das Gestein der Berge, das 
Muschelreste einschließt, einst den Meeresgrund gebildet hätte. 
Übrigens ist es auch unserer Psychoanalyse nicht viel anders er- 
gangen, als sie mit der Erschließung des Unbewußten hervortrat. 
Also haben wir Analytiker besonderen Grund, mit der Verwendung 
des intellektuellen Motivs zur Ablehnung neuer Aufstellungen vor- 
sichtig zu sein, und müssen zugestehen, daß es uns nicht über 
Abneigung, Zweifel und Unsicherheit hinaus fördert. 

Das zweite Moment habe ich das psychologische genannt. Ich 
meine damit die allgemeine Neigung der Menschen zur Leicht- 
gläubigkeit und Wundergläubigkeit. Von allem Anfang an, wenn 
das Leben uns in seine strenge Zucht nimmt, regt sich in uns 
ein Widerstand gegen die Unerbittlichkeit und Monotonie der 



Netie Folge der Forlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 1 83 



Denkgesetze und gegen die Anforderungen der Realitätsprüfung. 
Die Vernunft wird zur Feindin, die uns soviel Lustmöglichkeit 
vorenthält. Man entdeckt, welche Lust es bereitet, sich ihr wenig- 
stens zeitweilig zu entziehen und sich den Verlockungen des Un- 
sinns hinzugeben. Der Schulknabe ergötzt sich an Wortverdrehungen, 
der Fachgelehrte verulkt seine Tätigkeit nach einem wissenschaft- 
lichen Kongreß, selbst der ernsthafte Mann genießt die Spiele 
des Witzes. Ernsthaftere Feindseligkeit gegen „Vernunft und Wissen- 
schaft, des Menschen allerbeste Kraft" wartet ihre Gelegenheit ab, 
sie beeilt sich, dem Wunderdoktor oder Naturheilkünstler den 
Vorzug zu geben vor dem „studierten" Arzt, sie kommt den Be- 
hauptungen des Okkultismus entgegen, solange dessen angebliche 
Tatsachen als Durchbrechungen von Gesetz und Regel genommen 
werden, sie schläfert die Kritik ein, verfälscht die Wahrnehmungen, 
erzwingt Bestätigungen und Zustimmungen, die nicht zu recht- 
fertigen sind. Wer diese Neigung der Menschen in Betracht zieht, 
hat allen Grund, viele Mitteilungen der okkultistischen Literatur 
zu entwerten. 

Das dritte Bedenken nannte ich das historische und will damit 
aufmerksam machen, daß in der Welt des Okkultismus eigentlich 
nichts Neues vorgeht, daß aber in ihr alle die Zeichen, Wunder, 
Prophezeiungen und Geistererscheinungen neuerdings auftreten, 
die uns aus alten Zeiten und in alten Büchern berichtet werden 
und die wir längst als Ausgeburten ungezügelter Phantasie oder 
tendenziösen Trugs erledigt zu haben glaubten, als Produkte einer 
Zeit, in der die Unwissenheit der Menschheit sehr groß war und 
der wissenschaftliche Geist noch in seinen Kinderschuhen stak. 
Wenn wir als wahr annehmen, was sich nach den Mitteilungen 
der Okkultisten noch heute ereignet, so müssen wir auch jene 
Nachrichten aus dem Altertum als glaubwürdig anerkennen. Und 
nun besinnen wir uns, daß die Traditionen und heihgen Bücher 
der Völker von solchen Wundergeschichten übervoll sind und daß 
die Rehgionen ihren Anspruch auf Glaubwürdigkeit gerade auf solche 



iiB4 Schriften aus den Jahren 1^28 — l^^J 

außerordentliche und wunderbare Begebenheiten stützen und in 
ihnen die Beweise für das Wirken übermenschlicher Mächte finden. 
Dann wird es uns schwer, den Verdacht zu vermeiden, daß das 
okkultistische Interesse eigentlich ein religiöses ist, daß es zu den 
geheimen Motiven der okkultistischen Bewegung gehört, der durch 
den Fortschritt des wissenschaftlichen Denkens bedrohten Religion 
zu Hilfe zu kommen. Und mit der Erkenntnis eines solchen 
Motivs muß unser Mißtrauen wachsen und unsere Abneigung, 
uns in die Untersuchung der angeblichen okkulten Phänomene 
einzulassen. 

Aber endlich muß diese Abneigung doch überwunden werden. 
Es handelt sich um eine Frage der Tatsächlichkeit, ob das, was 
die Okkultisten erzählen, wahr ist oder nicht. Das muß doch durch 
Beobachtung entschieden werden können. Im Grunde müssen wir 
den Okkultisten dankbar sein. Die Wunderberichte aus alten Zeiten 
sind unserer Nachprüfung entzogen. Wenn wir meinen, sie sind 
nicht zu beweisen, so müssen wir doch zugeben, sie sind nicht 
mit aller Strenge zu widerlegen. Aber was in der Gegenwart vor 
sich geht, wobei wir zugegen sein können, darüber müssen wir 
doch ein sicheres Urteil gewinnen können. Kommen wir zur 
Überzeugung, daß solche Wunder heute nicht vorkommen, so 
fürchten wir den Einwand nicht, sie könnten sich doch in alten 
Zeiten ereignet haben. Andere Erklärungen liegen dann viel näher. 
Wir haben also unsere Bedenken abgelegt und sind bereit, an der 
Beobachtung der okkulten Phänomene teilzunehmen. 

Zum Unglück treffen wir dann auf Verhältnisse, die unserer 
redlichen Absicht äußerst ungünstig sind. Die Beobachtungen, von 
denen unser Urteil abhängen soll, werden unter Bedingungen 
angestellt, die unsere Sinnes wahr nehmungen unsicher machen, 
unsere Aufmerksamkeit abstumpfen, in der Dunkelheit oder in 
spärlichem rotem Licht, nach langen Zeiten leerer Erwartung. Es 
wird uns gesagt, daß schon unsere ungläubige, also kritische Ein- 
stellung das Zustandekommen der erwarteten Phänomene zu 



Neu£ Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 185 

hindern vermag. Die so hergestellte Situation ist ein wahres Zerr- 
bild der Umstände, unter denen wir sonst wissenschaftliche Unter- 
suchungen durchzuführen pflegen. Die Beobachtungen werden an 
sogenannten Medien gemacht, Personen, denen man besondere 
„sensitive" Fähigkeiten zuschreibt, die sich aber keineswegs durch 
hervorragende Eigenschaften des Geistes oder des Charakters aus- 
zeichnen, nicht von einer großen Idee oder einer ernsthaften Absicht 
getragen werden wie die alten Wundertäter. Im Gegenteil, sie gelten 
selbst bei denen, die an ihre geheimen Kräfte glauben, als besonders 
unzuverlässig; die meisten von ihnen sind bereits als Betrüger 
entlarvt worden, es liegt uns nahe zu erwarten, daß den übrigen 
dasselbe bevorsteht. Was sie leisten, macht den Eindruck von 
mutwilligen Kinderstreichen oder Taschenspielerkunststücken. Noch 
niemals ist in den Sitzungen mit diesen Medien etwas Brauch- 
bares herausgekommen, etwa eine neue Kraftquelle zugänglich 
gemacht worden. Freilich erwartet man auch keine Förderung 
der Taubenzucht von dem Kunststück des Taschenspielers, der 
Tauben aus seinem leeren Zylinderhut zaubert. Ich kann mich 
leicht in die Lage eines Menschen versetzen, der die An- 
forderung der Objektivität erfüllen will und darum an den 
okkultistischen Sitzungen teilnimmt, aber nach einer Weile er- 
müdet und von den an ihn gestellten Zumutungen abgestoßen 
sich abwendet und unbelehrt zu seinen früheren Vorurteilen 
zurückkehrt. Man kann einem solchen vorhalten, das sei auch 
nicht das richtige Benehmen, Phänomenen, die man studieren 
wolle, dürfe man nicht vorschreiben, wie sie sein und unter 
welchen Bedingungen sie auftreten sollen. Es sei vielmehr geboten 
auszuharren und die Vorsichts- und Kontrollmaßregeln zu würdigen, 
durch die man sich neuerdings gegen die Unzuverlässigkeit der 
Medien zu schützen bemüht ist. Leider macht diese moderne 
Sicherungstechnik der leichten ZugängHchkeit okkultistischer Beob- 
achtungen ein Ende. Das Studium des Okkultismus wird ein be- 
sonderer, schwieriger Beruf, eine Tätigkeit, die man nicht neben 



j86 Schriften aus den Jahren I^2S—I$3} 



seinen sonstigen Interessen betreiben kann. Und bis die damit 
beschäftigten Forscher zu Entscheidungen gekommen sind, bleibt 
man dem Zweifel und seinen eigenen Vermutungen überlassen. 

Unter diesen Vermutungen die wahrscheinlichste ist wohl die, 
daß es sich beim Okkultismus um einen realen Kern von noch nicht 
erkannten Tatsachen handelt, den Trug und Phantasiewirkung 
mit einer schwer durchdringbaren Hülle umsponnen haben. Aber 
wie können wir uns diesem Kern auch nur annähern, an welcher 
Stelle das Problem angreifen? Hier meine ich, kommt uns der 
Traum zu Hilfe, indem er uns den Wink gibt, aus all dem Wust 
das Thema der Telepathie herauszugreifen. 

Sie wissen, Telepathie nennen wir die angebliche Tatsache, daß 
ein Ereignis, welches zu einer bestimmten Zeit vorfallt, etwa 
gleichzeitig einer räumlich entfernten Person zum Bewußtsein 
kommt, ohne daß die uns bekannten Wege der Mitteilung dabei 
in Betracht kämen. Stillschweigende Voraussetzung ist, daß dies 
Ereignis eine Person betrifft, an welcher die andere, der Empfänger 
der Nachricht, ein starkes emotionellGs Interesse hat. Also z. B. 
die Person A erleidet einen Unfall, oder sie stirbt, und die Person B, 
eine ihr nahe verbundene, die Mutter, Tochter oder Geliebte, 
erfährt es ungefähr zur gleichen Zeit durch eine Gesichts- oder 
Gehörs Wahrnehmung; im letzteren Falle also so, als ob sie tele- 
phonisch verständigt worden wäre, was aber nicht der Fall ge- 
wesen ist, gewissermaßen ein psychisches Gegenstück zur draht- 
losen Telegraphie. Ich brauche vor Ihnen nicht zu betonen, wie 
unwahrscheinlich solche Vorgänge sind. Auch darf man die meisten 
dieser Berichte mit guten Gründen ablehnen; einige bleiben übrig, 
bei denen dies nicht so leicht ist. Gestalten Sie mir nun, daß ich, 
für den Zweck meiner beabsichtigten Mitteilung, das vorsichtige 
Wörtchen „angeblich" weglasse und so fortsetze, als glaubte ich 
an die objektive Realität des telepathischen Phänomens. Aber 
halten Sie daran fest, daß dies nicht der Fall ist, daß ich mich 
auf keine Überzeugung festgelegt habe. 



Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 187 

Ich habe Ihnen eigentlich wenig mitzuteilen, nur eine unschein- 
bare Tatsache. Ich will Ihre Erwartung auch gleich weiter ein- 
schränken, indem ich Ihnen sage, daß der Traum im Grunde wenig 
mit der Telepathie zu tun hat. Weder wirft die Telepathie ein 
neues Licht auf das Wesen des Traums noch legt der Traum ein 
direktes Zeugnis für die Realität der Telepathie ab. Das telepathi- 
sche Phänomen ist auch gar nicht an den Traum gebunden, es 
kann sich auch während des Wachzustands ereignen. Der einzige 
Grund, die Beziehung zwischen Traum und Telepathie zu erörtern, 
liegt darin, daß der Schlafzustand zur Aufnahme der telepathi- 
schen Botschaft besonders geeignet erscheint. Man erhält dann 
einen sogenannt telepathischen Traum und überzeugt sich bei 
dessen Analyse, daß die telepathische Nachricht dieselbe Rolle 
gespielt hat wie ein anderer Tagesrest und wie ein solcher von 
der Traumarbeit verändert und ihrer Tendenz dienstbar gemacht 
worden ist. 

In der Analyse eines solchen telepathischen Traums ereignet sich 
nun das, was mir interessant genug schien, um es trotz seiner 
Geringfügigkeit zum Ausgangspunkt für diese Vorlesung zu wählen. 
Als ich im Jahre 1932 die erste Mitteilung über diesen Gegen- 
stand machte, stand mir erst nur eine Beobachtung zur Verfügung. 
Seither habe ich manche ähnliche gemacht, aber ich bleibe beim 
ersten Beispiel, weil es sich am leichtesten darstellen läßt, und 
werde Sie sogleich in inedias res einführen. 

Ein offenbar intelligenter, nach seiner Behauptung keineswegs 
„okkultistisch angehauchter" Mann, schreibt mir über einen Traum, 
der ihm merkwürdig erscheint. Er schickt voraus, seine verheiratete, 
entfernt von ihm lebende Tochter erwarte Mitte Dezember ihre 
erste Niederkunft. Diese Tochter steht ihm sehr nahe, er weiß auch, 
daß sie sehr innig an ihm hängt. Nun träumt er in der Nacht 
vom 16. auf den i-/. November, daß seine Frau Zwillinge geboren 
hat. Es folgen mancherlei Einzelheiten, die ich hier übergehen kann, 
die auch nicht alle Aufklärung gefunden haben. Die Frau, die im 



l88 -., ' Schriften aus den Jahrsn 1^2 S — jy J J 

Traum Mutter der Zwillinge geworden ist, ist seine zweite Frau, 
die Stiefmutter der Tochter. Er wünscht sich keine Kinder von 
dieser Frau, der er die Eignung zur verständigen Kindererziehung 
abspricht, hatte auch zur Zeit des Traums den Geschlechtsverkehr 
mit ihr lange ausgesetzt. Was ihn veranlaßt, mir zu schreiben, ist 
nicht ein Zweifel an der Traumlehre, zu dem ihn der manifeste 
Trauminhalt berechtigt hätte, denn warum läßt der Traum im 
vollen Gegensatz zu seinen Wünschen diese Frau Kinder gebären? 
Auch zu einer Befürchtung, daß dies unerwünschte Ereignis ein- 
treffen könnte, lag nach seiner Auskunft kein Anlaß vor. Was ihn 
bewog, mir von diesem Traum zu berichten, war der Umstand, 
daß er am 18. November früh die telegraphische Nachricht erhielt, 
die Tochter sei mit Zwillingen niedergekommen. Das Telegramm 
war tags vorher aufgegeben worden, die Geburt in der Nacht vom 
1 6. auf den 1 7. erfolgt, ungefähr zur gleichen Stunde, als er von 
der Zwillingsgeburt seiner Frau träumte. Der Träumer fragt mich, 
ob ich das Zusammentreffen von Traum und Ereignis für zufällig 
halte. Er getraut sich nicht, den Traum einen telepathischen zu 
nennen, denn der Unterschied zwischen Trauminhalt und Ereignis 
betrifft gerade das, was ihm das Wesentliche scheint, die Person 
der Gebärenden. Aber aus einer seiner Bemerkungen geht hervor, 
daß er sich über einen richtigen telepathischen Traum nicht ver- 
wundert hätte. Die Tochter, meint er, habe in ihrer schweren 
Stunde sicher „besonders an ihn gedacht". 

Meine Damen und Herren! Ich bin sicher, Sie können sich diesen 
Traum bereits erklären und verstehen auch, warum ich ihn Ihnen 
erzählt habe. Da ist ein Mann, mit seiner zweiten Frau unzufrieden, 
er möchte lieber eine Frau haben wie seine Tochter aus erster 
Ehe. Fürs Unbewußte entfällt natürlich dieses : wie. Nun trifft 
ihn nächtlicherweile die telepathische Botschaft, die Tochter hat 
Zwillinge geboren. Die Traumarbeit bemächtigt sich dieser Nach- 
richt, läßt den unbewußten Wunsch auf sie einwirken, der die 
Tochter an die Stelle der zweiten Frau setzen möchte, und so 



Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 1 8g 

entsteht der befremdende manifeste Traum, der den Wunsch ver- 
hüllt und die Botschaft entstellt. "Wir müssen sagen, erst die Traum- 
deutung hat uns gezeigt, daß es ein telepathischer Traum ist, die 
Psychoanalyse hat einen telepathischen Tatbestand aufgedeckt, den 
wir sonst nicht erkannt hätten. 

Aber lassen Sie sich ja nicht irreführen! Trotzdem hat die Traum- 
deutung nichts über die objekte Wahrheit des telepathischen Tat- 
bestands ausgesagt. Es kann auch ein Anschein sein, der sich auf 
andere Weise aufklären läßt. Es ist möglich, daß die latenten Traum- 
gedanken des Mannes gelautet haben: Heute ist ja der Tag, an 
dem die Entbindung erfolgen müßte, wenn die Tochter, wie ich 
eigentlich glaube, sich um einen Monat verrechnet hat. Und ihr 
Aussehen war schon damals, als ich sie zuletzt sah, so, als ob sie 
Zwillinge haben würde. Und meine verstorbene Frau war so kinder- 
lieb, wie würde die sich über Zwillinge gefreut haben! (Letzteres 
Moment setze ich nach noch nicht erwähnten Assoziationen des 
Träumers ein.) In diesem Fall wären gut begründete Vermutungen 
des Träumers, nicht eine telepathische Botschaft der Anreiz zum 
Traum gewesen, der Erfolg bliebe der nämliche. Sie sehen, auch 
diese Traumdeutung hat nichts über die Frage ausgesagt, ob man 
der Telepathie objektive Realität zugestehen darf. Das ließe sich 
nur durch eingehende Erkundigung nach allen Verhältnissen des 
Vorfalles entscheiden, was leider bei diesem Beispiel ebensowenig 
möglich war wie bei den anderen meiner Erfahrung. Zugegeben, 
daß die Annahme der Telepathie die bei weitem einfachste 
Erklärung gibt, aber damit ist nicht viel gewonnen. Die ein- 
fachste Erklärung ist nicht immer die richtige, die Wahrheit 
ist sehr oft nicht einfach, und ehe man sich zu einer so weit- 
tragenden Annahme entschließt, will man alle Vorsichten ein- 
gehalten haben. 

Das Thema: Traum und Telepathie können wir jetzt verlassen, 
ich habe Ihnen nichts mehr darüber zu sagen. Aber beachten Sie 
wohl, nicht der Traum schien uns etwas über die Telepathie zu 



igo 1 Schriften aus den Jahren 1^28 — I^J} 

lehren, sondern die Deutung des Traumes, die psychoanalytische 
Bearbeitung. Somit können wir im folgenden vom Traum ganz 
absehen und wollen der Erwartung nachgehen, daß die Anwendung 
der Psychoanalyse einiges Licht auf andere, okkult geheißene Tat- 
bestände werfen kann. Da ist z. B. das Phänomen der Induktion 
oder Gedankenübertragung, das der Telepathie sehr nahe steht, 
eigentlich ohne viel Zwang mit ihr vereinigt werden kann. Eis 
besagt, daß seelische Vorgänge in einer Person, Vorstellungen, 
Erregungszustände, Willensimpulse sich durch den freien Raum 
auf eine andere Person übertragen können, ohne die bekannten 
Wege der Mitteilung durch Worte und Zeichen zu gebrauchen. 
Sie verstehen, wie merkwürdig, vielleicht auch praktisch bedeutsam 
es wäre, wenn dergleichen wirklich vorkäme. Nebenbei gesagt, es 
ist verwunderlich, daß gerade von diesem Phänomen in den alten 
Wunderberichten am wenigsten die Rede ist. 

Während der psychoanalytischen Behandlung von Patienten habe 
ich den Eindruck bekommen, daß das Treiben der berufsmäßigen 
Wahrsager eine günstige Gelegenheit verbirgt, um besonders ein- 
wandfreie Beobachtungen über Gedankenübertragung anzustellen. 
Das sind unbedeutende oder selbst minderwertige Personen, die sich 
irgendeiner Hantierung hingeben, Karten aufschlagen, Schriften 
und Handlinien studieren, astrologische Berechnungen anstellen und 
dabei ihren Besuchern die Zukunft vorhersagen, nachdem sie sich 
mit Stücken von deren vergangenen oder gegenwärtigen Schicksalen 
vertraut gezeigt haben. Ihre Klienten zeigen sich meistens recht 
befriedigt durch diese Leistungen und sind ihnen auch nicht gram, 
wenn die Prophezeiungen späterhin nicht eintreffen. Ich bin mehrerer 
solcher Fälle habhaft geworden, konnte sie analytisch studieren und 
werde Ihnen gleich das merkwürdigste dieser Beispiele erzählen. 
Leider wird die Beweiskraft dieser Mitteilungen durch die zahl- 
reichen Verschweigungen beeinträchtigt, zu denen mich die Pflicht 
der ärztlichen Diskretion nötigt. Entstellungen habe ich aber mit 
strengem Voi'satz vermieden. Hören Sie also die Geschichte einer 



Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 191 

meiner Patientinnen, die ein solches Erlebnis mit einem Wahr- 
sager gehabt hat. 

Sie war die älteste einer Reihe von Geschwistern gewesen, in 
einer außerordentlich starken Vaterbindung aufgewachsen, hatte 
jung geheiratet, in der Ehe volle Befriedigung gefunden. Zu ihrem 
Glück fehlte nur eines, daß sie kinderlos geblieben war, ihren 
gehebten Mann also nicht völlig an die Stelle des Vaters rücken 
konnte. Als sie nach langen Jahren der Enttäuschung sich zu einer 
gynäkologischen Operation entschließen wollte, machte ihr der Mann 
die Eröffnung, daß die Schuld an ihm liege, er sei durch eine 
Erkrankung vor der Ehe unfähig zur Kinderzeugung geworden. 
Diese Enttäuschung vertrug sie schlecht, wurde neurotisch, litt 
offenbar an Versuchungsängsten. Um sie aufzuheitern, nahm sie 
der Mann auf eine Geschäftsreise nach Paris mit. Dort saßen sie 
eines Tages in der Halle des Hotels, als ihr eine gewisse Geschäftig- 
keit unter den Angestellten auffiel. Sie fragte, was es gäbe, und erfuhr, 
Monsieur le professeur sei gekommen und erteile Konsultationen 
in ienem Kabinett. Sie äußerte ihren Wunsch, auch einen Ver- 
such zu machen. Der Mann schlug es ab, aber in einem unbe- 
wachten Moment war sie in den Konsultationsraum geschlüpft 
und stand vor dem Wahrsager. Sie war 27 Jahre alt, sah viel jünger 
aus, hatte den Ehering abgelegt. Monsieur le professeur ließ sie 
die Hand auf eine Tasse legen, die mit Asche gefüllt war, studierte 
sorgfältig den Abdruck, erzählte ihr dann allerlei von schweren 
Kämpfen, die ihr bevorstünden, und schloß mit der tröstlichen 
Versicherung, sie werde doch noch heiraten und mit 52 Jahren 
zwei Kinder haben. Als sie mir diese Geschichte erzählte, war sie 
4.5 Jahre alt, schwer krank und ohne jede Aussicht jemals ein 
Kind zu bekommen. Die Prophezeiung war also nicht eingetroffen, 
doch sprach sie von ihr keineswegs mit Bitterkeit, sondern mit dem 
unverkennbaren Ausdruck der Befriedigung, als ob sie ein er- 
freuliches Erlebnis erinnern würde. Es war leicht festzustellen, daß 
sie nicht die leiseste Ahnung hatte, was die beiden Zahlen der 



iga . Schriften aus den Jahren ip2S — !p^) 

Prophezeiung bedeuten könnten und ob sie überhaupt etwas be- 
deuteten. 

Sie werden sagen, das ist eine dumme und unverständliche Ge- 
schichte, und fragen, wozu ich sie Ihnen erzähh habe. Nun, ich 
wäre ganz Ihrer Meinung, wenn nicht — und das ist jetzt der 
springende Punkt — die Analyse uns eine Deutung jener Pro- 
phezeiung ermöglichte, die gerade durch die Aufklärung der Details 
zwingend wirkt. Die beiden Zahlen finden nämlich ihren Platz im 
Leben der Mutter meiner Patientin. Diese hatte spät geheiratet, 
nach dreißig, und man hatte in der Familie oft dabei verweilt, 
daß sie sich so erfolgreich beeilt hatte, das Versäumte nachzuholen. 
Die beiden ersten Kinder, unsere Patientin voran, wurden mit dem 
kleinsten möglichen Intervall in dem gleichen Kalenderjahr geboren, 
und mit 33 Jahren hatte sie wirklich schon zwei Kinder. Was 
Monsieur le prqfesseur meiner Patientin gesagt hatte, hieß also: 
Trösten Sie sich, Sie sind noch so jung. Sie werden noch dasselbe 
Schicksal haben wie Ihre Mutter, die auch lange auf Kinder warten 
mußte, werden zwei Kinder haben mit 52 Jahren. Aber, dasselbe 
Schicksal zu haben wie die Mutter, sich an ihre Stelle zu setzen, 
ihren Platz beim Vater einzunehmen, das war ja der stärkste Wunsch 
ihrer Jugend gewesen, der Wunsch, an dessen Nichterfüllung sie 
jetzt zu erkranken begann. Die Prophezeiung versprach ihr, daß 
er doch noch zur Erfüllung kommen werdej wie sollte sie gegen 
den Propheten anders als freundlich fühlen können? Aber halten 
Sie es für möglich, daß Monsieur le professeur mit den Daten der 
intimen Familiengeschichte seiner zufälligen Klientin vertraut war? 
Unmöglich f woher kam ihm also die Kenntnis, die ihn befähigte, 
den stärksten und geheimsten Wunsch der Patientin durch die 
Aufnahme der beiden Zahlen in seine Prophezeiung auszudrücken? 
Ich seile nur zwei Möglichkeiten der Erklärung. Entweder ist die 
Geschichte, so wie sie mir erzählt wurde, nicht wahr, hat sich 
anders zugetragen oder es ist anzuerkennen, daß eine Gedanken- 
übertragung als reales Phänomen besteht. Man kann freilich die 



i 



Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psych oanalyse 1 93 

Annahme machen, daß die Paüentin nach einem Intervall von 
1 6 Jahren die beiden Zahlen, auf die es ankommt, aus ihrem Un- 
bewußten in jene Erinnerung eingesetzt hat. Ich habe keinen 
Anhaltspunkt für diese Vermutung, aber ich kann sie nicht aus- 
schließen, und ich stelle mir vor, daß Sie eher bereit sein werden, 
an eine solche Auskunft zu glauben als an die Realität der Gedanken- 
übertragung. Wenn Sie sich zu letzterem entschließen, vergessen Sie 
nicht daran, daß erst die Analyse den okkulten Tatbestand geschaffen, 
ihn aufgedeckt hat, wo er bis zur Unkenntlichkeit entstellt war. 

Handelte es sich nur um einen solchen Fall wie der meiner 
Patientin, so würde man achselzuckend über ihn hinweggehen. 
Niemand fällt es ein, einen Glauben, der eine so entscheidende 
Wendung bedeutet, auf einer vereinzelten Beobachtung aufzubauen. 
Aber glauben Sie meiner Versicherung, es ist nicht der einzige 
Fall in meiner Erfahrung. Ich habe eine ganze Reihe von solchen 
Prophezeiungen gesammelt und von allen den Eindruck gewonnen, 
daß der Wahrsager nur die Gedanken der ihn befragenden Per^ 
sonen und ganz besonders ihre geheimen Wünsche zum Ausdruck 
gebracht hatte, daß man also berechtigt war, solche Prophezei- 
ungen zu analysleren, als wären es subjektive Produktionen, Phan- 
tasien oder Träume der Betreffenden. Natürhch sind nicht alle 
Fälle gleich beweiskräftig und nicht in allen ist es gleich möglich, 
rationellere Erklärungen auszuschließen, aber es bleibt doch vom 
Ganzen ein starker Überschuß von Wahrscheinlichkeit zu Gunsten 
einer tatsächlichen Gedankenübertragung übrig. Die Wichtigkeit des 
Gegenstandes würde es rechtfertigen, daß ich Ihnen alle meine 
Fälle vorführe, aber das kann ich nicht, wegen der Weitläufigkeit 
der dazu nötigen Darstellung und der dabei unvermeidlichen Ver- 
letzung der schuldigen Diskretion. Ich versuche es, mein Gewissen 
möglichst zu beschwichtigen, wenn ich Ihnen noch einige Bei- 
spiele gebe. 

Eines Tages sucht mich ein hochintelUgenter junger Mann auf, 
ein Student vor seinen letzten Doktorprüfungen, aber nicht im- 

FreudXII. 



j g . Schriften aus den Jahren J92S—19}) 



Stande, sie abzulegen, denn, wie er klagt, hat er alle Interessen, 
Konzentrationsfähigkeit, selbst die Möglichkeit geordneter Erinne- 
rung verloren. Die Vorgeschichte dieses lähmungsartigen Zustandes 
ist bald aufgedeckt, er ist nach einer Leistung großer Selbstüber- 
windung erkrankt. Er hat eine Schwester, an der er mit inten- 
siver, aber stets verhahener Liebe hing, wie sie an ihm. Wie 
schade, daß wir beide uns nicht heiraten können, hieß es oft genug 
unter ihnen. Ein würdiger Mann verliebte sich in diese Schwester, 
sie erwiderte die Neigung, aber die Eltern gaben die Verbindung 
nicht zu. In dieser Notlage wandte sich das Paar an den Bruder, 
der ihnen auch seine Hilfe nicht versagte. Er vermittelte die Korre- 
spondenz zwischen ihnen, seinem Einfluß gelang es auch, die Eltern 
endhch zur Zustimmung zu bewegen. In der Verlobungszeit ereig- 
nete sich allerdings ein Zufall, dessen Bedeutung leicht zu erraten 
ist. Er unternahm eine schwierige Bergpartie mit dem zukünftigen 
Schwager führerlos, die beiden verloren den Weg und gerieten in 
die Gefahr, nicht mehr heil zurückzukommen. Kurz nach der Heirat 
der Schwester geriet er in jenen Zustand seelischer Erschöpfung. 

Durch den Einfluß der Psychoanalyse arbeitsfähig geworden, ver- 
heß er mich, um seine Prüfungen zu machen, kam aber nach deren 
glücklicher Erledigung im Herbst desselben Jahres für kurze Zeit 
zu mir zurück. Er berichtete mir dann über ein merkwürdiges 
Erlebnis, das er vor dem Sommer gehabt hatte. In seiner Univer- 
sitätsstadt gab es eine Wahrsagerin, die sich eines großen Zulaufs 
erfreute. Auch die Prinzen des Herrscherhauses pflegten sie vor 
wichtigen Unternehmungen regelmäßig zu konsultieren. Die Art, 
wie sie arbeitete, war sehr einfach. Sie ließ sich die Geburtsdaten 
einer bestimmten Person geben, verlangte nichts anderes von ihr 
zu wissen, auch nicht den Namen, dann schlug sie in astrologischen 
Büchern nach, machte lange Berechnungen und am Ende gab sie 
eine Prophezeiung über die betreffende Person von sich. Mein 
Patient beschloß, ihre Geheimkunst für seinen Schwager in An- 
spruch zu nehmen. Er besuchte sie und nannte ihr die verlangten 



Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 195 

Daten von seinem Schwager. Nachdem sie ihre Rechnungen an- 
gestellt hatte, tat sie die Prophezeiung: Diese Person wird im Juh 
oder August dieses Jahres an einer Krebs- oder Austernvergiftung 
sterben. Mein Patient schloß dann seine Erzählung mit den Worten: 
„Und das war ganz großartig!" 

Ich hatte von Anfang an unwillig zugehört. Nach diesem Aus- 
ruf gestattete ich mir die Frage: Was finden Sie an dieser Prophe- 
zeiung so großartig? Wir sind jetzt im Spätherbst, Ihr Schwager 
ist nicht gestorben, das halten Sie mir längst erzählt. Also ist die 
Prophezeiung nicht eingetroffen. Das allerdings nicht, meinte er, 
aber das Merkwürdige ist folgendes. Mein Schwager ist ein leiden- 
schaftlicher Liebhaber von Krebsen und Austern und hat sich im 

vorigen Sommer — also vor dem Besuch bei der Wahrsagerin 

eine Austern Vergiftung zugezogen, an der er fast gestorben wäre. 
Was sollte ich darauf sagen ? Ich konnte mich nur ärgern, daß der 
hochgebildete Mann, der überdies eine erfolgreiche Analyse hinter 
sich hatte, den Zusammenhang nicht besser durchschaute. Ich für 
meinen Teil, ehe ich daran glaube, daß man aus astrologischen 
Tafeln den Eintritt einer Krebs- oder Austernvergiftung berechnen 
kann, will lieber annehmen, daß mein Patient den Haß gegen 
den Rivalen noch immer nicht überwunden hatte, an dessen Ver- 
drängung er seinerzeit erkrankt war, und daß die Astrologin ein- 
fach seine eigene Erwartung aussprach: solche Liebhabereien gibt 
man nicht auf und eines Tages wird er doch daran zu Grunde 
gehen. Ich gestehe, daß ich für diesen Fall keine andere Er- 
klärung weiß außer vielleicht, daß mein Patient sich einen Scherz 
mit mir erlaubt hat. Aber er gab mir weder damals noch später 
Grund zu diesem Verdacht und schien, was er sagte, ernsthaft 
zu meinen. 

Ein anderer Fall. Ein junger Mann in angesehener Stellung 
unterhält ein Verhältnis mit einer Lebedame, in dem sich ein 
merkwürdiger Zwang durchsetzt. Von Zeit zu Zeit muß er die 
Geliebte durch spottende und höhnende Reden kränken, bis sie in 



ig6 Schriften aus den Jakren 1928 — J^j j 

helle Verzweiflung gerät. Hat er sie so weit gebracht, so ist er 
erleichtert er versöhnt sich mit ihr und beschenkt sie. Aber er 
möchte jetzt frei von ihr werden, der Zwang ist ihm unheimlich, 
er merkt daß sein eigener Ruf unter diesem Verhältnis leidet, 
er will eine eigene Frau haben, eine Faraihe gründen. Nur daß 
er mit eigener Kraft nicht von der Lebedame loskommt, er 
nimmt dazu die Hilfe der Analyse in Anspruch. Nach einer 
solchen Beschimpfungsszene, schon während der Analyse, läßt er 
sich von ihr ein Kärtchen schreiben, das er einem Schriftkundigen 
vorlegt. Die Auskunft, die er von ihm erhält, lautet: Das ist die 
Schrift eines Menschen in äußerster Verzweiflung, die Person wird 
sich gewiß in den allernächsten Tagen umbringen. Das geschieht 
zwar nicht, die Dame bleibt am Leben, aber der Analyse gelingt 
es, seine Fesseln zu lockern^ er verläßt die Dame und wendet sich 
einem jungen Mädchen zu, von dem er erwartet, daß es eine 
brave Frau für ihn werden kann. Bald nachher erscheint ein 
Traum, der nur auf einen beginnenden Zweifel an dem Wert 
dieses Mädchens gedeutet werden kann. Er nimmt auch von ihr 
eine Schriftprobe, die er derselben Autorität vorlegt, und hört 
ein Urteil über ihre Schrift, das seine Besorgnisse bestätigt. Er 
gibt also die Absicht, sie zu seiner Frau zu machen, auf. 

Um die Gutachten des Schriftkundigen, zumal das erste, zu 
würdigen, muß man etwas von der Geheimgeschichte unseres 
Mannes wissen. Im frühen Jünglingsalter hatte er sich, seiner 
leidenschaftlichen Natur entsprechend, bis zur Raserei in eine 
junge Frau verliebt, die immerhin älter war als er. Von ihr ab- 
gewiesen, machte er einen Selbstmordversuch, an dessen ernster 
Absicht man nicht zweifeln kann. Nur durch ein Ungefähr ent- 
ging er dem Tode und erst nach langer Pflege war er herge- 
stellt. Aber diese wilde Tat machte auf die geliebte Frau einen 
tiefen Eindruck, sie schenkte ihm ihre Gunst, er wurde ihr 
Liebhaber, blieb ihr von da an heimlich verbunden und diente 
ihr in echt ritterlicher Weise. Nach mehr als zwei Dezennien, 



Nezie Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 1 97 

als sie beide gealtert waren, die Frau natürlich mehr als er, er- 
wachte in ihm das Bedürfnis, sich von ihr abzulösen, frei zu 
werden, ein eigenes Leben zu führen, selbst ein Haus und eine 
Familie zu gründen. Und gleichzeitig mit diesem Überdruß stellte 
■ sich bei ihm das lange unterdrückte Bedürfnis nach Rache an 
der Geliebten ein. Hatte er sich einst umbringen wollen, weil 
sie ihn verschmäht hatte, so wollte er jetzt die Genugtuung haben, 
daß sie den Tod suchte, weil er sie verließ. Aber seine Liebe 
war noch immer zu stark, als daß dieser Wunsch ihm bewußt 
werden konnte; auch war er nicht imstande, ihr genug Böses 
anzutun, um sie in den Tod zu treiben. In dieser Gemütslage 
nahm er die Lebedame gewissermaßen als Prügelknaben auf, um in 
corpore vili seinen Rachedurst zu befriedigen, und gestattete sich 
an ihr alle Quälereien, von denen er erwarten konnte, sie würden 
bei ihr den Erfolg haben, den er bei der geliebten Frau er- 
wünschte. Daß die Rache eigentlich dieser letzteren galt, verriet 
sich nur durch den Umstand, daß er die Frau zur Mitwisserin 
und Ratgeberin in seinem Liebesverhältnis machte, anstatt ihr 
seinen Abfall zu verbergen. Die Arme, die längst von der Geberin 
zar Empfängerin herabgesunken war, litt unter seiner Vertrau- 
lichkeit wahrscheinlich mehr als die Lebedame unter seiner Bru- 
talität. Der Zwang, über den er sich bei der Ersatzperson be- 
klagte, und der. ihn in die Analyse trieb, war natürlich von der 
alten Geliebten her auf sie übertragen^ diese letztere war es, von 
der er sich frei machen wollte und nicht konnte. Ich bin kein 
Schriftenkenner und halte nicht viel von der Kunst, aus der 
Schrift den Charakter zu erraten, noch weniger glaube ich an 
die Möglichkeit, auf diesem Wege die Zukunft des Schreibers 
vorherzusagen. Sie sehen aber, wie immer man über den Wert 
der Graphologie denken mag, es ist unverkennbar, daß der Sach- 
verständige, wenn er versprach, daß der Schreiber der ihm vor- 
gelegten Probe sich in den nächsten Tagen umbringen werde, 
wiederum nur einen starken geheimen Wunsch der ihn befragenden 



igS ' ■ Schriften aus den Jahren 1^28 — I^)) 

Person ans Licht gezogen hatte. Etwas Ähnliches geschah dann 
auch beim zweiten Gutachten, nur daß hier nicht ein unbewußter 
Wunsch in Betracht kam, sondern daß die keimenden Zweifel 
und Besorgnisse des Befragenden durch den Mund des Schrift- 
kundigen einen klaren Ausdruck fanden. Meinem Patienten ge- 
lang es übrigens, mit Hilfe der Analyse eine Liebeswahl zu treffen, 
außerhalb des Zauberkreises, in den er gebannt gewesen war. 

Meine Damen und Herren! Sie haben nun gehört, was die 
Traumdeutung und die Psychoanalyse überhaupt für den Okkul- 
tismus leistet. Sie haben an Beispielen gesehen, daß durch ihre 
Anwendung okkulte Tatbestände klargemacht werden, die sonst 
unkenntlich geblieben wären. Die Frage, die Sie gewiß am meisten 
interessiert, ob man an die objektive Realität dieser Befunde glauben 
darf, kann die Psychoanalyse nicht direkt beantworten, aber das 
mit ihrer Hilfe zu Tage geförderte Material macht wenigstens 
einen der Bejahung günstigen Eindruck. Dabei wird Ihr Interesse 
nicht haltmachen. Sie werden wissen wollen, zu welchen Schlüssen 
jenes ungleich reichere Material berechtigt, an dem die Psycho- 
analyse keinen Anteil hat. Dahin kann ich Ihnen aber nicht folgen, 
es ist nicht mehr mein Gebiet. Das einzige, was ich noch tun 
kann, wäre, daß ich Ihnen von Beobachtungen erzähle, die wenigstens 
die eine Beziehung zur Analyse haben, daß sie während der 
analytischen Behandlung gemacht, vielleicht auch durch ihren Ein- 
fluß ermöglicht wurden. Ich werde Ihnen ein solches Beispiel mit- 
teilen, dasjenige, welches mir den stärksten Eindruck hinterlassen 
hat, werde sehr ausführlich sein, Ihre Aufmerksamkeit für eine 
Menge von Einzelheiten in Anspruch nehmen und dabei doch 
vieles unterdrücken müssen, was die überzeugende Kraft der Be- 
obachtung sehr gesteigert hätte. Es ist ein Beispiel, in dem der 
Tatbestand klar zu Tage tritt und nicht durch die Analyse ent- 
wickelt zu werden braucht. Bei seiner Diskussion werden wir die 
Hilfe der Analyse aber nicht entbehren können. Ich sage es Ihnen 
aber vorher, auch dieses Beispiel von anscheinender Gedanken- 



Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 1 99 



Übertragung in der analytischen Situation ist nicht gegen alle 
Bedenken gefeit, gestattet keine unbedingte Parteinahme für die 
Realität des okkulten Phänomens. 

Also höi'en Sie: An einem Herbsttag des Jahres 1919, etwa um 
V4 1 1 Uhr a. m., gibt der eben aus London eingetroffene Dr. David 
Forsyth eine Karte für mich ab, während ich mit einem Patienten 
arbeite. (Mein geehrter Kollege von der London University wird 
es sicherlich nicht als Indiskretion auffassen, wenn ich so verrate, 
daß er sich von mir durch einige Monate in die Künste der 
psychoanalytischen Technik einführen ließ.) Ich habe nur Zeit, ihn 
zu begrüßen und für später zu bestellen. Dr. Forsyth hat Anspruch 
auf mein besonderes Interesse^ er ist der erste Ausländer, der nach 
der Absperrung der Kriegsjahre zu mir kommt, der eine bessere 
Zeit eroffnen soll. Bald nachher, um 1 1 Uhr, kommt einer meiner 
Patienten, Herr P., ein geistreicher und liebenswürdiger Mann, 
im Alter zwischen 40 und go, der mich seinerzeit wegen Schwierig- 
keiten beim Weibe aufgesucht hatte. Sein Fall versprach keinen 
therapeutischen Erfolg; ich hatte ihm längst vorgeschlagen, die 
Behandlung einzustellen, aber er hatte deren Fortsetzung gewünscht, 
offenbar weil er sich in einer wohltemperierten Vater-Übertragung 
auf mich behaglich fühlte. Geld spielte um diese Zeit keine Rolle, 
da zu wenig davon vorhanden war^ die Stunden, die ich mit ihm 
verbrachte, waren auch für mich Anregung und Erholung, und 
so wurde, mit Hinwegsetzung über die strengen Regeln des ärzt- 
lichen Betriebs, die analytische Bemühung bis zu einem in Aus- 
sicht genommenen Termin weitergeführt. 

An diesem Tag kam P. auf seine Versuche zurück, die Liebes- 
beziehungen zu Frauen aufzunehmen, und erwähnte wieder ein- 
mal das schöne, pikante, arme Mädchen, bei dem er Erfolg haben 
könnte, wenn nicht schon die Tatsache ihrer Virginität ihn von 
jedem ernsthaften Unternehmen abschrecken würde. Er hatte schon 
oft von ihr gesprochen, heute erzählte er zum ersten Mal, daß 
sie, die natürlich von den wirklichen Gründen seiner Verhinderung 



200 Schriften aus den Jahren Ip28 — I^J) 

keine Ahnung hat, ihn den Herrn von Vorsicht zu nennen pflegt. 
Diese Mitteilung frappiert mich, die Karte des Dr. Forsyth ist 
mir zur Hand, ich zeige sie ihm. 

Dies der Tatbestand. Ich erwarte, er wird Ihnen armselig er 
scheinen, aber hören Sie nur weiter zu, es steckt mehr dahinter. 

P. hatte einige seiner jungen Jahre in England verlebt und 
daher ein dauerndes Interesse für englische Literatur bewahrt. Er 
besitzt eine reiche englische Bibliothek, pflegte mir Bücher aus ihr 
zu bringen, und ich verdanke ihm die Bekanntschaft mit Autoren wie 
Bennett und Galsworthy, von denen ich bis dahin wenig ge- 
lesen hatte. Eines Tages lieh er mir einen Roman von Galsworthy 
mit dem Titel „ The man of property''\ der im Schoß einer vom 
Dichter erfundenen Familie Forsyte spielt. Galsworthy ist offen- 
bar von dieser seiner Schöpfung selbst gefangengenommen worden 
denn er hat in späteren Erzählungen wiederholt auf Personen 
dieser Familie zurückgegriffen und endlich alle auf sie bezüglichen 
Erdichtungen unter dem Namen „The Forsyte Saga'' gesammelt. 
Erst wenige Tage vor der Begebenheit, die ich erzähle, hatte mir 
P. einen neuen Band aus dieser Reihe gebracht. Der Name For- 
syte und alles Typische, was der Dichter in ihm verkörpern wollte 
hatte auch in meinen Unterhaltungen mit P. eine Rolle gespielt, 
er war zu einem Stück der Geheimsprache geworden, die sich 
bei regelmäßigem Verkehr so leicht zwischen zwei Personen aus- 
bildet. Nun ist der Name Forsyte in jenen Romanen von dem 
meines Besuchers Forsyth wenig verschieden, für deutsche Aus- 
. spräche kaum zu unterscheiden, und das sinnvolle englische Wort, 

das wir eben so aussprechen würden, wäre foresight, zu über- 
setzen: Voraussicht oder Vorsicht. P. hatte also tatsächlich aus seinea 
persönlichen Beziehungen den gleichen Namen herausgeholt, der 
zur selben Zeit infolge eines ihm unbekannten Ereignisses mich 
beschäftigte. 

Nicht wahr, das sieht schon besser aus. Aber ich meine, wir 
■ werden einen stärkeren Eindruck von dem auffäUigen Phänomen 



r 



NeuE Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 201 

und sogar etwas wie einen Einblick in die Bedingungen seiner 
Entstehung gewinnen, wenn wir zwei andere Assoziationen ana- 
lytisch beleuchten, die P. in der nämlichen Stunde vorbrachte. 

Erstens: An einem Tag der vorigen Woche hatte ich Herrn P. 
um 1 1 Uhr vergeblich erwartet und war dann ausgegangen, um 
Dr. Anton von Freund in seiner Pension zu besuchen. Ich war 
überrascht zu finden, daß Herr P. in einem anderen Stockwerk 
des Hauses wohnte, das die Pension beherbergte. Mit Beziehung 
darauf hatte ich P. später erzählt, daß ich ihm sozusagen einen 
Besuch in seinem Hause gemacht hatte; ich weiß aber mit Be- 
stimmtheit, daß ich den Namen der Person, die ich in der Pension 
besuchte, nicht genannt habe. Und nun stellt er bald nach der 
Erwähnung des Herrn v. Vorsicht an mich die Frage: Ist die 
Freud-Ottorego, die an der Volksuniversität englische Kurse ab- 
hält, vielleicht Ihre Tochter? Und zum ersten Male in unserem 
langen Verkehr läßt er meinem Namen die Entstellung wider- 
fahren, an die mich Behörden, Ämter und Schriftsetzer allerdings 
gewöhnt haben; er sagt anstatt Freud — Freund. 

Zweitens: Am Ende derselben Stunde erzählt er einen Traum 
aus dem er mit Angst erwacht ist, einen richtigen Alptraum, meint 
er. Er fügt hinzu, daß er unlängst das englische Wort dafür ver- 
gessen und einem Fragenden die Auskunft gegeben, Alptraum heiße 
im Englischen „a mare's nest^\ Das sei natürlich ein Unsinn, a 
mare's nest bedeute eine unglaubliche, eine Räubergeschichte, die 
Übersetzung von Alptraum laute ,^night~mare^^ . Dieser Einfall scheint 
mit dem Früheren nichts anderes gemein zu haben als das Element: 
englisch; mich muß er aber an einen kleinen Vorfall etwa einen 
Monat vorher erinnern. P. saß bei mir im Zimmer, als unver- 
niutet ein anderer lieber Gast aus London, Dr. Ernest Jones, 
nach langer Trennung bei mir eintrat. Ich winkte ihm, ins andere 
Zimmer zu gehen, bis ich mit P. abgeredet hatte. Der erkannte 
ihn aber sofort nach seiner im Wartezimmer hängenden Photo- 
graphie und sprach sogar den Wunsch aus, ihm vorgestellt zu 



203 



Schriften aus den Jahren 1^28— J9)) 



werden. Nun ist Jones der Verfasser einer Monographie über den 
Alptraum — night-mare-, ich wußte nicht, ob sie P. bekannt 
geworden war. Er vermied es, analytische Bücher zu lesen. 

Ich möchte vor Ihnen zunächst untersuchen, welches analytische 
Verständnis sich für den Zusammenhang von P.'s Einfällen und für 
ihre Motivierung gewinnen läßt. P. war auf den Namen Forsyte 
oder Forsyth ähnlich wie ich eingestellt, er bedeutete ihm dasselbe, 
ich verdankte ihm überhaupt die Bekanntschaft mit diesem Namen. 
Der merkwürdige Tatbestand war, daß er diesen Namen unver- 
mittelt in die Analyse brachte, die kürzeste Zeit, nachdem er mir 
durch ein neues Ereignis, die Ankunft des Londoner Arztes, in 
einem anderen Sinne bedeutungsvoll geworden war. Aber vielleicht 
nicht minder interessant als die Tatsache selbst ist die Art, wie 
der Name in seiner Analysenstunde auftrat. Er sagte nicht etwa: 
Jetst fallt mir der Name Forsyte aus den Ihnen bekannten Romanen 
ein, sondern er wußte ihn ohne jede bewußte Beziehung zu dieser 
Quelle mit seinen eigenen Erlebnissen zu verflechten und brachte 
ihn von daher zum Vorschein, was längst hätte geschehen können 
und bisher nicht geschehen war. Dann aber sagte er: Ich bin auch 
ein Forsyth, das Mädchen nennt mich ja so. Es ist schwer, die 
Mischung von eifersüchtigem Anspruch und wehmütiger Selbst- 
herabsetzung zu verkennen, die sich in dieser Äußerung Ausdruck 
schafft. Man wird nicht irregehen, wenn man sie etwa so ver- 
vollständigt: Es kränkt mich, daß Ihre Gedanken sich so intensiv 
mit dem Ankömmling beschäftigen. Kehren Sie doch zu mir zurück, 
ich bin ja auch ein Forsyth, — allerdings nur ein Herr von 
Vorsicht, wie das Mädchen sagt. Und nun greift sein Gedanken- 
gang am Assoziationsfaden des Elements : englisch auf zwei frühere 
Gelegenheiten zurück, die die gleiche Eifersucht rege machen 
konnten. „Vor einigen Tagen haben Sie einen Besuch in meinem Haus 
gemacht, aber leider nicht bei mir, bei einem Herrn v. Freund." 
Dieser Gedanke läßt ihn den Namen Freud in Freund verfälschen. 
Die Freud-Ottorego im Vorlesungsverzeichnis muß herhalten, 



Neue Folge der Vorlesungen zur Einfäftrung in die Psychoanalyse 205 

weil sie als Lehrerin des Englischen die manifeste Assoziation ver- 
mittelt. Und dann schließt sich die Erinnerung an einen anderen 
Besucher einige Wochen vorher an, auf den er gewiß ebenso eifer- 
süchtig war, dem er sich aber gleichfalls nicht gewachsen fühlen 
konnte, denn der Dr. Jones verstand es, eine Abhandlung über den 
Alptraum zu schreiben, während er solche Träume höchstens selbst 
produzierte. Auch die Erwähnung seines Irrtums in der Bedeutung 
von „a mare's nest'' gehört in denselben Zusammenhang, sie kann 
nur sagen wollen: Ich bin ja doch kein richtiger Engländer, so 
wenig wie ich ein richtiger Forsyth bin. 

Ich kann nun seine Eifersuchtsregungen weder als unangemessen 
noch als unverständlich bezeichnen. Er war darauf vorbereitet worden, 
daß seine Analyse und damit unser Verkehr ein Ende finden 
werden, sobald wieder fremde Schüler und Patienten nach Wien 
kämen, und so geschah es auch wirklich bald hernach. Aber was 
wir bisher geleistet haben, war ein Stück analytischer Arbeit, die 
Aufklärung von drei in derselben Stunde vorgebrachten, von dem- 
selben Motiv gespeisten Einfallen, und es hat nicht viel mit der 
anderen Frage zu tun, ob diese Einfälle ohne Gedankenübertragung 
ableitbar sind oder nicht. Letztere stellt sich zu jedem der drei 
Einfälle ein und zerlegt sich somit in drei Einzelfragen : Konnte 
P. wissen, daß Dr. Forsyth eben seinen ersten Besuch bei mir 
gemacht hatte? Konnte er wissen, welches der Name der Person 
war, die ich in seinem Hause besucht hatte? Wußte er, daß 
Dr. Jones eine Abhandlung über den Alptraum geschrieben hatte? 
Oder war es nur mein Wissen um diese Dinge, das sich in seinen 
Einfällen verriet? Von der Beantwortung dieser drei Einzelfragen 
wird es abhängen, ob meine Beobachtung einen Schluß zu Gunsten 
der Gedankenübertragung erlaubt. Lassen wir die erste Frage noch 
eine Weile bei Seite, die beiden anderen sind leichter zu behandeln. 
Der Fall des Besuchs in der Pension macht auf den ersten Blick 
einen besonders zuverlässigen Eindruck, Ich bin sicher, daß ich in 
Kleiner kurzen, scherzenden Erwähnung des Besuchs in seinem 



304 ' Schriften aus den Jahren I$28 — J^j j 

Haus keinen Namen genannt habe; ich haUe es für sehr unwahr- 
scheinlich, daß P. sich in der Pension nach dem Namen der be- 
treffenden Person erkundigt hat, ich glaube eher, daß ihm die 
Existenz derselben völlig unbekannt geblieben ist. Aber die Beweis- 
kraft dieses Falles wird durch eine Zufälligkeit gründlich zerstört. 
Der Mann, den ich in der Pension besucht hatte, hieß nicht nur 
Freund, er war auch uns allen ein wahrer Freund. Es war 
Dr. Anton v. Freund, dessen Spende die Gründung unseres Ver- 
lags ermöglicht hatte. Sei n früher Tod wie der unseres Karl 
Abraham einige Jahre später waren die schwersten Unglücksfälle, 
die die Entwicklung der Psychoanalyse betroffen haben. Ich mag 
also Herrn P. damals gesagt haben: Ich habe in Ihrem Hause einen 
Freund besucht, und mit dieser Möglichkeit entfällt das okkul- 
tistische Interesse an seiner zweiten Assoziation. 

Auch der Eindruck des dritten Einfalles verflüchtigt sich bald. 
Konnte P. wissen, daß Jones eine Abhandlung über den Alptraum 
veröffentlicht hat, da er nie analytische Literatur las? Ja, er konnte 
es wissen. Er besaß Bücher aus unserem Verlag, konnte im.merh!n 
die Titel der auf den Umschlägen angekündigten Neuerscheinungen 
gesehen haben. Es ist nicht zu erweisen, aber auch nicht abzu- 
weisen. Auf diesem Weg werden wir also zu keiner Entscheidung 
kommen. Ich muß bedauern, daß meine Beobachtung an dem 
nämlichen Fehler leidet wie so viele ähnliche. Sie ist zu spät nieder- 
geschrieben und ist diskutiert worden zu einer Zeit, da ich Herrn 
P. nicht mehr sah und ihn nicht weiter befragen konnte. 

Kehren wir also zum ersten Vorfall zurück, der den scheinbaren 
Tatbestand der Gedankenübertragung auch isoliert aufrechthält. 
Konnte P. wissen, daß Doktor Forsyth eine Viertelstunde vor ihm 
bei mir gewesen war? Konnte er überhaupt von seiner Existenz 
oder Anwesenheit in Wien wissen? Der Neigung, beides glatt zu 
verneinen, darf man nicht nachgeben. Ich sehe doch einen Weg, 
der zu einer teilweisen Bejahung führt. Ich könnte doch Herrn P. 
die Mitteilung gemacht haben, daß ich einen Arzt aus England 



Neue Folge der Forlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 205 



zum Unterricht in der Analyse erwarte, als erste Taube nach der 
Sintflut. Das könnte im Sommer 1919 gewesen sein^ Dr. Forsyth 
hatte sich Monate vor seinem Eintreffen brieflich mit mir ver- 
ständigt. Ich mag sogar seinen Namen genannt haben, obwohl mir 
das sehr unwahrscheinlich ist. Bei der anderweitigen Bedeutung 
dieses Namens für uns beide hätte sich an die Namensnennung 
eine Unterhaltung knüpfen müssen, von der mir etwas im Gedächt- 
nis geblieben wäre. Immerhin mag es geschehen sein und ich es 
dann gründlich vergessen haben, so daß mich der Herr von Vor- 
sicht in der Analysenstunde wie ein Wunder berühren konnte. 
Wenn man sich für einen Skeptiker hält, tut man gut daran, 
gelegentlich auch an seiner Skepsis zu zweifeln. Vielleicht gibt es 
auch bei mir die geheime Neigung zum Wunderbaren, die der 
Schaffung okkulter Tatbestände so entgegenkommt. 

Ist so ein Stück des Wunderbaren aus dem Weg geräumt, so 
harrt unser noch ein anderes Stück, das schwierigste von allen. 
Angenommen, Herr P. habe gewußt, es gebe einen Dr. Forsyth 
und er werde im Herbst in Wien erwartet, wie erklärt es sich, 
daß er für ihn gerade am Tage seiner Ankunft und unmittelbar 
nach seinem ersten Besuch empfänglich wird? Man kann sagen, 
das ist Zufall, d. h. man läßt es unerklärt — aber ich habe jene 
zwei anderen Einfälle von P. gerade darum erörtert, um den Zufall 
auszuschließen, um Ihnen zu zeigen, daß er wirklich mit eifer- 
süchtigen Gedanken über Leute, die mich besuchen und die ich 
besuche, beschäftigt war; oder man kann, um das Äußerste des 
Möglichen nicht zu vernachlässigen, die Annahme versuchen, P. 
habe eine besondere Erregung an mir gemerkt, von der ich freilich 
nichts weiß, und aus ihr seinen Schluß gezogen. Oder Herr P., 
der ia nur eine Viertelstunde nach dem Engländer ankam, sei ihm 
auf dem kleinen Stück des beiden gemeinsamen Weges begegnet, 
habe ihn nach seinem charakteristisch englischen Aussehen erkannt 
und, beständig auf seine eifersüchtige Erwartung eingestellt, gedacht: 
Also das ist der Dr. Forsyth, mit dessen Ankunft meine Analyse 



2o6 . Schriften aus den Jakren 1^28 — 1^)) 

zu Ende kommen soll. Und wahrscheinlich kommt er gerade jetzt 
vom^ Professor. Weiter kann ich mit diesen rationalistischen Mut- 
maßungen nicht gehen. Es bleibt wiederum bei eiuein non Uquet, 
aber ich muß es bekennen, nach meiner Empfindung neigt sich 
die Waagschale auch hier zu Gunsten der Gedankenübertragunff. 
Übrigens bin ich gewiß nicht der Einzige, der in die Lage ge- 
kommen ist, solche „okkulte" Vorkommnisse in der analytischen 
Situation zu erleben. Helene Deutsch hat 1926 ähnliche Beobach- 
tungen bekannt gemacht und deren Bedingtheit durch die Bezie- 
hungen der Übertragung zwischen Patienten und Analytiker studiert. 
Ich bin überzeugt, Sie werden mit meiner Einstellung zu diesem 
Problem: nicht völlig überzeugt und doch zur Überzeugung bereit, 
nicht sehr zufrieden sein. Vielleicht sagen Sie sich: Das ist wieder 
so ein Fall, daß ein Mensch, der sein Leben lang rechtschaffen 
als Naturforscher gearbeitet hat, im Alter schwachsinnig, fromm 
und leichtgläubig wird. Ich weiß, einige große Namen gehören 
in diese Reihe, aber mich sollen Sie nicht dazu rechnen. Fromm 
wenigstens bin ich nicht geworden, ich hoffe, auch nicht leicht- 
gläubig. Niu-, wenn man sich sein Leben lang gebückt gehalten 
hat, um einem schmerzhaften Zusammenstoß mit den Tatsachen 
auszuweichen, so behält mau auch im Alter den krummen Rücken, 
der sich vor neuen Tatsächlichkeiten beugt. Ihnen wäre es gewiß 
lieber, ich hielte an einem gemäßigten Theismus fest und zeigte 
mich unerbittlich in der Ablehnung alles Okkulten. Aber ich bin 
unfähig, um Gunst zu werben, ich muß Ihnen nahelegen, über 
die objektive Möglichkeit der Gedankenübertragung und damit 
auch der Telepathie freundlicher zu denken. 

. Sie vergessen nicht, daß ich diese Probleme hier nur insoweit 
behandelt habe, als man sich ihnen von der Psychoanalyse her 
annähern kann. Als sie vor länger als zehn Jahren zuerst in 
meinen Gesichtskreis traten, verspürte auch ich die Angst vor 
einer Bedrohung unserer wissenschaftlichen Weltanschauung, die 
im Falle, als sich Stücke des Okkultismus bewahrheiten, dem 



Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 207 



Spiritismus oder der Mystik den Platz räumen müßte. Ich denke 
heute anders^ ich meine, es zeugt von keiner großen Zuversicht 
zur Wissenschaft, wenn man ihr nicht zutraut, daß sie auch auf- 
nehmen und verarbeiten kann, was sich etwa an den okkulten 
Behauptungen als wahr herausstellt. Und was besonders die Ge- 
dankenübertragung betrifft, so scheint sie die Ausdehnung der 
wissenschaftlichen ^- Gegner sagen : mechanistischen — Denk- 
weise auf das so schwer faßbare Geistige geradezu zu begün- 
stigen. Der telepathische Vorgang soll ia darin bestehen, daß ein 
seelischer Akt der einen Person den nämlichen seehschen Akt bei 
einer anderen Person anregt. Was zwischen den beiden seelischen 
Akten Hegt, kann leicht ein physikalischer Vorgang sein, in den 
sich das Psychische an einem Ende umsetzt und der sich am 
anderen Ende wieder in das gleiche Psychische umsetzt. Die Ana- 
logie mit anderen Umsetzungen wie beim Sprechen und Hören 
am Telephon wäre dann unverkennbar. Und denken Sie, wenn 
man dieses physikalischen Äquivalents des psychischen Akts hab- 
haft werden könnte! Ich möchte sagen, durch die Eiuschiebung 
des Unbewußten zwischen das Physikalische und das bis dahin 
„psychisch" Genannte hat uns die Psychoanalyse für die Annahme 
solcher Vorgänge wie die Telepathie vorbereitet. Gewöhnt man 
sich erst an die Vorstellung der Telepathie, so kann man mit ihr 
viel ausrichten, allerding"s vorläufig nur in der Phantasie. Man 
weiß bekanntlich nicht, wie der Gesamtwille in den großen In- 
sektenstaaten zustande kommt. Möglicli er weise geschieht es auf 
dem Wege solch direkter psychischer Übertragung. Man wird auf 
die Vermutung geführt, daß dies der ursprüngliche, archaische 
Weg der Verständigung unter den Einzelwesen ist, der im Lauf 
der phylogenetischen Entwicklung durch die bessere Methode der 
Mitteilung mit Hilfe von Zeichen zurückgedrängt wird, die 
man mit den Sinnesorganen aufnimmt. Aber die ältere Methode 
könnte im Hintergrund erhalten bleiben und sich unter gewissen 
Bedingungen noch durchsetzen, z. B. auch in leidenschaftlich er- 



2o8 Schriften aus den Jahren 1^28 — i^)) 

regten Massen. Das ist alles noch unsicher und voll von unge- 
lösten Rätseln, aber es ist kein Grund zum Erschrecken. 

Wenn es eine Telepathie als realen Vorgang gibt, so kann man 
trotz ihrer schweren Erweis bar keit vermuten, daß sie ein recht 
häufiges Phänomen ist. Es würde unseren Erwartungen entsprechen, 
wenn wir sie gerade im Seelenleben des Rindes aufzeigen könnten. 
Man wird da an die häufige Angst Vorstellung der Kinder er- 
innert, daß die Eltern alle ihre Gedanken kennen, ohne daß sie 
sie ihnen mitgeteilt hätten, das volle Gegenstück und vielleicht die 
Quelle des Glaubens Erwachsener an die Allwissenheit Gottes. Vor 
kurzem hat eine vertrauenswürdige Frau, Dorothy Burlingharn 
in einem Aufsatz „Kinder an alyse und Mutter" Beobachtungen 
mitgeteilt, die, wenn sie sich bestätigen lassen, dem restlichen 
Zweifei an der Realität der Gedankenübertragung ein Ende 
machen müssen. Sie machte sich die nicht mehr seltene Situation 
zunutze, daß sich Mutter und Kind gleichzeitig in Analyse be- 
finden, und berichtet aus derselben merkwürdige Vorfalle wie den 
folgenden: Eines Tages erzählt die Mutter in ihrer Analysen- 
stunde von einem Goldstück, das in einer ihrer Kinderszenen eine 
bestimmte Rolle spielt. Gleich darauf, nachdem sie nach Hause 
gekommen ist, kommt ihr kleiner, etwa zehnjähriger Junge zu 
ihr ins Zimmer und bringt ihr ein Goldstück, das sie für ihn 
aufbewahren soll. Sie fragt ihn erstaunt, woher er es hat. Er hat 
es zu seinem Geburtstag bekommen, aber der Geburtstag des 
Kindes liegt mehrere Monate zurück und es ist kein Anlaß, warum 
sich das Kind gerade jetzt an das Goldstück erinnert haben sollte. 
Die Mutter verständigt die Analytikerin des Kindes von dem Zu- 
sammentreffen und bittet sie, beim Kind nach der Begründung 
jener Handlung zu forschen. Aber die Analyse des Kindes bringt 
keinen Aufschluß, die Handlung hatte sich wie ein Fremdkörper 
in das Leben des Kindes an jenem Tage eingedrängt. Einige 
Wochen später sitzt die Mutter am Schreibtisch, um sich, wozu 
man sie gemahnt hatte, eine Notiz über das geschilderte Erlebnis 



NeiJ£ Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 209 

zu machen. Da kommt der Knabe herein und verlangt das Gold- 
stück zurück, er möchte es in seine analytische Stunde mitnehmen, ^':'> 
um es zu zeigen. Wiederum kann die Analyse des Kindes keinen 
Zugang zu diesem Wunsch auffinden. 

Und damit wären wir zur Psychoanalyse zurückgekommen, von 
der wir ausgegangen sind. 



Freud XII. t4 



M.ir -wi 



,..,■.-.,- ; 



XXXI. VORLESUNG 

DIE ZERLEGUNG DER . 
PSYCHISCHEN PERSÖNLICHKEIT 

Meine Damen und Herren ! Ich weiß, Sie kennen für Ihre 
eigenen Beziehungen, ob es sich um Personen oder um Dinge 
handelt, die Bedeutung des Ausgangspunktes. So war es auch mit 
der Psychoanalyse: Für die Entwicklung, die sie nahm, für die 
Aufnahme, die sie fand, ist es nicht gleichgültig gewesen, daß sie 
ihre Arbeit am Symptom begann, am Ichfremdesten, das sich in 
der Seele vorfindet. Das Symptom stammt vom Verdrängten ab, 
ist gleichsam der Vertreter desselben vor dem Ich, das Verdrängte 
ist aber für das Ich Ausland, inneres Ausland, so wie die Realität 
— gestatten Sie den ungewohnten Ausdruck — - äußeres Ausland 
ist. Vom Symptom her führte der Weg zum Unbewußten, zum 
Triebleben, zur Sexualität, und das war die Zeit, da die Psycho- 
analyse die geistvollen Einwendungen zu hören bekam, der Mensch 
sei nicht bloß ein Sexualwesen, er kenne auch edlere und höhere 
Regungen. Man hätte hinzusetzen können, gehoben durch das 
Bewußtsein dieser höheren Regungen nehme er sich öfters das 
Recht heraus, Unsinn zu denken und Tatsachen zu vernachlässigen. 

Sie wissen es besser, es hat von allem Anfang an bei uns ge- 
heißen, der Mensch erkranke an dem Konflikt zwischen den An- 
sprüchen des Trieblebens und dem Widerstand, der sich in ihm 



Neue Folge der Forlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse s 1 1 

dagegen erhebt, und wir hatten keinen Augenblick an diese wider- 
stehende, abweisende, verdrängende Instanz vergessen, die wir uns 
mit ihren besonderen Kräften, den Ichtrieben, ausgestattet dachten 
und die eben mit dem Ich der populären Psychologie zusammen- 
lallt. Nur daß es bei dem mühsamen Fortschreiten der wissen- 
schaftlichen Arbeit auch der Psychoanalyse nicht möglich war, 
alle Gebiete gleichzeitig zu studieren und sich über alle Probleme 
in einem Atem zu äußern. Endlich war man so weit gekommen, 
daß man seine Aufmerksamkeit vom Verdrängten weg auf das 
Verdrängende richten konnte, und stand vor diesem Ich, das so 
selbstverständlich zu sein schien, mit der sicheren Erwartung 
auch hier Dinge zu finden, auf die man nicht vorbereitet sein 
konnte; aber es war nicht leicht, einen ersten Zugang zu finden. 
Das ist es, worüber ich Ihnen heute berichten will! 

Ich muß aber doch meiner Vermutung Ausdruck geben, daß 
diese meine Darstellung der Ichpsychologie anders auf Sie wirken 
wird als die Einführung in die psychische Unterwelt, die ihr vor- 
ausgegangen ist. Warum das der Fall sein sollte, weiß ich nicht 
sicher zu sagen. Ich meinte zuerst, Sie würden herausfinden, daß 
ich Ihnen vorhin hauptsächlich Tatsachen berichtet hatte, wenn 
auch fremdartige und sonderbare, während Sie diesmal vorwiegend 
Auffassungen, also Spekulationen, zu hören bekommen. Aber es 
trifft nicht zu, bei besserer Erwägung muß ich behaupten, daß der 
Anteil der gedanklichen Verarbeitung des tatsächlichen Materials in 
unserer Ichpsychologie nicht viel größer ist als er in der Neurosen- 
psychologie war. Auch andere Begründungen meiner Erwartung 
mußte ich verwerfen; ich meine jetzt, es liegt irgendwie am 
Charakter des Stoffes selbst und an unserer Ungewohntheit, mit 
ihm umzugehen. Immerhin, ich werde nicht erstaunt sein, wenn 
Sie sich in Ihrem Urteil noch zurückhaltender und vorsichtiger 
zeigen als bisher. 

Die Situation, in der wir uns zu Beginn unserer Untersuchung 
befinden, soll uns selbst den Weg weisen. Wir wollen das Ich 



>4* 



312 Schriften aus den Jahren 1928 — 193} 

zum Gegenstand dieser Untersuchung machen, unser eigenstes Ich. 
Aber kann man das? Das Ich ist ja doch das eigentlichste Subjekt, 
wie soll es zum Objekt werden? Nun, es ist kein Zweifel, daß 
man dies kann. Das Ich kann sich selbst zum Objekt nehmen, 
sich behandeln wie andere Objekte, sich beobachten, kritisieren, 
Gott weiß was noch alles mit sich selbst anstellen. Dabei stellt 
sich ein Teil des Ichs dem übrigen gegenüber. Das Ich ist also 
spaltbar, es spaltet sich während mancher seiner Funktionen, wenig- 
stens vorübergehend. Die Teilstücke können sich nachher wieder 
vereinigen. Das ist gerade keine Neuigkeit, vielleicht eine unge- 
wohnte Betonung allgemein bekannter Dinge. Anderseits sind wir 
mit der Auffassung vertraut, daß die Pathologie uns durch ihre 
Vergrößerungen und Vergröberungen auf normale Verhältnisse auf- 
merksam machen kann, die uns sonst entgangen wären. Wo sie 
uns einen Bruch oder Riß zeigt, kann normalerweise eine Gliede- 
rung vorhanden sein. Wenn wir einen Kristall zu Boden werfen, 
zerbricht er, aber nicht willkürlich, er zerfällt dabei nach seinen 
Spaltrichtungen in Stücke, deren Abgrenzung, obwohl unsichtbar, 
doch durch die Struktur des Kristalls vorher bestimmt war. Solche 
rissige und gesprungene Strukturen sind auch die Geisteskranken. 
Etwas von der ehrfürchtigen Scheu, die alte Völker den Wahn- 
sinnigen bezeugten, können auch wir ihnen nicht versagen. Sie 
haben sich von der äußeren Realität abgewendet, aber eben darum 
wissen sie mehr von der inneren, psychischen Realität und können 
uns manches verraten, was uns sonst unzugänglich wäre. Von 
einer Gruppe dieser Kranken sagen wir, sie leiden am Beobachtungs- 
wahn. Sie klagen uns, daß sie unausgesetzt und bis in ihr intimstes 
Tun von der Beobachtung unbekannter Mächte, wahrscheinlich 
doch Personen, belästigt werden, und hören halluzinatorisch, wie 
diese Personen die Ergebnisse ihrer Beobachtung verkünden: Jetzt 
will er das sagen, jetzt kleidet er sich an um auszugehen usw. 
Diese Beobachtung ist noch nicht dasselbe wie eine Verfolgung, 
aber sie ist nicht weit davon, sie setzt voraus, daß man ihnen 



Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 215 

mißtraut, daß man erwartet, sie bei verbotenen Handlungen zu 
ertappen, für die sie gestraft werden sollen. Wie wäre es, wenn 
diese Wahnsinnigen Recht hätten, wenn bei uns allen eine solche 
beobachtende und strafandrohende Instanz im Ich vorhanden 
wäre, die sich bei ihnen nur scharf vom Ich gesondert hätte 
und irrtümlicherweise in die äußere Realität verschoben worden 
■wäre? 

Ich weiß nicht, ob es Ihnen ebenso ergehen wird wie mir. 
Seitdem ich unter dem starken Eindruck dieses Krankheitsbildes 
die Idee gefaßt hatte, daß die Sonderung einer beobachtenden 
Instanz vom übrigen Ich ein regelmäßiger Zug in der Struktur 
des Ichs sein könnte, hat sie mich nicht mehr verlassen und ich 
war getrieben, nach den weiteren Charakteren und Beziehungen 
dieser so abgesonderten Instanz zu forschen. Der nächste Schritt 
ist bald getan. Schon der Inhalt des Beobachtungswahns legt es 
nahe, daß das Beobachten nur eine Vorbereitung ist für das Richten 
und Strafen, und somit erraten wir, daß eine andere Funktion 
dieser Instanz das sein muß, was wir unser Gewissen nennen. Es 
gibt kaum etwas anderes in uns, was wir so regelmäßig von 
unserem Ich sondern und so leicht ihm entgegenstellen wie gerade 
das Gewissen. Ich verspüre die Neigung, etwas zu tun, wovon ich 
mir Lust verspreche, aber ich unterlasse es mit der Begründung: 
mein Gewissen erlaubt es nicht. Oder ich habe mich von der 
übergroßen Lusterwartung bewegen lassen, etwas zu tun, wogegen 
die Stimme des Gewissens Einspruch erhob, und nach der Tat 
straft mich mein Gewissen mit peinlichen Vorwürfen, läßt mich 
die Reue ob der Tat empfinden. Ich könnte einfach sagen, die 
besondere Instanz, die ich im Ich zu unterscheiden beginne, ist 
das Gewissen, aber es ist vorsichtiger, diese Instanz selbständig zu 
halten und anzunehmen, das Gewissen sei eine ihrer Funktionen, 
und die Selbstbeobachtung, die als Voraussetzung für die richter- 
liche Tätigkeit des Gewissens unentbehrlich ist, sei eine andere. 
Und da es zur Anerkennung einer gesonderten Existenz gehört. 



214 Schriften aus den Jakren 1928 — J?^i 

daß man dem Ding einen eigenen Namen gibt, will ich diese 
Instanz im Ich von nun an als das „Über-Ich" bezeichnen. 

Jetzt bin ich darauf gefaßt, daß Sie mich höhnisch fragen, ob 
unsere Ichpsychologie überhaupt darauf hinausläuft, gebräuchliche 
Abstraktionen wörtlich zu nehmen und zu vergröbern, sie aus 
Begriffen in Dinge zu verwandeln, womit nicht viel gewonnen 
wäre. Ich antworte, es wird schwer halten, in der Ichpsychologie 
dem Allbekannten auszuweichen, es wird mehr auf neue Auf- 
fassungen und Anordnungen ankommen als auf Neuentdeckungen. 
Bleiben Sie also vorläufig bei Ihrer herabsetzenden Kritik und 
warten Sie die weiteren Ausführungen ab. Die Tatsachen der 
Pathologie geben unseren Bemühungen einen Hintergrund, den 
Sie für die Populärpsychologie vergebens suchen würden. Ich setze 
fort. Kaum daß wir uns mit der Idee eines solchen Über-Ichs be- 
freundet haben, das eine gewisse Selbständigkeit genießt, seine 
eigenen Absichten verfolgt und in seinem Energiebesitz vom Ich 
unabhängig ist, drängt sich uns ein Krankheitsbild auf, das die 
Strenge, ja die Grausamkeit dieser Instanz und die Wandlungen 
in ihrer Beziehung zum Ich auffällig verdeutlicht. Ich meine den 
Zustand der Melancholie, genauer des melancholischen Anfalls, von 
dem ja auch Sie genug gehört haben, auch wenn Sie nicht 
Psychiater sind. An diesem Leiden, von dessen Verursachung und 
Mechanismus wir viel zu wenig wissen, ist der auffälligste Zug 
die Art, wie das Über-Ich — sagen Sie nur im stillen: das Ge- 
wissen — das Ich behandelt. Während der Melancholiker in ge- 
sunden Zeiten mehr oder weniger streng gegen sich sein kann, 
wie ein anderer, wird im melancholischen Anfall das Über-Ich 
überstreng, beschimpft, erniedrigt, mißhandelt das arme Ich, läßt 
es die schwersten Strafen erwarten, macht ihm Vorwürfe wegen 
längst vergangener Handlungen, die zu ihrer Zeit leicht genommen 
wurden, als hätte es das ganze Intervall über Anklagen gesammelt 
und nur seine gegenwärtige Erstarkung abgewartet, um mit ihnen 
hervorzutreten und auf Grund dieser Anklagen zu verurteilen. 



Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 21g 

Das Uber-Ich legt den strengsten moralischen Maßstab an das ihm 
hilflos preisgegebene Ich an, es vertritt ja überhaupt den Anspruch 
der Moralität, und wir erfassen mit einem Blick, daß unser morali- 
sches Schuldgefühl der Ausdruck der Spannung zwischen Ich und 
Über-Ich ist. Es ist eine sehr merkwürdige Erfahrung, die Moralität, 
die uns angeblich von Gott verliehen und so tief eingepflanzt 
wurde, als periodisches Phänomen zu sehen. Denn nach einer 
gewissen Anzahl von Monaten ist der ganze moralische Spuk 
vorüber, die Kritik des Über-Ichs schweigt, das Ich ist rehabilitiert 
und genießt wieder alle Menschenrechte bis zum nächsten Anfall. 
Ja bei manchen Formen der Erkrankung findet in den Zwischen- 
zeiten etwas Gegenteiliges statt; das Ich befindet sich in einem 
seligen Rauschzustand, es triumphiert, als hätte das Über-Ich alle 
Kraft verloren oder wäre mit dem Ich zusammengeflossen, und 
dieses frei gewordene, manische Ich gestattet sich wirklich hemmungs- 
los die Befriedigung aller seiner Gelüste. Vorgänge, reich an unge- 
lösten Rätseln! 

Sie werden gewiß mehr als eine bloße Illustration erwarten, 
■wenn ich Ihnen ankündige, daß wir über die Bildung des Über- 
Ichs, also über die Entstehung des Gewissens, mancherlei gelernt 
haben. In Anlehnung an einen bekannten Ausspruchs Kant 's, der 
das Gewissen in uns mit dem gestirnten Himmel zusammen- 
bringt, könnte ein Frommer wohl versucht sein, diese beiden 
als die Meisterstücke der Schöpfung zu verehren. Die Gestirne 
sind gewiß großartig, aber was das Gewissen betrifft, so hat Gott 
hierin ungleichmäßige und nachlässige Arbeit geleistet, denn eine 
große Überzahl von Menschen hat davon nur ein bescheidenes 
Maß oder kaum so viel, als noch der Rede wert ist, mitbekommen. 
Wir verkennen das Stück psychologischer Wahrheit keineswegs, 
das in der Behauptung, das Gewissen sei göttlicher Herkunft, 
enthalten ist, aber der Satz bedarf der Deutung. Wenn das Ge- 
wissen auch etwas „in uns" ist, so ist es doch nicht von Anfang 
an. Es ist so recht ein Gegensatz zum Sexualleben, das wirklich 



2i6 Schriften aus den Jahren 1^28 — /i?J7 

vom Anfang des Lebens an da ist und nicht erst später hinzu- 
kommt. Aber das kleine Kind ist bekanntlich amoralisch, es besitzt 
keine inneren Hemmungen gegen seine nach Lust strebenden 
Impulse. Die Rolle, die späterhin das Über-Ich übernimmt, wird 
zuerst von einer äuIBeren Macht, von der elterlichen Autorität, 
gespielt. Der Elterneinfluß regiert das Kind durch Gewährung 
von Liebesbeweisen und durch Androhung von Strafen, die dem 
Kinde den Liebesverlust beweisen und an sich gefürchtet werden 
müssen. Diese Realangst ist der Vorläufer der späteren Gewissens- 
angst^ solange sie herrscht, braucht man von Über-Ich und von 
Gewissen nicht zu reden. Erst in weiterer Folge bildet sich die 
sekundäre Situation aus, die wir allzu bereitwillig für die normale 
halten, daß die äußere Abhaltung verinnerlicht wird, daß an die 
Stelle der Elterninstanz das Über-Ich tritt, welches nun das Ich genau 
so beobachtet, lenkt und bedroht wie früher die Eltern das Kind. 
Das Über-Ich, das solcherart die Macht, die Leistung und 
selbst die Methoden der Elterninstanz übernimmt, ist aber nicht 
nur der Rechtsnachfolger, sondern wirklich der legitime Leibes- 
erbe derselben. Es geht direkt aus ihr hervor, wir werden bald 
erfahren, durch welchen Vorgang, Zunächst müssen wir jedoch 
bei einer Unstimmigkeit zwischen beiden verweilen. Das Über-Ich 
scheint in einseitiger Auswahl nur die Härte und Strenge der 
Eltern, ihre verbietende und strafende Funktion aufgegriffen zu 
haben, während deren liebevolle Fürsorge keine Aufnahme und 
Fortsetzung findet. Haben die Eltern wirklich ein strenges Regiment 
geführt, so glauben wir es leicht begreiflich zu finden, wenn sich 
auch beim Kind ein strenges Über-Ich entwickelt, aber die Er- 
fahrung zeigt, gegen unsere Erwartung, daß das Über-Ich denselben 
Charakter unerbitthcher Härte erwerben kann, auch wenn die 
Erziehung milde und gütig war, Drohungen und Strafen möglichst 
vermieden hat. Wir werden auf diesen Widerspruch später zurück- 
kommen, wenn wir die Triebumsetzungen bei der Bildung des 
Über-Ichs behandeln. 



Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 217 

Von der Umwandlung der Elternbeziehung in das Über-Ich kann 
ich Ihnen nicht soviel sagen, wie ich gerne möchte, zum Teil 
weil dieser Vorgang so verwickelt ist, daß seine Darstellung sich 
nicht in den Rahmen einer Einführung fügt, wie ich sie Ihnen 
geben will, zum anderen Teil weil wir selbst nicht glauben, ihn 
voll durchschaut zu haben. Begnügen Sie sich also mit den folgenden 
Andeutungen. Die Grundlage dieses Vorganges ist eine sogenannte 
Identifizierung, d. h. eine Angleichung eines Ichs an ein fremdes, 
in deren Folge dies erste Ich sich in bestimmten Hinsichten so 
benimmt wie das andere, es nachahmt, gewissermaßen in sich 
aufnimmt. Man hat die Identifizierung nicht unpassend mit der 
oralen, kannibalistischen Einverleibung der fremden Person ver- 
glichen. Die Identifizierung ist eine sehr wichtige Form der 
Bindung an die andere Person, wahrscheinlich die ursprünglichste,, 
nicht dasselbe wie eine Objektwahl. Man kann den Unterschied 
etwa so ausdrücken: Wenn der Knabe sich mit dem Vater identi- 
fiziert, so will er so sein wie der Vater: wenn er ihn zum Objekt 
seiner Wahl macht, so will er ihn haben, besitzen; im ersten Fall 
wird sein Ich nach dem Vorbild des Vaters verändert, im zweiten 
Falle ist dies nicht notwendig. Identifizierung und Objektwahl sind 
in weitem Ausmaß unabhängig voneinander; man kann sich aber 
auch mit der nämlichen Person identifizieren, sein Ich nach ihr ver- 
ändern, die man z. B. zum Sexualobjekt genommen hat. Man sagt,, 
daß die Beeinflussung des Ichs durch das Sexualobjekt besonders 
häufig bei Frauen vorkommt und für die Weiblichkeit charakte- 
ristisch ist. Von der bei weitem lehrreichsten Beziehung zwischen 
Identifizierung und Objektwahl muß ich Ihnen schon einmal in den 
früheren Vorlesungen gesprochen haben. Sie ist so leicht an Kindern 
wie an Erwachsenen, normalen und kranken Menschen zu be- 
obachten. Wenn man ein Objekt verloren hat oder es aufgeben 
mußte, so entschädigt man sich oft genug dadurch, daß man sich 
mit ihm identifiziert, es in seinem Ich wieder aufrichtet, so daß 
hier die Objektwahl gleichsam zur Identifizierung regrediert. 



2i8 Schriften aus den Jahren I$2S — I^)) 

Ich bin von diesen Ausführungen über die Identifizierung selbst 
durchaus nicht befriedigt, aber genug, wenn Sie mir zugeben 
können, daß die Einsetzung des Über-Ichs als ein gelungener Fall 
von Identifizierung mit der Elterninstanz beschrieben werden kann. 
Die für diese Auffassung entscheidende Tatsache ist nun, daß diese 
Neuschöpfung einer überlegenen Instanz im Ich aufs innigste mit 
dem Schicksal des Ödipuskomplexes verknüpft ist, so daß dasUber-Ich 
als der Erbe dieser für die Kindheit so bedeutungsvollen Gefühls- 
bindung erscheint. Wir verstehen, mit dem Auflassen des Ödipus- 
komplexes mußte das Kind auf die intensiven Objektbesetzungen ver- 
zichten, die es bei den Eltern untergebracht hatte, und zur Ent- 
schädigung für diesen Objektverlust werden die wahrscheinlich längst 
vorhandenen Identifizierungen mit den Eltern in seinem Ich so sehr 
verstärkt. Solche Identifizierungen als Niederschläge aufgegebener 
Objektbesetzungen werden sich später im Leben des Kindes oft genug 
wiederholen, aber es entspricht durchaus dem Gefühlswert dieses 
ersten Falles einer solchen Umsetzung, daß deren Ergebnis eine 
Sonderstellung im Ich eingeräumt wird. Eingehende Untersuchung 
belehrt uns auch, daß das Über-Ich in seiner Stärke und Ausbildung 
verkümmert, wenn die Überwindung des Ödipuskomplexes nur un- 
vollkommen gelingt. Im Laufe der Entwicklung nimmt das Über- 
ich auch die Einflüsse jener Personen an, die an die Stelle der Eltern 
getreten sind, also von Erziehern, Lehrern, idealen Vorbildern. Es 
entfernt sich normalerweise immer mehr von den ursprünglichen 
Elternindividuen, es wird sozusagen unpersönlicher. Wir wollen auch 
nicht daran vergessen, daß das Kind seine Eltern in verschiedeneu 
Lebenszeiten verschieden einschätzt. Zur Zeit, da der Ödipuskomplex 
dem Über-Ich Platz räumt, sind sie etwas ganz Großartiges, später 
büßen sie sehr viel ein. Es kommen dann auch Identifizierungen 
mit diesen späteren Ehern zustande, sie liefern sogar regelmäßig 
wichtige Beiträge zur Charakterbildung, aber sie betreffen dann 
nur das Ich, beeinflussen nicht mehr das Über-Ich, das durch die 
frühesten Elternimagines bestimmt worden ist. 



Neue Folge der f^orhsun^en. zur Einführung in die Psychoanalyse 219 



Ich hoffe, Sie haben bereits den Eindruck empfangen, daß die 
Aufstellung des Über-lchs wirklich ein Struktur Verhältnis beschreibt 
und nicht einfach eine Abstraktion wie die des Gewissens personi- 
fiziert. Wir haben noch eine wichtige Funktion zu erwähnen, 
die wir diesem Über-Ich zuteilen. Es ist auch der Träger des Ich- 
ideals, an dem das Ich sich mißt, dem es nachstrebt, dessen An- 
spruch auf immer weitergehende Vervollkommnung es zu erfüllen 
bemüht ist. Kein Zweifel, dieses Ichideal ist der Niederschlag der 
alten Elternvorstellung, der Ausdruck der Bewunderung jener Voll- 
kommenheit, die das Kind ihnen damals zuschrieb. Ich weiß, Sie 
haben viel von dem Gefühl der Minderwertigkeit gehört, das 
gerade die Neurotiker auszeichnen soll. Es spukt besonders in der 
sogenannt schönen Literatur. Ein Schriftsteller, der das Wort 
Minderwertigkeitskomplex gebraucht, glaubt damit allen Anforde- 
rungen der Psychoanalyse Genüge getan und seine Darstellung 
auf ein höheres psychologisches Niveau gehoben zu haben. In 
Wirklichkeit wird das Kunstwort Minderwertigkeitskomplex in 
der Psychoanalyse kaum verwendet. Es bedeutet uns nichts Ein- 
faches, geschweige denn etwas Elementares. Es auf die Selbst- 
wahrnehmung etwaiger Organverküramerungen zurückzuführen, 
wie die Schule der sogenannten Individualpsychologen zu tun be- 
liebt, erscheint uns ein kurzsichtiger Irrtum. Das Gefühl der 
Minderwertigkeit hat starke erotische Wurzeln. Das Kind fühlt 
sich minderwertig, wenn es merkt, daß es nicht geliebt wird, 
und ebenso der Erwachsene. Das einzige Organ, das wirklich als 
minderwertig betrachtet wird, ist der verkümmerte Penis, die 
Klitoris des Mädchens. Aber der Hauptanteil des Minderwertigkeits- 
gefühls stammt aus der Beziehung des Ichs zu seinem Über-Ich, 
ist ebenso wie das Schuldgefühl ein Ausdruck der Spannung 
zwischen beiden. Minderwertigkeitsgefühl und Schuldgefühl sind 
überhaupt schwer auseinanderzuhalten. Vielleicht täte man gut 
daran, im ersteren die erotische Ergänzung zum moralischen 
Minderwertigkeitsgefühl zu sehen. Wir haben dieser Frage der 



220 Schriften aus den Jahren 1^28 — 1933 



begrifflichen Abgrenzung in der Psychoanalyse wenig Aufmerk- 
samkeit geschenkt. 

Gerade weil der Minderwertigkeitskomplex so populär geworden 
ist, gestatte ich mir, Sie hier mit einer kleinen Abschweifung zu 
unterhalten. Eine historische Persönlichkeit unserer Zeit, die noch 
lebt, aber gegenwärtig in den Hintergrund gerückt ist, hat von 
einer Schädigung während der Geburt eine gewisse Verkümmerun/r 
eines Gliedes behalten. Ein sehr bekannter Schriftsteller unserer 
Tage, der am liebsten Biographien hervorragender Personen bear- 
beitet, hat auch das Leben dieses von mir bezeichneten Mannes 
behandelt. Nun mag es )a schwer sein, das Bedürfnis nach psycho- 
logischer Vertiefung zu unterdrücken, wenn man eine Biographie 
schreibt. Unser Autor hat darum den Versuch gewagt, die ganze 
Charakterentwicklung des Helden über dem Minderwertigkeits- 
gefühl, das jener körperliche Defekt wachrufen mußte, aufzubauen. 
Er hat dabei eine kleine, aber nicht unwichtige Tatsache übersehen. 
Es ist gewöhnlich, daß Mütter, denen das Schicksal ein krankes 
oder sonst benachteiligtes Kind geschenkt hat, es für diese unge- 
rechte Zurücksetzung durch ein Übermaß von Liebe zu entschädigen 
suchen. In dem zur Rede stehenden Falle benahm sich die stolze 
Mutter anders, sie entzog dem Kind ihre Liebe wegen seines 
Gebrechens. Als aus dem Kinde ein großmächtiger Mann geworden 
war, bewies dieser durch seine Handlungen unzweideutig, daß er 
der Mutter nie verziehen hatte. Wenn Sie sich auf die Bedeutung 
der Mutterhebe für das kindliche Seelenleben besinnen, werden 
Sie die Minderwertigkeitstheorie des Biographen wohl in Ihren 
Gedanken korrigieren. 

Kehren wir zum Über-Ich zurück! Wir haben ihm die Selbst- 
beobachtung, das Gewissen und die Idealfunktion zugeteilt. Aus 
unseren Ausführungen über seine Entstehung geht hervor, daß 
es eine unsäglich wichtige biologische wie eine schicksalsvolle 
psychologische Tatsache zu Voraussetzungen hat, nämlich die lange 
Abhängigkeit des Menschenkindes von seinen Eltern und den 



-\ ^Sh - 



Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse g2i 



Ödipuskomplex, die beide wieder innig miteinander verknüpft 
sind. Das Über-Ich ist für uns die Vertretung aller moralischen 
Beschränkungen, der Anwalt des Strebens nach Vervollkommnung, 
kurz das, was uns von dem sogenannt Höheren im Menschen- 
leben psychologisch greifbar geworden ist. Da es selbst auf den Ein- 
fluß der Eltern, Erzieher und dergleichen zurückgeht, erfahren wir 
noch mehr von seiner Bedeutung, wenn wir uns zu diesen seinen 
Quellen wenden. In der Regel folgen die Eltern und die ihnen 
analogen Autoritäten in der Erziehung des Kindes den Vorschriften 
des eigenen Über-Ichs. Wie immer sich ihr Ich mit ihrem Über- 
ich auseinandergesetzt haben mag, in der Erziehung des Kindes 
sind sie streng und anspruchsvoll. Sie haben die Schwierigkeiten 
ihrer eigenen Kindheit vergessen, sind zufrieden, sich nun voll 
mit den eigenen Eltern identifizieren zu können, die ihnen seiner- 
zeit die schweren Einschränkungen auferlegt haben. So wird das 
Über-Ich des Kindes eigentlich nicht nach dem Vorbild der Eltern, 
sondern des elterUchen Über-Ichs aufgebaut; es erfüllt sich mit 
dem gleichen Inhalt, es wird zum Träger der Tradition, all 
der zeitbeständigen Wertungen, die sich auf diesem Wege über 
Generationen fortgepflanzt haben. Sie erraten leicht, welch wichtige 
Hilfen für das Verständnis des sozialen Verhaltens der Menschen, 
z. B. für das der Verwahrlosung, vielleicht auch welch praktische 
Winke für die Erziehung sich aus der Berücksichtigung des Über- 
Ichs ergeben. Wahrscheinlich sündigen die sogenannt materialistischen 
Geschichtsauffassungen darin, daß sie diesen Faktor unterschätzen. 
Sie tun ihn mit der Bemerkung ab, daß die „Ideologien" der 
Menschen nichts anderes sind als Ergebnis und Überbau ihrer 
aktuellen ökonomischen Verhältnisse. Das ist die Wahrheit, aber 
sehr wahrscheinlich nicht die ganze Wahrheit. Die Menschheit 
lebt nie ganz in der Gegenwart, in den Ideologien des Über-Ichs 
lebt die Vergangenheit, die Tradition der Rasse und des Volkes 
fort, die den Einflüssen der Gegenwart, neuen Veränderungen, 
nur langsam weicht, und solange sie durch das Überleb wirkt, 



323 Schriften aus den Jahren 1^28 — 19}^ 



eine mächtige, von den ökonomischen Verhältnissen unabhängige 
Rolle im Menschenleben spielt. 

Im Jahre igsi habe ich versucht, die Differenzierung von 
Ich und Über-Ich beim Studium der Massenpsychologie zu ver- 
wenden. Ich gelangte zu einer Formel wie: Eine psychologische 
Masse ist eine Vereinigung von Einzelnen, die die nämliche Person 
in ihr Über-Ich eingeführt und sich auf Grund dieser Gemein- 
samkeit in ihrem Ich miteinander identifiziert haben. Sie gilt 
natürhch nur für Massen, die einen Führer haben. Besäßen wir 
mehr Anwendungen dieser Art, so würde die Annahme des Über- 
Ichs das letzte Stück Befremden für uns verlieren und wir würden 
von jener Befangenheit gänzHch frei werden, die uns doch noch 
befällt, wenn wir uns, an die Unterweltatmosphäre gewöhnt, in 
den oberflächlicheren, höheren Schiebten des seelischen Apparats 
bewegen. Wir glauben selbstverständlich nicht, daß wir mit der 
Sonderung des Über-Ichs das letzte Wort zur Ichpsychologie ge- 
sprochen haben. Es ist eher ein erster Anfang, aber in diesem 
Falle ist nicht nur der Anfang schwer. 

Aber nun wartet unser eine andere Aufgabe, am sozusagen 
entgegengesetzten Ende des Ichs. Sie wird von einer Beobachtung 
während der analytischen Arbeit gestellt, einer Beobachtung, die 
eigentlich sehr alt ist. Wie es schon manchmal geht, hat es 
lange gebraucht, bis man sich zu ihrer Würdigung entschloß. Wie 
Sie wissen, ist eigentlich die ganze psychoanalytische Theorie über 
der Wahrnehmung des Widerstands aufgebaut, den uns der 
Patient bei dem Versuch, ihm sein Unbewußtes bewußt zu 
machen, leistet. Das objektive Zeichen des Widerstands ist, daß 
seine Einfälle versagen oder sich weit von dem behandelten 
Thema entfernen. Er kann den Widerstand auch subjektiv daran 
erkennen, daß er peinliche Empfindungen verspürt, wenn er sich 
dem Thema annähert. Aber dies letzte Zeichen kann auch weg- 
bleiben. Dann sagen wir dem Patienten, daß wir aus seinem 
Verhalten schließen, er befinde sich jetzt im Widerstände, und 



L. 



Neue Folge der Forlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 225 



er antwortet, er wisse nichts davon, er merke nur die Kr- 
schwerung der Einfälle. Es zeigt sich, daß wir Recht hatten, 
aber dann war sein Widerstand auch unbewußt, ebenso unbewußt 
wie das Verdrängte, an dessen Hebung wir arbeiteten. Man hatte 
längst die Frage aufwerfen sollen: von welchem Teil seines Seelen- 
lebens geht ein solcher unbewußter Widerstand aus? Der Anfänger 
in der Psychoanalyse wird rasch mit der Antwort zur Hand sein: 
Es ist eben der Widerstand des Unbewußten. Eine zweideutige, 
unbrauchbare Antwort! Wenn damit gemeint ist, er gehe vom 
Verdrängten aus, so müssen wir sagen: Gewiß nicht! Dem Ver- 
drängten müssen wir eher einen starken Auftrieb zuschreiben, 
einen Drang, zum Bewußtsein durchzudringen. Der W iderstand 
kann nur eine Äußerung des Ichs sein, das seinerzeit die Ver- 
drängung durchgeführt hat und sie jetzt aufrecht halten will. So 
haben wir's auch früher immer aufgefaßt. Seitdem wir eine be- 
sondere Instanz im Ich annehmen, die die einschränkenden und 
abweisenden Forderungen vertritt, das Über-Ich, können wir sagen, 
die Verdrängung sei das Werk dieses Über-Ichs, es führe sie ent- 
weder selbst durch oder in seinem Auftrag das ihm gehorsame 
Ich. Wenn nun der Fall vorliegt, daß der Widerstand in der 
Analyse dem Patienten nicht bewußt wird, so heißt das entweder, 
daß das Über-Ich und das Ich in ganz wichtigen Situationen un- 
bewußt arbeiten können oder, was noch bedeutsamer wäre, daß 
Anteile von beiden. Ich und Über-Ich selbst, unbewußt sind. In 
beiden Fällen haben wir von der unerfreulichen Einsicht Kenntnis 
zu nehmen, daß (Über-) Ich und bewußt einerseits, Verdrängtes 
und unbewußt anderseits keineswegs zusammenfallen. 

Meine Damen und Herren! Ich empfinde das Bedürfnis, eine 
Atempause zu machen, die auch Sie als wohltuend begrüßen 
■werden, und mich, ehe ich fortsetze, bei Ihnen zu entschuldigen. 
Ich will Ihnen Nachträge zu einer Einführung in die Psycho- 
analyse geben, die ich vor fünfzehn Jahren begonnen habe, und muß 
mich benehmen, als hätten auch Sie in dieser Zwischenzeit nichts 



324 Schriften aus den Jahren ip2S — Tpß) 

anderes als Psychoanalyse getrieben. Ich weiß, das ist eine ungehörige 
Zumutung, aber ich bin hilflos, ich kann es nicht andere machen. 
Es hängt wohl daran, daß es überhaupt so schwer ist, dem, der 
nicht selbst Psychoanalytiker ist, einen Einblick in die Psycho- 
analyse zu geben. Sie können mir glauben, daß wir nicht gern 
den Anschein erwecken, als seien wir Geheimbündler und be- 
treiben eine Geheim Wissenschaft. Und doch mußten wir erkennen 
und als unsere Überzeugung verkünden, das niemand das Recht 
hat, in die Psychoanalyse dreinzureden, wenn er sich nicht be- 
stimmte Erfahrungen erworben hat, die man nur durch eine 
Analyse an seiner eigenen Person erwerben kann. Als ich Ihnen 
vor fünfzehn Jahren meine Vorlesungen gab, suchte ich Sie mit 
gewissen spekulativen Stücken unserer Theorie zu verschonen. 
aber gerade an die knüpfen die Neuerwerbungen an, von denen 
ich heute zu sprechen habe. 

Ich kehre zum Thema zurück. In dem Zweifel, ob Ich und 
Uber-Ich selbst unbewußt sein oder nur unbewußte Wirkungen 
entfalten können, haben wir uns mit guten Gründen für die 
erstere Möghchkeit entschieden. Ja, große Anteile des Ichs und 
Über-Ichs können unbewußt bleiben, sind normalerweise unbe- 
wußt. Das heißt, die Person weiß nichts von deren Inhalten und 
es bedarf eines Aufwands an Mühe, sie ihr bewußt zu machen. 
Es trifft zu, daß Ich und bewußt, Verdrängt und unbewußt 
nicht zusammenfallen. Wir empfinden das Bedürfnis, unsere Ein- 
stellung zum Problem bewußt-unbewußt gründlich zu revidieren. 
Zunächst sind wir geneigt, den Wert des Kriteriums der Be- 
wußtheit, da es sich als so unzuverlässig erwiesen hat, recht 
herabzusetzen. Aber wir täten Unrecht daran. Es ist damit wie 
mit unserem Leben 5 es ist nicht viel wert, aber es ist alles, was 
wir haben. Ohne die Leuchte der Bewußtseinsqualität wären wir 
im Dunkel der Tiefenpsychologie verloren; aber wir dürfen ver- 
suchen, uns neu zu orientieren. 

Was man bewußt heißen soll, brauchen wir nicht zu erörtern 



Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 225 

es ist jedem Zweifel entzogen. Die älteste und beste Bedeutung 
des Wortes „unbewußt" ist die deskriptive; wir nennen unbewußt 
einen psychischen Vorgang, dessen Existenz wir annehmen müssen, 
etwa weil wir ihn aus seinen Wirkungen erschließen, von dem 
wir aber nichts wissen. Wir haben dann zu ihm dieselbe Beziehung 
wie zu einem psychischen Vorgang bei einem anderen Menschen, 
nur daß er eben einer unserer eigenen ist. Wenn wir noch korrekter 
sein wollen, werden wir den Satz dahin modifizieren, daß wir einen 
Vorgang unbewußt heißen, wenn wir annehmen müssen, er sei 
derzeit aktiviert, obwohl wir derzeit nichts von ihm wissen. 
Diese Einschränkung läßt uns daran denken, daß die meisten be- 
wußten Vorgänge nur kurze Zeit bewußt sind; sehr bald werden 
sie latent, können aber leicht wiederum bewußt werden. Wir 
könnten auch sagen, sie seien unbewußt geworden, wenn es über- 
haupt sicher wäre, daß sie im Zustand der Latenz noch etwas 
Psychisches sind. Soweit hätten wir nichts Neues erfahren, auch 
nicht das Recht erworben, den Begriff eines Unbewußten in die 
Psychologie einzuführen. Dann kommt aber die neue Erfahrung 
die wir schon an den Fehlleistungen machen können. Wir sehen 
uns z. B. zur Erklärung eines Versprechens genötigt anzunehmen, 
daß sich bei dem Betreffenden eine bestimmte Redeabsicht gebildet 
hatte. Wir erraten sie mit Sicherheit aus der vorgefallenen Störung 
der Rede, aber sie hatte sich nicht durchgesetzt, sie war also 
unbewußt. Wenn wir sie nachträglich dem Redner vorführen, 
kann er sie als eine ihm vertraute anerkennen, dann war sie 
nur zeitweilig unbewußt, oder sie als ihm fremd verleugnen, dann 
war sie dauernd unbewußt. Aus dieser Erfahrung schöpfen wir 
rückgreifend das Recht, auch das als latent Bezeichnete für ein 
Unbewußtes zu erklären. Die Berücksichtigung dieser dynamischen 
Verhältnisse gestattet uns jetzt, zweierlei Unbewußtes zu unter- 
scheiden, eines, das leicht, unter häufig hergestellten Bedingungen, 
sich in Bewußtes umwandelt, ein anderes, bei dem diese Um- 
setzung schwer, nur unter erheblichem Müheaufwand, möglicher- 

Freud XH. ig 



326 Schriften aus den Jahren lp2S — Ipß) 

weise niemals erfolgt. Um der Zweideutigkeit zu entgehen, ob wir 
das eine oder das andere Unbewußte m^einen, das Wort im deskrip- 
tiven oder im dynamischen Sinn gebrauchen, wenden wir ein 
erlaubtes, einfaches Auskunftsmittel an. Wir heißen jenes Unbe- 
wiif3te, das nur latent ist und so leicht bewußt wird, das Vor- 
bewußte, behalten die Bezeichnung „unbewußt" dem anderen vor. 
Wir haben nun drei Termini: bewußt, vorbewußt, unbewußt, mit 
denen wir in der Beschreibung der seelischen Phänomene unser 
Auskommen finden. Nochmals, rein deskriptiv ist auch das Vor- 
bewußte unbewußt, aber wir bezeichnen es nicht so, außer in 
lockerer Darstellung oder wenn wir die Existenz unbewußter Vor- 
gänge überhaupt im Seelenleben zu verteidigen haben. 

Sie werden mir hoffentlich zugeben, das sei so weit nicht gar 
arg und erlaube eine bequeme Handhabung. Ja, aber leider hat 
die psychoanalytische Arbeit sich gedrängt gefunden, das Wort 
unbewußt noch in einem anderen, dritten, Sinn zu verwenden, 
und das mag allerdings Verwirrung gestiftet haben. Unter dem 
neuen und starken Eindruck, daB em weites und v\'ichtlges Gebiet 
des Seelenlebens der Kenntnis des Ichs normalerweise entzogen 
ist, so daß die Vorgänge darin als unbewußte im richtigen dyna- 
mischen Sinn anerkannt werden müssen, haben wir den Terminus 
„unbewußt" auch in einem topischen oder systematischen Sinn 
verstanden, von einem System des Vorbewußten und des Unbe- 
wußten gesprochen, von einem Konflikt des Ichs mit dem System 
Ubw, das Wort immer mehr eher eine seelische Provinz bedeuten 
lassen als eine Qualität des Seelischen. Die eigentlich unbequeme 
Entdeckung, daß auch Anteile des Ichs und Über-Ichs im dynamischen 
Sinne unbewußt sind, wirkt hier wie eine Erleichterung, gestattet 
uns, eine Komplikation wegzuräumen. Wir sehen, wir haben kein 
Recht, das ichfremde Seelengebiet das System Ubw zu nennen, 
da die Unbewußtheit nicht sein ausschließender Charakter ist. Gut, 
so wollen wir „unbewußt" nicht mehr im systematischen Sinn ge- 
brauchen und dem bisher so Bezeichneten einen besseren, nicht 



Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 227 

mehr mißverständlichen Namen geben. In Anlehnung an den 
Sprachgebrauch bei Nietzsche und infolge einer Anregung von 
G. Groddeck heißen wir es fortan das Es. Dies unpersönliche 
Fürwort scheint besonders geeignet, den Hauptcharakter dieser 
Seelenprovinz, ihre Ichfremdheit, auszudrücken. Über-Ich, Ich und 
Es sind nun die drei Reiche, Gebiete, Provinzen, in die wir den 
Seelenapparat der Person zerlegen, mit deren gegenseitigen Be- 
ziehungen wir uns im weiteren beschäftigen wollen. 

Vorher nur eine kurze Einschaltung. Ich vermute, Sie sind 
unzufrieden damit, daß die drei Qualitäten der Bewußtheit und 
die drei Provinzen des seelischen Apparats sich nicht zu drei fried- 
lichen Paaren zusammengefunden haben, und sehen darin etwas 
wie eine Trübung unserer Resultate. Ich meine aber, wir sollten 
es nicht bedauern und sollten uns sagen, daß wir kein Recht 
hatten, eine so glatte Anordnung zu erwarten. Lassen Sie mich 
eine Vergleichung bringen; Vergleiche entscheiden nichts, das ist 
wahr, aber sie können machen, daß man sich heimischer fühlt. 
Ich imaginiere ein Land mit mannigfaltiger Bodengestaltung, Hügel- 
land, Ebene und Seenketten, mit gemischter Bevölkerung — es 
wohnen darin Deutsche, Magyaren und Slowaken, die auch ver- 
schiedene Tätigkeiten betreiben. Nun konnte die Verteilung so sein 
daß im Hügelland die Deutschen wohnen, die Viehzüchter sind 
im Flachland die Magyaren, die Getreide und Wein bauen, an 
den Seen die Slowaken, die Fische fangen und Schilf flechten. 
Wenn diese Verteilung glatt und reinlich wäre, würde ein Wilson 
seine Freude an ihr haben^ es wäre auch bequem für den Vor- 
trag in der Geographiestunde. Es ist aber wahrscheinlich, daß Sie 
weniger Ordnung und mehr Vermengung finden, wenn Sie die 
Gegend bereisen. Deutsche, Magyaren und Slowaken leben überall 
durcheinander, im Hügelland gibt es auch Äcker, in der Ebene 
wird auch Vieh gehalten. Einiges ist natürlich so wie Sie es er- 
wartet haben, denn auf Bergen kann man keine Fische fangen, 
im Wasser wächst kein Wein. Ja, das Bild der Gegend, das Sie 

I5* 



aaS Schrifte n aus den Jahren 192S — J5>J j 

mitgebracht haben, mag im großen und ganzen zutreffend sein; 
im einzelnen werden Sie sich Abweichungen gefallen lassen. 

Sie erwarten nicht, daß ich Ihnen vom Es außer dem neuen 
Namen viel Neues mitzuteilen habe. Es ist der dunkle, unzugäng- 
liche Teil unserer Persönlichkeit; das wenige, was wir von ihm 
wissen, haben wir durch das Studium der Traumarbeit und der 
neurotischen Symptombildung erfahren und das meiste davon hat 
negativen Charakter, läßt sich nur als Gegensatz zum Ich beschreiben. 
Wir nähern uns dem Es mit Vergleichen, nennen es ein Chaos, 
einen Kessel voll brodelnder Erregungen. Wir stellen uns vor, es 
sei am Ende gegen das Somatische offen, nehme da die Trieb- 
bedürfnisse in sich auf, die in ihm ihren psychischen Ausdruck 
finden, wir können aber nicht sagen, in welchem Substrat. Von 
den Trieben her erfüllt es sich mit Energie, aber es hat keine 
Organisation, bringt keinen Gesamtwillen auf, nur das Bestreben, 
den Triebbedürfnissen unter Einhaltung des Lustprinzips Befrie- 
digung zu schaffen. Für die Vorgänge im Es gelten die logischen 
Denkgesetze nicht, vor allem nicht der Satz des Widei-spruchs. 
Gegensätzliche Regungen bestehen nebeneinander, ohne einander 
aufzuheben oder sich voneinander abzuziehen, höchstens daß sie 
unter dem herrschenden ökonomischen Zwang zur Abfuhr der 
Energie zu Kompromißbildungen zusammentreten. Es gibt im E« 
nichts, was man der Negation gleichstellen könnte, auch nimmt 
man mit Überraschung die Ausnahme von dem Satz der Philosophen 
wahr, daß Raum und Zeit notwendige Formen unserer seelischen 
Akte seien. Im Es findet sich nichts, was der Zeitvorstellung ent- 
spricht, keine Anerkennung eines zeitlichen Ablaufs und, was höchst 
merkwürdig ist und seiner Würdigung im philosophischen Denken 
wartet, keine Veränderung des seelischen Vorgangs durch den Zeit- 
ablauf. Wunsch regungen, die das Es nie überschritten haben, aber 
auch Eindrücke, die durch Verdrängung ins Es versenkt worden 
sind, sind virtuell unsterblich, verhalten sich nach Dezennien, als 
ob sie neu vorgefallen wären. Als Vergangenheit erkannt, entwertet 



Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 229 



und ihrer Energiebesetzung beraubt können sie erst werden, wenn 
sie durch die analytische Arbeit bewußt geworden sind, und darauf 
beruht nicht zum kleinsten Teil die therapeutische Wirkung der 
analytischen Behandlung. 

Ich habe immer wieder den Eindruck, daß wir aus dieser über 
jedem Zweifel feststehenden Tatsache der Unveränderlichkeil des 
Verdrängten durch die Zeit viel zu wenig für unsere Theorie 
gemacht haben. Da scheint sich doch ein Zugang zu den tiefsten 
Einsichten zu eröffnen. Leider bin auch ich da nicht weiter ge- 
kommen. 

Selbstverständlich kennt das Es keine Wertungen, kein Gut und 
Böse, keine Moral. Das ökonomische oder, wenn Sie wollen, quanti- 
tative Moment, mit dem Lustprinzip innig verknüpft, beherrscht alle 
Vorgänge. Triebbesetzungen, die nach Abfuhr verlangen, das, meinen 
wir, sei alles im Es. Es scheint sogar, daß sich die Energie dieser 
Triebregungen in einem andern Zustand befindet als in den andern 
seelischen Bezirken, weit leichter beweglich und abfuhrfähig ist, 
denn sonst würden nicht jene Verschiebungen und Verdichtungen 
vorfallen, die für das Es charakteristisch sind und die so vollkommen 
von der Qualität des Besetzten — im Ich würden wir es eine Vor- 
stellung nennen — absehen. Man gäbe was darum, wenn man 
von diesen Dingen mehr verstehen könnte! Sie sehen übrigens, 
daß wir in der Lage sind, vom Es noch andere Eigenschaften an- 
zugeben, als daß es unbewußt ist, und Sie erkennen die Möglich- 
keit, daß Teile vom Ich und Über-Ich unbewußt seien, ohne die 
nämlichen primitiven und irrationellen Charaktere zu besitzen. Zu 
einer Charakteristik des eigentlichen Ichs, insofern es sich vom Es 
und vom Über-Ich sondern läßt, gelangen wir am ehesten, wenn 
wir seine Beziehung zum äußersten oberflächlichen Stück des seeli- 
schen Apparats ins Auge fassen, das wir als das System W-Bw be- 
zeichnen. Dieses System ist der Außenwelt zugewendet, es ver- 
mittelt die Wahrnehmungen von ihr, in ihm entsteht während seiner 
Funktion das Phänomen des Bewußtseins. Es ist das Sinnesorgan 



25° Schriften aus den Jahren 1^28 — 19^} 



des ganzen Apparats, empfänglich übrigens nicht nur ftir Erre- 
gungen, die von außen, sondern auch für solche, die aus dem 
Inneren des Seelenlebens herankommen. Die Auffassung bedarf 
kaum einer Rechtfertigung, daß das Ich jener Teil des Es ist, der 
durch die Nähe und den Einfluß der Außenwelt modifiziert wurde 
zur Reizaufnahme und zum Reizschutz eingerichtet, vergleichbar 
der Rindenschicht, mit der sich ein Klümpchen lebender Substanz 
umgibt. Die Beziehung zur Außenwelt ist für das Ich entscheidend 
geworden, es hat die Aufgabe übernommen, sie bei dem Es zu 
vertreten, zum Heil des Es, das ohne Rücksicht auf diese über- 
gewaltige Außenraacht im blinden Streben nach Triebbefriedigung 
der Vernichtung nicht entgehen würde. In der Erfüllung dieser 
Funktion muß das Ich die Außenwelt beobachten, eine getreue 
Abbildung von ihr in den Erinnerungsspuren seiner Wahrneh- 
mungen niederlegen, durch die Tätigkeit der Realitätsprüfung fern- 
halten, was an diesem Bild der Außenwelt Zutat aus inneren Er- 
regungsquellen ist. Im Auftrag des Es beherrscht das Ich die Zu- 
gänge zur Motilität, aber es hat zwischen Bedürfnis und Hand- 
lung den Aufschub der Denkarbeit eingeschaltet, während dessen 
es die Erinnerungsreste der Erfahrung verwertet. Auf solche Weise 
hat es das Lustprinzip entthront, das uneingeschränkt den Ab- 
lauf der Vorgänge im Es beherrscht und es durch das Realitäts- 
prinzip ersetzt, das mehr Sicherheit und größeren Erfolg verspricht. 
Auch die so schwer zu beschreibende Beziehung zur Zeit wird 
dem Ich durch das Wahrnehmungssystem vermittelt^ es ist kaum 
zweifelhaft, daß die Arbeitsweise dieses Systems der Zeitvorstellung 
den Ursprung gibt. Was das Ich zum Unterschied vom Es aber 
ganz besonders auszeichnet, ist ein Zug zur Synthese seiner In- 
halte, zur Zusammenfassung und Vereinheitlichung seiner seeli- 
schen Vorgänge, der dem Es völhg abgeht. Wenn wir nächstens 
einmal von den Trieben im Seelenleben handeln, wird es uns 
hoffentlich gelingen, diesen wesentlichen Charakter des Ichs auf 
seine Quelle zurückzuführen. Er allein stellt jenen hohen Grad 



r 



Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 251 



von Organisation her, dessen das Ich bei seinen besten Leistungen 
bedarf. Es entwickelt sich von der Triebwahrnehmung zur Trieb- 
beherrschung, aber die letztere wird nur dadurch erreicht, daß 
di^i Triebrepräsentanz in einen größeren Verband eingeordnet, in 
einen Zusammenhang aufgenommen wird. Wenn wir uns popu- 
lären Redeweisen anpassen, dürfen wir sagen, daß das Ich im, 
Seelenleben Vernunft und Besonnenheit vertritt, das Es aber die 
ungezähmten Leidenschaften. 

Wir haben uns bisher durch die Aufzählung der Vorzüge und 
Fähigkeiten des Ichs imponieren lassen; es ist jetzt Zeit, auch der 
Kehrseite zu gedenken. Das Ich ist doch nur ein Stück vom Es, 
ein durch die Nähe der gefahrdrohenden Außenwelt zweckmäßig 
verändertes Stück. In dynamischer Hinsicht ist es schwach, seine 
Energien hat es dem Es entlehnt, und wir sind nicht ganz ohne 
Einsicht in die Methoden, man könnte sagen: in die Schliche, 
durch die es dem Es weitere Energiebeträge entzieht. Ein solcher 
Weg ist zum Beispiel auch die Identifizierung mit beibehaltenen 
oder aufgegebenen Objekten. Die Objektbesetzungen gehen von den 
Triebansprüchen des Es aus. Das Ich hat sie zunächst zu regi- 
strieren. Aber indem es sich mit dem Objekt identifiziert, empfiehlt 
es sich dem Es an Stelle des Objekts, will es die Libido des Es 
auf sich lenken. Wir haben schon gehört, daß das Ich im Lauf 
des Lebens eine große Anzahl von solchen Niederschlägen ehe- 
maliger Objektbesetzungen in sich aufnimmt. Im ganzen muß das 
Ich die Absichten des Es durchführen, es erfüllt seine Aufgabe, 
wenn es die Umstände ausfindig macht, unter denen diese Absichten 
am besten erreicht werden können. Man könnte das Verhältnis 
des Ichs zum Es mit dem des Reiters zu seinem Pferd vergleichen. 
Das Pferd gibt die Energie für die Lokomotion her, der Reiter 
hat das Vorrecht, das Ziel zu bestimmen, die Bewegung des starken 
Tieres zu leiten. Aber zwischen Ich und Es ereignet sich allzu 
häufig der nicht ideale Fall, daß der Reiter das Roß dahin führen 
muß, wohin es selbst gehen will. 



232 Schriften aus den Jahren l^2tS — IPS) 

Von einem Teil des Es hat sich das Ich durch Verdrängunes- 
widerstände geschieden. Aber die Verdrängung setzt sich nicht in 
das Es fort. Das Verdrängte fließt mit dem übrigen Es zusammen. 

Ein Sprichwort warnt davor, gleichzeitig zwei Herren zu dienen. 
Das arme Ich hat es noch schwerer, es dient drei gestrengen 
Herren, ist bemüht, deren Ansprüche und Forderungen in Ein- 
klang miteinander zu bringen. Diese Ansprüche gehen immer 
auseinander, scheinen oft unvereinbar zu sein; kein Wunder, wenn 
das Ich so oft an seiner Aufgabe scheitert. Die drei Zwingherren 
sind die Außenwelt, das Über-Ich und das Es. Wenn man die An- 
strengungen des Ichs verfolgt, ihnen gleichzeitig gerecht zu werden, 
besser gesagt: ihnen gleichzeitig zu gehorchen, kann man nicht 
bereuen, dieses Ich personifiziert, es als ein besonderes Wesen hin- 
gestellt zu haben. Es fühlt sich von drei Seiten her eingeengt, 
von dreierlei Gefahren bedroht, auf die es im Falle der Bedrängnis 
mit Angstentwicklung reagiert. Durch seine Herkunft aus den 
Erfahrungen des Wahrnehmungssystems ist es dazu bestimmt, die 
Anforderungen der Außenwelt zu vertreten, aber es will auch der 
getreue Diener des Es sein, im Einvernehmen mit ihm bleiben 
sich ihm als Objekt empfehlen, seine Libido auf sich ziehen. In 
seinem Vermittlungsbestreben zwischen Es und Realität ist es oft 
genötigt, die ubw Gebote des Es mit seinen vbw Rationalisierungen 
zu bekleiden, die Konflikte des Es mit der Realität zu vertuschen 
mit diplomatischer Unaufrichtigkeit eine Rücksichtnahme auf die 
Realität vorzuspiegeln, auch wenn das Es starr und unnachgiebig 
gebheben ist. Anderseits wird es auf Schritt und Tritt von dem 
gestrengen Über-Ich beobachtet, das ihm bestimmte Normen seines 
Verhaltens vorhält, ohne Rücksicht auf die Schwierigkeiten von 
Seiten des Es und der Außenwelt zu nehmen, und es im Falle 
der Nichteinhaltung mit den Spannungsgefühlen der Minderwertig- 
keit und des Schuldbewußtseins bestraft. So vom Es getrieben, vom 
Über-Ich eingeengt, von der Realität zurückgestoßen, ringt das Ich 
um die Bewältigung seiner ökonomischen Aufgabe, die Harmonie 



Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 235 

unter den Kräften und Einflüssen herzustellen, die in ihm und 
auf es wirken, und wir verstehen, warum wir so oft den Ausruf 
nicht unterdrücken können; Das Leben ist nicht leicht! Wenn 
das Ich seine Schwäche einbekennen muß, bricht es in Angst aus, 
Realangst vor der Außenwelt, Gewissensangst vor dem Über-Ich, 
neurotische Angst vor der Stärke der Leidenschaften im Es. 

Die Strukturverhältnisse der seelischen Persönlichkeit, die ich 
vor Ihnen entwickelt habe, möchte ich in einer anspruchslosen 
Zeichnung darstellen, die ich Ihnen hier vorlege. 




Sie sehen hier, das Über-Ich taucht in das Es ein^ als Erbe des 
Ödipuskomplexes hat es ja intime Zusammenhänge mit ihm: es 
liegt weiter ab vom Wahrnehmungssystem als das Ich. Das Es 
verkehrt mit der Außenwelt nur über das Ich, wenigstens in diesem 
Schema. Es ist gewiß heute schwer zu sagen, inwieweit die Zeich- 
nung richtig ist; in einem Punkt ist sie es gewiß nicht. Der Raum, 
den das unbewußte Es einnimmt, müßte unvergleichlich größer 
sein als der des Ichs oder des Vorbewußten. Ich bitte, verbessern 
Sie das in Ihren Gedanken. 

Und nun zum Abschluß dieser gewiß anstrengenden und viel- 
leicht nicht einleuchtenden Ausführungen noch eine Mahnung! 
Sie denken bei dieser Sonderung der Persönlichkeit in Ich, Über- 
Ich und Es gewiß nicht an scharfe Grenzen, wie sie künstlich in 
der politischen Geographie gezogen worden sind. Der Eigenart des 
Psychischen können wir nicht durch lineare Konturen gerecht 



334 Schriften aus den Jahren I^2S — ^93) 

werden wie in der Zeichnung oder in der primitiven Malerei 
eher durch verschwimmende Farbenfelder wie bei den modernen 
Malern. Nachdem wir gesondert haben, müssen wir das Gesonderte 
wieder zusammenfließen lassen. Urteilen Sie nicht zu hart über 
einen ersten Versuch, das so schwer erfaßbare Psychische anschaulich 
zu machen. Es ist sehr wahrscheinlich, daß die Ausbildung dieser 
Sonderungen bei verschiedenen Personen großen Variationen unter- 
liegt, möghch, daß sie bei der Funktion selbst verändert und zeit- 
weilig rückgebildet werden. Besonders für die phylogenetisch letzte 
und heikelste, die Differenzierung von Ich und Über-Ich, scheint 
dergleichen zuzutreffen. Es ist unzweifelhaft, daß das gleiche durch 
psychische Erkrankung hervorgerufen wird. Man kann sich auch 
gut vorstellen, daß es gewissen mystischen Praktiken gelingen mag, 
die normalen Beziehungen zwischen den einzelnen seelischen Be- 
zirken umzuwerfen, so daß z. B. die Wahrnehmung Verhältnisse 
im tiefen Ich und im Es erfassen kann, die ihr sonst unzugänglich 
waren. Ob man auf diesem Weg der letzten Weisheiten habhaft 
werden wird, von denen man alles Heil erwartet, darf man getrost 
bezweifeln. Immerhin wollen wir zugeben, daß die therapeutischen 
Bemühungen der Psychoanalyse sich einen ähnlichen Angriffspunkt 
gewählt haben. Ihre Absicht ist ja, das Ich zu stärken, es vom 
Über-Ich unabhängiger zu machen, sein Wahrnehmungsfeld zu er- 
weitern und seine Organisation auszubauen, so daß es sich neue 
Stücke des Es aneignen kann. Wo Es war, soll Ich werden. 

Es ist Kulturarbeit etwa wie die Trockenlegung der Zuydersee, 



■ 1 



XXXn. VORLESUNG 

ANGST UND TRIEBLEBEN 

Meine Damen und Herren! Sie werden nicht überrascht sein 
zu hören, daß ich Ihnen manche Neuheiten von unserer Auffassung 
der Angst und der Grundtriebe des Seelenlebens zu berichten 
habe, auch nicht, daß keine derselben als endgültige Lösung der 
schwebenden Probleme gelten will. In bestimmter Absicht spreche 
ich hier von Auffassungen. Es sind die schwierigsten Aufgaben, 
die uns gestellt werden, aber die Schwierigkeit liegt nicht etwa 
an der Unzulänglichkeit der Beobachtungen, es sind gerade die 
häufigsten und vertrautesten Phänomene, die uns jene Rätsel auf- 
geben^ auch nicht an der Entlegenheit der Spekulationen, zu 
denen sie anregen; spekulative Verarbeitung kommt auf diesem 
Gebiet wenig in Betracht. Sondern es handelt sich wirklich um 
Auffassungen, d. h. darum, die richtigen abstrakten Vorstellungen 
einzuführen, deren Anwendung auf den Rohstoff der Beobachtung 
Ordnung und Durchsichtigkeit in ihm entstehen läßt. 

Der Angst habe ich bereits eine Vorlesung der früheren Reihe, 
die fünfundzwanzigste, gewidmet. Ich muß deren Inhalt in Ver- 
kürzung wiederholen. Wir haben gesagt, Angst sei ein Affekt- 
zustand, also eine Vereinigung von bestimmten Empfindungen 
der Lust-Unlust-Reihe mit den ihnen entsprechenden Abfuhrinner- 
vationen und deren Wahrnehmung, wahrscheinlich aber der Nieder- 
schlag eines gewissen bedeutungsvollen Ereignisses, durch Ver- 



236 Schriften aus den Jahren I$28 — I^}) 

erbung einverleibt, also vergleichbar dem individuell erworbenen 
hysterischen Anfall. Als jenes Ereignis, das eine solche Affekt- 
spur hinterlassen, haben wir den Vorgang der Geburt in Anspruch 
genommen, bei dem die der Angst eigenen Beeinflussungen von 
Herztätigkeit und Atmung zweckmäßig waren. Die allererste Angst 
wäre also eine toxische gewesen. Wir sind dann von der Unter- 
scheidung zwischen Realangst und neurotischer Angst ausgegangen, 
die erstere eine uns begreiflich scheinende Reaktion auf die Ge- 
fahr, d. h. auf erwartete Schädigung von außen, die andere durch- 
aus rätselhaft, wie zwecklos. In einer Analyse der Realangst haben 
wir sie auf einen Zustand gesteigerter sensorischer Aufmerksamkeit 
und motorischer Spannung reduziert, den wir Angstbereit- 
schaft heißen. Aus dieser entwickle sich die Angstreaktion. In 
der seien zwei Ausgänge möglich. Entweder die Angstentwick- 
lung, die Wiederholung des alten traumatischen Erlebnisses, be- 
schränkt sich auf ein Signal, dann kann die übrige Reaktion sich 
der neuen Gefahrlage anpassen, in Flucht oder Verteidigung 
ausgehen, oder das Alte behält die Oberhand, die gesamte Reaktion 
erschöpft sich in der Angstentwicklung und dann wird der Affekt- 
zustand lähmend und für die Gegenwart unzweckmäßig. 

Wir haben uns dann zur neurotischen Angst gewendet und 
gesagt, daß wir sie unter dreierlei Verhältnissen beobachten. Erstens 
als frei flottierende, allgemeine Ängstlichkeit, bereit, sich vorüber- 
gehend mit jeder neu auftauchenden Möglichkeit zu verknüpfen, 
als sogenannte Erwartungsangst, wie z. B. bei der typischen An^t- 
neurose. Zweitens fest gebunden an bestimmte Vorstellungsinhalte in 
den sogenannten Phobien, bei denen wir eine Beziehung zur äußeren 
Gefahr zwar noch erkennen mögen, aber die Angst vor ihr für 
maßlos übertrieben halten müssen. Endlich drittens die Angst bei 
der Hysterie und anderen Formen schwerer Neurosen, die ent- 
weder Symptome begleitet oder unabhängig auftritt als Anfall 
oder länger anhaltender Zustand, immer aber ohne ersichtliche 
Begründung durch eine äußere Gefahr. Wir haben uns dann die 



Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 257 



zwei Fragen vorgelegt: Wovor fürchtet man sich bei neurotischer 
Angst? und: Wie kann man diese mit der Realangst vor äußeren 
Gefahren zusammenbringen ? 

Unsere Untersuchungen sind keineswegs erfolglos geblieben, wir 
haben einige wichtige Aufschlüsse gewonnen. In Bezug auf die ängst- 
liche Erwartung hat uns die khnische Erfahrung einen regelmäßigen 
Zusammenhang mit dem Libidohaushalt im Sexualleben kennen ge- 
lehrt. Die gewöhnlichste Ursache der Angstneurose ist die frustrane 
Erregung. Es wird eine libidinöse Erregung hervorgerufen, aber 
nicht befriedigt, nicht verwendet; an Stelle dieser von ihrer 
Verwendung abgelenkten Libido tritt dann die Ängstlichkeit auf. 
Ich glaubte mich sogar berechtigt zu sagen, diese unbefriedigte 
Libido verwandle sich direkt in Angst. Diese Auffassung fand 
eine Unterstützung in gewissen ganz regelmäßigen Phobien der 
kleinen Kinder. Viele dieser Phobien sind uns durchaus rätselhaft, 
andere aber, wie die Angst im Alleinsein und die vor fremden 
Personen, lassen eine sichere Erklärung zu. Die Einsamkeit sowie 
das fremde Gesicht erwecken die Sehnsucht nach der vertrauten 
Mutter; das Kind kann diese hbidinöse Erregung nicht beherrschen, 
nicht in Schwebe erhalten, sondern verwandelt sie in Angst. Diese 
Kinderangst ist also nicht der Realangst, sondern der neurotischen 
zuzurechnen. Die Kinderphobien und die Angsterwartung der 
Angstneurose geben uns zwei Beispiele für die eine Art, wie neu- 
rotische Angst entsteht: Durch direkte Umwandlung der Libido. 
Einen zweiten Mechanismus werden wir sofort kennenlernen; 
es wird sich zeigen, daß er vom ersten nicht sehr verschieden ist. 

Für die Angst bei der Hysterie und anderen Neurosen machen 
wir nämlich den Vorgang der Verdrängung verantwortlich. Wir 
meinen, wir können diesen vollständiger als vorhin beschreiben, 
wenn wir das Schicksal der zu verdrängenden Vorstellung von 
dem des ihr anhaftenden Libidobetrags gesondert halten. Es ist 
die Vorstellung, die die Verdrängung erfährt, eventuell zum Un- 
kenntlichen entstellt wird; ihr Affektbetrag aber wird regelmäßig 



2g8 Schriften aus den Jahren 1^28 — 19)} 



in Angst verwandelt und zwar gleichgültig, von welcher Art er 
sein mag, ob Aggression oder Liebe. Nun macht es keinen wesent- 
hohen Unterschied, aus welchem Grund ein Libidobetrag unver- 
wendbar geworden ist, ob aus infantiler Schwäche des Ichs wie 
bei den Kinderphobien, infolge somatischer Vorgänge im Sexual- 
leben wie bei der Angstneurose, oder durch Verdrängung wie bei 
der Hysterie. Die beiden Mechanismen der Entstehung neurotischer 
Angst fallen also eigentlich zusammen. 

Während dieser Untersuchungen sind wir auf eine höchst be- 
deutsame Beziehung zwischen Angstentwicklung und Symptom- 
bildung aufmerksam geworden, nämlich, daß die beiden einander 
vertreten und ablösen. Der Agoraphobe z. B. beginnt seine Leidens- 
geschichte mit einem Angstanfall auf der Straße. Dieser würde 
sich jedesmal wiederholen, wenn er wieder auf die Straße ginge. 
Er schafft nun das Symptom der Straßenangst, das man auch eine 
Hemmung, Funktionseinschränkung des Ichs heißen kann, und 
erspart sich dadurch den Angstanfall. Das Umgekehrte sieht man, 
wenn man sich, wie es z. B. bei Zwangshandlungen möglich ist- 
in die Symptombildung einmengt. Hindert man den Kranken 
sein Waschzeremoniell auszuführen, so gerät er in einen schwer 
erträglichen Angstzustand, gegen den ihn offenbar sein Symptom 
geschützt hatte. Und zwar scheint es, daß die Angstentwicklung 
das Frühere, die Symptombildung das Spätere ist, als ob die 
Symptome geschaffen würden, um den Ausbruch des Angstzu- 
standes zu vermeiden. Und dazu stimmt es auch, daß die ersten 
Neurosen des Kindesalters Phobien sind, Zustände, an denen man 
so deutlich erkennt, wie eine anfängliche Angstentwicklung durch 
die spätere Symptombildung abgelöst wird: man empfängt den 
Eindruck, daß man von diesen Beziehungen her den besten Zu- 
gang zum Verständnis der neurotischen Angst finden wird. Gleich- 
zeitig ist es uns auch gelungen, die Frage zu beantworten, wovor 
man sich bei neurotischer Angst fürchtet, und so die Verbindung 
zwischen neurotischer und Realangst herzustellen. Das, wovor man 



Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 239 

sich fürchtet, ist offenbar die eigene Libido. Der Unterschied von 
der Situation der Realangst liegt in zwei Punkten, daß die Gefahr 
eine innerliche ist anstatt einer äußeren und daß sie nicht be- 
wußt erkannt wird. 

Bei den Phobien kann man sehr deutlich erkennen, wie diese 
innerliche Gefahr in eine äußerliche umgesetzt, also neurotische 
Angst in scheinbare Realangst verwandelt wird. Nehmen wir, 
um einen oft sehr komplizierten Sachverhalt zu vereinfachen, an, 
daß der Agoraphobe sich regelmäßig vor den Regungen der Ver- 
suchung fürchte, die in ihm durch die Begegnungen auf der 
Straße geweckt werden. In seiner Phobie nimmt er eine Ver- 
schiebung vor und ängstigt sich nun vor einer äußeren Situation. 
Sein Gewinn dabei ist offenbar, daß er meint, sich so besser 
schützen zu können. Vor einer äußeren Gefahr kann man sich 
durch die Flucht retien, der Fluchtversuch vor einer inneren 
Gefahr ist ein schwieriges Unternehmen. 

An:i Schlüsse meiner damaligen Vorlesung über die Angst habe 
ich selbst dem Urteil Ausdruck gegeben, daß diese verschiedenen 
Ergebnisse unserer Untersuchung nicht etwa einander widersprechen, 
aber doch irgendwie nicht zusammenstimmen. Die Angst ist als 
Affektzustand die Reproduktion eines alten gefahrdrohenden Ereig- 
nisses, die Angst steht im Dienst der Selbsterhaltung und ist ein 
Signal einer neuen Gefahr, sie entsteht aus irgendwie unverwend- 
bar gewordener Libido, auch bei dem Prozeß der Verdrängung, 
sie wird durch die Symptombildung abgelöst, gleichsam psychisch 
gebunden — man verspürt, daß hier etwas fehlt, was aus Stücken 
eine Einheit macht. 

Meine Damen und Herren! Jene Zerlegung der seelischen 
Persönlichkeit in ein Über-Ich, Ich und Es, die ich Ihnen in der 
letzten Vorlesung vorgetragen, hat uns auch eine neue Orientierung 
im Angstproblem aufgenötigt. Mit dem Satz, das Ich ist die alleinige 
Angststätte, nur das Ich kann Angst produzieren und verspüren, 
haben wir eine neue, feste Position bezogen, von der aus manche 



2i^,o Schriften aus den Jahren I^sS — I9S3 

Verhältnisse ein anderes Ansehen zeigen. Und wirklich, wir wüßten 
nicht, was für Sinn es hätte, von einer „Angst des Es" zu sprechen, 
oder dem Über-Ich die Fähigkeit zur Ängstlichkeit zuzuschreiben. 
Hingegen haben wir es als eine erwünschte Entsprechung begrüßt, 
daß die drei Hauptarten der Angst, die Realangst, die neurotische 
und die Gewissensangst sich so zwanglos auf die drei Abhängig- 
keiten des Ichs, von der Außenwelt, vom Es und vom Über-Ich 
beziehen lassen. Mit dieser neuen Auffassung ist auch die Funktion 
der Angst als Signal zur Anzeige einer Gefahrsituation, die uns ja 
vorher nicht fremd war, in den Vordergrund getreten, die Frage 
aus welchem Stoff die Angst gemacht wird, hat an Interesse ver- 
loren und die Beziehungen zwischen Realangst und neurotischer 
Angst haben sich in überraschender Weise geklärt und vereinfacht. 
Es ist übrigens bemerkenswert, daß wir jetzt die anscheinend 
komplizierten Fälle von Entstehung der Angst besser verstehen 
als die für einfach gehaltenen. 

Wir haben nämlich neuerlich untersucht, wie die Angst bei 
gewissen Phobien entsteht, die wir der Angsthysterie zurechnen, 
und Fälle gewählt, bei denen es sich um die typische Verdrängung 
der Wunschregungen aus dem Ödipuskomplex handelte. Unserer 
Erwartung nach hätten wir finden sollen, daß es die libidinöse 
Besetzung des Mutterobjekts ist, die sich infolge der Verdrängung 
in Angst verwandelt und nun im symptomatischen Ausdruck als 
an den Vaterersatz geknüpft auftritt. Ich kann Ihnen die einzelnen 
Schritte einer solchen Untersuchung nicht vorführen, genug, das 
überraschende Resultat war das Gegenteil unserer Erwartung. 
Nicht die Verdrängung schafft die Angst, sondern die Angst ist 
früher da, die Angst macht die Verdrängung! Aber was für Angst 
kann es sein? Nur die Angst vor einer drohenden äußeren Gefahr, 
also eine Realangst. Es ist richtig, der Knabe bekommt Angst vor 
einem Anspruch seiner Libido, in diesem Fall vor der Liebe zu 
seiner Mutter, es ist also wirklich ein Fall von neurotischer Angst. 
Aber diese Verliebtheit erscheint ihm nur darum als eine innere 



Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 241 

Gefahr, der er sich durch den Verzicht auf dieses Objekt entziehen 
muß, weil sie eine äußere Gefahrsituation heraufbeschwört. Und 
in allen Fällen, die wir untersuchen, erhalten wir dasselbe Resultat. 
Bekennen wir es nur, wir waren nicht darauf gefaßt, daß sich 
die innere Triebgefahr als eine Bedingung und Vorbereitung einer 
äußeren, realen Gefahrsituation herausstellen würde. 

Wir haben aber noch gar nicht gesagt, was die reale Gefahr 
ist, die das Rind als Folge seiner Mutterverliebtheit fürchtet. Es 
ist die Strafe der Kastration, der Verlust seines Gliedes. Natürlich 
werden Sie einwerfen, das sei doch keine reale Gefahr. Unsere 
Knaben werden doch nicht kastriert, weil sie in der Phase des 
Ödipuskomplexes in die Mutter verliebt sind. Aber das ist nicht 
so einfach abzutun. Vor allem kommt es nicht darauf an, ob die 
Kastration wirklich geübt wird; entscheidend ist, daß die Gefahr 
eine von außen drohende ist, und daß das Kind an sie glaubt. 
Dazu hat es einigen Anlaß, denn man droht ihm oft genug mit 
dem Abschneiden des Gliedes während seiner phallischen Phase, 
in der Zeit seiner frühen Onanie, und Andeutungen dieser Strafe 
dürften regelmäßig eine phylogenetische Verstärkung bei ihm 
finden. Wir vermuten, in den Urzeiten der menschlichen Famihe 
wurde die Kastration vom eifersüchtigen und grausamen Vater 
wirklich an den heranwachsenden Knaben vollzogen, und die 
Beschneidung, die bei den Primitiven so häufig ein Bestandteil 
des Mannbarkeitsrituals ist, sei ein gut kenntlicher Rest von ihr. 
Wir wissen, wie weit wir uns damit von der allgemeinen Ansicht 
entfernen, aber wir müssen daran festhalten, daß die Kastrations- 
angst einer der häufigsten und stärksten Motoren der Verdrängung 
und damit der Neurosenbildung ist. Analysen von Fällen, in denen 
zwar nicht die Kastration, aber wohl die Beschneidung bei Knaben 
als Therapie oder als Strafe für die Onanie vollzogen wurde, was 
in der anglo-amerikanischen Gesellschaft gar nicht so selten geschah, 
haben unserer Überzeugung die letzte Sicherheit gegeben. Es ist 
eine große Verlockung, an dieser Stelle näher auf den Kastrations- 
Freud xir. 16 



243 Schriften aus den Jahren 1^28 — 1$3) 

komplex einzugehen, aber wir wollen bei unserem Thema bleiben. 
Die Kastrationsangst ist natürlich nicht das einzige Motiv der 
Verdrängung, sie hat ^a bereits bei den Frauen keine Statte, die 
zwar einen Kastrationskomplex haben, aber keine Kastrationsangst 
haben können. An ihre Stelle tritt beim anderen Geschlecht die 
Angst vor dem Liebesverlust, ersichtlich eine Fortbildung der 
Angst des Säuglings, wenn er die Mutter vermißt. Sie verstehen 
welche reale Gefahrsituation durch diese Angst angezeigt wird. 
Wenn die Mutter abwesend ist oder dem Kind ihre Liebe ent- 
zogen hat, ist es ja der Befriedigung seiner Bedürfnisse nicht 
mehr sicher, möglicherweise den peinlichsten Spannungsgefühlen 
ausgesetzt. Weisen Sie die Idee nicht ab, daß diese Angstbedingungea 
im Grunde die Situation der ursprünglichen Geburtsangst wieder- 
holen, die ja auch eine Trennung von der Mutter bedeutete. Ja 
wenn Sie einem Gedankengang von Ferenczi folgen, können 
Sie auch die Kastrationsangst dieser Reihe anschließen, denn der 
Verlust des männlichen Gliedes hat ja die Unmöglichkeit einer 
Wiedervereinigung mit der Mutter oder dem Ersatz für sie im 
Sexualakt zur Folge. Ich erwähne Ihnen nebenbei, die so häufige 
Phantasie der Rückkehr in den Mutterleib ist der Ersatz dieses 
Koituswunsches, Es gäbe hier noch soviel interessante Dinge und 
überraschende Zusammenhänge zu berichten, aber ich kann nicht 
über den Rahmen einer Einführung in die Psychoanalyse hinaus- 
gehen, will Sie nur noch aufmerksam machen, wie hier psycho- 
logische Ermittlungen bis zu biologischen Tatsachen vorstoßen. 

Otto Rank, dem die Psychoanalyse viele schöne Beitrage ver- 
dankt, hat auch das Verdienst, die Bedeutung des Geburtsakts und 
der Trennung von der Mutter nachdrücklich betont zu haben. 
Allerdings fanden wir es alle unmöglich, die extremen Folgerun- 
gen anzunehmen, die er aus diesem Moment für die Theorie der 
Neurosen und sogar für die analytische Therapie gezogen hat. 
Den Kern seiner Lehre, daß das Angsterlebnis der Geburt das 
Vorbild aller späteren Gefahrsituationen ist, hatte er bereits vor- 



Neu£ Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 243 

gefunden. Wenn wir bei diesen verweilen, werden wir sagen 
können, daß eigentlich jedem Entwicklungsalter eine bestimmte 
Angstbedingung, also Gefahrsituation, als ihm adäquat zugeteilt 
ist. Die Gefahr der psychischen Hilflosigkeit paßt zum Stadium 
der frühen Unreife des Ichs, die Gefahr des Objekt- (Liebes-) 
verlusts zur Unselbständigkeit der ersten Kinderjahre, die Kastrations- 
gefahr zur phallischen Phase, endlich die Angst vor dem Über-Ich, 
die eine besondere Stellung einnimmt, zur Latenzzeit. Mit dem Lauf 
der Entwicklung sollen die alten Angstbedingungen fallen gelassen 
werden, da die ihnen entsprechenden Gefahrsituationen durch die 
Erstarkung des Ichs entwertet werden. Aber das ist nur in sehr 
unvollkommener Weise der Fall. Viele Menschen können die 
Angst vor dem Liebesverlust nicht überwinden, sie werden nie 
unabhängig genug von der Liebe anderer und setzen in diesem 
Punkt ihr infantiles Verhalten fort. Die Angst vor dem ÜberJch 
soll normalerweise kein Ende finden, da sie als Gewissensangst 
in den sozialen Beziehungen unentbehrlich ist, und der Einzelne 
nur in den seltensten Fällen von der menschlichen Gemeinschaft 
unabhängig werden kann. Einige der alten Gefahrsituationen ver- 
stehen es auch, sich in späte Zeiten hinüberzuretten, indem sie 
ihre Angstbedingungen zeitgemäß modifizieren. So erhält sich z. B. 
die Kastrationsgefahr unter der Maske der Syphilophobie. Man 
weiß zwar als Erwachsener, daß die Kastration nicht mehr als 
Strafe für das Gewährenlassen sexueller Gelüste üblich ist, aber 
man hat dafür erfahren, daß solche Triebfreiheit mit schweren 
Erkrankungen bedroht ist. Es ist kein Zweifel, daß die Personen, 
die wir Neurotiker heißen, in ihrem Verhalten zur Gefahr infantil 
bleiben und verjährte Angstbedingungen nicht überwunden haben. 
Nehmen wir dies als tatsächUchen Beitrag zur Charakteristik der 
Neurotiker an; warum es so ist, kann man nicht so schnell sagen. 
Ich hoffe, Sie haben nicht die Übersicht verloren und wissen 
noch, daß wir dabei sind, die Beziehungen zwischen Angst und 
Verdrängung zu untersuchen. Wir haben dabei zwei Dinge neu 



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344 ' ■ Schriften aus den Jahren 192S — 193J 

erfahren, erstens, daß die Angst die Verdrängung macht, nicht, 
wie wir meinten, umgekehrt, und daß eine gefürchtete Trieb- 
situation im Grunde auf eine äußere Gefahrsituation zurückgeht. 
Die nächste Frage wird lauten: Wie stellen wir uns jetzt den Vor- 
gang einer Verdrängung unter dem Einfluß der Angst vor? Ich 
denke so: Das Ich merkt, daß die Befriedigung eines auftauchenden 
Triebanspruchs eine der wohl erinnerten Gefahrsituationen herauf- 
beschwören würde. Diese Triebbesetzung muß also irgendwie unter- 
drückt, aufgehoben, ohnmächtig gemacht werden. Wir wissen, diese 
Aufgabe geUngt dem Ich, wenn es stark ist und die betreffende 
Triebregung in seine Organisation einbezogen hat. Der Fall der 
Verdrängung ist aber der, daß die Triebregung noch dem Es an- 
gehört und das Ich sich schwach fühlt. Dann hilft sich das Ich 
durch eine Technik, die im Grunde mit der des normalen Denkens 
identisch ist. Das Denken ist ein probeweises Handeln mit kleinen 
Energiemengen, ähnlich wie die Verschiebungen kleiner Figuren 
auf der Landkarte, ehe der Feldherr seine Truppenmassen in Be- 
wegung setzt. Das Ich antizipiert also die Befriedigung der bedenk- 
lichen Triebregung und erlaubt ihr, die Unlustempfindungen zu 
Beginn der gefürchteten Gefahrsituation zu reproduzieren. Damit 
ist der Automatismus des Lust- Unlust-Prinzips ins Spiel gebracht, 
der nun die Verdrängung der gefährlichen Triebregung durchführt. 
Halt! werden Sie mir zurufen; da können wir nicht weiter 
mitgehen! Sie haben Recht, ich muß noch einiges dazu tun, bevor 
es Ihnen annehmbar erscheinen kann. Zunächst das Zugeständnis, 
daß ich versucht habe, in die Sprache unseres normalen Denkens 
zu übersetzen, was in Wirklichkeit ein gewiß nicht bewußter oder 
vorbewußter Vorgang zwischen Energiebeträgen an einem unvor- 
stellbaren Substrat sein muß. Aber das ist kein starker Einwand j 
man kann es ja nicht anders machen. Wichtiger ist, daß wir klar 
unterscheiden, was bei der Verdrängung im Ich und was im Es 
vorgeht. Was das Ich tut, haben wir eben gesagt. Es wendet eine 
Probebesetzung an und weckt den Lust-Unlust- Automatismus durch 



Neue Fol^e der F^orlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 245 

das Angstsignal. Dann sind mehrere Reaktionen möglich oder eine 
Vermengung von ihnen in wechselnden Beträgen. Entweder der 
Angstanfall wird voll entwickelt und das Ich zieht sich gänzlich 
von der anstößigen Erregung zurück; oder es setzt ihr an Stelle 
der Probebesetzung eine Gegen besetzung entgegen und diese tritt 
mit der Energie der verdrängten Regung zur Symptombildung 
zusammen oder wird als Reaktionsbildung, als Verstärkung be- 
stimmter Dispositionen, als bleibende Veränderung ins Ich aufge- 
nommen. Je mehr die Angstentwicklung auf ein bloßes Signal 
beschränkt werden kann, desto mehr verwendet das Ich auf die 
Abwehraktionen, die einer psychischen Bindung des Verdrängten 
gleich kommen, desto eher nähert sich auch der Vorgang einer 
normalen Verarbeitung an, gewiß ohne sie zu erreichen. Nebenbei, 
wir wollen hier einen Augenblick verweilen. Sie haben gewiß 
schon selbst angenommen, daß jenes schwer Definierbare, das man 
Charakter heißt, durchaus dem Ich zuzuteilen ist. Einiges, was 
diesen Charakter schafft, haben wir schon erhascht. Vor allem die 
Einverleibung der früheren Elterninstanz als Über-Ich, wohl das 
wichtigste, entscheidende Stück, sodann die Identifizierungen mit 
beiden Eltern der späteren Zeit und anderen einflußreichen Personen 
und die gleichen Identifizierungen als Niederschläge aufgelassener 
Objektbeziehungen. Fügen wir jetzt als nie fehlende Beiträge zur 
Charakterbildung die Reaktionsbildungen hinzu, die das Ich zuerst 
in seinen Verdrängungen, später, bei den Zurückweisungen uner- 
wünschter Triebregungen, durch normalere Mittel erwirbt. 

Nun kehren wir zurück und wenden uns zum Es. Was bei 
der Verdrängung an der bekämpften Triebregung vorgeht, ist nicht 
mehr so leicht zu erraten. Unser Interesse fragt ja hauptsächlich, 
was geschieht mit der Energie, der libidlnösen Ladung dieser Er- 
regung, wie wird sie verwendet? Sie erinnern sich, die frühere 
Annahme war, gerade sie werde durch die Verdrängung in Angst 
verwandelt. Das getrauen wir uns nicht mehr zu sagen j die be- 
scheidene Antwort wird vielmehr lauten: wahrscheinlich ist ihr 






246 Schriften aus den Jahren lp2S — ip?ß 

Schicksal nicht jedesmal das gleiche. Wahrscheinlich besteht eine 
intime Entsprechung zwischen dem jemaligen Vorgang im Ich 
und dem im Es an der verdrängten Regung, die uns bekannt 
werden sollte. Seitdem wir nämlich das Lust-Unlust-Priuzip, das 
durch das Angstsignal geweckt wird, in die Verdrängung haben 
eingreifen lassen, dürfen wir unsere Erwartungen abändern. Dies 
Prinzip regiert die Vorgänge im Es ganz unumschränkt. Wir können 
ihm zutrauen, daß es recht tief greifende Veränderungen an der 
betreffenden Triebregung zustande bringt. Wir sind darauf gefaßt, 
daß es sehr verschiedene Erfolge der Verdrängung geben wird, 
mehr oder weniger weilgehende. In manchen Fällen mag die ver- 
drängte Triebregung ihre Libidobesetzung behalten, im Es unver- 
ändert fortbestehen, wenn auch unter dem ständigen Druck des 
Ichs. Andere Male scheint es vorzukommen, daß sie eine voll- 
ständige Zerstörung erfährt, bei der ihre Libido endgültig in andere 
Bahnen übergeleitet wird. Ich meinte, es geschehe so bei der nor- 
malen Erledigung des Ödipuskomplexes, der also in diesem wünschens- 
werten Falle nicht einfach verdrängt, sondern im Es zerstört wird. 
Die klinische Erfahrung hat uns ferner gezeigt, daß in vielen 
Fällen anstatt des gewohnten Verdrängungserfolgs eine Libidoer- 
niedrigung statt hat, eine Regression der Libidoorganisation zu 
einer früheren Stufe. Das kann natürlich nur im Es vor sich gehen, 
und wenn es geschieht, dann unter dem Einfluß desselben Konflikts, 
der durch das Angstsigna] eingeleitet wird. Das auffalhgste Beispiel 
dieser Art gibt die Zwangsneurose, bei der Libidoregression und 
Verdrängung zusammenwirken. 

Meine Damen und Herren! Ich besorge, diese Ausführungen 
werden Ihnen schwer faßbar erscheinen, und Sie werden erraten, 
daß sie nicht erschöpfend dargestellt sind. Ich bedauere, Ihr Miß- 
vergnügen erregen zu müssen. Ich kann mir aber kein anderes 
Ziel setzen, als daß Sie einen Eindruck empfangen von der Art 
unserer Ergebnisse und den Schwierigkeiten ihrer Erarbeitung, Je 
tiefer wir in das Studium der seelischen Vorgänge eindringen, 



Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 24.7 

desto mehr erkennen wir deren Reichhaltigkeit und Verwicklung. 
Manche einfache Formel, die uns anfangs zu entsprechen schien, 
hat sich später als unzureichend herausgestellt. Wir werden nicht 
müde, sie abzuändern und zu verbessern. In der Vorlesung über 
Traumtheorie habe ich Sie in ein Gebiet geführt, auf dem sich 
in fünfzehn Jahren kaum ein neuer Fund ergeben hatte; hier, 
wo wir von der Angst handeln, sehen Sie alles in Fluß und 
Wandlung begriffen. Diese neuen Dinge sind auch noch nicht 
gründlich durchgearbeitet worden, vielleicht macht ihre Darstellung 
auch darum Schwierigkeiten. Halten Sie aus, wir werden das Thema 
der Angst bald verlassen können; ich behaupte nicht, daß es dann 
zu unserer Befriedigung erledigt sein wird. Hoffentlich sind wir 
doch um ein Stückchen weiter gekommen. Und unterwegs haben 
wir allerlei neue Einsichten erworben. So werden wir auch jetzt 
durch das Studium der Angst veranlaßt, unserer Schilderung des 
Ichs einen neuen Zug hinzuzufügen. Wir haben gesagt, das Ich 
sei schwach gegen das Es, sei sein getreuer Diener, bemüht, dessen 
Befehle durchzuführen, dessen Forderungen zu erfüllen. Wir denken 
nicht daran, diesen Satz zurückzunehmen. Aber anderseits ist dies 
Ich doch der besser organisierte, gegen die Realität orientierte Teil 
des Es. Wir dürfen die Sonderung beider nicht zu sehr über- 
treiben, auch nicht überrascht sein, wenn dem Ich seinerseits ein 
Einfluß auf die Vorgänge im Es zustünde. Ich meine, diesen Ein- 
fluß übt das Ich aus, indem es mittels des Angstsignals das fast 
allmächtige Lust-Unlust-Prinzip in Tätigkeit bringt. Allerdings un- 
mittelbar darauf zeigt es wieder seine Schwäche, denn durch den 
Akt der Verdrängung verzichtet es auf ein Stück seiner Organisation, 
muß zulassen, daß die verdrängte Triebregung dauernd seinem 
Einfluß entzogen bleibt. 

Und jetzt nur noch eine Bemerkung zum Angstproblem! Die 
neurotische Angst hat sich uns unter unseren Händen in Real- 
angst verwandelt, in Angst vor bestimmten äußeren Gefahr- 
situationen. Aber dabei kann es nicht bleiben, wir müssen einen 



248 Schriften aus den Jahren 1^28 — I^J} 

weiteren Schritt machen, der aber ein Schritt zurück sein wird. 
Wir fragen uns, was ist denn eigentlich das Gefährliche, das Ge- 
fürchtete an einer solchen Gefahrsituation? Offenbar nicht die 
objektiv zu beurteilende Schädigung der Person, die psychologisch 
gar nichts zu bedeuten brauchte, sondern was von ihr im Seelen- 
leben angerichtet wird. Die Geburt z. B., unser Vorbild für den 
Angstzustand, kann doch kaum an sich als eine Schädigung be- 
trachtet werden, wenngleich die Gefahr von Schädigungen dabei 
sein mag. Das Wesentliche an der Geburt wie an jeder Gefahr- 
situation ist, daß sie im seelischen Erleben einen Zustand von 
hochgespannter Erregung hervorruft, der als Unlust verspürt wird 
und dessen man durch Entladung nicht Herr werden kann. Heißen 
wir einen solchen Zustand, an dem die Bemühungen des Lust- 
prinzips scheitern, einen traumatischen Moment, so sind wir 
über die Reihe neurotische Angst-Realangst-Gefahrsituation zu dem 
einfachen Satz gelangt: das Gefürchtete, der Gegenstand der Angst, 
ist jedesmal das Auftreten eines traumatischen Moments, der nicht 
nach der Norm des Lustprinzips erledigt werden kann. Wir ver- 
stehen sofort, durch die Begabung mit dem Lustprinzip sind wir 
nicht gegen objektive Schädigungen gesichert worden, sondern nur 
gegen eine bestimmte Schädigung unserer psychischen Ökonomie. 
Vom Lustprinzip zum Selbsterhaltungstrieb ist noch ein weiter 
Weg, es fehlt viel daran, daß beider Absichten sich vom Anfang 
an decken. Wir sehen aber auch noch etwas anderes^ vielleicht ist 
dies die Lösung, die wir suchen. Nämhch, daß es sich hier überall 
um die Frage der relativen Quantitäten handelt. Nur die Größe 
der Erregungssumme macht einen Eindruck zum traumatischen 
Moment, lähmt die Leistung des Lustprinzips, gibt der Gefalir- 
situation ihre Bedeutung. Und wenn es sich so verhält, wenn sich 
diese Rätsel durch eine so nüchterne Auskunft beheben, warum 
sollte es nicht möglich sein, daß derartige traumatische Momente 
sich im Seelenleben ohne Beziehung auf die angenommenen Ge- 
fahrsiluationen ereignen, bei denen also die Angst nicht als Signal 



Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 249 

geweckt wird, sondern neu mit frischer Begründung entsteht? Die 
klinische Erfahrung sagt mit Bestimmtheit aus, daß es wirklich 
so ist. Nur die späteren Verdrängungen zeigen den Mechanismus, 
den wir beschrieben haben, bei dem die Angst als Signal einer 
früheren Gefahrsituation wachgerufen wird; die ersten und ur- 
sprünglichen entstehen direkt bei dem Zusammentreffen des Ichs 
mit einem übergroßen Libidoanspruch aus traumatischen Momenten, 
sie bilden ihre Angst neu, allerdings nach dem Geburtsvorbild. 
Dasselbe mag für die Angstentwicklung bei Angstneurose durch 
somatische Schädigung der Sexualfunktion gelten. Daß es die Libido 
selbst ist, die dabei in Angst verwandelt wird, werden wir nicht 
mehr behaupten. Aber gegen eine zweifache Herkunft der Angst, 
einmal als direkte Folge des traumatischen Moments, das andere 
Mal als Signal, daß die Wiederholung eines solchen droht, sehe ich 
keinen Einwand. 

Meine Damen und Herren! Nun sind Sie gewiß froh, daß Sie 
nichts mehr über die Angst anzuhören brauchen. Aber Sie haben 
nichts davon, es kommt nichts Besseres nach. Ich habe den Vorsatz, 
Sie noch heute auf das Gebiet der Libidotheorie oder Trieblehre 
zu führen, wo sich gleichfalls manches neu gestaltet hat. Ich will 
nicht sagen, daß wir hierin große Fortschritte gemacht haben, so 
daß es Ihnen jede Mühe lohnen würde, davon Kenntnis zu nehmen. 
Nein, es ist ein Feld, auf dem wir mühsam nach Orientierung und 
Einsichten ringen; Sie sollen nur Zeugen unserer Bemühung 
werden. Auch hier muß ich auf manches zurückgreifen, was ich 
Ihnen früher vorgetragen habe. 

Die Trieblehre ist sozusagen unsere Mythologie. Die Triebe sind 
mythische Wesen, großartig in ihrer Unbestimmtheit. Wir können 
in unserer Arbeit keinen Augenblick von ihnen absehen und sind 
dabei nie sicher, sie scharf zu sehen. Sie wissen, wie sich das 
populäre Denken mit den Trieben auseinandersetzt. Man nimmt 
so viele und so verschiedenartige Triebe an, als man eben braucht, 
einen Geltungs-, Nachahmungs-, Spiel-, Geselligkeitstrieb und viele 



250 Schriften aus den Jahren 1^28 — i^)) 

dergleichen mehr. Man nimmt sie gleichsam auf, läßt jeden seine 
besondere Arbeit tun und entläßt sie dann wieder. Uns hat immer 
die Ahnung gerührt, daß hinter diesen vielen kleinen ausgeliehenen 
Trieben sich etwas Ernsthaftes und Gewaltiges verbirgt, dem wir 
uns vorsichtig annähern möchten. Unser erster Schritt war be- 
scheiden genug. Wir sagten uns, man gehe wahrscheinlich nicht 
irre, wenn man zunächst zwei Haupttriebe, Triebarteii oder Trieb- 
gruppen unterscheide, nach den zwei großen Bedürfnissen: Hunger 
und Liebe. So eifersüchtig wir sonst die Unabhängigkeit der Psy- 
chologie von jeder anderen Wissenschaft verteidigen, hier stehe 
man doch im Schatten der unerschütterlichen biologischen Tat- 
sache, daß das lebende Einzelwesen zwei Absichten diene, der Selbst- 
erhaltung und der Ai-terhaltung, die unabhängig voneinander 
scheinen, unseres Wissens noch keine gemeinsame Ableitung er- 
fahren haben, deren Interessen einander im tierischen Leben oft 
widerstreiten. Man treibe hier eigentlich biologische Psychologie, 
studiere die psychischen Begleiterscheinungen biologischer Vorgänge. 
Als Vertreter dieser Auffassung sind die „Ichtriebe" und die „Sexual- 
triebe in die Psychoanalyse eingezogen. Zu den ersteren rechneten 
wir alles, was mit der Erhaltung, Behauptung, Vergrößerung der 
Person zu tun hat. Den letzteren mußten wir die Reichhaltig- 
keit leihen, die das infantile und das perverse Sexualleben verlan- 
gen. Da wir bei der Untersuchung der Neurosen das Ich als die 
einschränkende, verdrängende Macht kennen lernten, die Sexual- 
strebungen als das Eingeschränkte, Verdrängte, glaubten wir nicht 
nur die Verschiedenheit, sondern auch den Konflikt zwischen beiden 
Triebgruppen mit Händen zu greifen. Gegenstand unseres Studiums 
waren zunächst nur die Sexualtriebe, deren Energie wir „Libido" 
benannten. An ihnen versuchten wir unsere Vorstellungen, was 
ein Trieb sei und was man ihm zuschreiben dürfe, zu klären. Dies 
ist die Stelle der Libidotheorie. 

Ein Trieb unterscheidet sich also von einem Reiz darin, daß er 
aus Reizquellen im Körperinnern stammt, wie eine konstante Kraft 



Neue Folge der /Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 251 

wirkt und daß die Person sich ihm nicht durch die Flucht ent- 
ziehen kann, wie es beim äuIBeren Reiz mögüch ist. Man kann 
am Trieb Quelle, Objekt und Ziel unterscheiden. Die Quelle ist 
ein Erregungszustand im Körperlichen, das Ziel die Aufhebung 
dieser Erregung, auf dem Wege von der Quelle zum Ziel wird der 
Trieb psychisch wirksam. Wir stellen ihn vor als einen gewissen 
Energiebetrag, der nach einer bestimmten Richtung drängt. Von 
diesem Drängen hat er den Namen: Trieb. Man spricht von aktiven 
und passiven Trieben, sollte richtiger sagen: aktiven und passiven 
Triebzielen^ auch zur Erreichung eines passiven Zieles bedarf es eines 
Aufwands von Aktivität. Das Ziel kann am eigenen Körper erreicht 
werden, in der Regel ist ein äußeres Objekt eingeschoben, an dem 
der Trieb sein äußeres Ziel erreicht; sein inneres bleibt jedesmal 
die als Befriedigung empfundene Körperveränderung. Ob die Be- 
ziehung zur somatischen Quelle dem Trieb eine Spezifität verleiht 
und welche, ist uns nicht klargeworden. Daß Triebregungen aus 
einer Quelle sich solchen aus anderen Quellen anschließen und 
deren weiteres Schicksal teilen, daß überhaupt eine Triebbefrie- 
digung durch eine andere ersetzt werden kann, sind nach dem 
Zeugnis der analytischen Erfahrung unzweifelhafte Tatsachen. Ge- 
stehen wir nur, daß wir sie nicht besonders gut verstehen. Auch 
die Beziehung des Triebs zu Ziel und Objekt läßt Abänderungen 
zu, beide können gegen andere vertauscht werden, die Beziehung 
zum Objekt ist immerhin leichter zu lockern. Eine gewisse Art von 
Modifikation des Ziels und Wechsel des Objekts, bei der unsere soziale 
Wertung in Betracht kommt, zeichnen wir als Sublimierung 
aus. Wir haben außerdem noch Grund, zielgehemmte Triebe 
zu unterscheiden, Triebregungen aus gut bekannten Quellen mit 
unzweideutigem Ziel, die aber auf dem Weg zur Befriedigung 
haltmachen, so daß eine dauernde Objektbesetzung und eine an- 
haltende Strebung zustande kommt. Solcher Art ist z. B. die Zärt- 
lichkeitsbeziehung, die unzweifelhaft aus den Quellen sexueller 
Bedürftigkeit herrührt und regelmäßig auf deren Befriedigung ver- 



252 Schriften aus den Jahren 1^28 — 19}) -■ ' 

ziehtet. Sie sehen, wieviel von den Eigenschaften und Schicksalen 
der Triebe sich noch unserem Verständnis entzieht; wir sollten 
hier auch eines Unterschieds gedenken, der sich zwischen Sexual- 
trieben und Selbsterhaltungstrieben zeigt und der theoretisch höchst 
bedeutsam wäre, wenn er die ganze Gruppe beträfe. Die Sexual- 
triebe fallen uns auf durch ihre Plastizität, die Fähigkeit, ihre Ziele 
zu wechseln, durch ihre Vertretbarkeit, indem sich eine Trieb- 
befriedigung durch eine andere ersetzen läßt, und durch ihre Auf- 
schiebbarkeit, von der uns eben die zielgeheinmten Triebe ein 
gutes Beispiel gegeben haben. Diese Eigenschaften möchten wir 
den Selbsterhaltungstrieben absprechen und von ihnen aussagen, 
daß sie unbeugsam, unaufschiebbar, in ganz anderer Weise im- 
perativ sind und zur Verdrängung wie zur Angst ein ganz anderes 
Verhältnis haben. Allein die nächste Überlegung sagt uns, daß 
diese Ausnahmsstellung nicht allen Ichtrieben, nur dem Hunger 
und dem Durst zukommt und offenbar durch eine Besonderheil 
der Triebquellen begründet ist. Ein gutes Stück des verwirrenden 
Eindrucks kommt noch daher, daß wir nicht gesondert betrachtet 
haben, welche Veränderungen die ursprünglich dem Es angehörigen 
Triebregungen unter dem Einfluß des organisierten Ichs erfahren. 
Auf festerem Boden bewegen wir uns, wenn wir untersuchen, 
auf welche Weise das Triebleben der Sexualfunktion dient. Hier 
haben wir ganz entscheidende Einsichten erworben, die Ihnen auch 
nicht mehr neu sind. Es ist also nicht so, daß naan einen Sexual- 
trieb erkennt, der von Anfang an die Strebung nach dem Ziel der 
Sexual funktion, der Vereinigung der beiden Geschlechtszellen, trägt. 
Sondern wir sehen eine große Anzahl von Partialtrieben, von ver- 
schiedenen Körperstellen und Regionen her, die ziemlich unab- 
hängig voneinander nach Befriedigung streben und diese Befriedi- 
gung in etwas finden, was wir Organlust heißen können. Die 
Genitalien sind die spätesten unter diesen erogenen Zonen, ihrer 
Organlust wird man den Namen: sexuelle Lust nicht mehr ver- 
weigern. Nicht alle dieser nach Lust strebenden Regungen werden 



Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 253 

in die schließliche Organisation der Sexualfunktion aufgenommen. 
Manche von ihnen werden als unbrauchbar beseitigt, durch Ver- 
drängung oder anderswie, einige werden in der vorhin erwähnten 
merkwürdigen Weise von ihrem Ziel abgelenkt und zur Verstär- 
kung anderer Regungen verwendet, noch andere bleiben in Neben- 
rollen erhalten, dienen zur Durchführung einleitender Akte, zur 
Erzeugung von Vorlust. Sie haben gehört, daß sich in dieser lang hin- 
gezogenen Entwicklung mehrere Phasen einer vorläufigen Organi- 
sation erkennen lassen, auch wie sich aus dieser Geschichte der 
Sexualfunktion ihre Abirrungen und Verkümmerungen erklären. 
Die erste dieser prägenitalen Phasen heißen wir die orale, weil 
entsprechend der Art, wie der Säughng ernährt wird, die erogene 
Mundzone auch beherrscht, was man die sexuelle Tätigkeit dieser 
Lebensperiode heißen darf. Auf einer zweiten Stufe drängen sich die 
sadistischen und die analen Impulse vor, gewiß im Zusammen- 
hang mit dem Auftreten der Zähne, der Erstarkung der Muskulatur 
und der Beherrschung der Sphinkterfunktionen. Wir haben gerade 
über diese auffällige Entwicklungsstufe viel interessante Einzelheiten 
erfahren. Als dritte erscheint die phallische Phase, in der bei beiden 
Geschlechtem das männliche Glied und, was ihm beim Mädchen 
entspricht, eine nicht mehr zu übersehende Bedeutung gewinnt. Den 
Namen der genitalen Phase haben wir der endgültigen Sexual- 
organisation vorbehalten, die sich nach der Pubertät herstellt, in 
der erst das weibliche Genitale die Anerkennung findet, die das 
männliche längst erworben hatte. 

Soweit ist das alles abgeblaßte Wiederholung. Und glauben Sie 
nicht, daß all das, was ich diesmal nicht erwähnt habe, auch nicht 
mehr gilt. Es bedurfte dieser Wiederholung, um den Bericht über 
Fortschritte in unseren Einsichten daran anzuknüpfen. Wir können 
uns rühmen, daß wir gerade über die frühen Organisationen der 
Libido viel Neues erfahren und die Bedeutung des Alten klarer 
erfaßt haben, was ich Ihnen wenigstens an einzelnen Proben zeigen 
will. Abraham hat 1934 dargetan, daß man an der sadistisch- 



254 Schriften aus den Jahren 1^28 — 1933 

analen Phase zwei Stufen unterscheiden kann. Auf der früheren 
dieser beiden walten die destruktiven Tendenzen des Vernichtens 
und Verlierens vor, auf der späteren die objektfreundlichen des 
Festhaltens und Besitzens. In der Mitte dieser Phase tritt also zuerst 
die Rücksicht auf das Objekt auf als Vorläufer einer späteren Liebes- 
besetzung. Ebenso berechtigt ist es, eine solche Unterteilung auch 
für die erste orale Phase anzunehmen. Auf der ersten Unterstufe 
handelt es sich nur um die orale Einverleibung, es fehlt auch jede 
Ambivalenz in der Beziehung zum Objekt der Mutterbrust. Die 
zweite Stufe, durcli das Auftreten der Beißtätigkeit ausgezeichnet, 
kann als die oralsadistische bezeichnet werden; sie zeigt zum 
erstenmal die Erscheinungen der Ambivalenz, die dann in der 
nächsten, der sadistisch-analen Phase so viel deutlicher werden. Der 
Wert dieser neuen Unterscheidungen zeigt sich besonders, wenn 
man bei bestimmten Neurosen — Zwangsneurose, Melancholie — 
nach den Dispositionsstellen in der Libidoentwicklung sucht. Rufen 
Sie sich hier ins Gedächtnis zurück, was wir über den Zusammen- 
hang von Libidofixierung, Disposition und Regression erfahren haben. 

Unsere Einstellung zu den Phasen der Libidoorganisation hat 
sich überhaupt ein wenig verschoben. Wenn wir früher vor allem 
betonten, wie die eine derselben vor der nächsten vergeht, so gehört 
unsere Aufmerksamkeit jetzt den Tatsachen, die uns zeigen, wie- 
viel von jeder früheren Phase neben und hinter den späteren Ge- 
stallungen erhalten bleibt und sich eine dauernde Vertretung im 
Libidohaushalt und im Charakter der Person erwirbt. Noch bedeut- 
samer sind Studien geworden, die uns gelehrt haben, wie häufig 
sich unter pathologischen Bedingungen Regressionen zu früheren 
Phasen ereignen, und daß bestimmte Regressionen für bestimmte 
Krankheitsformen charakteristisch sind. Aber das kann ich hier nicht 
behandeln; es gehört in eine spezielle Neurosen psychologie. 

Triebumsetzungen und ähnliche Vorgänge haben wir besonders 
an der Analerotik, den Erregungen aus den Quellen der erogenen 
Analzone, studieren können und waren überrascht, wie vielfaltigen 



Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in d ie Psychoanalyse 255 

Verwendungen diese Triebregungen zugeführt werden. Es ist viel- 
leicht nicht leicht, sich von der Geringschätzung frei zu machen, 
die im Laufe der Entwicklung gerade diese Zone betroffen hat. 
Lassen wir uns darum von Abraham daran mahnen, daß der 
Anus embryologisch dem Urmund entspricht, welcher bis zum 
Darmende herabgewandert ist. Wir erfahren dann, daß mit der 
Entwertung des eigenen Kots, der Exkremente, dieses Triebinleresse 
aus analer Quelle auf Objekte übergeht, die als Geschenk gegeben 
werden können. Und dies mit Recht, denn der Kot war das erste 
Geschenk, das der Säugling machen konnte, dessen er sich aus 
Liebe zu seiner Pflegerin entäußerte, hn weiteren, durchaus analog 
dem Bedeutungswandel in der Sprachentwicklung, setzt sich dies alte 
Kotinteresse in die Wertschätzung von Gold und Geld um, gibt 
aber auch seinen Beitrag zur affektiven Besetzung von Kind und 
von Penis. Nach der Überzeugung aller Kinder, die ja lange Zeit 
an der Kloakentheorie festhalten, wird das Kind wie ein Stück Kot 
aus dem Darm geboren; die Defäkation ist das Vorbild des Geburts- 
aktes. Aber auch der Penis hat seinen Vorläufer in der Kotsäule 
die das Schleimhautrohr des Darmes ausfüllt und reizt. Wenn das 
Kind, widerwillig genug, zur Kenntnis genommen hat, daß es 
menschliche Wesen gibt, die dieses Glied nicht besitzen, erscheint 
ihm der Penis als etwas vom Körper Ablösbares und rückt in unver- 
kennbare Analogie zum Exkrement, das ja das erste Stück LeJb- 
lichkeit war, auf das man verzichten mußte. Ein großes Stück 
Analerotik wird so in Penisbesetzung überführt, aber das Interesse 
an diesem Körperteil hat außer der analerotischen eine vielleicht 
noch mächtigere orale Wurzel, denn nach der Einstellung des Säugens 
erbt der Penis auch von der Brustwarze des mütterlichen Organs. 
Es ist unmöglich, sich in den Phantasien, den vom Unbewußten 
beeinflußten Einfällen und in der Symptomsprache des Menschen 
zurechtzufinden, wenn man diese tiefliegenden Beziehungen nicht 
kennt. Kot-Geld- Geschenk-Kind -Penis werden hier wie gleichbe- 
deutend behandelt, auch durch gemeinsame Symbole vertreten. 



s» 



256 Schriften aus den Jahren 1^28 — l9Jß 

Vergessen Sie auch nicht, daß ich Ihnen nur sehr unvollständige 
Mitteilungen machen konnte. Ich kann etwa eilig hinzufügen, daß 
auch das spater erwachende Interesse an der Vagina hauptsächlich 
analerotischer Herkunft ist. Es ist nicht verwunderlich, denn die 
Vagina selbst ist nach einem guten Wort von Lou Andreas-Salonie 
dem Enddarm „abgemietet"; im Leben der Homosexuellen, die ein 
gewisses Stück der Sexualentwicklung nicht mitgemacht haben, 
wird sie auch wieder durch diesen vertreten. In Träumen kommt 
häufig eine Lokalität vor, die früher ein einziger Raum war und 
jetzt durch eine Wand in zwei geteilt ist oder auch umgekehrt. 
Damit ist immer das Verhältnis der Vagina zum Darm gemeint. 
Wir können auch schön verfolgen, wie beim Mädchen normaler- 
weise der ganz und gar unweibliche Wunsch nach dem Besitz eines 
Penis sich in den Wunsch nach einem Kind und dann nach einem 
Mann als Träger des Penis und Spender des Kindes umwandelt, 
so daß auch hier sichtbar wird, wie ein Stück ursprünglich anal- 
erotischen Interesses die Aufnahme in die spätere Genitalorgani- 
sation erwirbt. 

Während solcher Studien an den prägenitalen Phasen der 
Libido haben sich uns auch einige neue Einblicke in die Charakter- 
bildung ergeben. Wir sind auf eine Trias von Eigenschaften auf- 
merksam geworden, die ziemlich regelmäßig beisammen sind; 
Ordentlichkeit, Sparsamkeit und Eigensinn, und haben aus der 
Analyse solcher Personen erschlossen, daß diese Eigenschaften aus 
der Aufzehrung und andersartigen Verwendung ihrer Analerotik 
hervorgegangen sind. Wir sprechen also von einem Analcharakter, 
wo wir diese auffällige Vereinigung finden, und bringen den 
Analcharakter in einen gewissen Gegensatz zur unaufgearbeiteten 
Analerolik. Eine ähnliche, vielleicht noch festere Beziehung fanden 
wir zwischen dem Ehrgeiz und der Urethralerotik. Eine merk- 
würdige Anspielung auf diesen Zusammenhang entnahmen wir 
der Sage, daß Alexander der Große in derselben Nacht geboren 
wurde, in der ein ge wisser Herostrat aus eitler Ruhmsucht 



Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 357 

den viel bewunderten Tempel der Artemis zu Ephesos in Brand 
steckte. Als ob den Alten ein solcher Zusammenhang nicht unbekannt 
gewesen wäre! Wie viel das Urinieren mit Feuer und Feuer- 
löschen zu tun hat, wissen Sie ja. Natürlich erwarten wir, daß 
auch andere Charaktereigenschaften sich in ähnlicher Weise als 
Niederschläge oder Reaktionsbildungen bestimmter prägenitaler 
Libidoformationen ergeben werden, können es aber noch nicht 
aufzeigen. 

Nun ist es aber an der Zeit, daß ich in der Geschichte wie 
im Thema zurückgreife und die allgemeinsten Probleme des 
Trieblebens wieder aufnehme. Unserer Libidotheorie lag zunächst 
der Gegensatz von Ichtrieben und Sexualtrieben zu Grunde. Als 
wir dann später begannen, das Ich selbst näher zu studieren und 
den Gesichtspunkt des Narzißmus erfaßten, verlor diese Unter- 
scheidung selbst ihren Boden. In seltenen Fällen kann man er- 
kennen, daß das Ich sich selbst zum Objekt nimmt, sich benimmt, 
als ob es in sich selbst verliebt wäre. Daher der der griechischen 
Sage entlehnte Narzißmus. Aber das ist nur eine extreme Über- 
steigerung eines normalen Sachverhalts. Man lernt verstehen, daß 
das Ich immer das Hauptreservoir der Libido ist, von dem libi- 
dinöse Besetzungen der Objekte ausgehen, und in das dieselben 
wieder zurückkehren, während der Großteil dieser Libido stetig 
im Ich verbleibt. Es wird also unausgesetzt Ichlibido in Objekt- 
Ubido umgewandelt und Objektlibido in Ichlibido. Dann können 
die beiden aber ihrer Natur nach nicht verschieden sein, dann 
hat es keinen Sinn, die Energie der einen von der der anderen zu 
sondern, man kann die Bezeichnung Libido fallen lassen oder sie als 
gleichbedeutend mit psychischer Energie überhaupt gebrauchen. 
Wir sind nicht lange auf diesem Standpunkt verblieben. Die 
Ahnung von einer Gegensätzlichkeit innerhalb des Trieblebens 
hat sich bald einen anderen, noch schärferen Ausdruck verschafft. 
Diese Neuheit in der Trieblehre möchte ich aber nicht vor Ihnen 
ableiten; auch sie ruht im wesentlichen auf biologischen Er- 
Freud XII. 17 



258 Schriften aus den Jahren i^2S^I9^S 

wägungen^ ich werde sie Ihnen als fertiges Produkt vorführen. 
Wir nehmen an, daß es zwei wesensverschiedene Arten von 
Trieben gibt, die Sexualtriebe, im weitesten Sinne verstanden, 
den Eros, wenn Sie diese Benennung vorziehen, und die 
Aggressions triebe, deren Ziel die Destruktion ist. Wenn Sie 
es so hören, werden Sie es kaum als Neuheit gelten lassen; es 
scheint ein Versuch zur theoretischen Verklärung des banalen 
Gegensatzes zwischen Lieben und Hassen, der vielleicht mit jener 
anderen Polarität von Anziehung und Abstoßung zusammenfällt, 
welche die Physik für die anorganische Welt annimmt. Aber es 
ist merkwürdig, daß diese Aufstellung doch von vielen als 
Neuerung empfunden wird, und zwar als eine sehr unerwünschte, 
die möglichst bald wieder beseitigt werden sollte. Ich nehme an, 
daß ein starkes affektives Moment sich in dieser Ablehnung durch- 
setzt. Warum haben wir selbst so lange Zeit gebraucht, ehe wir 
uns zur Anerkennung eines Aggressionstriebs entschlossen, warum 
nicht Tatsachen, die offen zu Tage liegen und jedermann be- 
kannt sind, ohne Zögern für die Theorie verwertet? Wahrscheinlich 
würde es auf geringen Widerstand stoßen, wenn man den Tieren 
einen Trieb mit solchem Ziel zuschreiben wollte. Aber ihn in 
die menschliche Konstitution aufzunehmen, erscheint frevelhaft; 
es widerspricht zu vielen religiösen Voraussetzungen und sozialen 
Konventionen. Nein, der Mensch muß von Natur aus gut oder 
wenigstens gutmütig sein. Wenn er sich gelegentlich brutal, ge- 
walttätig, grausam zeigt, so sind das vorübergehende Trübungen 
seines Gefühlslebens, meist provoziert, vielleicht nur Folge der 
unzweckmäßigen Gesellschaftsordnungen, die er sich bisher ge- 
geben hat. 

Leider spricht, was uns die Geschichte berichtet und was wir 
selbst erlebt haben, nicht in diesem Sinne, sondern rechtfertigt 
eher das Urteil, daß der Glaube an die „Güte" der menschlichen 
Natur eine jener schlimmen Illusionen ist, von denen die Menschen 
eine Verschönerung und Erleichterung ihres Lebens erwarten. 



Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 259 

während sie in Wirklichkeit nur Schaden bringen. Wir brauchen 
diese Polemik nicht fortzusetzen, denn nicht wegen der Lehren 
von Geschichte und Lebenserfahrung haben wir die Annahme 
eines besonderen Aggressions- und Destruktionstriebs beim Menschen 
befürwortet, sondern es geschah auf Grund allgemeiner Er- 
wägungen, zu denen uns die Würdigung der Phänomene des 
Sadismus und des Masochismus führte. Sie wissen, wir 
heißen es Sadismus, wenn die sexuelle Befriedigung an die Bedingung 
geknüpft ist, daß das Sexualobjekt Schmerzen, Mißhandlungen und 
Demütigungen erieide, Masochismus, wenn das Bedürfnis besteht, 
selbst dieses mißhandelte Objekt zu sein. Sie wissen auch, daß ein 
gewisser Zusatz dieser beiden Strebungen in die normale Sexual- 
beziehung aufgenommen ist, und daß wir sie als Perversionen 
bezeichnen, wenn sie die anderen Sexualziele zurückdrängen und 
ihre eigenen Ziele an deren Stelle setzen. Es wird Ihnen auch 
kaum entgangen sein, daß der Sadismus zur Männlichkeit, der 
Masochismus zur Weiblichkeit eine intimere Beziehung unterhält, 
als ob hier eine geheime Verwandtschaft bestünde, obwohl ich 
Ihnen sogleich sagen muß, daß wir nicht auf diesem Weg weiter 
gekommen sind. Beide, Sadismus wie Masochismus, sind für die 
Libidotheorie recht rätselhafte Phänomene, der Masochismus ganz 
besonders, und es ist nur in der Ordnung, wenn das, was für 
die eine Theorie den Stein des Anstoßes gebildet hat, für die sie 
ersetzende den Eckstein abgeben sollte. 

Wir meinen also, daß wir im Sadismus und im Masochismus 
zwei ausgezeichnete Beispiele von der Vermischung beider Trieb- 
arten, des Eros mit der Aggression, vor uns haben, und machen 
nun die Annahme, daß dies Verhähnis vorbildhch ist, daß alle 
Triebregungen, die wir studieren können, aus solchen Mischungen 
oder Legierungen der beiden Triebarten bestehen. Natürhch in 
den verschiedenartigsten Mischungsverhältnissen. Dabei würden die 
erotischen Triebe die Mannigfaltigkeit ihrer Sexualziele in die 
Mischung einführen, während die anderen nur Milderungen und 

'7' 



26o • Schr iften aus den Jahren 192S—19SJ 

Abstufungen ihrer eintönigen Tendenz zuließen. Durch diese 
Annahme haben wir uns die Aussicht auf Unlersuchungeu er- 
öffnet, die einmal eine große Bedeutung für das Verständnis 
pathologischer Vorgänge bekommen können. Denn Mischungen 
mögen auch zerfallen und solchen Triebentmischungen darf man 
die schwersten Folgen für die Funktion zutrauen. Aber diese 
Gesichtspunkte sind noch zu neu; niemand hat bisher versucht, 
sie in der Arbeit zu verwerten. 

Wir kehren zu dem besonderen Problem zurück, das uns der 
Masochismus aufgibt. Sehen wir für den Augenblick von seiner 
erotischen Komponente ab, so bürgt er uns für die Existenz einer 
Strebung, welche die Selbstzerstörung zum Ziel hat. Wenn es auch 
für den Destruktionstrieb zutrifft, daß das Ich — aber wir meinen 
hier vielmehr das Es, die ganze Person — ursprünglich alle Trieb- 
regungen in sich schließt, so ergibt sich die Auffassung, daß der 
Masochismus älter ist als der Sadismus, der Sadismus aber ist nach 
außen gewendeter Destruktionstrieb, der damit den Charakter der 
Aggression erwirbt. Soundsoviel vom ursprünglichen Destruktions- 
trieb mag noch im Inneren verbleiben^ es scheint, daß unsere 
Wahrnehmung seiner nur unter diesen zwei Bedingungen habhaft 
wird, wenn er sich mit erotischen Trieben zum Masochismus ver- 
bindet, oder wenn er sich als Aggression — mit größerem oder 
geringerem erotischem Zusatz — gegen die Außenwelt wendet. 
Nun drängt sich uns die Bedeutung der Möglichkeit auf, daß die 
Aggression in der Außenwelt Befriedigung nicht finden kann, weil 
sie auf reale Hindernisse stößt. Sie wird dann vielleicht zurück- 
treten, das Ausmaß der im Inneren waltenden Selbstdestruktion 
vermehren. Wir werden hören, daß dies wirklich so geschieht 
und wie wichtig dieser Vorgang ist. Verhinderte Aggression scheint 
eine schwere Schädigung zu bedeuten; es sieht wirklich so aus, 
als müßten wir anderes und andere zerstören, um uns nicht selbst 
zu zerstören um uns vor der Tendenz zur Selbstdestruktion zu 
bewahren. Gewiß eine traurige Eröfhiung für den Ethiker! 



Neue Folge der Vorlesungen ■zur Einführung in die Psychoanalyse 261 



Aber der Ethiker wird sich noch aiif lange hinaus mit der Un- 
wahrscheinUchkeit unserer Spekulationen trösten. Ein sonderbarer 
Trieb, der sich mit der Zerstörung seines eigenen organischen 
Heims befaßt! Die Dichter sprechen zwar von solchen Dingen, 
aber Dichter sind unverantwortlich, sie genießen das Vorrecht der 
poetischen Lizenz. Allerdings sind ähnliche Vorstellungen auch der 
Physiologie nicht fremd, z. B. die der Magenschleimhaut, die sich 
selbst verdaut. Aber es ist zuzugeben, daß unser Selbstzerstörungstrieb 
einer breiteren Unterstützung bedarf. Eine Annahme von solcher 
Tragweite kann man doch nicht bloß darum wagen, weil einige 
arme Narren ihre Sexualbefriedigung an eine sonderbare Bedingung 
geknüpft haben. Ich meine, ein vertieftes Studium der Triebe 
wird uns geben, was wir brauchen. Die Triebe regieren nicht 
allein das seelische, sondern auch das vegetative Leben, und diese 
organischen Triebe zeigen einen Charakterzug, der unser stärkstes 
Interesse verdient. Ob es ein allgemeiner Charakter der Triebe ist 
werden wir erst später beurteilen können. Sie enthüllen sich nämlich 
als Bestreben, einen früheren Zustand wiederherzustellen. Wir 
können annehmen, vom Moment an, da ein solcher einmal erreichter 
Zustand gestört worden, entsteht ein Trieb, ihn neu zu schaffen 
und bringt Phänomene hervor, die wir als Wiederholungszwang 
bezeichnen können. So ist die Embryologie ein einziges Stück 
Wiederholungszwang; weit hinauf in die Tierreihe erstreckt sich 
ein Vermögen, verlorene Organe neu zu bilden, und der HeiUrieb, 
dem wir, neben den therapeutischen Hilfeleistungen, unsere Ge- 
nesungen verdanken, dürfte der Rest dieser bei niederen Tieren 
so großartig entwickelten Fähigkeit sein. Die Laich Wanderungen 
der Fische, vielleicht die Vögelflüge, möghcherweise alles, was wir 
bei den Tieren als Instinktäußerung bezeichnen, erfolgt unter dem 
Gebot des Wiederholungszwangs, der die konservative Natur 
der Triebe zum Ausdruck bringt. Auch auf seelischem Gebiet 
brauchen wir nicht lange nach Äußerungen desselben zu suchen. 
Es ist uns aufgefallen, daß die vergessenen und verdrängten Er- 



203 Schriften aus den Jahren 1928—1^^ S 

lebnisse der früheren Kindheit sich während der analytischen Arbeit 
in Träumen und Reaktionen, besonders in denen der Übertragung 
reproduzieren, obwohl ihre Wiedererweckung dem Interesse des 
Lustprinzips zuwiderläuft, und wir haben uns die Erklärung gegeben, 
daß in diesen Fällen ein Wiederholungszwang sich selbst über das 
Lustprinzip hinaussetzt. Auch außerhalb der Analyse kann man 
Ähnliches beobachten. Eis gibt Menschen, die in ihrem Leben ohne 
Korrektur immer die nämlichen Reaktionen zu ihrem Schaden 
wiederholen, oder die selbst von einem unerbittlichen Schicksal 
verfolgt scheinen, während doch eine genauere Untersuchung lehrt, 
daß sie sich dieses Schicksal unwissentlich selbst bereiten. Wir 
schreiben dann dem Wiederholungszwang den dämonischen Cha- 
rakter zu. 

Was kann aber dieser konservative Zug der Triebe für das Ver- 
ständnis unserer Selbstzerstörung leisten? Welchen früheren Zustand 
wollte ein solcher Trieb wiederherstellen? Nun, die Antwort liegt 
nicht ferne und eröffnet weite Perspektiven. Wenn es wahr ist, 
daß — in unvordenklicher Zeit und auf unvorstellbare Weise — 
einmal aus unbelebter Materie das Leben hervorgegangen ist, so 
muß nach unserer Voraussetzung damals ein Trieb entstanden sein, 
der das Leben wieder aufheben, den anorganischen Zustand wieder 
herstellen will. Erkennen wir in diesem Trieb die Selbstdestruktion 
unserer Annahme wieder, so dürfen wir diese als Ausdruck eines 
Todestriebes erfassen, der in keinem Lebensprozeß vermißt werden 
kann. Und nun scheiden sich uns die Triebe, an die wir glauben, 
in die zwei Gruppen der erotischen, die immer mehr lebende 
Substanz zu größeren Einheiten zusammenballen wollen, und der 
Todestriebe, die sich diesem Streben widersetzen und das Lebende 
in den anorganischen Zustand zurückführen. Aus dem Miteinander- 
und Gegeneinanderwirken der beiden gehen dieLebenserscheinungeu 
hervor, denen der Tod ein Ende setzt. 

Sie werden vielleicht achselzuckend sagen: Das ist nicht Natur- 
wissenschaft, das ist Schopenhauersche Philosophie. Aber warum. 



Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 265 

meine Damen und Herren, sollte nicht ein kühner Denker erraten 
haben, was dann nüchterne und mühselige Detailforschung be- 
stätigt? Und dann, alles ist schon einmal gesagt worden und vor 
Schopenhauer haben viele Ähnliches gesagt. Und weiter, was wir 
sagen, ist nicht einmal richtiger Schopenhauer. Wir behaupten 
nicht, der Tod sei das einzige Ziel des Lebens; wir übersehen 
nicht neben dem Tod das Leben. Wir anerkennen zwei Grund- 
•triebe und lassen jedem sein eigenes Ziel. Wie sich die beiden 
im Lebensprozeß vermengen, wie der Todestrieb den Absichten 
des Eros dienstbar gemacht wird, zumal in seiner Wendung nach 
außen als Aggression, das sind Aufgaben, die der Forschung der 
Zukunft überlassen bleiben. Wir kommen nicht weiter als bis zur 
Stelle, wo sich eine solche Aussicht vor uns auftut. Auch die Frage 
ob der konservative Charakter nicht allen Trieben ausnahmslos 
eignet, ob nicht auch die erotischen Triebe einen früheren Zustand 
wiederbringen wollen, wenn sie die Synthese des Lebenden zu 
größeren Einheiten anstreben, auch diese Frage werden wir un- 
beantwortet lassen müssen. 

Wir haben uns ein wenig weit von unserer Basis entfernt. Ich 
will Ihnen nachträglich mitteilen, welches der Ausgangspunkt dieser 
Überlegungen zur Trieblehre war. Derselbe, der uns zur Revision 
der Beziehung zwischen dem Ich und dem Unbewußten geführt 
hat, der Eindruck aus der analytischen Arbeit, daß der Patient, 
der Widerstand leistet, so oft von diesem Widerstand nichts weiß. 
Aber nicht nur die Tatsache des Widerstands ist ihm unbewußt, 
auch die Motive desselben sind es. Wir mußten nach diesen Motiven 
oder diesem Motiv forschen und fanden es zu unserer Überraschung 
in einem starken Straf bedürfnis, das wir nur den masoch istischen 
Wünschen anreihen konnten. Die praktische Bedeutung dieses Fundes 
steht hinter seiner theoretischen nicht zurück, denn dies Straf- 
bedürfnis ist der schlimmste Feind unserer therapeutischen Be- 
mühung. Es wird durch das Leiden befriedigt, das mit der Neurose 
verbunden ist, und hält darum am Kranksein fest. Es scheint, daß 



264 Schriften aus den Jahren ipsS — I^}ß 

dieses Moment, das unbewußte Strafbedürfnis, an jeder neurotischen 
Erkrankung beteiligt ist. Geradezu überzeugend wirken hier Fälle, 
in denen sich das neurotische Leiden durch ein andersartiges ab- 
lösen läßt. Ich will Ihnen von einer solchen Erfahrung berichten. 
Es war mir einmal gelungen, ein älteres Mädchen von dem Sym- 
ptomkomplex zu befreien, der sie durch etwa 1 5 Jahre zu einer 
qualvollen Existenz verurteilt und von der Teilnahme am Leben 
ausgeschlossen hatte. Sie empfand sich nun als gesund und stürzt» 
sich in eine eifrige Tätigkeit, um ihre nicht geringfügigen Talente 
zu entwickeln und sich noch ein Stück Geltung, Genuß und Erfolg 
zu erhaschen. Aber jeder ihrer Versuche endete damit, daß man 
sie wissen ließ oder daß sie selbst einsah, sie sei zu alt geworden 
um auf diesem Gebiet etwas zu erreichen. Nach jedem solchen 
Ausgang wäre der Rückfall in die Krankheit das nächste gewesen, 
aber das konnte sie nicht mehr zustande bringen; anstatt dessen 
ereigneten sich ihr jedesmal Unfälle, die sie für eine Zeit lang 
außer Tätigkeit setzten und leiden ließen. Sie war gefallen und 
hatte sich einen Fuß verstaucht oder ein Knie verletzt, bei irgend 
einer Hantierung eine Hand beschädigt. Aufmerksam gemacht, wie 
groß ihr eigener Anteil an diesen anscheinenden Zufällen sein 
könnte, änderte sie sozusagen ihre Technik. Anstatt der Unfälle 
traten bei den gleichen Veranlassungen leichte Erkrankungen auf, 
Katarrhe, Anginen, grippeartige Zustände, rheumatische Schwellungen, 
bis endhch mit der Resignation, zu der sie sich entschloß, der 
ganze Spuk vorüber war. 

Über die Herkunft dieses unbewußten Strafbedürfnisses, meinen 
wir, ist kein Zweifel. Es benimmt sich wie ein Stück des Ge- 
wissens, wie die Fortsetzung unseres Gewissens ins Unbewußte, 
es wird auch dieselbe Herkunft haben wie das Gewissen, also einem 
Stück Aggression entsprechen, das verinnerlicht und vom Über- 
ich übernommen wurde. Würden die Worte nur besser zusammen- 
passen, so wäre es für alle praktischen Belange nur gerechtfertigt, 
es „unbewußtes Schuldgefühl" zu heißen. Theoretisch sind wir 



Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 265 



eigentlich im Zweifel, ob wir annehmen sollen, daß alle aus der 
Außenwelt zurückgekehrte Aggression vom Über-Ich gebunden und 
somit gegen das Ich gewendet werde, oder daß ein Teil von 
ihr seine stumme und unheimliche Tätigkeit als freier Destruktions- 
trieb im Ich und Es ausübe. Wahrscheinlicher ist eine solche 
Verteilung, doch wissen wir nichts weiter darüber. Bei der ersten 
Einsetzung des Über-Ichs ist gewiß zur Ausstattung dieser Instanz 
jenes Stück Aggression gegen die Eltern verwendet worden, dem 
das Kind infolge seiner Liebesfixierung wie der äußeren Schwierig- 
keiten keine Abfuhr nach außen schaffen konnte, und darum 
braucht die Strenge des Über-Ichs nicht einfach der Härte der Er- 
ziehung zu entsprechen. Es ist sehr wohl mögUch, daß bei späteren 
Anlässen zur Unterdrückung der Aggression der Trieb denselben 
Weg nimmt, der ihm in jenem entscheidenden Zeitpunkte er- 
öffnet wurde. 

Personen, bei denen dies unbewußte Schuldgefühl übermächtig 
ist, verraten sich in der analytischen Behandlung durch die pro- 
gnostisch so unliebsame negative therapeutische Reaktion. Wenn 
man ihnen eine Symptomlösung mitgeteilt hat, auf die normaler- 
weise ein wenigstens zeitweiliges Schwinden des Symptoms folgen 
sollte, erzielt man bei ihnen im Gegenteil eine momentane Ver- 
stärkung des Symptoms und des Leidens. Es reicht oft hin, sie 
für ihr Benehmen in der Kur zu beloben, einige hoffnungsvolle 
Worte über den Fortschritt der Analyse zu äußern, um eine un- 
verkennbare Verschlimmerung ihres Befindens herbeizuführen. Der 
Nicht- Analytiker würde sagen, er vermisse den „Genesungswillen"j 
nach analytischer Denkweise sehen Sie in diesem Benehmen eine 
Äußerung des unbewußten Schuldgefühls, dem Kranksein mit 
seinen Leiden und Verhinderungen eben recht ist. Die Probleme, 
die das unbewußte Schuldgefühl aufgerollt hat, seine Beziehungen 
zu Moral, Pädagogik, Kriminalität und Verwahrlosung sind gegen- 
wärtig das bevorzugte Arbeitsgebiet der Psychoanalytiker. An 
unerwarteter Stelle sind wir hier aus der psychischen Unterwelt 



26Ö ■ Schriften aus den Jahren 1^28 — I^}} 

in den offenen Markt eingebrochen. Ich kann Sie nicht weiter 
führen, aber mit einem Gedankengang muß ich Sie noch auf- 
halten, ehe ich Sie für diesmal verabschiede. Es ist uns geläufig ge- 
worden zu sagen, daß unsere Kultur auf Kosten sexueller Strebungen 
aufgebaut ist, die von der Gesellschaft gehemmt, zum Teil zwar ver- 
drängt, zum anderen Teil aber für neue Ziele nutzbar gemacht 
werden. Wir haben auch bei allem Stolz auf unsere kulturellen 
Errungenschaften zugestanden, daß es uns nicht leicht wird, die 
Anforderungen dieser Kultur zu erfüllen, uns in ihr wohl zu 
fühlen, weil die uns auferlegten Triebbeschränkungen eine schwere 
psychische Belastung bedeuten. Nun, was wir für die Sexualtriebe 
erkannt haben, gilt im gleichen, vielleicht in noch höherem Maße, 
für die anderen, die Aggressionstriebe. Diese sind es vor allem, 
die das Zusammenleben der Menschen erschweren und dessen 
Fortdauer bedrohen^ Einschränkung seiner Aggression ist das erste, 
vielleicht das schwerste Opfer, das die Gesellschaft vom Einzelnen 
zu fordern hat. Wir haben erfahren, in wie ingeniöser Weise 
diese Bändigung des Widerspenstigen vollzogen wird. Die Ein- 
setzung des Über-Ichs, das die gefährlichen aggressiven Regungen 
an sich reißt, bringt gleichsam eine Besatzung in die zum Auf- 
ruhr geneigte Stätte. Aber anderseits, rein psychologisch betrachtet, 
muß man bekennen, das Ich fühlt sich nicht wohl dabei, wenn 
es so den Bedürfnissen der Gesellschaft geopfert wird, wenn es 
sich den destruktiven Tendenzen der Aggression unterwerfen muß, 
die es gern selbst gegen andere betätigt hätte. Es ist wie eine Fort- 
setzung jenes Dilemmas vom Fressen und Gefressen werden, das die 
organische Lebewelt beherrscht, aufs psychische Gebiet. Zum Glück 
sind die Aggressionstriebe niemals allein, immer mit den erotischen 
legiert. Diese letzteren haben unter den Bedingungen der vom 
Menschen geschaffenen Kultur vieles zu mildern und zu verhüten. 



XXXm. VORLESUNG 

DIE WEIBLICHKEIT 

Meine Damen und Herren! Die ganze Zeit über, während ich 
mich vorbereite, mit Ihnen zu sprechen, ringe ich mit einer inneren 
Schwierigkeit. Ich fühle mich sozusagen meiner Lizenz nicht sicher. 
E^ ist ja richtig, daß die Psychoanalyse sich in fünfzehn Arbeits- 
jahren verändert und bereichert hat, aber darum könnte doch 
eine Einfülirung in die Psychoanalyse unverändert und unergänzt 
bleiben. Immer schwebt es mir vor, daß diesen Vorträgen die 
Daseinsberechtigung fehlt. Den Analytikern sage ich zu wenig 
und überhaupt nichts Neues, Ihnen aber zu viel und solche Dinge, 
für deren Verständnis Sie nicht ausgerüstet sind, die nicht für 
Sie gehören. Ich habe nach Entschuldigungen ausgeschaut und 
jede einzelne Vorlesung durch eine andere Begründung recht- 
fertigen wollen. Die erste, über die Traumtheorie, sollte Sie mit 
einem Schlage wieder mitten in die analytische Atmosphäre ver- 
setzen und Ihnen zeigen, wie haltbar sich unsere Anschauungen 
erwiesen haben. An der zweiten, die die Wege vom Traum zum 
sogenannten Okkultismus verfolgt, reizte mich die Gelegenheit, 
ein freies Wort über ein Arbeitsgebiet zu sagen, auf dem heute 
vorurteilsvolle Erwartungen gegen leidenschaftliche Widerstände 
kämpfen, und ich durfte hoffen, Ihr am Beispiel der Psychoanalyse 
zur Toleranz erzogenes Urteil werde mir die Begleitung auf diesen 



268 Schriften aus den Jahren 192S — I^JJ 

Ausflug nicht verweigern. Die dritte Vorlesung, die über die 
Zerlegung der Persönlichkeil, stellte gewiß die härtesten Zu- 
mutungen an Sie, so fremdartig war ihr Inhalt, aber ich konnte 
diesen ersten Ansatz einer Ichpsychologie Ihnen unmöglich vor- 
enthalten, und wenn wir ihn vor fünfzehn Jahren besessen hätten, 
hätte ich ihn schon damals erwähnen müssen. Die letzte Vor- 
lesung endlich, der Sie wahrscheinlich nur unter großer Anspannung 
gefolgt sind, brachte notwendige Berichtigungen, neue Lösungs- 
versuche der wichtigsten Rätselfragen, und meine Einführung 
wäre zu einer Irreführung geworden, wenn ich darüber geschwiegen 
hätte. Sie sehen, w^enn man es unternimmt, sich zu entschuldigen, 
kommt es am Ende darauf hinaus, daß alles unvermeidlich war, 
alles Verhängnis. Ich unterwerfe inichj ich bitte Sie, tun Sie 
es auch. 

Auch die heutige Vorlesung sollte keine Aufnahme in eine Ein- 
führung finden, aber sie kann Ihnen eine Probe einer analytischen 
Detailarbeit geben und ich kann zweierlei zu ihrer Empfehlung 
sagen. Sie bringt nichts als beobachtete Tatsachen, fast ohne Bei- 
satz von 'Spekulation, und sie beschäftigt sich mit einem Thema, 
das Anspruch auf Ihr Interesse hat wie kaum ein anderes. Über 
das Rätsel der Weiblichkeit haben die Menschen zu allen Zeiten 

gegrübelt: 

„Häupter in Hieroglyphenmützen, 
Häupter in Turban und schwarzem Barett, 
Perücken Häupter und tausend andere 
Arme, schwitzende Menschenhäupter — — — " 

(Heine, Nordsee.) 

Auch Sie werden sich von diesem Grübeln nicht ausgeschlossen 
haben, insoferne Sie Männer sind; von den Frauen unter Ihnen 
erwartet man es nicht, sie sind selbst dieses Rätsel. Männlich 
oder weiblich ist die erste Unterscheidung, die Sie machen, wenn 
Sie mit einem anderen menschlichen Wesen zusammentreffen, und 
Sie sind gewöhnt, diese Unterscheidung mit unbedenklicher Sicher- 



Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung; in die Psychoanalyse 269 

heit zu machen. Die anatomische Wissenschaft teilt Ihre Sicherheit 
in einem Punkt und nicht weit darüber hinaus. MännUch ist 
das männliche Geschlechtsprodukt» das Spermatozoon und sein 
Träger, weiblich das Ei und der Organismus, der es beherberg. 
Bei beiden Geschlechtem haben sich Organe gebildet, die aus- 
schließlich den Geschlechtsfun kiionen dienen, wahrscheinlich aus 
der nämlichen Anlage zu zwei verschiedenen Gestaltungen ent- 
wickelt. Bei beiden zeigen außerdem, die anderen Organe, die 
Körperfarmen und Gewebe eine Beeinflussung durch das Geschlecht, 
aber diese ist inkonstant und ihr Ausmaß wechselnd, die soge- 
nannten sekundären Geschlechtscharaktere. Und dann sagt Ihnen 
die Wissenschaft etwas, was Ihren Erwartungen zuwiderläuft und 
wahrscheinlich geeignet ist, Ihre Gefühle zu verwirren. Sie macht 
Sie darauf aufmerksam, daß Teile des männlichen Geschlechts- 
apparats sich auch am Körper des Weibes finden, wenngleich in 
verkümmertem Zustand, und das gleiche im anderen Falle. Sie 
sieht in diesem Vorkommen das Anzeichen einer Zwiegeschlechlig- 
keit, B i s e X u a 1 i t ä t, als ob das Individuum nicht Mann oder 
Weib wäre, sondern jedesmal beides, nur von dem einen so viel 
mehr als vom andern. Sie werden dann aufgefordert, sich mit 
der Idee vertraut zu machen, daß das Verhältnis, nach dem sich 
Männliches und Weibliches im Einzelwesen vermengt, ganz er- 
heblichen Schwankungen unterliegt. Da aber doch, von aller- 
sellensten Fällen abgesehen, bei einer Person nur einerlei Ge- 
schlechtsprodukte — Eier oder Samenzellen — vorhanden sind, 
rnüssen Sie an der entscheidenden Bedeutung dieser Elemente 
irre werden und den Schluß ziehen, das, was die Männlichkeit 
oder die Weiblichkeit ausmache, sei ein unbekannter Charakter, 
den die Anatomie nicht erfassen kann. 

Kann es vielleicht die Psychologie? Wir sind gewohnt, männ- 
lich und weiblich auch als seelische Qualitäten zu gebrauchen, 
und haben ebenso den Gesichtspunkt der Bisexualität auf das 
Seelenleben übertragen. Wir sprechen also davon, daß ein Mensch, 



270 Schriften aus den Jahren 1^28 — 19)) 



ob Männchen oder Weibchen, sich in diesem Punkt männlich 
in jenem weiblich benehme. Aber Sie werden bald einsehen, das 
ist bloß Gefügigkeit gegen die Anatomie und gegen die Konvention. 
Sie können den Begriffen männlich und weiblich keinen neuen 
Inhalt geben. Die Unterscheidung ist keine psychologische^ wenn 
Sie männlich sagen, meinen Sie in der Regel „aktiv", und wenn 
Sie weibHch sagen, „passiv". Nun ist es richtig, daß eine solche 
Beziehung besteht. Die männliche Geschlechtszelle ist aktiv beweglich 
sucht die weibliche auf und diese, das Ei, ist unbeweglich, passiv 
erwartend. Dies Verhalten der geschlechtlichen Elementarorganismen 
ist sogar vorbildlich für das Benehmen der Geschlechtsindividuen 
beim Sexualverkehr. Das Männchen verfolgt das Weibchen zum 
Zweck der sexuellen Vereinigung, greift es an, dringt in dasselbe 
ein. Aber damit haben Sie eben für die Psychologie den Charakter 
des Männlichen auf das Moment der Aggression reduziert. Sie 
werden zweifeln, ob Sie damit etwas Wesentliches getroffen haben 
wenn Sie erwägen, daß in manchen Tierklassen die Weibchen 
die stärkeren und aggressiven sind, die Männchen nur aktiv bei 
dem einen Akt der geschlechtlichen Vereinigung. So ist es z. B. 
bei den Spinnen. Auch die Funktionen der Brutpflege und Auf- 
zucht, die uns als so exquisit weiblich erscheinen, sind bei Tieren 
nicht regelmäßig an das weibliche Geschlecht geknüpft. Bei recht 
hochstehenden Arten beobachtet man, daß die Geschlechter sich 
in die Aufgabe der Brutpflege teilen oder selbst, daß das Männchen 
sich allein ihr widmet. Selbst auf dem Gebiet des menschlichen 
Sexuallebens merken Sie bald, wie unzureichend es ist, das männ- 
liche Benehmen durch Aktivität, das weibliche durch Passivität 
zu decken. Die Mutter ist in jedem Sinn aktiv gegen das Kind 
selbst vom Saugakt können Sie ebensowohl sagen, sie säugt das 
Kind als sie läßt sich vom Kinde säugen. Je weiter Sie sich dann 
vom engeren sexuellen Gebiet entfernen, desto deutlicher wird 
jener „Überdeckungsfehler". Frauen können große Aktivität nach 
verschiedenen Richtungen entfalten, Männer können nicht mit 



Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 271 

ihresgleichen zusammenlebenj wenn sie nicht ein hohes Maß von 
passiver Gefügigkeit entwickeln. Wenn Sie jetzt sagen, diese Tat- 
sachen enthielten eben den Beweis, daß Männer wie Weiber im 
psychologischen Sinn bisexuell sind, so entnehme ich daraus, daß 
Sie bei sich beschlossen haben, „aktiv" mit „männlich", „passiv" 
mit „weiblich" zusammenfallen zu lassen. Aber ich rate Ihnen 
davon ab. Es erscheint mir unzweckmäßig und es bringt keine 
neue Erkenntnis. 

Man könnte daran denken, die Weiblichkeit psychologisch durch 
die Bevorzugung passiver Ziele zu charakterisieren. Das ist natürlich 
nicht dasselbe wie die Passivität^ es mag ein großes Stück Aktivität 
notwendig sein, um ein passives Ziel durchzusetzen. Vielleicht geht 
es so zu, daß sich beim Weib von ihrem Anteil an der Sexual- 
funktion her eine Bevorzugung passiven Verhaltens und passiver 
Zielstrebungen ein Stück weit ins Leben hinein erstreckt, mehr 
oder weniger weit, je nachdem sich diese Vorbildlichkeit des Sexual- 
lebens begrenzt oder ausbreitet. Dabei müssen wir aber achthaben, 
den Einfluß der sozialen Ordnungen nicht zu unterschätzen, die 
das Weib gleichfalls in passive Situationen drängen. Das ist alles 
noch sehr ungeklärt. Eine besonders konstante Beziehung zwischen 
Weiblichkeit und Triebleben wollen wir nicht übersehen. Die dem 
Weib konstitutionell vorgeschriebene und sozial auferlegte Unter- 
drückung seiner Aggression begünstigt die Ausbildung starker maso- 
chistischer Regungen, denen es ja gelingt, die nach innen ge- 
wendeten destruktiven Tendenzen erotisch zu binden. Der Maso- 
chlsmus ist also, wie man sagt, echt weiblich. Wenn Sie aber dem 
Masochismus, wie so häufig, bei Männern begegnen, was bleibt 
Ihnen übrig, als zu sagen, diese Männer zeigen sehr deutliche 
weibliche Züge? 

Nun sind Sie bereits vorbereitet darauf, daß auch die Psychologe 
dcis Rätsel der Weiblichkeit nicht lösen wird. Diese Aufklärung 
muß wohl anderswoher kommen und kann nicht kommen, ehe 
wir erfahren haben, wie die Differenzierung der lebenden Wesen 



2^2 Schriften aus den Jakren T<>2S — T^)J 

in zwei Geschlechter überhaupt entstanden ist. Nichts wissen wir 
darüber und die Zweigeschlechtlichkeit ist doch ein so auffalliger 
Charakter des organischen Lebens, durch den es sich scharf von 
der unbelebten Natur scheidet. Unterdes finden wir an jenen mensch- 
lichen Individuen, die durch den Besitz von weibliclien Genitalien 
als manifest oder vorwiegend weiblich charakterisiert sind, genug 
zu studieren. Der Eigenart der Psychoanalyse entspricht es dann, 
daß sie nicht beschreiben will, was das Weib ist, — das wäre 
eine für sie kaum lösbare Aufgabe, — sondern untersucht, wie 
es wird, wie sich das Weib aus dem bisexuell veranlagten Kind 
entwickelt. Wir haben darüber einiges in letzter Zeit erfahren, 
dank dem Umstände, daß mehrere unserer trefflichen Kolleginnen 
in der Analyse begonnen haben, diese Frage zu bearbeiten. Die 
Diskussion darüber hat aus dem Unterschied der Geschlechter einen 
besonderen Reiz bezogen, denn jedesmal, wenn eine Vergleichung 
zu Ungunsten ihres Geschlechts auszufallen schien, konnten unsere 
Damen den Verdacht äußern, daß wir, die männlichen Analytiker, 
gewisse tief eingewurzelte Vorurteile gegen die Weiblichkeit nicht 
überwunden hätten, was sich nun durch die Parteilichkeit unserer 
Forschung strafte. Wir hatten es dagegen auf dem Boden der 
Bisexualität leicht, jede Unhöflichkeit zu vermeiden. Wir brauchten 
nur zu sagen; Das gilt nicht für Sie. Sie sind eine Ausnahme, in 
diesem Punkt mehr männlich als weiblich. 

Mit zwei Erwartungen treten wir auch an die Untersuchung 
der weiblichen Sexualentwicklung heran: Die erste, daß auch hier 
die Konstitution sich nicht ohne Sträuben in die Funktion fügen 
wird. Die andere, daß die entscheidenden Wendungen bereits vor 
der Pubertät angebahnt oder vollzogen sein werden. Beide sind 
bald bestätigt. Des weiteren sagt uns der Vergleich mit den Ver- 
hältnissen beim Knaben, daß die Entwicklung des kleinen Mädchens 
zum normalen Weib die schwierigere und kompliziertere ist, denn 
sie umfaßt zwei Aufgaben mehr, zu denen die Entwicklung des 
Mannes kein Gegenstück zeigt. Verfolgen wir die Parallele von 



Neue Folge der VorUsungen zur Einführung in die P sxckoanalyse 2 73 

ihrem Anfang an. Gewiß ist schon das Material bei Knabe und 
Mädchen verschieden; um das festzustellen, braucht es keine Psycho- 
analyse. Der Unterschied in der Bildung der Genitalien wird von 
anderen körperlichen Verschiedenheiten begleitet, die zu bekannt 
sind, als daß sie der Erwähnung bedürften. Auch in der Trieb- 
anlage treten Differenzen hervor, die das spätere Wesen des Weibes 
ahnen lassen. Das kleine Mädchen ist in der Regel weniger aggressiv, 
trotzig und selbstgenügsam, es scheint mehr Bedürfnis nach Zärt- 
lichkeit zu haben, die man ihm erweisen soll, darum abhängiger 
und gefügiger zu sein. Daß es sich leichter und schneller zur 
Beherrschung der Exkretionen erziehen läßt, ist sehr wahrschein- 
lich nur die Folge dieser Gefügigkeit; Harn und Stuhl sind ja die 
ersten Geschenke, die das Kind seinen Pflegepersonen macht, deren 
Beherrschung die erste Konzession, die sich das kindliche Triebleben 
abringen läßt. Man empfängt auch den Eindruck, daß das kleine 
Mädchen intelligenter, lebhafter ist als der gleichaltrige Knabe, es 
kommt der Außenwelt mehr entgegen, macht zur gleichen Zeit 
stärkere Objektbesetzungen. Ich weiß nicht, ob dieser Vorsprung 
der Entwicklung durch exakte Feststellungen erhärtet worden ist, 
jedenfalls steht es fest, daß das Mädchen nicht intellektuell rück- 
ständig genannt werden kann. Aber diese Geschlechtsunterschiede 
kommen nicht sehr in Betracht, sie können durch individuelle 
Variationen aufgewogen werden. Für die Absichten, die wir zu- 
nächst verfolgen, können wir sie vernachlässigen. 

Die frühen Phasen der Libidoentwicklung scheinen beide Ge- 
schlechter in gleicher Weise durchzumachen. Man hätte erwarten 
können, daß sich beim Mädchen bereits in der sadistisch-analen 
Phase ein Zurückbleiben der Aggression äußert, aber das trifft nicht 
ein. Die Analyse des Kinderspiels hat unseren weiblichen Analytikern 
gezeigt, daß die aggressiven Impulse der kleinen Mädchen an Reich- 
lichkeit und Heftigkeit nichts zu wünschen übrig lassen. Mit dem 
Eintritt in die phaUische Phase treten die Unterschiede der Ge- 
schlechter vollends gegen die Übereinstimmungen zurück. Wir 

Freud Xn. ^g 



274 Sch riften aus den Jahren 192S — JtJJ j _^_^ 

müssen nun anerkennen, das kleine Mädchen sei ein kleiner Mann. 
Diese Phase ist beim Knaben bekanntlich dadurch ausgezeichnet, 
daß er sich von seinem kleinen Penis lustvolle Sensationen zu ver- 
schaffen weiß und dessen erregten Zustand mit seinen Vorstellungen 
von sexuellem Verkehr zusammenbringt. Das nämliche tut das 
Mädchen mit ihrer noch kleineren Klitoris. Es scheint, daß sich 
bei ihr alle onanistischen Akte an diesem Penisäquivalent abspielen, 
daß die eigentlich weibhche Vagina noch für beide Geschlechter 
unentdeckt ist. Vereinzelte Stimmen berichten zwar auch von früh- 
zeitigen vaginalen Sensationen, aber es dürfte nicht leicht sein, 
solche von analen oder Vorhofsensationen zu unterscheiden; auf 
keinen Fall können sie eine große Rolle spielen. Wir dürfen daran 
festhalten, daß in der phalHschen Phase des Mädchens die Khtoris 
die leitende erogene Zone ist. Aber so soll es ja nicht bleiben, mit 
der Wendung zur Weiblichkeit soll die Klitoris ihre Empfindlich- 
keit und damit ihre Bedeutung ganz oder teilweise an die Vagina 
abtreten, und dies wäre die eine der beiden Aufgaben, die von 
der Entwicklung des Weibes zu lösen sind, während der glück- 
lichere Mann zur Zeit der Geschlechtsreife nur fortzusetzen braucht, 
was er in der Periode der sexuellen Frühblüte vorgeübt hatte. 
Wir werden auf die Rolle der Klitoris noch zurückkommen, 
wenden uns jetzt zur zweiten Aufgabe, mit der die Entwicklung 
des Mädchens belastet ist. Das erste Liebesobjekl des Knaben ist 
die Mutter, sie bleibt es auch in der Formation des Ödipuskomplexes, 
im Grunde genommen durchs ganze Leben hindurch. Auch fürs 
Mädchen muß die Mutter — und die mit ihr verschmelzenden 
Gestalten der Amme, Pflegerin — das erste Objekt sein; die ersten 
Objektbesetzungen erfolgen ja in Anlehnung an die Befriedigung 
der großen und einfachen Lebensbedürfnisse, und die Verhältnisse 
der Kinderpflege sind für beide Geschlechter die gleichen. In der 
Ödipussituation ist aber für das Mädchen der Vater das Liebes- 
objekt geworden, und wir erwarten, daß sie bei normalem Ablauf 
der Entwicklung vom Vaterobjekt aus den Weg zur endgültigen 



Neue Folge der Forlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 275 

Objektwahl finden wird. Das Mädchen soll also im Wandel der 
Zeiten erogene Zane und Objekt tauschen, die beide der Knabe 
beibehält. Es entstellt dann die Frage, wie geht das vor sich, im 
besonderen: wie kommt das Mädchen von der Mutter zur Bindung 
an den Vater, oder mit anderen Worten: aus ihrer männlichen 
in die ihr biologisch bestimmte weibliche Phase? 

Nun wäre es eine Lösung von idealer Einfachheit, wenn wir 
annehmen dürften, von einem bestimmten Alter an mache sich 
der elementare Einfluß der gegengeschlechtlichen Anziehung geltend 
und dränge das kleine Weib zum Mann, während dasselbe Gesetz 
dem Knaben das Beharren bei der Mutter gestatte. Ja man könnte 
hinzunehmen, daß die Kinder dabei den Winken folgen, die ihnen 
die geschlechtliche Bevorzugung der Eltern gibt. Aber so gut sollen 
wir es nicht haben, wir wissen kaum, ob wir an jene geheimnis- 
volle, analytisch nicht weiter zersetzbare Macht, von der die Dichter 
soviel schwärmen, im Ernst glauben dürfen. Wir haben eine Aus- 
kunft ganz anderer Art aus mühevollen Untersuchungen gewonnen, 
für welche wenigstens das Material leicht zu beschaffen war. Sie 
müssen nämlich wissen, daß die Zahl der Frauen, die bis in späte 
Zeiten in der zärtlichen Abhängigkeit vom Vaterobjekt, ja noch 
vom realen Vater verbleiben, eine sehr große ist. An solchen Frauen 
mit intensiver und lang andauernder Vaterbindung haben wir über- 
raschende Feststellungen gemacht. Wir wußten natürlich, daß es 
ein Vorstadium von Mutterbindung gegeben hatte, aber wir wußten 
nicht, daß es so inhaltsreich sein, so lang anhalten, so viel Anlässe 
zu Fixierungen und Dispositionen hinterlassen könne. Während 
dieser Xeh ist der Vater nur ein lästiger Rivale^ in manchen Fällen 
überdauert die Mutterbindung das vierte Jahr. Fast alles, was wir 
später in der Vaterbeziehung finden, war schon in ihr vorhanden 
und ist nachher auf den Vater übertragen worden. Kurz, wir ge- 
winnen die Überzeugung, daß man das Weib nicht verstehen kann, 
wenn man nicht diese Phase der präödipalen Mutterbindung 
würdigt. 

i8« 



276 Schriften aus den Jahren 192S — Ip)] 

Nun wollen wir gerne wissen, welches die libidinösen Bezie- 
hungen des Mädchens zur Mutter sind. Die Antwort lautet: sie 
sind sehr mannigfaltig. Da sie durch alle drei Phasen der kind- 
lichen Sexualität gehen, nehmen sie auch die Charaktere der ein- 
zelnen Phasen an, drücken sich durch orale, sadistisch-anale und 
phallische Wünsche aus. Diese Wünsche vertreten sowohl aktive 
als passive Regungen; wenn man sie auf die später auftretende 
Differenzierung der Geschlechter bezieht, was man aber möglichst 
vermeiden soll, kann man sie männliche und weibliche heißen. 
Sie sind überdies voll ambivalent, ebensowohl zärtlicher als feind- 
selig-aggressiver Natur. Die letzteren kommen oft erst zum Vor- 
schein, nachdem sie in Angptvorstellungen verwandelt worden sind. 
Es ist nicht immer leicht, die Formulierung dieser frühen Sexual- 
wünsche aufzuzeigen^ am deutlichsten drückt sich der Wunsch 
aus, der Mutter ein Kind zu machen, wie der ihm entsprechende, 
ihr ein Kind zu gebären, beide der phallischen Zeit angehörig, 
befi-emdend genug, aber durch die analytische Beobachtung über 
jeden Zweifel festgestellt. Der Reiz dieser Untersuchungen liegt 
in den überraschenden Einzelfunden, die sie uns bringen. So z, B. 
entdeckt man die Angst, umgebracht oder vergiftet zu werden, 
die später den Kern einer paranoischen Erkrankung bilden kann, 
schon in dieser präödipalen Zeit auf die Mutter bezogen. Oder 
ein anderer Fall: Sie erinnern sich an eine interessante Episode 
aus der Geschichte der analytischen Forschung, die mir viele pein- 
liche Stunden verursacht hat. In der Zeit, da das Hauptinteresse 
auf die Aufdeckung sexueller Kindheitstraumen gerichtet war, er- 
zählten mir fast alle meine weiblichen Patienten, daß sie vom 
Vater verführt worden waren. Ich mußte endlich zur Einsicht 
kommen, daß diese Berichte unwahr seien, und lernte so verstehen, 
daß die hysterischen Symptome sich von Phantasien, nicht von 
realen Begebenheiten ableiten. Später erst konnte ich in dieser 
Phantasie von der Verführung durch den Vater den Ausdruck des 
typischen Ödipuskomplexes beim Weibe erkennen. Und nun findet 



Neue Folge der Forlesungen zur Einführung in die Psychoana lyse 277 

man in der präödipalen Vorgeschichte der Mädchen die Verführungs- 
phaatasie wieder, aber die Verführerin ist regelmäßig die Mutter. 
Hier aber berührt die Phantasie den Boden der Wirklichkeit, denn 
es war wirkljch die Mutter, die bei den Verrichtungen der Körper- 
pflege Lustempfindungen am Genitale hervorrufen, vielleicht sogar 
zuerst erwecken mußte. 

Ich erwarte, daß Sie zu dem Verdacht bereit seien, diese Schilde- 
rung von der Reichhaltigkeit und der Stärke der sexuellen Bezie- 
hungen des kleinen Mädchens zu seiner Mutter sei sehr überzeichnet. 
Man hat doch Gelegenheit, kleine Mädchen zu sehen, und merkt 
ihnen nichts dergleichen an. Aber der Einwand trifft nicht zu- 
man kann genug an den Kindern sehen, wenn man zu beobachten 
versteht, und überdies wollen Sie bedenken, wie wenig von seinen 
sexuellen Wünschen das Kind zu vorbewußtem Ausdruck bringen 
oder gar mitteilen kann. Wir bedienen uns dann nur eines guten 
Rechts, wenn wir nachträglich die Residuen und Konsequenzen 
dieser Gefühlswelt an Personen studieren, bei denen diese Entwick- 
lungsvorgänge eine besonders deutliche oder selbst eine übermäßige 
Ausbildung erreicht hatten. Die Pathologie hat uns ja immer den 
Dienst geleistet, durch Isolierung und Übertreibung Verhältnisse 
kenntlich zu machen, die in der Normahtat verdeckt geblieben 
wären. Und da unsere Untersuchungen keineswegs an schwer ab- 
normen Menschen ausgeführt worden sind, meine ich, wir dürfen 
ihre Ergebnisse für glaubwürdig halten. 

Wir werden jetzt unser Interesse auf die eine Frage richten, wo- 
ran denn diese mächtige Mutterbindung des Mädchens zu Grunde 
geht. Wir wissen, das ist ihr gewöhnliches Schicksal; sie ist dazu 
bestimmt, der Vaterbindung den Platz zu räumen. Da stoßen wir 
auf eine Tatsache, die uns den weiteren Weg weist. Es handelt 
sich bei diesem Schritt in der Entwicklung nicht um einen ein- 
fachen Wechsel des Objekts. Die Abwendung von der Mutter ge- 
schieht im Zeichen der Feindseligkeit, die Mutterbindung geht in 
Haß aus. Ein solcher Haß kann sehr auffällig werden und durchs 



3^8 Schriften aus den Jahren I92S—I9)S 



ganze Leben anhalten, er kann später sorgfältig überkompensiert 
werden in der Regel wird ein Teil von ihm überwunden, ein 
anderer Teil bleibt bestehen. Darauf haben die Begebenheiten 
späterer Jahre natürhch starken Einfluß. Wir beschränken uns 
aber darauf, ihn zur Zelt der Wendung zum Vater zu studieren 
und nach seinen Motivierungen zu befragen. Wir hören dann 
eine lange Liste von Anklagen und Beschwerden gegen die Mutter, 
die die feindseligen Gefühle des Kindes rechtfertigen sollen, von 
sehr verschiedenem Wert, deren Würdigung wir nicht unterlassen 
werden. Manche sind offenkundige Rationahsierungen, die wirk- 
lichen Quellen der Feindschaft haben wir zu finden. Ich hoffe, 
Sie werden Anteil daran nehmen, wenn ich Sie diesmal durch 
alle Details einer psychoanalytischen Untersuchung führe. 

Der Vorwurf gegen die Mutter, der am weitesten zurückgreift, 
lautet, daß sie dem Kind zu wenig Milch gespendet hat, was ihr 
als Mangel an Liebe ausgelegt wird. Nun hat dieser Vorwurf in 
unseren FamiUen eine gewisse Berechtigung. Die Mütter haben 
oft nicht genug Nahrung für das Kind und begnügen sich damit, 
es einige Monate, ein halbes oder dreiviertel Jahre zu säugen. 
Bei primitiven Völkern werden die Kinder bis zu zwei und drei 
Jahren an der Mutterbrust genährt. Die Gestalt der nährenden 
Amme wird in der Regel mit der Mutter verschmolzen; wo dies 
nicht geschehen ist, wandelt sich der Vorwurf in den anderen, 
daß sie die Amme, die das Kind so bereitwillig nährte, zu früh 
weggeschickt hat. Aber was immer der wirkliche Sachverhalt ge- 
wesen sein mag, es ist unmöglich, daß der Vorwurf des Kindes 
so oft berechtigt ist, als man ihm begegnet. Es scheint vielmehr, 
daß die Gier des Kindes nach seiner ersten Nahrung überhaupt 
unstillbar ist, daß es den Verlust der Mutterbrust niemals ver- 
schmerzt. Ich wäre gar nicht überrascht, wenn die Analyse eines 
Primitiven, der noch an der Mutterbrust saugen durfte, als er 
schon laufen und sprechen konnte, denselben Vorwurf zu Tage 
fördern würde. Mit der Entziehung der Brust hängt wahrscheinlich 



Nene Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 279 

auch die Angst vor Vergiftung zusammen. Gift ist die Nahrung, 
die einen krank macht. Vielleicht führt das Kind auch seine frühen 
Erkrankungen auf diese Versagung zurück. Es gehört bereits ein 
gut Stück intellektueller Schulung dazu, um an Zufall zu glauben; 
der Primitive, der Ungebildete, gewiß auch das Kind, wissen für 
alles, was geschieht, einen Grund anzugeben. Vielleicht war es 
ursprünglich ein Motiv im Sinne des Animismus. In manchen 
Schichten unserer Bevölkerung kann noch heute niemand sterben, 
der nicht von einem anderen umgebracht worden wäre, am besten 
vom Doktor. Und die regelmäßige neurotische Reaktion auf den 
Tod einer nahestehenden Person ist doch die Selbstbeschuldigung, 
daß man selbst diesen Tod verursacht hat. 

Die nächste Anklage gegen die Mutter flammt auf, wenn das 
nächste Kind in der Kinderstube erscheint. Wenn möglich, hält sie 
den Zusammenhang mit der oralen Versagung fest. Die Mutter 
konnte oder wollte dem Kind nicht mehr Milch geben, weil sie 
die Nahrung für das neu Angekommene brauchte. Im Falle, daß 
die beiden Kinder so nahe beisammen sind, daß die Laktation durch 
die zweite Gravidität geschädigt wird, erwirbt ja dieser Vorwurf 
eine reale Begründung, und merkwürdigerweise ist das Kind auch 
bei einer Altersdifferenz von nur 1 1 Monaten nicht zu jung, um 
den Sachverhalt zur Kenntnis zu nehmen. Aber nicht allein die 
Milchnahrung mißgönnt das Kind dem unerwünschten Eindringling 
und Rivalen, sondern ebenso alle anderen Zeichen der mütterlichen 
Fürsorge. Es fühlt sich entthront, beraubt, in seinen Rechten ge- 
schädigt, wirft einen eifersüchtigen Haß auf das Geschwisterchen 
und entwickelt einen Groll auf die ungetreue Mutter, der sich 
sehr oft in einer unliebsamen Veränderung seines Benehmens Aus- 
druck schafft. Es wird etwa „schlimm", reizbar, unfolgsam und 
macht seine Erwerbungen in der Beherrschung der Ausscheidungen 
rückgängig. Das ist alles längst bekannt und wird als selbstver- 
ständlich hingenommen, aber wir machen uns selten die richtige 
Vorstellung von der Stärke dieser eifersüchtigen Regungen, von der 



aSo Schriften aus den Jahren 192S — 19)3 

Zähigkeit, mit der sie haften bleiben, sowie von der Größe ihres 
Einflusses auf die spätere Entwicklung. Besonders, da dieser Eifer- 
sucht in den späteren Kinderjahren immer neue Nahrung zugeführt 
wird und die ganze Erschütterung sich bei jedem neuen Ge- 
schwisterchen wiederholt. Es ändert auch nicht viel daran, wenn 
das Kind etwa der bevorzugte Liebling der Mutter bleibt; die 
Liebesansprüche des Kindes sind unmäßig, fordern Ausschließlich- 
keit, lassen keine Teilung zu. 

Eine reichliche Quelle für die Feindseligkeit des Kindes gegen 
die Mutter ergeben seine mannigfachen, je nach der Libidophase 
wechselnden Sexualwünsche, die meist nicht befriedigt werden 
können. Die stärkste dieser Versagungen ereignet sich in der phalli- 
schen Zeit, wenn die Mutter die lustvolle Betätigung am Genitale 
verbietet, — oft unter harten Drohungen und mit allen Zeichen 
des Unwillens, — zu der sie doch das Kind selbst angeleitet hatte. 
Man sollte meinen, das wären Motive genug, die Abwendung des 
Mädchens von der Mutter zu begründen. Man würde dann urteilen, 
diese Entzweiung folge unvermeidlicherweise aus der Natur der 
kindlichen Sexualität, aus der Unmäßigkeit der Liebesansprüche und 
der Unerfüllbarkeit der Sexualwünsche. Ja vielleicht denkt man 
diese erste Liebesbeziehung des Kindes sei zum Untergang ver- 
urteilt, eben darum, weil sie die erste ist, denn diese frühzeitigen 
Objektbesetzungen sind regelmäßig im hohen Grade ambivalent- 
neben der starken Liebe ist immer eine starke Aggressionsneigung 
vorhanden, und je leidenschaftlicher das Kind sein Objekt liebt, desto 
empfindlicher wird es gegen Enttäuschungen und Versagungen von 
dessen Seite. Endhch muß die Liebe der angehäuften Feindseligkeit 
erliegen. Oder man kann eine solche ursprüngliche Ambivalenz der 
Liebesbesetzungen ablehnen und darauf hinweisen, daß es die 
besondere Natur des Mutter-Kind-Verhältnisses ist, die mit der 
gleichen Unvermeidlichkeit zur Störung der kindlichen Liebe führt, 
denn auch die mildeste Erziehung kann nicht anders als Zwang 
ausüben und Einschränkungen einführen, und jeder solche Eingriff 



-^gue Folge der Forlesungen zur Einführung in die Psy choanalyse 28 1 

in seine Freiheit muß beim Kind als Reaktion die Neigung zur 
Auflehnung und Aggression hervorrufen. Ich meine, die Diskussion 
dieser Möglichkeiten könnte sehr interessant werden, aber da stellt 
sich plötzlich ein Einwand ein, der unser Interesse in eine andere 
Richtung drängt. Alle diese Momente, die Zurücksetzungen, Liebes- 
enttäuschungen, die Eifersucht, die Verführung mit nachfolgendem 
Verbot, kommen doch auch im Verhältnis des Knaben zur Mutler 
zur Wirksamkeit und sind doch nicht imstande, ihn dem Mutter- 
objekt zu entfremden. Wenn wir nicht etwas finden, was für das 
Mädchen spezifisch ist, beim Knaben nicht oder nicht so vorkommt, 
haben wir den Ausgang der Mutterbindung beim Mädchen nicht 
erklärt. 

Ich meine, wir haben dies spezifische Moment gefunden, und 
zwar an erwarteter Stelle, wenn auch in überraschender Form. An 
erwarteter Stelle, sage ich, denn es liegt im Kastrationskomplex. 
Der anatomische Unterschied muß sich doch in psychischen Folgen 
ausprägen. Eine Überraschung war es aber, aus den Analysen zu 
erfahren, daß das Mädchen die Mutter für seinen Penismangel 
verantworüich macht und ihr diese Benachteihgung nicht verzeiht. 

Sie hören, wir schreiben auch dem Weib einen Kastrations- 
komplex zu. Mit gutem Grund, aber er kann nicht denselben Inhalt 
haben wie beim Knaben. Bei diesem entsteht der Kastrationskomplex, 
nachdem er durch den Anblick eines weiblichen Genitales erfahren 
hat, daß das von ihm so hoch geschätzte Glied nicht notwendig 
mit dem Körper beisammen sein muß. Er entsinnt sich dann der 
Drohungen, die er sich durch seine Beschäftigung mit dem Glied 
zugezogen, fängt an, ihnen Glauben zu schenken, und gerät von 
da an unter den Einfluß der Kastrationsangst, die der mächtigste 
Motor seiner weiteren Entwicklung wird. Auch der Kastrations- 
komplex des Mädchens wird durch den Anblick des anderen Genitales 
eröffnet. Es merkt sofort den Unterschied und — man muß es 
zugestehen — auch seine Bedeutung. Es fühh sich schwer beein- 
trächtigt, äußert oft, es möchte „auch so etwas haben" und ver- 



382 - Schriften aus den Jahren l^2S — I^}} 

fällt nun dem P e n i s n e i d, der unvertilgbare Spuren in seiner 
Entwicklung und Charakterbildung hinterlassen, auch im günstigsten 
Fall nicht ohne schweren psychischen Aufwand überwunden werden 
wird. Daß das Mädchen die Tatsache ihres Penismangels anerkennt, 
will nicht etwa besagen, daß sie sich ilir leichthin unterwirft. Im 
Gegenteil, sie hält noch lange an dem Wunsch fest, auch so etwas 
zu bekommen, glaubt an diese Möglichkeit bis in unwahrscheinlich 
weite Jahre, und noch zu Zeiten, wenn das Wissen um die Realität 
die Erfüllung dieses Wunsches längst als unerreichbar beiseite ge- 
worfen hat, kann die Analyse nachweisen, daß er im Unbewußten 
erhalten geblieben ist und eine ansehnliche Energiebesetzung be- 
wahrt hat. Der Wunsch, den ersehnten Penis endlich doch zu 
bekommen, kann noch seinen Beitrag zu den Motiven leisten, 
die das gereifte Weib in die Analyse drängen, und was sie ver- 
ständigerweise von der Analyse erwarten kann, etwa die Fähigkeit, 
einen intellektuellen Beruf auszuüben, läßt sich oft als eine sub- 
limierte Abwandlung dieses verdrängten Wunsches erkennen. 

An der Bedeutsamkeit des Penisneides kann man nicht gut 
zweifeln. Hören Sie sich als ein Beispiel männlicher Ungerechtig- 
keit die Behauptung an, daß Neid und Eifersucht im Seelenleben 
der Frauen eine noch größere Rolle spielen als bei den Männern, 
Nicht daß diese Eigenschaften bei Männern vermißt würden oder 
daß sie bei Frauen keine andere Wurzel hätten als den Penisneid, 
aber wir sind geneigt, das Mehr bei den Frauen diesem letzteren 
Einfluß zuzuschreiben. Es hat sich aber bei manchen Analytikern 
die Neigung ergeben, jenen ersten Schub von Penisneid, in der 
phallischen Phase, in seiner Bedeutung herabzudrücken. Sie meinen, 
was man von dieser Einstellung bei der Frau findet, sei der Haupt- 
sache nach eine sekundäre Bildung, die bei Gelegenheit späterer 
Konflikte durch Regression auf jene frühinfantile Regung zustande 
gekommen. Nun ist das ein allgemeines Problem der Tiefenpsycho- 
logie. Bei vielen pathologischen — oder auch nur ungewöhn- 
lichen ~ Triebeinstellungen, z. B. bei allen sexuellen Perversionen, 



Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 2S5 



^o 



fragt es sich, wieviel von deren Stärke den frühinfantilen Fixierungen, 
wieviel dem Einfluß späterer Erlebnisse und Entwicklungen zu- 
zuteilen ist. Es handelt sich dabei fast immer um Ergänzungs- 
reihen, wie wir sie bei der Erörterung der Neurosenätiologie an- 
genommen haben. Beide Momente teilen sich in wechselndem Aus- 
maß in die Verursachung^ ein Minder auf der einen Seite wird 
durch ein Mehr auf der anderen wettgemacht. Das Infantile ist 
in allen Fällen richtunggebend, ausschlaggebend nicht immer, aber 
doch oftmals. Gerade im Fall des Penisneides möchte ich mit Ent- 
schiedenheit für das Übergewicht des infantilen Moments eintreten. 
Die Entdeckung seiner Kastration ist ein Wendepunkt in der 
Entwicklung des Mädchens. Drei Entwicklungsrichtungen gehen 
von ihr aus; die eine führt zur Sexualhemmung oder zur Neu- 
rose, die nächste zur Charakterveränderung im Sinne eines Männlich- 
keitskomplexes, die letzte endlich zur normalen Weiblichkeit, Über 
alle drei haben wir ziemlich viel, wenn auch nicht alles erfahren. 
Der wesentliche Inhalt der ersten ist, daß das kleine Mädchen, 
welches bisher männlich gelebt hatte, sich durch Erregung seiner 
Klitoris Lust zu verschaffen wußte und diese Betätigung mit seinen 
oft aktiven Sexual wünschen, die der Mutter galten, in Beziehung 
brachte, sich durch den Einfluß des Penisneides den Genuß seiner 
phallischen Sexuahtät verderben läßt. Durch den Vergleich mit dem 
so viel besser ausgestatteten Knaben in seiner Selbstliebe gekränkt, 
verzichtet es auf die masturbatorische Befriedigung an der Klitoris, 
Terwirfl seine Liebe zur Mutter und verdrängt dabei nicht selten 
ein gutes Stück seiner Sexualstrebungen überhaupt. Die Abwen- 
dung von der Mutter erfolgt wohl nicht mit einem Schlag, denn 
das Mädchen hält seine Kastration zuerst für ein individuelles Un- 
glück, erst allmähhch dehnt sie dieselbe auf andere weibliche Wesen, 
endlich auch auf die Mutter aus. Ihre Liebe hatte der phallischen 
Mutter gegolten; mit der Entdeckung, daß die Mutter kastriert ist, 
wird es möglich, sie als Liebesobjekt fallen zu lassen, so daß die 
lange angesammelten Motive zur Feindseligkeit die Oberhand ge- 



284 ■ Schriften aus den Jahren ip2S — IpSJ 



winnen. Das heißt also, daß durch die Entdeckung der Penislosig- 
keit das Weib dem Mädchen ebenso entwertet wird wie dem Knaben 
und später vielleicht dem Manne. 

Sie wissen alle, welche überragende ätiologische Bedeutung unsere 
Neurotiker ihrer Onanie einräumen. Sie machen sie für alle ihr« 
Beschwerden verantwortlich, und wir haben große Mühe, sie glauben 
zu machen, daß sie im Irrtum sind. Aber eigentlich sollten wir 
ihnen zugestehen, daß sie im Recht sind, denn die Onanie ist die 
Exekutive der kindlichen Sexualität, an deren Fehlentwicklung sie 
allerdings leiden. Nun beschuldigen die Neurotiker meist die Onanie 
der Pubertätszeit^ die frühkindliche, auf die es in Wirklichkeit an- 
kommt, haben sie meist vergessen. Ich wollte, ich hätte einmal 
die Gelegenheit, Ihnen ausführlich darzulegen, wie wichtig alle 
tatsächlichen Einzelheiten der frühen Onanie für die spätere Neu- 
rose oder den Charakter des Einzelnen werden, ob sie entdeckt 
wurde oder nicht, wie die Eltern sie bekämpften oder zuheßen, ob 
es ihm selbst gelang, sie zu unterdrücken. Das alles hat unver- 
gängliche Spuren in seiner Entwicklung hinterlassen. Aber ich bin 
vielmehr froh, daß ich dies nicht zu tun brauche; es wäre eine 
schwere, langwierige Aufgabe und am Ende würden Sie mich in 
Verlegenheit bringen, weil Sie ganz gewiß praktische Ratschläge 
von mir forderten, wie man sich als Elternteil oder als Erzieher 
gegen die Onanie der kleinen Kinder verhalten soll. In der Ent- 
wicklung der Mädchen, die ich Ihnen vorführe, hören Sie nun ein 
Beispiel dafür, daß das Kind sich selbst um die Befreiung von der 
Onanie bemüht. Aber es gelingt ihm nicht immer. Wo der Penis- 
neid einen starken Impuls gegen die klitoridische Onanie erweckt 
hat und diese doch nicht weichen will, entspinnt sich ein heftiger 
Befreiungskampf, in dem das Mädchen gleichsam die Rolle der jetzt 
abgesetzten Mutter selbst aufnimmt und seine ganze Unzufriedenheit 
mit der minderwertigen Klitoris im Widerstreben gegen die Be- 
friedigung an ihr zum Ausdruck bringt. Noch viele Jahre später 
wenn die onanistische Betätigung längst imterdrückt ist, setzt sich 



Neue Fol^e der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 28g 

ein Interesse fort, das wir als Abwehr einer noch immer gefürch- 
teten Versuchung deuten müssen. Es äußert sich im Auftauchen 
von Sympathie für Personen, denen man ähnliche Schwierigkeiten 
zumutet, es geht als Motiv in die Eheschheßung ein, ja es kann 
die Wahl des Ehe- oder Liebespartners bestimmen. Die Erledigung 
der frühkindlichen Masturbation ist wahrlich keine leichte oder 
gleichgültige Sache, 

Mit dem Aufgeben der khtoridischen Masturbation wird auf ein 
Stück Aktivität verzichtet. Die Passivität hat nun die Oberhand 
die Wendung zum Vater wird vorwiegend mit Hilfe passiver Trieb- 
regungen vollzogen. Sie erkennen, daß ein solcher Entwicklungs- 
schub, der die phallische Aktivität aus dem Weg räumt, der Weib- 
lichkeit den Boden ebnet. Wenn dabei nicht zuviel durch Ver- 
drängung verloren geht, kann diese Weiblichkeit normal ausfallen. 
Der Wunsch, mit dem sich das Mädchen an den Vater wendet 
ist wohl ursprünglich der Wunsch nach dem Penis, den ihr die 
Mutter versagt hat und den sie nun vom Vater erwartet. Die weib- 
liche Situation ist aber erst hergestellt, wenn sich der Wunsch nach 
dem Penis durch den nach dem Kind ersetzt, das Kind also nach 
alter symbolischer Äquivalenz an die Stelle des Penis tritt. Es ent- 
geht uns nicht, daß sich das Mädchen schon früher, in der un- 
gestörten phallischen Phase, ein Kind gewünscht hatte^ das war ja der 
Sinn ihres Spieles mit Puppen. Aber dies Spiel war nicht eigentlich 
der Ausdruck ihrer Weiblichkeit, es diente der Mutteridentifizierung 
in der Absicht der Ersetzung der Passivität durch Aktivität. Sie 
spielte die Mutter und die Puppe war sie selbstj nun konnte sie 
an dem Kind all das tun, was die Mutter an ihr zu tun pflegte. 
Erst mit dem Einmünden des Peniswunsches wird das Puppenkind 
ein Kind vom Vater und von da an das stärkste weibhche Wunsch- 
zieL Das Glück ist groß, wenn dieser Kinderwunsch später einmal 
seine reale Erfüllung findet, ganz besonders aber, wenn das Kind 
ein Knäblein ist, das den ersehnten Penis mitbringt. In der Zu- 
sammenstellung „Ein Kind vom Vater" ruht der Akzent häufig genug 



286 Schriften aus den Jahren 7^2^ — l^)^ 

auf dem Kind und läßt den Vater unbetont. So schimmert der 
alte männliche Wunsch nach dem Besitz des Penis noch durch die 
voUendeie Weiblichkeit durch. Aber vielleicht sollten wir diesen 
Peniswunsch eher als einen exquisit weiblichen anerkennen. 

Mit der Übertragung des Kind-Penis- Wunsches auf den Vater 
ist das Mädchen in die Situation des Ödipuskomplexes eingetreten. 
Die Feindseligkeit gegen die Mutter, die nicht erst neu geschaffen 
zu werden brauchte, erfährt jetzt eine große Verstärkung, denn 
sie wird zur Rivalin, die vom Vater all das erhält, was das Mädchen 
von ihm begehrt. Der Ödipuskomplex des Mädchens hat uns lange 
den Einblick in dessen präödipale Mutterbindung verhüllt, die doch 
so wichtig ist und so nachhaltige Fixierungen hinterläßt. Für das 
Mädchen ist die Öd ipussit.ua tion der Ausgang einer langen und 
schwierigen Entwicklung,eine Art vorläufiger Erledigung, eine Ruhe- 
position, die man nicht so bald verläßt, besonders da der Beginn der 
Latenzzeit nicht fern ist. Und nun fällt uns im Verhältnis des Ödipus- 
komplexes zum Kastrationskomplex ein Unterschied zwischen den 
Geschlechtern auf, der wahrscheinlich folgenschwer ist. Der Ödipus- 
komplex des Knaben, in dem er seine Mutter begehrt und seinen 
Vater als Rivalen beseitigen möchte, entwickelt sich natürlich aus 
der Phase seiner phallischen Sexualität. Die Kastrationsdrohung zwingt 
ihn aber, diese Einstellung aufzugeben. Unter dem Eindruck der 
Gefahr, den Penis zu verlieren, wird der Ödipuskomplex verlassen, 
verdrängt, im normalsten Falle gründlich zerstört, und als sein Erbe 
ein strenges Über-lch eingesetzt. Was beim Mädchen geschieht, ist 
beinahe das Gegenteil. Der Kastrationskomplex bereitet den Ödipus- 
komplex vor anstatt ihn zu zerstören, durch den Einfluß des Penis- 
neides wird das Mädchen aus der Mutterbindung vertrieben und 
läuft in die Ödipussituation wie in einen Hafen ein. Mit dem Weg- 
fall der Kastrationsangst entfällt das Hauptmotiv, das den Knaben 
gedrängt hatte, den Ödipuskomplex zu überwinden. Das Mädchen 
verbleibt in ihm unbestimmt lange, baut ihn nur spät und dann 
unvollkommen ab. Die Bildung des Über-Ichs muß unter diesen 



Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 287 

Verhältnissen leiden, es kann nicht die Stärke und die Unabhängig- 
keit erreichen, die ihm seine kulturelle Bedeutucig verleihen und 
— Feministen hören es nicht gerne, wenn man auf die Aus- 
wirkungen dieses Moments für den durchschnittlichen weiblichen 
Charakter hinweist. 

Um nun zurückzugreifen: als die zweite der möglichen Re- 
aktionen nach der Entdeckung der weiblichen Kastration haben wir 
die Entwicklung eines starken Mannlichkeits komplex es erwähnt. 
Damit ist gemeint, daß das Mädchen sich gleichsam weigert, die 
unliebsame Tatsache anzuerkennen, in trotziger Auflehnung seine 
bisherige Männlichkeit noch übertreibt, an seiner klitoridischen Be- 
tätigung festhält und seine Zuflucht zu einer Identifizierung mit 
der phallischen Mutter oder dem Vater nimmt. Was kann für diesen 
Ausgang entscheidend sein? Wir können uns nichts anderes vor- 
stellen als einen konstitutionellen Faktor, ein größeres Ausmaß von 
Aktivität, wie es sonst für das Männchen charakteristisch ist. Das 
Wesentliche des Vorganges ist doch, daß an dieser Stelle der Ent- 
wicklung der Passivitätsschub vermieden wird, der die Wendung 
zur Weiblichkeit eröffnet. Als die äußerste Leistung dieses Männlich- 
keitskomplexes erscheint uns die Beeinflussung der Objektwahl 
im Sinne einer manifesten Homosexualität. Die analytische Er- 
fahrung lehrt uns zwar, daß die weibliche Homosexualität selten 
oder nie die infantile Männlichkeit gradlinig fortsetzt. Es scheint 
dazuzugehören, daß auch solche Mädchen für eine Weile den Vater 
zum Objekt nehmen und sich in die Ödipussituation begeben. 
Dann aber werden sie durch die unausbleiblichen Enttäuschungen 
am Vater zur Regression auf ihren frühen Männlichkeitskomplex 
gedrängt. Man darf die Bedeutung dieser Enttäuschungen nicht 
überschätzen; sie bleiben auch dem zur Weiblichkeit bestimmten 
Mädchen nicht erspart, ohne den gleichen Erfolg zu haben. Die 
Übermacht des konstitutionellen Moments scheint unbestreitbar, 
aber die zwei Phasen in der Entwicklung der weiblichen Homo- 
sexualität spiegeln sich sehr schön in den Praktiken der Homo- 



288 Schriften aus den Jakren 1^28 — /^^j 



sexuellen, die ebenso oft und ebenso deutlich Mutter und Kind mit- 
einander spielen wie Mann und Weib. 

Was ich Ihnen da erzählt habe, ist sozusagen die Vorgeschichte 
des Weibes. Es ist eine Erwerbung der allerletzten Jahre, mag 
Ihnen als Probe analytischer Kleinarbeit interessant gewesen sein. 
Da die Frau selbst das Thema ist, gestatte ich mir, diesmal einige 
Frauen namentlich zu erwähnen, denen diese Untersuchung wichtige 
Beiträge verdankt. Dr. Ruth Mack Brunswick hat als die erste 
einen Fall von Neurose beschrieben, der auf eine Fixierung im 
präödipalen Stadium zurückging und die Ödipussituation überhaupt 
nicht erreicht hatte. Er hatte die Form einer Eifersuchtsparanoia und 
erwies sich der Therapie zugänglich. Dr. Jeanne Lampl-de Groot 
hat die so unglaubwürdige phallische Aktivität des Mädchens 
gegen die Mutter in gesicherten Beobachtungen festgestellt, 
Dr. Helene Deutsch gezeigt, daß die Liebesakte homosexueller 
Frauen die Mutter- Kind-Beziehungen reproduzieren. 

Das weitere Verhalten der Weiblichkeit durch die Pubertät bis 
in die Zeit der Reife zu verfolgen, liegt nicht in meiner Absicht. 
Unsere Einsichten wären auch unzureichend dafür. Einige Züge 
werde ich im nachfolgenden zusammenstellen. An die Vorgeschichte 
anknüpfend, will ich hier nur hervorheben, daß die Entfaltung der 
Weiblichkeit der Störung durch die Resterscheinungen der männ- 
lichen Vorzeit ausgesetzt bleibt. Regressionen zu den Fixierungen 
jener präödipalen Phasen ereignen sich sehr häufige in manchen 
Lebensläufen kommt es zu einem wiederholten Alternieren von 
Zeiten, in denen die Männhchkeit oder die Weibhchkeit die Ober- 
hand gewonnen hat. Ein Stück dessen, was wir Männer das „Rätsel 
des Weibes" heißen, leitet sich vielleicht von diesem Ausdruck der 
Bisexualität im weiblichen Leben ab. Aber eine andere Frage scheint 
während dieser Untersuchungen spruchreif geworden zu sein. Wir 
haben die Triebkraft des Sexuallebens Libido genannt. Das Sexual- 
leben wird von der Polarität Männlich-Weiblich beherrscht^ also 
liegt es nahe, das Verhältnis der Libido zu diesem Gegensatz ins 



N^pue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 289 

Auge zu fassen. Es wäre nicht überraschend, wenn sich heraus- 
stellte, daß jeder Sexualität ihre besondere Libido zugeordnet wäre, 
so daß eine Art von Libido die Ziele des männlichen, eine andere 
die des weiblichen Sexuallebens verfolgen würde. Aber nichts der- 
gleichen ist der Fall. Es gibt nur eine Libido, die in den Dienst 
der männlichen wie der weiblichen Sexualfunktion gestellt wird. 
Wir können ihr selbst kein Geschlecht geben- wenn wir sie nach 
der konventionellen Gleichstellung von Aktivität und Männhchkeit 
selbst männlich heißen wollen, dürfen wir nicht vergessen daß sie 
auch Strebungen mit passiven Zielen vertritt. Immerhin, die Zu- 
sammenstellung „weibliche Libido" laßt jede Rechtfertigung ver- 
missen. Es ist dann unser Eindruck, daß der Libido mehr Zwang 
angetan wurde, wenn sie in den Dienst der weiblichen Funktion 
gepreßt ist, und daß — um teleologisch zu reden — die Natur ihren 
Ansprüchen weniger sorgfältig Rechnung trägt als im Falle der 
Männlichkeit. Und das mag — wiederum teleologisch gedacht — 
seinen Grund darin haben, daß die Durchsetzung des biologischen 
Ziels der Aggression des Mannes anvertraut und von der Zu- 
stimmung des Weibes einigermaßen unabhängig gemacht worden ist. 

Die sexuelle Frigidität des Weibes, deren Häufigkeit diese Zu- 
rücksetzung zu bestätigen scheint, ist ein erst ungenügend ver- 
standenes Phänomen. Manchmal psychogen und dann der Beein- 
flussung zugänglich, legt sie in anderen Fällen die Annahme einer 
konstitutionellen Bedingtheit, selbst den Beitrag eines anatomischen 
Faktors, nahe. 

Ich habe versprochen, Ihnen noch einige psychische Besonderheiten 
der reifen Weiblichkeit vorzuführen, wie sie uns in der analytischen 
Beobachtung entgegentreten. Mehr als durchschnittlichen Wahrheits- 
wert nehmen wir für diese Behauptungen nicht in Anspruch^ 
auch ist es niclit immer leicht auseinanderzuhalten, was dem Ein- 
fluß der Sexualfunktion und was der sozialen Züchtung zuzu- 
schreiben ist. Wir schreiben also der Weiblichkeit ein höheres 
Maß von Narzißmus zu, das noch ihre Objektwahl beeinflußt, so 

Fre u d XII. ja 



2Q0 



Schriften mis den Jahren 1928—1^^3 



daß eeliebt zu werden dem Weib ein stärkeres Bedürfnis ist als 
zu lieben. An der körperlichen Eitelkeit des Weibes ist noch die 
Wirkung des Penisneides mitbeteiligt, da sie ihre Reize als späte 
Entschädigung für die ursprüngliche sexuelle Minderwertigkeit 
um so höher einschätzen muß. Der Scham, die als eine exquisit 
weibliche Eigenschaft gilt, aber weit mehr konventionell ist, als 
man denken sollte, schreiben wir die ursprüngliche Absicht zu, 
den Defekt des Genitales zu verdecken. Wir vergessen nicht, daß 
sie späterhin andere Funktionen übernommen hat. Man meint, 
daß die Frauen zu den Entdeckungen imd Erfindungen der Kultur- 
geschichte wenig Beiträge geleistet haben, aber vielleicht haben 
sie doch eine Technik erfunden, die des Flechtens und Webens. 
Wenn dem so ist, so wäre man versucht, das unbewußte Motiv 
dieser Leistung zu erraten. Die Natur selbst hätte das Vorbild für 
diese Nachahmung gegeben, indem sie mit der Geschlechtsreife 
die Genitalbehaarung wachsen ließ, die das Genitale verhüllt. Der 
Schritt, der dann noch zu tun war, bestand darin, die Fasern 
aneinander haften zu machen, die am Körper in der Haut staken 
und nur miteinander verfilzt waren. Wenn Sie diesen Einfall als 
phantastisch zurückweisen und mir den Einfluß des Penismangels 
auf die Gestaltung der Weiblichkeit als eine fixe Idee anrechnen, 
bin ich natürUch wehrlos. 

Die Bedingungen der Objektwahl des Weibes sind häufig genug 
durch soziale Verhältnisse unkenntlich gemacht. Wo sie sich frei 
zeigen darf, erfolgt sie oft nach dem narzißtischen Ideal des 
Mannes, der zu werden das Mädchen gewünscht hatte. Ist das 
Mädchen in der Vaterbindung, also im Ödipuskomplex, verblieben, 
so wählt es nach dem Vatertypus. Da bei der Wendung von der 
Mutter zum Vater die Feindseligkeit der ambivalenten Gefühls- 
beziehung bei der Mutter verblieben ist, sollte eine solche Wahl 
eine glückhche Ehe versichern. Aber sehr oft tritt der Ausgang 
ein der eine solche Erledigung des Ambivalenzkonflikts im allge- 
meinen bedroht. Die zurückgelassene Feindseligkeit kommt der 



Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 2qi 

positiven Bindung nach und greift auf das neue Objekt über. Der 
Ehemann, der zunächst vom Vater geerbt hatte, tritt mit der Zeit 
auch das Muttererbe an. So kann es leicht geschehen, daß die 
zweite Hälfte des Lebens einer Frau von dem Kampf gegen ihren 
Mann erfüllt wird wie die kürzere erste von der Auflehnung 
gegen ihre Mutter. Nachdem die Reaktion ausgelebt v\'orden ist, 
kann sich eine zweite Ehe leicht sehr viel befriedigender gestalten. 
Eine andere Wandlung im Wesen der Frau, für die die Liebenden 
nicht vorbereitet sind, mag eintreten, nachdem in der Ehe das 
erste Kind geboren worden ist. Unter dem Eindruck der eigenen 
Mutterschaft kann eine Identifizierung mit der eigenen Mutter 
wiederbelebt werden, gegen die sich das Weib bis zur Ehe ge- 
sträubt hatte, und alle verfügbare Libido an sich reißen so daß 
der Wiederholungszwang eine unglückliche Ehe der Eltern repro- 
duziert. Daß das alte Moment des Penismangels seine Kraft noch 
immer nicht eingebüßt hat, zeigt sich in der verschiedenen Re- 
aktion der Mutter auf die Geburt eines Sohnes oder einer Tochter. 
Nur das Verhältnis zum Sohn bringt der Mutter uneingeschränkte 
Befriedigung; es ist überhaupt die vollkommenste, am ehesten 
ambivalenzfreie aller menschlichen Beziehungen. Auf den Sohn 
kann die Mutter den Ehrgeiz übertragen, den sie bei sich unter- 
drücken mußte, von ihm die Befriedigung all dessen erwarten 
was ihr von ihrem Männlichkeitskomplex verblieben ist. Selbst 
die Ehe ist nicht eher versichert, als bis es der Frau gelungen 
ist, ihren Mann auch zu ihrem Kind zu machen und die Mutter 
gegen ihn zu agieren, 

Die Mutteridentifizierung des Weibes läßt zwei Schichten er- 
kennen, die präödipale, die auf der zärtlichen Bindung an die 
Mutler beruht und sie zum Vorbild nimmt, und die spätere aus 
dem Ödipuskomplex, die die Mutter beseitigen und beim Vater 
ersetzen will. Von beiden bleibt viel für die Zukunft übrig, man 
hat wohl ein Recht zu sagen, keine wird im Laufe der Entwicklung 
in ausreichendem Maße überwunden. Aber die Phase der zärt- 

19" 



292 Schriften aus den Jahren 1928—1^)^ 

liehen präödipalen Bindung ist die für die Zukunft des Weibes 
entscheiden de j in ihr bereitet sich die Erwerbung jener Eigen- 
schaften vor, mit denen sie später ihrer Rolle in der Sexualfunktion 
genügen und ihre unschätzbaren sozialen Leistungen bestreiten 
wird. In dieser Identifizierung gewinnt sie auch die Anziehung 
für den Mann, die dessen ödipale Mutterbindung zur Verliebtheit 
entfacht. Nur daß dann so häufig erst der Sohn das erhält, um 
was er für sich geworben hatte. Man hat den Eindruck, die Liebe 
des Mannes und die der Frau sind um eine psychologische Phasen- 
differenz auseinander. 

Daß man dem Weib wenig Sinn für Gerechtigkeit zuerkennen 
muß, hängt wohl mit dem Überwiegen des Neids in ihrem Seelen- 
leben zusammen, denn die Gerechtigkeilsforderung ist eine Ver- 
arbeitung des Neids, gibt die Bedingung an, unter der man ihn 
fahren lassen kann. Wir sagen auch von den Frauen aus, daß 
ihre sozialen Interessen schwächer und ihre Fähigkeit zur Trieb- 
sublimierung geringer sind als die der Männer. Das erstere leitet 
sich wohl vom dissozialen Charakter ab, der allen Sexual bezieh ungen 
unzweifelhaft eignet. Liebende finden aneinander Genüge und noch 
die Familie widerstrebt der Aufnahme in umfassendere Verbände. 
Die Eignung zur Sublimierung ist den größten individuellen 
Schwankungen unterworfen. Hingegen kann ich es nicht unter- 
lassen, einen Eindruck zu erwähnen, den man immer wieder in 
der analytischen Tätigkeit empfängt. Ein Mann um die Dreißig 
erscheint als ein jugendliches, eher unfertiges Individuum, von 
dem wir erwarten, daß es die MögHchkeiten der Entwicklung, 
die ihm die Analyse eröffnet, kräftig ausnützen wird. Eine Frau 
um die gleiche Lebenszeit aber erschreckt uns häufig durch ihre 
psychische Starrheit und Un Veränderlichkeit. Ihre Libido hat endgül- 
tige Positionen eingenommen und scheint unfähig, sie gegen andere 
zu verlassen. Wege zu weiterer Entwicklung ergeben sich nicht; es 
ist, als wäre der ganze Prozeß bereits abgelatd'en, bUebe von nun 
an un beeinfluß bar, ja als hätte die schwierige Entwicklung zur 



Neue Folge der Vorlesungen zur Einfülirung in die Psy choanalyse 393 

Weiblichkeit die Möglichkeiten der Person erschöpft. Wir beltlagen 
diesen Sachverhalt als Therapeuten, selbst wenn es uns gelingt, 
dem Leiden durch die Erledigung des neurotischen Konflikts ein 
Ende zu machen. 

Das ist alles, was ich Ihnen über die Weiblichkeit zu sagen 
hatte. Es ist gewiß unvollständig und fragmentarisch, klingt auch 
nicht immer freundlich. Vergessen Sie aber nicht, daß wir das 
Weib nur insofern beschrieben haben, als sein Wesen durch seine 
Sexualfunktion bestimmt wird. Dieser Einfluß geht freilich sehr 
weit, aber wir bebaken im Auge, daß die einzelne Frau auch 
sonst ein menschliches Wesen sein mag. Wollen Sie mehr über 
die Weiblichkeit wissen, so befragen Sie Ihre eigenen Lebens- 
erfahrungen, oder Sie wenden sich an die Dichter, oder Sie warten, 
bis die Wissenschaft Ihnen tiefere und besser zusammenhängende 
Auskünfte geben kann. . ,, 



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-. 1 .. • 

XXXIV. VORLESUNG 

AUFKLÄRUNGEN, ANWENDUNGEN, 
ORIENTIERUNGEN 

Meine Damen und Herren! Darf ich einmal, sozusagen des 
trockenen Tones satt, über Dinge vor Ihnen reden, die sehr wenig 
theoretische Bedeutung haben, die Sie aber doch nahe angehen, 
insoferne Sie der Psychoanalyse freundlich gesinnt sind? Setzen 
wir z. B. den Fall, daß Sie in Ihren Mußestunden einen deutschen, 
englischen oder amerikanischen Roman zur Hand nehmen, in dem 
Sie eine Schilderung der Menschen und der Zustände von heute 
zu finden erwarten. Nach wenigen Seiten stoßen Sie auf eine erste 
Äußerung über Psychoanalyse und dann bald auf weitere, auch 
wenn der Zusammenhang es nicht zu erfordern scheint. Sie müssen 
nicht meinen, daß es sich dabei um Anwendungen der Tiefen- 
psychologie zum besseren Verständnis der Personen im Text oder 
ihrer Taten handelt; es gibt allerdings auch ernsthaftere Dichtungen, 
in denen das wirklich versucht wird. Nein, es sind meist spöttische 
Bemerkungen, mit denen der Verfasser des Romans seine Belesenheit 
oder seine intellektuelle Überlegenheit dartun will. Nicht immer 
bekommen Sie auch den Eindruck, daß er das wirklich kennt, 
worüber er sich ausspricht. Oder Sie gehen zu Ihrer Erholung in 
eine gesellige Vereinigung^ es muß nicht gerade in Wien sein. 
Nach kurzer Zeit geht das Gespräch auf die Psychoanalyse, Sie 
hören die verschiedensten Leute ihr Urteil abgeben, meist im Tone 



Neue Wolße der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 295 

unbeirrter Sicherheit. Dies Urteil ist ganz gewöhnlich ein gering- 
schätzendes, oft eine Schmähung, zum mindesten wieder eine 
Spötterei. Wenn Sie so unvorsichtig sind zu verraten, daß Sie etwas 
von dem Gegenstand verstehen, lallen alle über Sie her, verlangen 
Auskünfte und Erklärungen und geben Ihnen nach kurzer Zeit 
die Überzeugung, daß alle diese strengen Urteile vor jeder Infor- 
mation gefällt worden waren, daß kaum einer von diesen Gegnern 
je ein analytisches Buch zur Hand genommen hat, oder wenn doch, 
daß er nicht über den ersten Widerstand beim Zusammentreffen 
mit dem neuen Stoff hinweggekommen ist. 

Von einer Einführung in die Psychoanalyse erwarten Sie viel- 
leicht auch eine Anweisung, welche Argumente man zur Richtig- 
stellung der offenkundigen Irrtümer über die Analyse verwenden, 
welche Bücher man zur besseren Information empfehlen, oder 
selbst, welche Beispiele aus Ihrer Lektüre oder Erfahrung Sie in 
der Diskussion anrufen sollen, um die Einstellung der Gesellschaft 
zu ändern. Ich bitte Sie, tun Sie nichts von alledem. Es wäre 
unnütz^ am besten Sie verbergen überhaupt Ihr besseres Wissen, 
Wenn das nicht mehr möglieb ist, so beschränken Sie sich darauf 
zu sagen, Sie meinen, soweit Sie orientiert sind, daß die Psycho- 
analyse ein besonderer Wissenszweig sei, recht schwer zu ver- 
stehen und zu beurteilen, daß sie sich mit sehr ernsthaften Dingen 
beschäftige, so daß man ihr mit ein paar Scherzen nicht nahe- 
komme, und daß man sich für gesellschaftliche Unterhaltungen 
lieber ein anderes Spielzeug aussuchen solle. Natürlich beteiligen 
Sie sich auch nicht an Deutungsversuchen, wenn unvorsichtige 
Leute ihre Träume erzählen, und widerstehen auch der Ver- 
suchung, durch Berichte von Heilungen um Gunst für die Analyse 
zu werben. 

Sie können aber die Frage aufwerfen, warum diese Leute, sowohl 
die Bücher schreiben als die Konversation machen, sich so inkorrekt 
benehmen, und Sie werden zur Annahme neigen, daß dies nicht 
nur an den Leuten, sondern auch an der Psychoanalyse liegt. Das 



2g6 Schriften aus den Jahren 192S — 19 J 3 

meine ich auch^ was Ihnen in Literatur und Gesellschaft als Vor- 
urteil entgegentritt, ist die Nachwirkung eines früheren Urteils — 
nämlich des Urteils, das die Vertreter der offiziellen Wissenschaft 
über die junge Psychoanalyse gefallt hatten. Ich habe mich schon 
einmal In einer historischen Darstellung darüber beklagt und werde 
es nicht wieder tun, — vielleicht war schon dies eine Mal zuviel, — 
aber wirklich, es gab keine Verletzung der Logik, aber auch keine 
des Anstands und guten Geschmacks, die sich die wissenschaftlichen 
Gegner der Psychoanalyse damals nicht gestattet hätten. Es war 
eine Situation, wie sie im Mittelalter verwirklicht war, wenn ein 
Missetäter oder auch nur ein politischer Gegner an den Pranger 
gestellt und der Mißhandlung durch den Pöbel preisgegeben wurde. 
Und Sie machen es sich vielleicht nicht klar, wie weit hinauf in 
unserer Gesellschaft die Pöbelhaftigkeit reicht und welchen Unfug 
sich die Menschen erlauben, wenn sie sich als Massenbestandteil 
und der persönhchen Verantwortung überhoben fühlen. Ich war 
zu Beginn jener Zeiten ziemlich allein, sah bald ein, daß Polemisieren 
keine Aussicht habe, daß aber auch das Sich-beklagen und die 
Anrufung besserer Geister sinnlos sei, da es ja keine Instanzen 
gäbe, bei denen die Klage anzubringen wäre. Somit ging ich einen 
anderen Weg; ich machte die erste Anwendung der Psychoanalyse, 
indem ich mir das Benehmen der Masse als Phänomen desselben 
Widerstands aufklärte, den ich bei den einzelnen Patienten zu 
bekämpfen hatte, enthielt mich selbst der Polemik und beeinflußte 
meine Anhänger, als sie allmähhch hinzukamen, nach derselben 
Richtung. Das Verfahren war gut, der Bann, in den damals die 
Analyse getan wurde, ist seither aufgehoben worden, aber wie 
ein verlassener Glaube als Aberglaube fortlebt, eine von der Wissen- 
schaft aufgegebene Theorie als Volksmeinung erhalten bleibt, so 
setzt sich heute jene ursprüngliche Ächtung der Psychoanalyse durch 
wissenschaftliche Kreise in der spöttischen Geringschätzung der 
Bücher schreibenden oder Konversation machenden Laien fort^ 
Darüber werden Sie sich also nicht mehr verwundern. 



Neue Folge der Vorlesungen zur Riufi'üirung in, die Psychoanalyse 297 

Nun erwarten Sie aber nicht, die frohe Botschaft zu hören, 
der Kampf um die Analyse sei zu Ende und habe mit ihrer An- 
erkennung als Wissenschaft, ihrer Zulassung als Lehrstoff zur Uni- 
versität geendet. Es ist keine Rede davon, er setzt sich fort, nur 
in mehr gesitteten Formen. Neu ist auch, daß sich in der wissen- 
schaftlichen Gesellschaft eine Art von Pufferschicht zwischen der 
Analyse und ihren Gegnern gebildet hat, Leute, die etwas an der 
Analyse gelten lassen, es auch unter ergötzlichen Verklausulierungen 
bekennen, dafür anderes ablehnen, wie sie nicht laut genug ver- 
künden können. Was sie bei dieser Auswahl bestimmt, ist nicht 
leicht zu erraten. Es scheinen persönliche Sympathien zu sein. 
Der eine nimmt Anstoß an der Sexualität, der andere am Un- 
bewußten^ besonders unbeliebt scheint die Tatsache der Symbolik 
zu sein. Daß das Gebäude der Psychoanalyse, obwohl unfertig, 
doch schon heute eine Einheit darstellt, aus der nicht jeder nach 
seiner Willkür Elemente herausbrechen kann, scheint für diese 
Eklektiker nicht in Betracht zu kommen. Von keinem dieser Halb- 
oder Viertelanhänger konnte ich den Eindruck bekommen, daß 
ihre Ablehnung auf Nachprüfung begründet war. Auch manclie 
hervorragende Männer gehören zu dieser Kategorie. Sie sind freilich 
entschuldigt durch die Tatsache, daß ihre Zeit wie ihr Interesse 
anderen Dingen gehören, nämlich jenen, in deren Bewältig-ung 
sie so Bedeutendes geleistet haben. Aber sollten sie dann nicht 
lieber mit ihrem Urteil zurückhalten, anstatt so entschieden Partei 
zu nehmen? Bei einem dieser Großen gelang mir einmal eine 
rasche Bekehrung. Es war ein weltberühmter Kritiker, der den 
geistigen Strömungen der Zeit mit wohlwollendem Verständnis 
und prophetischem Scharfblick gefolgt war. Ich lernte ihn erst 
kennen, als er das achtzigste Jahr überschritten hatte, aber er war 
noch immer bezaubernd im Gespräch. Sie werden leicht erraten, 
wen ich meine. Ich war es auch nicht, der auf die Psychoanalyse 
zu reden kam. Er tat es, indem er sich auf die bescheidenste 
Weise an mir maß. „Ich bin nur ein Literat", sagte er, „aber 



2 g 8 ^ Sch rift en aus den Jahren 1928—19?^ 

Sie sind ein Naturforscher und Entdecker. Aber das eine muß ich 
Ihnen sagen: ich habe nie sexuelle Gefühle für meine Mutter 
gehabt." „Aber das brauchen Sie ja gar nicht gewußt zu haben'*, 
war meine Erwiderung, „das sind ja für den Erwachsenen un- 
bewußte Vorgänge." „Ach, so meinen Sie das", sagte er erleichtert 
und drückte meine Hand. Wir plauderten noch einige Stunden 
im besten Einvernehmen. Ich hörte später, daß er in dem kurzen 
Lebensrest, der ihm noch vergönnt war, sich wiederholt freundlich 
über die Analyse äußerte und gerne das ihm neue Wort „Ver- 
drängung" gebrauchte. 

Ein bekannter Spruch mahnt, man soll von seinen Feinden lernen. 
Ich gestehe, daß mir dies nie gelungen ist, aber ich dachte doch, 
es könnte für Sie lehrreich werden, wenn ich mit Ihnen eine 
Musterung aller der Vorwürfe und Einwendungen vornähme, die 
die Gegner der Psychoanalyse gegen sie erhoben haben, und dann 
auf die so leicht aufzudeckenden Ungerechtigkeiten und Verstöße 
gegen die Logik hinwiese. Aber „0/2 second thoughts" habe ich 
mir gesagt, das würde gar nicht interessant, sondern erinüdend 
und peinlich werden und gerade das sein, was ich in all diesen 
Jahren sorgfältig vermieden habe. Entschuldigen Sie mich also, 
wenn ich diesen Weg nicht weiter verfolge und Sie mit den Ur- 
teilen unserer sogenannt wissenschaftlichen Gegner verschone. 
Handelt es sich doch fast immer um Personen, deren einziger 
Befähigungsnachweis die Unbefangenheit ist, die sie sich durch 
Fernhaltung von den Erfahrungen der Psychoanalyse bewahrt haben. 
Aber ich weiß, so leichten Kaufs werden Sie mich nicht in anderen 
Fällen entlassen. Sie werden mir vorhalten: Es gibt doch soviel 
Personen, für die Ihre letzte Bemerkung nicht zutrifft. Diese sind 
der analytischen Erfahrung nicht ausgewichen, haben Patienten 
analysiert, sind vielleicht selbst analysiert worden, waren sogar eine 
Zeit lang Ihre Mitarbeiter und sind doch zu anderen Auffassungen 
und Theorien gekommen, auf Grund deren sie von Ihnen ab- 
gefallen sind und selbständige Schulen der Psychoanalyse begründet 



Neue Folge der Vorleswißen zur Einführung in die Psychoanalyse 299 

haben. Über die Möglichkeit und Bedeutung dieser in der Geschichte 
der Analyse so häufigen Abfallsbewegungen sollten Sie uns Auf- 
klärung geben. 

Ja, ich will es versuchen; in Kürze zwar, denn es kommt dabei 
weniger für das Verständnis der Analyse heraus, als Sie erwarten 
mögen. Ich weiß, Sie denken in erster Linie an die Ad 1er sehe 
Individualpsychologie, die z. B. in Amerika als eine gleichberechtigte 
Nebenlinie unserer Psychoanalyse betrachtet und regelmäßig mit 
ihr zusammen genannt wird. In Wirklichkeil hat sie sehr wenig 
mit ihr zu tun, führt aber infolge gewisser historischer Umstände 
eine Art von parasitärer Existenz auf ihre Kosten. Auf ihren Gründer 
treffen die Bedingungen, die wir für die Gegner dieser Gruppe 
angenommen haben, nur in geringem Ausmaß zu. Der Name selbst 
ist unpassend, scheint ein Produkt der Verlegenlieit; wir können uns 
seine berechtigte Verwendung als Gegensatz zu Massenpsychologie 
nicht stören lassen^ auch was wir treiben ist zumeist und vor 
allem Psychologie des menschlichen Individuums. In eine objektive 
Kritik der Adlerschen Individualpsychologie werde ich heute nicht 
eingehen, sie Hegt nicht im Plan dieser Einführung, auch habe 
ich sie schon einmal versucht und habe wenig Anlaß, etwas an 
ihr zu ändern. Den Eindruck, den sie hervorruft, will ich aber 
durch eine kleine Begebenheit in den Jahren vor der Analyse 
illustrieren. 

In der Nähe der mährischen Kleinstadt, in der ich geboren bin 
und die ich als Kind von drei Jahren verlassen habe, befindet sich 
ein bescheidener Kurort, schön im Grünen gelegen. In den Gymnasial- 
jahren war ich mehrmals auf Ferien dort. Etwa zwei Jahrzehnte 
später wurde die Erkrankung einer nahen Verwandten der Anlaß, 
diesen Ort wiederzusehen. In einer Unterhaltung mit dem Kur- 
arzt, der meiner Verwandten Beistand geleistet hatte, erkundigte 
ich mich auch nach seinen Beziehungen zu den — ich glaube — 
slowakischen Bauern, die im Winter seine einzige Klientel bildeten. 
Er erzählte, die ärztliche Tätigkeit spiele sich in folgender Weise 



t.. 



500 ' Schriften aus den Jaliren l^lS — 19} J 

ab: Zur Stunde seiner Ordination kommen die Patienten in sein 
Zimmer und stellen sich in einer Reihe auf. Einer nach dem 
anderen tritt dann hervor und klagt über seine Beschwerden. Er 
hat Kreuzschmerzen oder Magenkrämpfe oder Müdigkeit in den 
Beinen usw. Dann untersucht er ihn und nachdem er sich orientiert 
hat, ruft er ihm die Diagnose zu, in jedem Fall die nämliche. 
Er übersetzte mir das Wort, es heiße soviel wie „verhext". Ich 
fragte erstaunt, ob die Bauern denn keinen Anstoß daran nehmen 
daß er bei allen Kranken denselben Befund habe. „O nein", erwiderte 
er, „sie sind sehr zufrieden damit, es ist das, was sie erwartet haben. 
Jeder, der in die Reihe zurücktritt, deutet den anderen durch 
Mienen und Gebärden: ,Ja, das ist einer, der's versteht'." Wenig 
1 ahnte ich damals, unter welchen Verhältnissen ich einer analogen 

j, Situation wieder begegnen würde. 

|i Ob nämlich einer ein Homosexueller ist oder ein Nekrophile, 

\ ein verängstigter Hysteriker, ein abgesperrter Zwangsneurotiker 

i oder ein tobender Wahnsinniger, in jedem Fall wird der Indlvidual- 

: Psychologe Adlerscher Richtung als das treibende Motiv seines 

i Zustandes angeben, daß er sich zur Geltung bringen, seine Minder- 

wertigkeit überkompensieren, oben bleiben, von der weibhchen 
1 auf die männliche Linie gelangen will. Etwas ganz Ähnliches 

•■ hatten wir als junge Studenten auf der Klinik gehört, wenn einmal 

ein Fall von Hysterie vorgestellt wurde: Die Hysterischen er- 
^ zeugen ihre Symptome, um sich interessant zu machen, die Auf- 

merksamkeit auf sich zu ziehen. Wie doch alte Weisheiten immer 
I wiederkehren! Aber dieses Stückchen Psychologie schien uns schon 

damals die Rätsel der Hysterie nicht zu decken, es ließ z. B. 
unerklärt, warum die Kranken sich keiner anderen Mittel zur 
Erreichung ihrer Absicht bedienen. Etwas an dieser Lehre der 
Individualpsychologen muß natürlich richtig sein, ein Partikelchen 
für das Ganze. Der Selbsterhaltungstrieb wird versuchen, sich 
ij jede Situation zunutze zu machen, das Ich wird auch das Krank- 

,t. sein zum Vorteil wenden wollen. Man nennt das in der Psycho- 



Neue Folge der Vorlesungen zur Einfulirimg in die Psychoanalyse 501 

analyse den „sekundären Krankheitegewinn". Freilich, wenn itian 
an die Tatsachen des Masochismus denkt, des unbewußten Straf- 
bedürfnisses und der neurotischen Selbstschädigung, die die An- 
nahme von Triebregungen nahelegen, welche der Selbsterhaltung 
zuwiderlaufen, wird man auch an der Allgemeingültigkeit jener 
banalen Wahrheit irre, auf der das Lehrgebäude der Individual- 
psychologie erbaut ist. Aber der großen Menge muß eine solche 
Lehre hoch willkommen sein, die keine Komplikationen anerkennt, 
keine neuen, schwer faßbaren Begriffe einführt, vom Unbewußten 
nichts weiß, das auf Allen lastende Problem der Sexualität mit 
einem Hieb beseitigt, sich auf die Aufdeckung der Schliche be- 
schränkt, mit denen man sich das Leben bequem machen will. 
Denn die Menge ist selbst bequem, verlangt zur Erklärung nicht 
mehr als einen Grund, dankt der Wissenschaft nicht für ihre 
Weitläufigkeiten, will einfache Lösungen haben und Probleme 
erledigt wissen. Erwägt man, wie sehr die Individualpsychologie 
diesen Anforderungen entgegenkommt, so kann man die Erinne- 
rung an einen Satz im Wallenstein nicht zurückdrängen; 

„War' der Gedank' nicht so verwünscht gescheidt, 
Man war' versucht, ihn herzlich dumm zu nennen." 

Die Kritik der Fachkreise, so unerbittlich gegen die Psycho- 
analyse, hat die Individualpsychologie im allgemeinen mit Samt- 
handschuhen angefaßt. Es hat sich zwar in Amerika ereignet, 
daß einer der angesehensten Psychiater einen Aufsatz gegen Adler 
veröffentlichte, den er „Enougk^^ überschrieb, in dem er seinem 
Überdruß an dem „Wiederholungszwang" der Individualpsycho- 
logen energischen Ausdruck gab. Wenn andere sich weit liebens- 
würdiger benommen haben, so hat wohl die Gegnerschaft gegen 
die Analyse viel dazu getan. 

Über andere Schulen, die von unserer Psychoanalyse abgezweigt 
haben, brauche ich nicht viel zu sagen. Daß es geschehen ist, 
läßt sich weder für noch gegen den Wahrheitsgehalt der Psycho- 



30Z Schrifte n aus den Jahren 1^28—1^^ J 

analyse verwerten. Denken Sie an die starken affektiven Momente, 
die es Vielen schwer machen, sich einzuordnen oder unterzuordnen, 
und an die noch größere Schwierigkeit, die der Spruch quot 
capita tot sensus mit Recht betont. Wenn die Meinungsverschieden- 
heiten ein gewisses Maß überschritten hatten, wurde es das Zweck- 
mäßigste, sich zu trennen und von da an verschiedene Wege zu 
gehen, besonders wenn die theoretische Differenz eine Änderung 
des praktischen Handelns zur Folge hatte. Nehmen Sie z. B. an, 
daß ein Analytiker den Einfluß der persönlichen Vergangenheit 
geringschätzt und die Verursachung der Neurosen ausschheßhch 
in gegenwärtigen Motiven und auf die Zukunft gerichteten Er- 
wartungen sucht. Dann wird er auch die Analyse der Kindheit 
vernachlässigen, überhaupt eine andere Technik einschlagen und 
den Ausfall der Ergebnisse aus der Kindheitsanalyse durch Steigerung 
seines lehrhaften Einflusses und durch direkte Hinweise auf be- 
stimmte Lebensziele wettmachen müssen. Wir anderen werden 
dann sagen: Das mag eine Schule der Weisheit sein, ist aber 
keine Analyse mehr. Oder ein anderer mag zur Einsicht gekommen 
sein, daß das Angsterlebnis der Geburt den Keim zu allen späteren 
neurotischen Störungen legt; dann mag es ihm rechtmäßig er- 
scheinen, die Analyse auf die Wirkungen dieses einen Eindrucks 
einzuschränken und therapeutischen Erfolg von einer drei- bis 
viermonatigen Behandlung zu versprechen. Sie merken, ich habe 
zwei Beispiele gewählt, die von diametral entgegengesetzten Vor- 
aussetzungen ausgehen. Es ist ein feist allgemeiner Charakter dieser 
„Abfallsbewegungen", daß eine jede sich eines Stücks aus dem 
Motivenreichtum der Psychoanalyse bemächtigt und sich auf Grund 
dieser Besitzergreifung selbständig macht, etwa des Machttriebs, 
des ethischen Konflikts, der Mutter, der Genitalität usw. Wenn 
es ihnen scheint, daß solche Sezessionen in der Geschichte der 
Psychoanalyse heute schon häufiger sind als bei anderen geistigen 
Bewegungen, so weiß ich nicht, ob ich Ihnen Recht geben soll. 
Wenn es so ist, so muß man die innigen Beziehungen zwischen 



Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 505 

theoretischen Ansichten und therapeutischem Handeln dafür ver- 
antworthch machen, die in der Psychoanalyse bestehen. Meinungs- 
verschiedenheiten allein würden weit länger ertragen werden, 
Man liebt es, uns Psychoanalytikern Intoleranz vorzuwerfen. Die 
einzige Äußerung dieser häßlichen Eigenschaft war eben die 
Trennung von den anders Denkenden. Sonst wurde ihnen nichts 
angetanj im Gegenteile, sie sind auf die Butterseite gefallen, haben 
es seither besser als vorhin, denn bei ihrem Ausscheiden haben 
sie sich gewöhnlich von einer der Belastungen frei gemacht, 
unter denen wir keuchen — vom Odium der kindhchen Sexuahtät 
etwa oder von der Lächerlichkeit der Symbohk — und gelten 
jetzt der Umwelt als halbswegs ehrlich, was wir, die Zurück- 
gebliebenen, noch immer nicht sind. Auch haben sie sich — bis 
auf eine bemerkenswerte Ausnahme — selbst ausgeschlossen. 

Was für Ansprüche erheben Sie noch im Namen der Toleranz? 
Daß, wenn jemand eine Meinung geäußert hat, die wir für 
grundfalsch halten, wir ihm sagen: „Danke Ihnen schön, daß 
Sie diesen Widerspruch geäußert haben. Sie schützen uns gegen 
die Gefahr der Selbstgefälligkeit und geben uns Gelegenheit, den 
Amerikanern zu beweisen, daß wir wirklich so „broadminded^' 
sind, wie sie es immer wünschen. Wir glauben zwar kein Wort 
von dem, was Sie sagen, aber das macht nichts. Wahrscheinhch 
haben Sie ebenso recht wie wir. Wer kann denn überhaupt 
wissen, wer recht hat? Erlauben Sie uns, daß wir trotz der 
Gegnerschaft Ihre Ansicht in der Literatur vertreten. Wir hoffen, 
Sie werden die Liebenswürdigkeit haben, sich dafür für unsere 
einzusetzen, die Sie verwerfen." Dies wird offenbar in der Zu- 
kunft die Gepflogenheit im wissenschaftlichen Betrieb werden, 
wenn sich der Mißbrauch der Einstein sehen Relativität vollends 
durchgesetzt hat. Es ist wahr, vorläufig haben wir es noch nicht so 
weit gebracht. Wir beschränken uns nach alter Manier darauf, 
nur unsere eigenen Überzeugungen zu vertreten, setzen uns der 
Gefahr des Irrtums aus, weil man sich dagegen nicht schützen 



304 Schriften aus den JaJiren l^2S — f 9JJ 

kann, und lehnen ab, was uns widerspriclit. Von dem Recht, 
unsere Meinungen abzuändern, wenn wir glauben, etwas Besseres 
gefunden zu haben, haben wir in der Psychoanalyse reichlich 
Gebrauch gemacht. 

Es war eine der ersten Anwendungen der Psychoanalyse, daß 
sie uns die Gegnerschaft verstehen lehrte, die uns die Mitwelt 
bewies, weil wir Psychoanalyse trieben. Andere Anwendungen, 
von objektiver Natur, können ein allgemeineres Interesse bean- 
spruchen. Unsere erste Absicht war Ja, die Störungen des mensch- 
lichen Seelenlebens zu verstehen, weil eine merkwürdige Erfah- 
rung gezeigt hatte, daß hier Verständnis und Heilung beinahe 
zusammenfallen, daß ein gangbarer Weg von dem einen zum 
anderen führt. Es war auch lange Zeit die einzige Absicht. Aber 
dann erkannten wir die nahen Beziehungen, ja die innere Identität 
zwischen den pathologischen und den sogenannt normalen Vor- 
gängen, die Psychoanalyse wurde zur Tiefenpsychologie, und da 
nichts, was Menschen schaffen oder treiben, ohne Mithilfe der 
Psychologie verständlich ist, ergaben sich die Anwendungen der 
Psychoanalyse auf zahlreiche Wissensgebiete, besonders geisteswissen- 
schaftliche, von selbst, drängten sich auf und forderten Bearbeitung. 
Leider stießen diese Aufgaben auf Hindernisse, die, in der Sach- 
lage begründet, auch heute noch nicht überwunden sind. Eine 
solche Anwendung setzt fachliche Kenntnisse voraus, die der Ana- 
lytiker nicht besitzt, während diejenigen, die sie besitzen, die 
Fachleute, von Analyse nichts wissen und vielleicht nichts wissen 
wollen. Es hat sich also ergeben, daß die Analytiker als Dilettanten 
mit mehr oder weniger zureichender Ausrüstung, oft in Eile zu- 
sammengerafft, Einfälle in jene Wissensgebiete unternommen haben, 
wie Mythologie, Kulturgeschichte, Ethnologie, Religionswissenschaft 
usw. Sie wurden von den dort ansässigen Forschern nicht 
besser behandelt als Eindringlinge überhaupt, ihre Methoden wie 
ihre Resultate, soweit sie Aufmerksamkeit fanden, zunächst ab- 
gelehnt. Aber diese Verhältnisse sind in stetiger Besserung, auf 



Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoa nalyse 505 

aUen Gebieten wächst die Anzahl der Personen, die Psychoanalyse 
studieren, uin sie in ihrem Spezialfach zu verwerten, als Kolonisten 
die Pioniere abzulösen. Wir dürfen hier eine reiche Ernte an 
neuen Einsichten erwarten. Anwendungen der Analyse sind auch 
immer Bestätigungen derselben. Dort, wo die wissenschaftliche 
Arbeit von einer praktischen Betätigung weiter entfernt ist, werden 
wohl auch die unvermeidhchen Meinungskämpfe weniger er- 
bittert ausfallen. 

Ich empfinde es als eine starke Ve^uchung, Sie durch all die 
Anwendungen der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften zu 
führen. Es sind Dinge, wissenswert für jeden Menschen mit 
geistigen Interessen, und eine Zeit lang nichts von Abnormität 
und Krankheit zu hören, wäre eine verdiente Erholung. Aber ich 
muß darauf verzichten, es führte uns wiederum über den Rahmen 
dieser Vorträge hinaus und, ehrlich gestanden, ich wäre der Auf- 
gabe auch nicht gewachsen. Auf einigen dieser Gebiete habe ich 
zwar selbst den ersten Schritt getan, aber heute übersehe ich die 
Fülle nicht mehr und hätte viel zu studieren, um zu bewältigen, 
was seit meinen Anfängen hinzugekommen ist. Die unter Ihnen' 
die durch meine Absage enttäuscht sind, mögen sich an unserer 
Zeitschrift „Imago" schadlos halten, die für die nicht medizini- 
schen Anwendungen der Analyse bestimmt ist. 

Nur an einem Thema kann ich nicht so leicht vorbeigehen, 
nicht weil ich besonders viel davon verstehe oder selbst soviel 
dazugetan habe. Ganz im Gegenteil, ich habe mich kaum je da- 
mit beschäftigt. Aber es ist so überaus wichtig, so reich an Hoffnun- 
gen für die Zukunft, vielleicht das Wichtigste von aUem, was die 
Analyse betreibt. Ich meine die Anwendung der Psychoanalyse 
auf die Pädagogik, die Erziehung der nächsten Generation. Ich 
freue mich wenigstens sagen zu können, daß meine Tochter Anna 
Freud sich diese Arbeit zur Lebensaufgabe gesetzt hat, mein 
Versäumnis auf solche Art wieder gutmacht. Der Weg, der zu 
dieser Anwendung geführt hat, ist leicht zu übersehen. Wenn wir 



Freua XII. 



goe Schr iften aus den Jahren 1928—19)3 

in der Behandlung eines erwachsenen Neurotikers der Determinie- 
rung seiner Symptome nachspürten, wurden wir regelmäßig bis 
in seine frühe Kindheit zurückgeleilet. Die Kenntnis der späteren 
Ätiologien reichte weder für das Verständnis noch für die thera- 
peutische Wirkung aus. So wurden wir genötigt, uns mit den 
psychischen Besonderheiten des Kindesalters bekanntzumachen, 
und erfuhren eine Menge von Dingen, die anders als durch 
Analyse nicht zu erfahren waren, konnten auch viele allgemein 
geglaubte Meinungen über die Kindheit richtigstellen. Wir er- 
kannten, daß den ersten Kinderjahren (etwa bis fünf) aus mehreren 
Gründen eine besondere Bedeutung zukommt. Erstens, weil sie 
die Frühblüte der Sexualität enthalten, die für das Sexualleben 
der Reifezeit entscheidende Anregungen hinterläßt. Zweitens, weil 
die Eindrücke dieser Zeit auf ein unfertiges und schwaches Ich 
treffen, auf das sie wie Traumen wirken. Das Ich kann sich der 
Affektstürme, die sie hervorrufen, nicht anders als durch Ver- 
drängung erwehren und erwirbt solcherart im Kindesalter alle 
Dispositionen zu späteren Erkrankungen und Funktionsstörungen. 
Wir haben verstanden, die Schwierigkeit der Kindheit liegt darin, 
daß das Kind in einer kurzen Spanne Zeit sich die Resultate 
einer Kulturentwicklung aneignen soll, die sich über Jahrzehntausende 
erstreckt, Triebbeherrschung und soziale Anpassung, wenigstens die 
ersten Stücke von beiden. Nur einen Teil dieser Veränderung kann 
es durch seine eigene Entwicklung erreichen, vieles muß ihm 
von der Erziehung aufgedrängt werden. Wir verwundern uns 
nicht, wenn das Kind diese Aufgabe oft nur unvollkommen be- 
wältigt. Viele Kinder machen in diesen frühen Zeiten Zustände durch, 
die man den Neurosen gleichstellen darf, gewiß alle, die später- 
hin manifest erkranken. Bei manchen Kindern wartet die neu- 
rotische Erkrankung nicht die Zeit der Reife ab, sie bricht schon 
in der Kinderzeit aus und macht Eltern und Ärzten zu schaffen. 
Wir haben kein Bedenken getragen, die analytische Therapie 
bei solchen Kindern anzuwenden, die entweder unzweideutige 



Neue Fol^e der Vorlesungen zur Einführung in d ie Psychoanalyse 507 

neurotische Symptome zeigen oder auf dem Weg zu einer un- 
günstigen Charakterentwicldung waren. Die Besorgnis, dem Kind 
durch die Analyse zu schaden, der Gegner der Analyse Ausdruck 
gegeben haben, erwies sich als unbegründet. Unser Gewinn bei 
diesen Unternehmungen war, daß wir am lebenden Objekt be- 
stätigen konnten, was wir beim Erwachsenen sozusagen aus histo- 
rischen Dokumenten erschlossen hatten. Aber auch der Gewinn 
für die Kinder war sehr erfreulich. Es ergab sich, daß das Kind 
ein sehr günstiges Objekt für die analytische Therapie ist; die 
Erfolge sind gründhche und halten an. Natürlich muß man die 
für Erwachsene ausgearbeitete Technik der Behandlung für das 
Kind weitgehend abändern. Das Kind ist psychologisch ein anderes 
Objekt als der Erwachsene, es besitzt noch kein Über-Ich die 
Methode der freien Assoziation trägt nicht weit, die Übertragung 
spielt, da die realen Eltern noch vorhanden sind, eine andere 
Rolle. Die inneren Widerstände, die wir beim Erwachsenen be- 
kämpfen, sind beim Kind zumeist durch äußere Schwierigkeilen 
ersetzt. Wenn sich die Eltern zu Trägern des Widerstandes machen 
wird oft das Ziel der Analyse oder diese selbst gefährdet, daher 
ist es oft notwendig, mit der Analyse des Kindes ein Stück ana- 
lytischer Beeinflussung der Eltern zu verbinden. Anderseits werden 
die unvermeidhchen Abweichungen der Kinderanalyse von der 
Erwachsener durch den Umstand verringert, daß manche unserer 
Patienten soviel infantile Charakterzüge bewahrt haben, daß der 
Analytiker, wiederum in Anpassung an das Objekt, nicht umhin 
kann, sich bei ihnen gewisser Techniken der Kinderanalyse zu 
bedienen. Es hat sich von selbst ergeben, daß die Kinderanalyse 
die Domäne weiblicher Analytiker geworden ist, und dabei wird 
es wohl bleiben. 

Die Einsicht, daß die meisten unserer Kinder in ihrer Ent- 
wicklung eine neurotische Phase durchmachen, trägt den Keim 
einer hygienischen Forderung in sich. Man kann die Frage auf- 
werfen, ob es nicht zweckmäßig wäre, dem Kind mit einer Ana- 



go8 Sch riften aus den Jahren 1^28—193} 

lyse zu Hilfe zu kommen, auch wenn es keine Anzeichen von 
Störung zeigt, als eine Maßregel der Fürsorge für seine Gesund- 
heit, so wie man heute gesunde Kinder gegen Diphtherie impft, 
ohne abzuwarten, ob sie an Diphtherie erkranken. Die Diskussion 
dieser Frage hat heute nur ein akademisches Interesse^ ich kann 
mir gestatten, sie vor Ihnen zu erörtern; der großen Menge 
unserer Zeitgenossen würde schon das Projekt als ein ungeheurer 
Frevel erscheinen, und bei der Stellung der meisten Elternpersonen 
zur Analyse muß man derzeit jede Hoffnung auf dessen Durch- 
führung aufgeben. Eine solche Prophylaxe der Nervosität, die 
wahrscheinlich sehr wirksam sein würde, setzt auch eine ganz 
andere Verfassung der Gesellschaft voraus. Das Stichwort für die 
Anwendung der Psychoanalyse auf die Erziehung fällt heute an 
anderer Stelle. Machen wir uns klar, was die nächste Aufgabe 
der Erziehung ist. Das Kind soll Triebbeherrschung lernen. Ihm 
die Freiheit geben, daß es uneingeschränkt allen seinen Impulsen 
folgt, ist unmöglich. Es wäre ein sehr lehrreiches Experiment für 
Kinderpsychologen, aber die Eltern könnten dabei nicht leben und 
die Kinder selbst würden zu großem Schaden kommen, wie es 
sich zum Teil sofort, zum anderen Teil in späteren Jahren zeigen 
würde. Die Erziehung muß also hemmen, verbieten, unterdrücken 
und hat dies auch zu allen Zeiten reichUch besorgt. Aber aus der 
Analyse haben wir erfahren, daß gerade diese Triebunterdrückung 
die Gefahr der neurotischen Erkrankung mit sich bringt. Sie er- 
innern sich, wir haben eingehend untersucht, auf welchen Wegen 
dies geschieht. Die Erziehung hat also ihren Weg zu suchen 
zwischen der Scylla des Gewährenlassens und der Charybdis des 
Versagens. Wenn die Aufgabe nicht überhaupt unlösbar ist, muß 
ein Optimum, für die Erziehung aufzufinden sein, wie sie am 
meisten leisten und am wenigsten schaden kann. Es wird sich 
darum handeln zu entscheiden, wieviel man verbieten darf, zu 
welchen Zeiten und mit welchen Mitteln. Und dann hat man 
noch in Rechnung zu setzen, daß die Objekte der erziehhcheu 



^eue Folge der Forlesungen zur Einführung in die Ps ychoanalyse 50g 

Beeinflussung sehr verschiedene konstitutionelle Veranlagungen mit- 
bringen, so daß das nämliche Vorgehen des Erziehers unmöglich 
für alle Kinder gleich gut sein kann. Die nächste Erwägung lehrt, 
daß die Erziehung bisher ihre Aufgabe sehr schlecht erfülh und 
den Kindern großen Schaden zugefügt hat. Wenn sie das Optimum 
findet und ihre Aufgabe in idealer Weise löst, dann kann sie hoffen, 
den einen Faktor in der Ätiologie der Erkrankung, den Einfluß 
der akzidentellen Kind hei tstraumen, auszulöschen. Den anderen 
die Macht einer unbotmäßigen Triebkonstitution, kann sie auf 
keinen Fall beseitigen. Überlegt man nun die schwierigen Aufgaben, 
die dem Erzieher gestellt sind, die konstitutionelle Eigenart des 
Kindes zu erkennen, aus kleinen Anzeichen zu erraten was sich 
in seinem unfertigen Seelenleben abspielt, ihm das richtige Maß 
von Liebe zuzuteilen und doch ein wirksames Stück Autorität 
aufrechtzuhalten, so sagt man sich, die einzig zweckmäßige 
Vorbereitung für den Beruf des Erziehers ist eine gründliche 
psychoanalytische Schulung. Am besten ist es, wenn er selbst ana- 
lysiert worden ist, denn ohne Erfahrung an der eigenen Person 
kann man sich die Analyse doch nicht zu eigen machen. Die 
Analyse der Lehrer und Erzieher scheint eine wirksamere prophy- 
laktische Maßregel als die der Kinder selbst, auch setzen sich ihrer 
Durchführung geringere Schwierigkeiten entgegen. 

Nur nebenbei sei einer indirekten Förderung der Kindererziehung 
durch die Analyse gedacht, die mit der Zeit zu größerem Einfluß 
kommen kann. Ehern, die selbst eine Analyse erfahren haben und 
ihr viel verdanken, darunter die Einsicht in die Fehler ihrer eigenen 
Erziehung, werden ihre Kinder mit besserem Verständnis behandeln 
und ihnen vieles ersparen, was ihnen selbst nicht erspart gebUeben 
war. Parallel mit den Bemühungen der Analytiker um die Beein- 
flussung der Erziehung laufen andere Untersuchungen über die 
Entstehung und Verhütung der Verwahrlosung und der Kriminalität. 
Auch hier öffne ich Ihnen nur die Türe und zeige Ihnen die 
Gemächer dahinter, führe Sie aber nicht hinein. Ich weiß, wenn 



2 1 o Schrift en aus den Jaliren ip2S — I^ßJ 

Ihr Interesse der Psychoanalyse treu bleibt, werden Sie über diese 
Dinge viel Neues und Wertvolles hören können. Ich mag aber 
das Thema der Erziehung nicht verlassen, ohne eines bestimmten 
Gesichtspunktes zu gedenken. Es ist — und gewiß mit Recht — 
gesagt worden, jede Erziehung sei eine parteiisch gerichtete, strebe 
an, daß sich das Kind der bestehenden Gesellschaftsordnung ein- 
ordne, ohne Rücksicht darauf, wie wertvoll oder wie haltbar diese 
an sich sei. Wenn man von den Mängeln unserer gegenwärtigen 
sozialen Einrichtungen überzeugt ist, kann man es nicht recht- 
fertigen, die psychoanalytisch gerichtete Erziehung noch in ihren 
Dienst zu stellen. Man muß ihr ein anderes, höheres Ziel setzen, 
das sich von den herrschenden sozialen Anforderungen frei gemacht 
hat. Ich meine aber, dies Argument ist hier nicht am Platz. Die 
Forderung geht über die Funktionsberechtigung der Analyse hinaus. 
Auch der Arzt, der zur Behandlung einer Pneumonie gerufen 
wird, hat sich nicht darum zu kümmern, ob der Erkrankte ein 
braver Mann, ein Selbstmörder oder ein Verbrecher ist, ob er 
verdient am Leben zu bleiben und ob man es ihm wünschen soll. 
Auch dies andere Ziel, das man der Erziehung setzen will, wird 
ein parteiisches sein, und es ist nicht Sache des Analytikers, 
zwischen den Parteien zu entscheiden. Ich sehe ganz ab davon, 
daß man der Psychoanalyse jeden Einfluß auf die Erziehung ver- 
weigern wird, wenn sie sich zu Absichten bekennt, die mit der 
bestehenden sozialen Ordnung unvereinbar sind. Die psychoanalyti- 
sche Erziehung nimmt eine ungebetene Verantwortung auf sich, 
wenn sie sich vorsetzt, ihren Zögling zum Aufrührer zu modeln. 
Sie hat das ihrige getan, wenn sie ihn möglichst gesund und 
leistungsfähig entläßt. In ihr selbst sind genug revolutionäre 
Momente enthalten, um zu versichern, daß der von ihr Erzogene 
im späteren Leben sich nicht auf die Seite des Rückschritts und 
der Unterdrückung stellen wird. Ich meine sogar, revolutionäre 
Kinder sind in keiner Hinsicht wünschenswert. 

Meine Damen und Herren! Ich habe noch vor, Ihnen einigp 



Neue Folge der F^orlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 5 1 1 

Worte über die Psychoanalyse als Therapie zu sagen. Das Theo- 
retische darüber habe ich schon vor 1 g Jahren besprochen und 
kann es heute auch nicht anders formulieren; die Erfahrung dieser 
Zwischenzeit soll nun auch zu Worte kommen. Sie wissen, die 
Psychoanalyse ist als Therapie entstanden, sie ist weit darüber 
hinausgewachsen, hat aber ihren Multerboden nicht aufgegeben 
und ist für ihre Vertiefung und Weiterentwicklung immer noch 
an den Umgang mit Kranken gebunden. Die gehäuften Eindrücke, 
aus denen wir unsere Theorien entwickeln, können auf andere 
Weise nicht gewonnen werden. Die Mißerfolge, die wir als 
Therapeuten erfahren, stellen uns immer wieder neue Aufgaben, 
die Anforderungen des realen Lebens sind ein wirksamer Schutz 
gegen das Überwuchern der Spekulation, die wir in unserer Arbeit 
doch auch nicht entbehren können. Mit welchen Mitteln die 
Psychoanalyse den Kranken hilft, wenn sie hilft, und auf welchen 
Wegen, das haben wir schon vor Zeiten erörtert; heule wollen 
wir fragen, wieviel sie leistet. 

Sie wissen vielleicht, ich war nie ein therapeutischer Enthusiast; 
es ist keine Gefahr, daß ich diesen Vortrag zu Anpreisungen miß- 
brauche. Ich sage lieber zu wenig als zu viel. Zur Zeit, als ich 
noch der einzige Analytiker war, pflegte ich von Personen, die 
meiner Sache angeblich freundlich gesinnt waren, zu hören: Das 
ist alles recht schön und geistreich, aber zeigen Sie mir einen 
Fall, den Sie durch Analyse geheilt haben. Das war eine der 
vielen Formeln, die einander im Lauf der Zeiten in der Funktion 
abgelöst haben, die unbequeme Neuheit beiseite zu schieben. Sie 
ist heute ebenso veraltet wie viele andere — der Stoß von Dank- 
briefen geheilter Patienten findet sich auch in der Mappe des 
Analytikers. Dabei macht die Analogie nicht Halt. Die Psycho- 
analyse ist wirklich eine Therapie wie andere auch. Sie hat ihre 
Triumphe wie ihre Niederlagen, ihre Schwierigkeiten, Einschrän- 
kungen, Indikationen. Zu einer gewissen Zeit lautete eine Anklage 
gegen die Analyse, sie sei als Therapie nicht ernst zu nehmen, 



jia Schriften aus den Jahren I^lS — 1$)) 

denn sie getraue sich nicht, eine Statistik ihrer Erfolge bekannt- 
zugeben. Seither hat das von Dr. Max Eitingon gegründete 
psychoanalytische Institut in Berlin einen Rechenschaftsbericht 
über sein erstes Jahrzehnt veröffentlicht. Die Heilerfolge gehen 
weder einen Grund, damit zu prahlen, noch sich ihrer zu schämen. 
Aber solche Statistiken sind überhaupt nicht lehrreich, das ver- 
arbeitete Material ist so heterogen, daß nur sehr große Zahlen 
etwas besagen würden. Man tut besser, seine Einzel erfahrungen 
zu befragen. Da möchte ich sagen, ich glaube nicht, daß unsere 
Heilerfolge es mit denen von Lourdes aufnehmen können. Es 
gibt soviel mehr Menschen, die an die Wunder der heiligen 
Jungfrau, als die an die Existenz des Unbewußten glauben. Wenden 
wir uns zur irdischen Konkurrenz, so haben wir die psycho- 
analytische Therapie mit den anderen Methoden der Psycho- 
therapie zusammenzustellen. Organische physikalische Behand- 
lungen neurotischer Zustände braucht man heute kaum zu er- 
wähnen. Als psychotherapeutisches Verfahren steht die Analyse 
nicht im Gegensatz zu den anderen Methoden dieses ärztlichen 
Spezialfachs; sie entwertet sie nicht, schließt sie nicht aus. Es 
ginge in der Theorie sehr gut zusammen, daß ein Arzt, der sich 
Psychotherapeut nennen will, die Analyse neben allen anderen 
Heilmethoden bei seinen Kranken verwendet, je nach der Eigen- 
art des Falles und der Gunst oder Ungunst äußerer Verhältnisse. 
In der Wirklichkeit ist es die Technik, die die Spezialisierung 
der ärztlichen Tätigkeit erzwingt. So mußten sich auch Chirurgie 
und Orthopädie voneinander sondern. Die psychoanalytische Tätig- 
keit ist schwierig und anspruchsvoll, sie läßt sich nicht gut hand- 
haben wie die Brille, die man beim Lesen aufsetzt und fürs 
Spazierengehen ablegt. In der Regel hat die Psychoanalyse d.e-n. 
Arzt entweder ganz oder gar nicht. Die Psychotherapeuten, die 
sich gelegentlich auch der Analyse bedienen, stehen nach meiner 
Kenntnis nicht auf sicherem analytischem Boden; sie haben nicht 
die ganze Analyse angenommen, sondern sie verwässert, vielleicht 



Neue Folge der Forlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 3 1 5 

„entgiftet"; man kann sie nicht zu den Analytikern zählen. Ich 
meine, das ist bedauerlich^ aber ein Zusammenwirken in der ärzt- 
, liehen Tätigkeit eines Analytikers mit einem Psychotherapeuten, 

1 der sich auf die anderen Methoden des Fachs beschränkt, wäre 

i durch aus zweckmäßig. 

Mit den anderen Verfahren der Psychotherapie verglichen, ist 
die Psychoanalyse das Über jeden Zweifel mächtigste. Es ist auch 
' recht und billig so, sie ist auch das mühevollste und zeitraubendste 

man wird sie in leichten Fällen nicht anwenden ^ man kann mit 
ihr in geeigneten Fällen Störungen beseitigen, Änderungen her- 
vorrufen, auf die man in voranalytischen Zeiten nicht zu hoffen 
wagte. Aber sie hat auch ihre sehr fühlbaren Schranken. Der 
therapeutische Ehrgeiz mancher meiner Anhänger hat sich die 
( größte Mühe gegeben, über diese Hindernisse hinwegzukommen, 

so daß alle neurotischen Störungen durch die Psychoanalyse heil- 
bar würden. Sie haben versucht, die analytische Arbeit in eine 
verkürzte Dauer zu zwängen, die Übertragung so zu steigern, 
daß sie allen Widerständen überlegen wird, andere Arten der 
Beeinflussung mit ihr zu vereinigen, um die Heilung zu erzwingen. 
Diese Bemühungen sind gewiß lobenswert, aber ich meine, sie 
sind vergeblich. Sie bringen auch die Gefahr mit sich, daß man 
selbst aus der Analyse hinausgedrängt wird und in ein uferloses 
Experimentieren gerät. Die Erwartung, alles Neurotische heilen 
zu können, ist mir der Abkunft verdächtig von jenem Laien- 
glauben, daß die Neurosen etwas ganz Überflüssiges sind, was 
überhaupt kein Recht hat zu existieren. In Wahrheit sind sie 
schwere, konstitutionell fixierte Affektionen, die sich selten auf 
einige Ausbrüche beschränken, meist über lange Lebensperioden 
oder das ganze Leben anhalten. Die analytische Erfahrung, daß 
man sie weitgehend beeinflussen kann, wenn man sich der histori- 
schen Krankheitsanlässe und der akzidentellen Hilfsmomente be- 
mächtigt, hat uns veranlaßt, den konstitutionellen Faktor in der 
therapeutischen Praxis zu vernachlässigen; wir können ihm ja 



gi^, Schriften aus den Jahren 192S — I^)) 

auch nichts anhaben^ in der Theorie sollten wir seiner immer 
gedenken. Schon die durchgängige Unzugänglichkeit der Psychosen 
für die analytische Therapie sollte bei deren naher Verwandt- 
schaft mit den Neurosen unsere Ansprüche bei diesen letzteren 
einschränken. Die therapeutische Wirksamkeit der Psychoanalyse 
bleibt durch eine Reihe von bedeutsamen und kaum angreifbaren 
Momenten beengt. Beim. Kind, wo man auf die größten Erfolge 
rechnen könnte, sind es die äußerlichen Schwierigkeiten der 
Elternsituation, die aber doch zum Kindsein gehören. Beim Er- 
wachsenen sind es in erster Linie zwei Momente, das Maß von 
psychischer Erstarrung und die Krankheitsform mit allem, was 
sie an tieferen Bestimmungen deckt. Das erste Moment wird ra.it 
Unrecht oft übersehen. So groß die Plastizität des seelischen 
Lebens und die Möglichkeit der Auffrischung alter Zustände auch 
ist, es läßt sich nicht alles wieder beleben. Manche Veränderungen 
scheinen endgültig, entsprechen Narbenbildungen nach abgelaufenen 
Prozessen. Andere Male empfängt man den Eindruck einer allge- 
meinen Erstarrung des Seelenlebens; die psychischen Vorgänge, 
die man sehr wohl auf andere Wege weisen könnte, scheinen 
unfähig, die alten Wege zu verlassen. Aber vielleicht ist das das- 
selbe wie vorhin, nur anders gesehen. Gar zu häufig glaubt man 
zu verspüren, daß es der Therapie nur an der erforderlichen 
Triebkraft fehlt, um die Änderung durchzusetzen. Eine bestimmte 
Abhängigkeit, eine gewisse Triebkomponente ist zu stark im Ver- 
gleich mit den Gegenkräften, die wir mobil machen können. 
Ganz allgemein ist es so bei den Psychosen. Wir verstehen sie 
soweit, daß wir wohl wüßten, wo die Hebel anzusetzen wären, 
aber sie könnten die Last nicht bewegen. Hier knüpft sogar die 
Zukunftshoffnung an, daß die Kenntnis der Hormon Wirkungen 
— Sie wissen, was das ist — uns die Mittel leiht, mit den 
quantitativen Faktoren der Erkrankungen erfolgreich zu ringen, 
aber heute sind wir davon weit entfernt. Ich verstehe, daß die 
Unsicherheit in all diesen Verhältnissen einen ständigen Antrieb 



Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 315 

gibt, die Technik der Analyse und besonders der Übertragung 
zu vervollkommnen. Besonders der Anfänger in der Analyse wird 
bei einem Mißerfolg im Zweifel bleiben, ob er die Eigenheiten 
des Falles oder seine ungeschickte Handhabung des therapeutischen 
Verfahrens beschuldigen soll. Aber ich sagte schon, ich glaube 
nicht, daß man durch die Bemühungen nach dieser Richtung 
viel erreichen kann. 

Die andere Einschränkung der analytischen Erfolge wird durch 
die Krankheitsform gegeben. Sie wissen schon, das Anwendungs- 
gebiet der analytischen Therapie sind die Übertragungsneurosen, 
Phobien, Hysterien, Zwangsneurosen, außerdem noch Abnormitäten 
des Charakters, die an Stelle solcher Erkrankungen entwickelt 
worden sind. Alles, was anders ist, narzißtische, psychotische Zu- 
stände, ist mehr oder weniger ungeeignet. Nun wäre es ja durchaus 
legitim, sich durch sorgfältige Ausschließung solcher Fälle vor 
Mißerfolgen zu schützen. Die Statistiken der Analyse würden 
durch diese Vorsicht eine große Aufbesserung erfahren. Ja, aber 
das hat einen Haken. Unsere Diagnosen erfolgen sehr häufig 
erst nachträglich, sie sind von der Art wie die Hexenprobe des 
Schottenkönigs, von der ich bei Victor Hugo gelesen habe. 
Dieser König behauptete, im Besitz einer unfehlbaren Methode 
zu sein, um eine Hexe zu erkennen. Er ließ sie in einem Kessel 
kochenden Wassers abbrühen und kostete dann die Suppe. Danach 
konnte er sagen: das war eine Hexe, oder: nein, das war keine. 
Ähnlich ist es bei uns, nur daß wir die Geschädigten sind. Wir 
können den Patienten, der zur Behandlung, oder ebenso den 
Kandidaten, der zur Ausbildung kommt, nicht beurteilen, ehe wir 
ihn durch einige Wochen oder Monate analytisch studiert haben. 
Wir kaufen tatsächlich die Katze im Sack. Der Patient brachte 
unbestimmte, allgemeine Beschwerden mit, die eine sichere Dia- 
gnose nicht gestatteten. Nach dieser Probezeit m;ig sich heraus- 
stellen, daß es ein ungeeigneter Fall ist. Wir schicken dann den 
Kandidaten weg, versuchen dann beim Patienten noch eine Weile, 



5i6 • ■ ■ Schriften aus den Jahren 1^2$ — JfJ^^ 

ob wir ihn nicht in günstigerem Licht sehen können. Der Patient 
rächt sich dadurch, daß er die Liste unserer Mißerfolge vergrößert, 
der abgewiesene Kandidat, wenn er ein Paranoider ist, etwa indem 
er selbst psychoanalytische Bücher verfaßt. Sie sehen, unsere Vor- 
sicht hat uns nichts genützt. 

Ich besorge, diese detaillierten Ausführungen gehen über Ihr 
Interesse hinaus. Aber noch mehr müßte es mir leid tun, wenn 
Sie meinen sollten, es sei meine Absicht, Ihre Achtung vor der 
Psychoanalyse als Therapie herabzusetzen. Vielleicht habe ich es 
wirklich ungeschickt angefangen^ ich wollte nämlich das Gegenteil, 
die therapeutischen Beschränkungen der Analyse durch den Hinweis 
auf deren Unvermeidlichkeit entschuldigen. In derselben Absicht 
wende ich mich zu einem anderen Punkt, zum Vorwurf, daß die 
analytische Behandlung unverhältnismäßig lange Zeiten jn Anspruch 
nimmt. Darauf ist zu sagen, psychische Veränderungen vollziehen 
sich eben nur langsam; wenn sie rasch, plötzlich, eintreten, ist es 
ein übles Zeichen. Es ist wahr, die Behandlung einer schwereren 
Neurose zieht sich leicht über mehrere Jahre, aber legen Sie sich 
im Fall des Erfolgs die Frage vor, wie lange das Leiden gedauert 
hätte. Wahrscheinlich ein Dezennium für jedes Jahr Behandlung, 
das heißt das Kranksein wäre, wie wir es so oft an unbehandelten 
Kranken sehen, überhaupt nie erloschen. In manchen Fällen haben 
wir Grund, eine Analyse nach vielen Jahren wieder aufzunehmen, 
das Leben hatte auf neue Anlässe neue krankhafte Reaktionen 
entwickelt, in der Zwischenzeit war unser Patient gesund gewesen. 
Die erste Analyse hatte eben nicht alle seine pathologischen Dis- 
positionen zum Vorschein gebracht, und es war natürlich, daß die 
Analyse eingestellt wurde, nachdem der Erfolg erreicht war. Es 
gibt auch schwer benachteiligte Menschen, die man ihr ganzes 
Leben über in analytischer Obhut hält und von Zeit zu Zeit wieder 
in Analyse nimmt, aber diese Personen wären sonst überhaupt 
nicht existenzfähig, und man muß froh sein, daß man sie mit dieser 
fraktionierten und rekurrierenden Behandlung aufrecht halten kann. 



Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 517 

Auch die Analyse von Charakterstörungen nimmt lange Behandlungs- 
zeiten in Anspruch, aher sie ist oft erfolgreich, und kennen Sie 
eine andere Therapie, mit der man diese Aufgabe auch nur in 
Angriff nehmen könnte? Therapeutischer Ehrgeiz mag sich durch 
diese Angaben unbefriedigt fühlen, allein wir haben am Beispiel 
der Tuberkulose und des Lupus gelernt, daß man Erfolg erst haben 
kann, wenn man die Therapie den Charakteren des Leidens an- 
gepaßt hat. 

Ich sagte Ihnen, die Psychoanalyse begann als eine Therapie, 
aber nicht als Therapie wollte ich sie Ihrem Interesse empfehlen, 
sondern wegen ihres Wahrheitsgehalts, wegen der Aufschlüsse, die 
sie uns gibt über das, was dem Mensclien am nächsten geht, sein 
eigenes Wesen, und wegen der Zusammenhänge, die sie zwischen 
den verschiedensten seiner Betätigungen aufdeckt. Als Therapie ist 
sie eine unter vielen, freilich eine prima inter pares. Wenn sie 
nicht ihren therapeutischen Wert hätte, wäre sie nicht an Kranken 
gefunden und durch mehr als dreißig Jahre entwickelt worden. 



XXXV. VORLESUNG 

ÜBER EINE WELTANSCHAUUNG 

Meine Damen und Herren! Bei unserem letzten Beisammensein 
haben wir uns mit kleinen Alltagssorgen beschäftigt, gleichsam 
unser bescheidenes eigenes Haus bestellt. Nun wollen wir einen 
kühnen Anlauf nehmen und uns an die Beantwortung einer Frage 
wagen, die wiederholt von anderer Seite gestellt worden ist, ob 
die Psychoanalyse zu einer bestimmten Weltanschauung führt und 
zu welcher. 

Weltanschauung ist, besorge ich, ein spezifisch deutscher Begriff, 
dessen Übersetzung in fremde Sprachen Schwierigkeiten machen 
dürfte. Wenn ich eine Definition davon versuche, wird sie Ihnen 
gewiß ungeschickt erscheinen. Ich meine also, eine Weltanschauung 
ist eine intellektuelle Konstruktion, die alle Probleme unseres Daseins 
aus einer übergeordneten Annahme einheitlich löst, in der demnach 
keine Frage offen bleibt und alles, w^as unser Interesse hat, seinen 
bestimmten Platz findet. Es ist leicht zu verstehen, daß der Besitz 
einer solchen Weltanschauung zu den Idealwünschen der Menschen 
gehört. Im Glauben an sie kann man sich im Leben sicher fülilen, 
wissen, was man anstreben soll, wie man seine Affekte und Inter- 
essen am zweckmäßigsten unterbringen kann. 

Wenn das der Charakter einer Weltanschauung ist, so wird die 

^ Antwort für die Psychoanalyse leicht. Als eine Spezial Wissenschaft, 

ein Zweig der Psychologie, — Tiefenpsychologie oder Psychologie 



Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 319 

des Unbewußten, — ist sie ganz ungeeignet, eine eigene Welt- 
anschauung zu bilden, sie muß die der Wissenschaft annehmen. 
Die wissenschaftliche Weltanschauung entfernt sich aber bereits 
merklich von unserer Definition. Die Einheitlichkeit der Welt- 
erklärung wird zwar auch von ihr angenommen, aber nur als ein 
Programm, dessen Erfüllung in die Zukunft verschoben ist. Sonst 
ist sie durch negative Charaktere ausgezeichnet, durch die Ein- 
schränkung auf das derzeit Wißbare und die scharfe Ablehnung 
gewisser, ihr fremder Elemente. Sie behauptet, daß es keine andere 
Quelle der Weltkenntnis gibt als die intellektuelle Bearbeitung sorg- 
faltig überprüfter Beobachtungen, also was man Forschung heißt, 
daneben keine Kenntnis aus Offenbarung, Intuition oder Divination. 
Es scheint, daß diese Auffassung in den letztvergangenen Jahr- 
hunderten der allgemeinen Anerkennung sehr nahe war. Unserem 
Jahrhundert blieb es vorbehalten, den überheblichen Einwand zu 
finden, eine solche Weltanschauung sei ebenso armselig wie trostlos, 
übersehe die Ansprüche des Menschengeistes und die Bedürfnisse 
der menschlichen Seele. 

Man kann diesen Einwand nicht energisch genug zurückweisen. 
Er ist ganz haltlos, denn Geist und Seele sind in genau der 
nämlichen Weise Objekte der wissenschaftlichen Forschung wie 
irgendwelche menschenfremden Dinge. Die Psychoanalyse hat ein 
besonderes Anrecht, hier das Wort für die wissenschaftliche Welt- 
anschauung zu führen, weil man ihr nicht den Vorwurf machen 
kann, daß sie das Seelische im Weltbild vernachlässigt habe. Ihr 
Beitrag zur Wissenschaft besteht gerade in der Ausdehnung der 
Forschung auf das seelische Gebiet. Ohne eine solche Psychologie 
wäre allerdings die Wissenschaft sehr unvollständig. Nimmt man 
aber die Erforschung der intellektuellen und emotionellen Funk- 
tionen des Menschen (und der Tiere) in die Wissenschaft auf, so 
zeigt sich, daß an der Gesamteinstellung der Wissenschaft nichts 
geändert wird, es ergeben sich keine neuen Quellen des Wissens 
oder Methoden des Forschens. Intuition und Divination wären 



520 Schriften aus den Jahren l^2S — Ip}J 

solche, wenn sie existierten, aber man darf sie beruhigt zu den 
Illusionen rechnen, den Erfüllungen von Wunschregungen. Man 
erkennt auch leicht, daß jene Anforderungen an eine Welt- 
anschauung nur alTektiv begründet sind. Die Wissenschaft nimmt 
zur Kenntnis, daß das menschliche Seelenleben solche Forderungen 
erschafft, ist bereit, deren Quellen nachzuprüfen, hat aber nicht 
den geringsten Anlaß, sie als berechtigt anzuerkennen. Sie sieht 
sich im Gegenteil gemahnt, alles was Illusion, Ergebnis solcher 
AiTektforderung ist, sorgrältig vom Wissen zu scheiden. 

Das bedeutet keineswegs, diese Wünsche verächtlich bei Seite zu 
schieben oder ihren Wert fürs Menschenleben zu unterschätzen. 
Man ist bereit zu verfolgen, welche Erfüllungen dieselben sich in 
den Leistungen der Kunst, in den Systemen der Religion und der 
Philosophie geschaffen haben, aber man kann doch nicht übersehen, 
daß es unrechtmäßig und in hohem Grade unzweckmäßig wäre 
die Übertragung dieser Ansprüche auf das Gebiet der Erkenntnis 
zuzulassen. Denn damit öffnet man die Wege, die ins Reich der 
Psychose, sei es der individuellen oder der Massenpsychose, füliren, 
und entzieht ]enen Strebungen wertvolle Energien, die sich der 
Wirklichkeit zuwenden, um, soweit es möglich ist, Wünsche und 
Bedürfnisse in ihr zu befriedigen. 

Vom Standpunkt der Wissenschaft aus ist es unvermeidlich, hier 
Kritik zu üben und mit Ablehnungen und Zurückweisungen vor- 
zugehen. Es ist unzulässig zu sagen, die Wissenschaft ist ein Gebiet 
menschlicher Geistestätigkeit, Rehgion und Philosophie sind andere, 
ihr zum mindesten gleichwertig, und die Wissenschaft hat diesen 
beiden nichts dareinzureden; sie haben alle gleichen Anspruch 
auf Wahrheit und jedem Menschen steht es frei, zu wählen, woher 
er seine Überzeugung nehmen und wohin er seinen Glauben ver- 
legen will. Eine solche Anschauung gilt als besonders vornehm, 
tolerant, umfassend und frei von engherzigen Vorurteilen. Leider 
ist sie nicht haltbar, sie hat Anteil an allen Schädlichkeiten einer 
ganz unwissenschaftlichen Weltanschauung und kommt ihr praktisch 



A^eug Folge der Vorlesungen zur Einführung in di e Psychoajiatyse 521 

gleich. Es ist nun einmal so, daß die Wahrheit nicht tolerant sein 
kann, keine Kompromisse und Einschränkungen zuläßt, daß die 
Forschung alle Gebiete menschhcher Tätigkeit als ihr eigen betrachtet 
und unerbittlich kritisch werden muß, wenn eine andere Macht 
ein Stück davon für sich beschlagnahmen will. 

Von den drei Mächten, die der Wissenschaft Grund und Boden 
bestreiten können, ist die Rehgion allein der ernsthafte Feind. Die 
Kunst ist fast immer harmlos imd wohltätig, sie will nichts anderes 
sein als Illusion. Außer bei wenigen Personen, die, wie man sagt, 
von der Kunst besessen sind, wagt sie keine Übergriffe ins Reich 
der Realität. Die Philosophie ist der Wissenschaft nicht gegensätz- 
lich, sie gebärdet sich selbst wie eine Wissenschaft, arbeitet zum 
Teil mit den gleichen Methoden, entfernt sich aber von ihr, indem 
sie an der Illusion festhält, ein lückenloses und zusammenhängendes 
"Weltbild liefern zu können, das doch bei jedem neuen Fortschritt 
unseres Wissens zusammenbrechen muß. Methodisch geht sie darin 
irre, daß sie den Erkenntnis wert unserer logischen Operationen 
überschätzt und etwa noch andere Wissensquellen wie die Intuition 
anerkennt. Und oft genug meint man, der Spott des Dichters 
(H. Heine) sei nicht unberechtigt, wenn er vom Philosophen sagt: 
„Mit seinen Nachtmützen und Schlafrockfetzen 
Stopft er die Lücken des Weltenbaus." 

Aber die Philosophie hat keinen unmittelbaren Einfluß auf die 
große Menge von Menschen, sie ist das Interesse einer geringen 
Anzahl selbst von der dünnen Oberschicht der Intellektuellen, für 
alle anderen kaum faßbar. Dahingegen ist die Religion eine un- 
geheure Macht, die über die stärksten Emotionen der Menschen 
verfügt. Es ist bekannt, daß sie früher einmal alles umfaßte, was 
als Geistigkeit im Menschenleben eine Rolle spielt, daß sie die 
Stelle der Wissenschaft einnahm, als es noch kaimi eine Wissen- 
schaft gab, und daß sie eine Weltanschauung von unvergleichlicher 
Folgerichtigkeit und Geschlossenheit geschaffen hat, die, wiewohl 
erschüttert, heute noch fortbesteht. 

Freud XII. 



52 2 Schrifte n aus den Jahren 1^28 — Jffj j 

Will man sich vom großartigen Wesen der Religion Rechen- 
schaft geben, so muß man sich vorhalten, was sie den Menschen 
EU leisten unternimmt. Sie gibt ihnen Aufschluß über Herkunft 
und Entstehung der Welt, sie versichert ihnen Schutz und end- 
liches Glück in den Wechselfällen des Lebens und sie lenkt ihre 
Gesinnungen und Handlungen durch Vorschriften, die sie mit ihrer 
ganzen Autorität vertritt. Sie erfüllt also drei Funktionen. In der 
ersten befriedigt sie die menschliche Wißbegierde, tut dasselbe, 
was mit ihren Mitteln die Wissenschaft versucht, und tritt hier 
in Rivalität mit ihr. Ihrer zweiten Funktion verdankt sie wohl den 
größten Anteil ihres Einflusses. Wenn sie die Angst der Menschen 
vor den Gefahren und Wechselfällen des Lebens beschwichtigt, sie 
des guten Ausganges versichert, ihnen Trost im Unglück spendet, 
kann die Wissenschaft es nicht mit ihr aufnehmen. Diese lehrt 
zwar, wie man gewisse Gefahren vermeiden, manche Leiden erfolg- 
reich bekämpfen kannj es wäre sehr unrecht zu bestreiten, daß 
sie den Menschen eine mächtige Helferin ist, aber in vielen Lagen 
muß sie den Menschen seinem Leid überlassen und weiß ihm nur 
zur Unterwerfung zu raten. In ihrer dritten Funktion, wenn sie 
Vorschriften gibt, Verbote und Einschränkungen erläßt, entfernt 
sie sich von der Wissenschaft am meisten. Denn diese begnügt 
sich damit, zu untersuchen und festzustellen. Aus ihren Anwendungen 
leiten sich allerdings Regeln und Ratschläge für das Verhalten im 
Leben ab. Unter Umständen sind es dieselben, die von der ReHgion 
geboten werden, aber dann mit anderer Begründung. 

Das Zusammentreffen dieser drei Inhalte der Religion ist nicht 
ganz durchsichtig. Was soll die Aufklärung über die Entstehung 
der Welt mit der Einschärfung bestimmter ethischer Vorschriften 
zu tun haben? Die Zusicherungen von Schutz und Beglückung 
sind mit den ethischen Anforderungen inniger verknüpft. Sie sind 
der Lohn für die Erfüllung dieser Gebote; nur wer sich ihnen 
fügt, darf auf diese Wohltaten rechnen, auf den Ungehorsamen 
warten Strafen. Übrigens gibt es bei der Wissenschaft etwas Ahn- 



iVg^g Folge der Vorlesangen zur Einführung in die Psychoa nalyse 323 

Jiches. Wer ihre Anwendungen mißachtet, meint sie, setzt sich 
Schädigungen aus. 

Man versteht das merkwürdige Zusammensein von Belehrung, 
Tröstung und Anforderung in der Rehgion erst, wenn man diese 
einer genetischen Analyse unterzieht. Diese darf von dem auffälligsten 
Punkt des Ensembles, von der Belehrung über die Weltentstehung 
ausgehen, denn warum sollte eine Kosmogonie ein regelmäßiger 
Bestandteil des religiösen Systems sein? Die Lehre ist also, daß 
die Welt von einem menschenähnHchen, aber in allen Stücken 
Macht, Weisheit, Stärke der Leidenschaft vergrößerten Wesen einem 
idealisierten Übermenschen geschaffen wurde. Tiere als Weltschöpfer 
weisen auf den Einfluß des Totemismus hin, den wir später wenigstens 
mit einer Bemerkung streifen werden. Es ist interessant, daß dieser 
Weltschöpfer immer nur einer ist, auch wo an viele Götter geglaubt 
wird. Ebenso, daß es zumeist ein Mann ist, obwohl es keineswegs 
an Andeutungen weiblicher Gottheiten fehlt und manche Mytho- 
logien die Weltschöpfung gerade damit beginnen lassen, daß ein 
Manngott eine weibliche Gottheit, die zum Ungeheuer erniedrigt 
ist, beseitigt. Die interessantesten Einzelprobleme schließen hier an, 
aber wir müssen eilen. Der weitere Weg ist uns leicht kenntlich 
gemacht, indem dieser Gott-Schöpfer direkt Vater geheißen wird. 
Die Psychoanalyse schließt, es ist wirklich der Vater, so großartig, 
wie er einmal dem kleinen Kind erschienen war. Der rehgiöse 
Mensch stellt sich die Schöpfung der Welt so vor wie seine eigene 
Entstehung. 

Dann erklärt sich leicht, wie die tröstlichen Versicherungen und 
die strengen ethischen Forderungen mit der Kosmogonie zusammen- 
kommen. Denn dieselbe Person, der das Kind seine Existenz ver- 
dankt, der Vater (richtiger wohl, die aus Vater und Mutter zu- 
sammengesetzte Elterninstanz) hat auch das schwache, hilflose, allen 
in der Außenwelt lauernden Gefahren ausgesetzte Kind beschützt 
und bewacht^ in seiner Obhut hat es sich sicher gefühlt. Selbst 
erwachsen geworden, weiß sich der Mensch zwar im Besitz größerer 



ai' 



22^ , Schri ften aus den Jahren 192S — J^Jj 

Kräfte, aber auch seine Einsicht in die Gefahren des Lebens hat 
zugenommen, und er schheßt mit Recht, daß er im Grunde noch 
ebenso hilflos und ungeschützt geblieben ist wie in der Kindheit, 
daß er der Well gegenüber noch immer Kind ist. Er mag also 
auch jetzt nicht auf den Schutz verzichten, den er als Kind ge- 
nossen hat. Längst hat er aber auch erkannt, daß sein- Vater ein 
in seiner Macht eng beschränktes, nicht mit allen Vorzügen aus- 
gestattetes. Wesen ist. Darum greift er auf das Erinnerungsbild 
des von ihm so überschätzten Vaters der Kinderzeit zurück, erhebt 
es zur Gottheit und rückt es in die Gegenwart und in die Realität. 
Die affektive Stärke dieses Erinnerungsbildes und die Fortdauer 
seiner SchutzbedQrftigkeit tragen miteinander seinen Glauben an 
Gott. - 

Auch der dritte Hauptpunkt des religiösen Programms, die ethische 
Forderung, fügt sich ungezwungen in diese Kindheitssituation ein. 
Ich erinnere Sie an den berühmten Ausspruch Kant's, der den 
gestirnten Himmel und das Sittengesetz in unserer Brust in einem 
Athem nennt. So befremdend diese Zusammenstellung klingt, — denn 
was mögen die Himmelskörper mit der Frage zu tun haben, ob ein 
Menschenkind ein anderes liebt oder totschlägt? — so streift sie doch 
an eine große psychologische Wahrheit. Derselbe Vater (die Eltern- 
instanz), der dem Kind das Leben gegeben und es vor den Gefahren 
desselben behütet hat, belehrte es auch, was es tun darf und was es 
unterlassen soll, wies es an, sich bestimmte Einschränkungen seiner 
Triebwünsche gefallen zu lassen, ließ es wissen, welche Rücksichten 
auf Eltern und Geschwister von ihm, erwartet werden, wenn es 
ein geduldetes und gern gesehenes Mitg;hed des Familienkreises 
und später größerer Verbände werden will. Durch ein System von 
Liebesprämien und Strafen wird das Kind zur Kenntnis seiner 
sozialen Pflichten erzogen, wird es belehrt, daß seine Lebenssicher- 
heit davon abhängt, daß die Eltern und dann auch die Anderen 
es lieben und an seine Liebe zu ihnen glauben können. Alle diese 
Verhältnisse trägt dann der Mensch unverändert in die Religion 



Neue Folge der Vorlesungen zw Einführung in die Ps ychoanalyse 52g 

ein. Die Verbote und Forderungen der Eltern leben als sittliches 
Gewissen in seiner Brust weiter; mit Hilfe desselben Systems von 
Lohn und Strafe regiert Gott die Menschenwelt, von der Erfüllung 
der ethischen Forderungen hängt es ab, welches Maß von Schutz 
und Glücksbefriedigung dem Einzelnen zugewiesen wird; in der 
Liebe zu Gott und im Bewußtsein, von ihm geliebt zu werden 
ist die Sicherheit begründet, mit der man sich gegen die Gefahren 
der Außenwelt wie der menschlichen Mitwelt wappnet. Endlich 
hat man sich im Gebet einen direkten Einfluß auf den göttlichen 
Willen und damit einen Anteil an der göttlichen Allmacht ge- 
sichert. 

Ich weiß, während Sie mir zuhörten, haben sich Ihnen zahlreiche 
Fragestellungen aufgedrängt, auf die Sie gerne die Antwort hören 
möchten. Ich kann es hier und heute nicht unternehmen, aber 
ich bin zuversichtlich, daß keine dieser Detailuntersuchungen unseren 
Satz erschüttern würde, die religiöse Weltanschauung sei durch die 
Situation unserer Kindheit determiniert. Umso merkwürdiger dann, 
daß sie trotz ihres infantilen Charakters doch einen Vorläufer hat. 
Es gab ohne Zweifel eine Zeit ohne Religion, ohne Götter. Man 
heißt sie den Animismus. Die Welt war auch damals voll von 
menschenähnhchen geistigen Wesen, Dämonen nennen wir sie 
alle Objekte der Außenwelt waren der Sitz von ihnen oder viel- 
leicht identisch mit ihnen, aber es gab keine Übermacht, die sie 
alle erschaffen hatte und auch weiter beherrschte und an die man 
sich um Schutz und Abhilfe wenden konnte. Die Dämonen des 
Animismus waren den Menschen zumeist feindhch gesinnt, aber 
es scheint, daß der Mensch sich damals mehr zutraute als später. 
Er litt gewiß beständig unter schwerster Angst vor diesen bösen 
Geistern, aber er erwehrte sich ihrer durch bestimmte Handlungen, 
denen er die Kraft zuschrieb, sie zu verjagen. Auch hielt er sich 
sonst nicht für machtlos. Wenn er an die Natur einen Wunsch 
EU stellen hatte, z. B. Regen wollte, so richtete er nicht ein Gebet 
an den Wettergott, sondern er übte einen Zauber, von dem er 



326 Schriften aus den Jahren 1^28 — 1933 

eine direkte Beeinflussung der Natur erwartete, machte selbst etwas 
dem Regen ähnliches. Im Kampf gegen die Mächte der Umwelt 
war seine erste Waffe die Magie, die erste Vorläuferin unserer 
heutigen Technik. Wir nehmen an, daß das Vertrauen in die Magie 
sich von der Überschätzung der eigenen intellektuellen Operationen 
ableitet, von dem Glauben an die „Allmacht der Gedanken", den 
wir übrigens bei unseren Zwangsneurotikern wiederfinden. Wir 
könnten uns vorstellen, daß die Menschen jener Zeit besonders 
stolz auf ihre Erwerbungen in der Sprache waren, mit denen eine 
große Erleichterung des Denkens einhergehen mußte. Sie verliehen 
dem Wort Zauberkraft. Dieser Zug wurde später von der Religion 
übernommen. „Und Gott sprach: es werde Licht, und es ward 
Licht." Übrigens zeigt die Tatsache der magischen Handlungen, 
daß der animistische Mensch sich nicht einfach auf die Kraft seiner 
Wünsche verließ. Er erwartete den Erfolg vielmehr von der Aus- 
führung eines Aktes, der die Natur zur Nachahmung veranlassen 
sollte. Wenn er Regen wollte, schüttete er selbst Wasser aus; wenn 
er den Boden zur Fruchtbarkeit anregen wollte, gab er ihm das 
Schauspiel eines Geschlechtsverkehrs auf dem Felde. 

Sie wissen, wie schwer etwas untergeht, was sich einmal psychischen 
Ausdruck verschafft hat. Sie werden also nicht überrascht sein zu 
hören, daß viele Äußerungen des Animismus sich bis auf den 
heutigen Tag erhalten haben, meist als sogenannter Aberglaube, 
neben und hinter der Religion. Aber mehr noch, Sie werden das 
Urteil kaum abweisen können, daß unsere Philosophie wesentliche 
Züge der animistischen Denkweise bewahrt hat, die Überschätzung 
des Wortzaubers, den Glauben, daß die realen Vorgänge in der 
Welt die Wege gehen, die unser Denken ihnen anweisen will. 
Es wäre freilich ein Animismus ohne magische Handlungen. Ander- 
seits dürfen wir erwarten, daß es schon in jenem Zeitalter irgend- 
eine Art von Ethik gegeben hat, Vorschriften für den Verkehr 
der Menschen untereinander, aber nichts spricht dafür, daß sie 
inniger an den animistischen Glauben geknüpft waren. Wahr- 



Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 527 

scheinlich waren sie der unmittelbare Ausdruck der Machtverhältnisse 
und praktischen Bedürfnisse. 

Was den Übergang vom Animismus zur Religion erzwungen 

hat, wäre sehr wissenswert, aber Sie können sich vorstellen, welches 

Dunkel heute noch diese Urzeiten der Entwicklungsgeschichte des 

I Menschengeistes verhüllt. Es scheint Tatsache, daß die erste Er- 

' scheinungsform der Religion der merkwürdige Totemismus war, 

die Tierverehrung, in dessen Gefolge auch die ersten ethischen 

Gebote, die Tabus, auftraten. Ich habe seinerzeit in einem Buclie 

„Totem und Tabu" eine Vermutung ausgearbeitet, die diese Wandlung 

■ auf einen Umsturz in den Verhältnissen der menschlichen Familie 

. zurückführt. Die Hauptleistung der Rehgion im Vergleich zum 

Animismus liegt in der psychischen Bindung der Dämonenangst. 

Doch hat sich als Überlebsel der Vorzeit der böse Geist eine Stelle 

im System der Religion gewahrt. 

Ist dies die Vorgeschichte der religiösen Weltanschauung, so 
I wenden wir uns jetzt zu dem, was seither geschehen und noch 

unter unseren Augen vor sich geht. Der wissenschaftliche Geist, 
I an der Beobachtung der Naturvorgänge erstarkt, hat im Laufe der 

Zeiten begonnen, die Religion wie eine menschliche Angelegenheit 
zu behandeln und sie einer kritischen Prüfung zu unterziehen. 
Der konnte sie nicht standhalten. Es waren zunächst ihre Wunder- 
berichte, die Befremden und Unglauben hervorriefen, weil sie allem 
widersprachen, was die nüchterne Beobachtung gelehrt hatte, und 
überdeutlich den Einfluß menschlicher Phantasietatigkeit verrieten. 
Dann mußten ihre Lehren zur Erklärung der bestehenden Welt 
Ablehnung finden, denn sie zeugten von einer Unwissenheit, die 
den Stempel alter Zeiten an sich trug und der man sich dank ge- 
steigerter Vertrautheit mit den Naturgesetzen überlegen wußte. Daß 
die Welt durch Zeugungs- oder Schöpfungsakte entstanden sein 
sollte, analog der Entstehung des einzelnen Menschen, erschien nicht 
mehr als die nächste, selbstverständliche Annahme, seitdem sich dem 
Denken die Unterscheidung von belebten und seelenvollen Wesen 



528 Schriften aus den Jakren I^2S — /?Ji 

und einer unbelebten Natur aufgedrängt hatte, mit der das Fest- 
halten am ursprünglichen Animismus unmöglich wurde. Nicht zu 
übersehen ist auch der Einfluß des vergleichenden Studiums ver- 
schiedener religiöser Systeme und der Eindruck ihrer gegenseitigen 
Ausschließung und ihrer Intoleranz gegen einander. 

An diesen Vorübungen erstarkt, hat der wissenschaftliche Geist 
endlich den Mut gewonnen, sich an die Prüfung der bedeutsamsten 
und affektiv wertvollsten Stücke der religiösen Weltanschauung zu 
wagen. Man hätte es immer sehen können, aber man getraute sich 
erst spät es auszusprechen, daß auch die Behauptungen der Religion, 
die dem Menschen Schutz und Glück versprechen, wenn er nur 
gewisse ethische Anforderungen erfüllt, sich als unglaubwürdig er- 
weisen. Es scheint nicht zuzutreffen, daß es eine Macht im Weltall 
gibt, die mit elterlicher Sorgfalt über das Wohlergehen des Ein- 
zelnen wacht und alles, was ihn betrifft, zu glücklichem. Ende leitet. 
Vielmehr sind die Schicksale der Menschen weder mit der Annahme 
der Weltgüte noch mit der — ihr zum Teil widersprechenden — 
einer Weltgerechtigkeit zu vereinen. Erdbeben, Sturmfluten, Feuers- 
brünste machen keinen Unterschied zwischen dem Guten und 
Fronnmen und dem Bösewicht oder dem Ungläubigen. Auch wo 
nicht die unbelebte Natur in Betracht kommt und insoferne das 
Schicksal des einzelnen Menschen von seinen Beziehungen zu den 
anderen Menschen abhängt, ist es keineswegs die Regel, daß die 
Tugend belohnt wird und das Böse seine Strafe findet, sondern oft 
genug reißt der Gewalttätige, Schlaue, Rücksichtslose die benei- 
deten Güter der Welt an sich und der Fromme geht leer aus. 
Dunkle, fühllose und lieblose Mächte bestimmen das menschliche 
Schicksal; das System von Belohnungen und Strafen, dem die 
Religion die Weltherrschaft zugeschrieben hat, scheint nicht zu 
existieren. Hier ist wiederum ein Anlaß, ein Stück der Beseelung, 
das sich aus dem Animismus in die Religion gerettet hatte, fallen 
zu lassen. 

Den letzten Beitrag zur Kritik der religiösen Weltanschauung 



Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 329 

hat die Psychoanalyse geleistet, indem sie auf den Ursprung der 
Religion aus der kindlichen Hilflosigkeit hinwies und ihre Inhalte 
aus den ins reife Leben fortgesetzten Wünschen und Bedürfnissen 
der Kinderzeit ableitete. Das bedeutete nicht gerade eine Wider- 
legung der Religion, aber es war doch eine notwendige Abrundung 
unseres Wissens um sie und wenigstens in einem Punkt ein Wider- 
spruch, da sie selbst göttliche Abkunft für sich in Anspruch nimmt. 
Freilich hat sie damit nicht unrecht, wenn man unsere Deutung 
Gottes annimmt. 

Das zusammenfassende Urteil der Wissenschaft über die religiöse 
Weltanschauung lautet also: Während die einzelnen Religionen mit- 
einander hadern, welche von ihnen im Besitz der Wahrheit sei, meinen 
wir, daß der Wahrheitsgehalt der Religion überhaupt vernachlässigt 
werden darf. Religion ist ein Versuch, die Sinneswelt, in die wir 
gestellt sind, mittels der Wunschwelt zu bewältigen, die wir infolge 
biologischer und psychologischer Notwendigkeiten in uns entwickelt 
haben. Aber sie kann es nicht leisten. Ihre Lehren tragen das 
Gepräge der Zeiten, in denen sie entstanden sind, der unwissenden 
Kinderzeiten der Menschheit. Ihre Tröstungen verdienen kein Ver- 
trauen. Die Erfahrung lehrt uns: Die Welt ist keine Kinderstube. 
Die ethischen Forderungen, denen die Religion Nachdruck verleihen 
will, verlangen vielmehr eine andere Begründung, denn sie sind 
der menschlichen Gesellschaft unentbehrlich und es ist gefährlich, 
ihre Befolgung an die rehgiöse Gläubigkeit zu knüpfen. Versucht 
man, die Religion in den Entwicklungsgang der Menschheit ein- 
zureihen, so erscheint sie nicht als ein Dauererwerb, sondern als ein 
Gegenstück der Neurose, die der einzelne Kulturmensch auf seinem 
Wege von der Kindheit zur Reife durchzumachen hat. 

Es steht Ihnen natürlich frei, an dieser meiner Darstellung Kritik 
zu üben; ich werde Ihnen dabei selbst entgegenkommen. Was ich 
Ihnen über die allmähliche Abbröckelung der religiösen Welt- 
anschauung gesagt habe, war gewiß in seiner Verkürzung unvoll- 
ständig; die Reihenfolge der einzelnen Vorgänge war nicht ganz 



350 Schriften aus den Jahren 1^28 — 193) 

richtig angegeben, das Zusammenwirken verschiedener Kräfte beim 
Erwachen des wissenschaftlichen Geistes wurde nicht verfolgt. Ich 
habe auch die Veränderungen außeracht gelassen, die sich in der 
rehgiösen Weltanschauung selbst während der Zeit ihrer unbe- 
strittenen Herrschaft und dann unter dem Einfluß der erwachenden 
Kritik vollzogen haben. Endlich habe ich meine Erörterung streng 
genommen auf eine einzige Gestaltung der Religion, die der abend- 
ländischen Völker, eingeschränkt. Ich habe mir sozusagen ein 
Phantom geschaffen zum Zweck einer beschleunigten, möglichst 
eindrucksvollen Demonstration. Lassen wir die Frage beiseite, ob 
mein Wissen überhaupt hingereicht hätte, es besser und vollständiger 
zu machen. Ich weiß, alles, was ich Ihnen gesagt habe, können Sie 
anderswo finden, besser finden, nichts davon ist neu. Lassen Sie mich 
die Überzeugung aussprechen, daß die sorgfältigste Bearbeitung des 
Stoffs der Religionsprobleme unser Ergebnis nicht erschüttern 
würde. 

Sie wissen, daß der Kampf des wissenschaftlichen Geistes gegen 
die religiöse Weltanschauung nicht zu Ende gekommen ist, er spielt 
sich noch in der Gegenwart unter unseren Augen ab. So wenig 
sonst die Psychoanalyse von der Waffe der Polemik Gebrauch macht, 
so wollen wir es uns doch nicht versagen, in diesen Streit Einsicht 
zu nehmen. Wir erreichen dabei vielleicht eine weitere Klärung 
unserer Stellung zu den Weltanschauungen. Sie werden sehen, wie 
leicht sich einige der Argumente, die die Anhänger der Religion 
vorbringen, zurückweisen lassen: andere mögen sich allerdings der 
Widerlegung entziehen. 

Die erste Einwendung, die man hört, lautet, es sei eine Ver- 
messenheit der Wissenschaft, die Religion zum Gegenstand ihrer 
Untersuchungen zu nehmen, denn diese sei etwas Souveränes, jeder 
menschlichen Verstandestätigkeit Überlegenes, dem man mit klü- 
gelnder Kritik nicht nahekommen darf. Mit anderen Worten, die 
Wissenschaft ist zur Beurteilung der Religion nicht zuständig. Sie 
sei sonst ganz brauchbar und schätzenswert, solange sie sich auf 



Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 33 1 

ihr Gebiet beschränkt, aber die Religion sei nicht ihr Gebiet, da 
habe sie nichts zu suchen. Läßt man sich durch diese barsche Ab- 
weisung nicht abhaken und fragt weiter, worauf sich dieser An- 
spruch an eine Ausnahmsstellung unter allen menschlichen An- 
gelegenheiten gründet, so erhält man zur Antwort, wenn man 
überhaupt einer Antwort gewürdigt wird, die Religion darf nicht 
mit menschlichem Maß gemessen werden, denn sie ist göttlicher 
Herkunft, uns durch Offenbarung von einem Geist gegeben, den 
der Menschengeist nicht zu begreifen vermag. Man sollte meinen, 
nichts sei leichter abzuweisen als dieses Argument, es ist doch eine 
offenkundige petitio principü, ein begging the question, ich weiß 
keinen guten Ausdruck dafür im Deutschen. Es wird eben in 
Frage gestellt, ob es einen göttlichen Geist und seine Offenbarung 
gibt, und da ist es sicherlich keine Entscheidung, wenn gesagt 
wird, das könne man nicht fragen, denn die Gottheit darf nicht 
in Frage gestellt werden. Es ist hier wie gelegentlich in der ana- 
lytischen Arbeit. Wenn ein sonst verständiger Patient eine be- 
stimmte Zumutung mit einer besonders dummen Begründung 
zurückweist, so verbürgt diese logische Schwäche die Existenz eines 
besonders starken Motivs zum Widerspruch, das nur affektiver Natur, 
eine Gefühlsbindung sein kann. 

Man kann auch eine andere Antwort erhalten, in der ein solches 
Motiv offen eingestanden wird. Die Religion darf nicht kritisch ge- 
prüft werden, weil sie das Höchste, Wertvollste, Erhabenste ist, was 
der menschliche Geist hervorgebracht hat, weil sie den tiefsten Ge- 
fühlen Ausdruck gibt, allein die Welt erträghch und das Leben 
menschenwürdig macht. Darauf braucht man nicht zu antworten, 
indem man die Einschätzung der Religion bestreitet, sondern in- 
dem man die Auftnerksamkeit auf einen anderen Sachverhalt richtet. 
Man betont, daß es sich gar nicht um einen Übergriff des wissen- 
schaftlichen Geistes auf das Gebiet der Religion handelt, sondern 
im Gegenteil um einen Übergriff der Religion auf die Sphäre des 
wissenschaftlichen Denkens. Was immer Wert und Bedeutung der 



552 Schriften aus den Jahren ip28 — Jf'jJ 

Religion sein mögen, sie hat kein Recht, das Denken irgendwie 
zu beschränken, also auch nicht das Recht, sich selbst von der An- 
wendung des Denkens auszunehmen. 

Das wissenschafthche Denken ist in seinem Wesen nicht ver- 
schieden von der normalen Denktätigkeit, die wir alle, Gläubige 
wie Ungläubige, bei der Besorgung unserer Angelegenheiten im 
Leben verwenden. Es hat sich nur in einigen Zügen besonders 
gestaltet, es interessiert sich auch für Dinge, die keinen unmittel- 
baren, greifbaren Nutzen haben, es bemüht sich, individuelle Faktoren 
und affektive Beeinflussungen sorgfältig fernzuhalten, prüft die 
Sinnes Wahrnehmungen, auf die es seine Schlüsse baut, strenger 
auf ihre Zuverlässigkeit, schafft sich neue Wahrnehmungen, die 
mit den Mitteln des Alltags nicht zu erreichen sind, und isoliert 
die Bedingungen dieser Neuerfahrungen in absichtlich variierten 
Versuchen. Sein Bestreben ist, die Übereinstimmung mit der Realität 
zu erreichen, d. h. mit dem, was außerhalb von uns, unabhängig 
von uns besteht und, wie uns die Erfahrung gelehrt hat, für die 
Erfüllung oder Vereitelung unserer Wünsche maßgebend ist. Diese 
Übereinstimmung mit der realen Außenwelt heißen wir Wahrheit. 
Sie bleibt das Ziel der wissenschaftlichen Arbeit, auch wenn wir 
deren praktischen Wert außer Augen lassen. Wenn also die Religion 
behauptet, daß sie die Wissenschaft ersetzen kann, daß sie darum, 
weil sie wohltuend und erhebend ist, auch wahr sein muß, so ist 
das in der Tat ein Übergriff, den man im allgemeinsten Interesse 
zurückweisen sollte. Es ist eine starke Zumutung an den Menschen, 
der gelernt hat, seine gewöhnlichen Geschäfte nach den Regeln 
der Erfahrung und unter Rucksicht auf die Realität zu führen, 
daß er die Besorgung gerade seiner intimsten Interessen einer Instanz 
übertragen sollte, die die Befreiung von den Vorschriften des ratio- 
nellen Denkens als ihr Vorrecht in Anspruch nimmt. Und was 
den Schutz betrifft, den die Religion ihren Gläubigen verspricht, 
so meine ich, niemand von uns würde auch nur in ein Automobil 
einsteigen wollen, dessen Lenker erklärt, er fahre unbeirrt durch 



Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 535 

die Regeln des Straßenverkehrs nach den Impulsen seiner von 
hohem Schwung getragenen Phantasie. 

Das Denkverbot, das die Religion im Dienste ihrer Selbsterhaltung 
ausgehen läßt, ist auch keineswegs ungefährlich, weder für den 
Einzelnen noch für die menschliche Gemeinschaft. Die analytische 
Erfahrung hat uns gelehrt, daß ein solches Verbot, wenn auch ur- 
sprünglich auf ein bestimmtes Gebiet beschränkt, die Neigung hat 
sich auszubreiten und dann eine Ursache schwerer Hemmungen in 
der Lebenshaltung der Person wird. Diese Wirkung kann man 
auch am weiblichen Geschlecht beobachten als Folge des Verbots, 
sich auch nur im Denken mit seiner Sexualität zu beschäftigen. Die 
Schädlichkeit der religiösen Denkhemmung vermag die Biographik 
in der Lebensgeschichte fast aller hervorragenden Individuen ver- 
gangener Zeiten nachzuweisen. Anderseits gehört der Intellekt — 
oder nennen wir ihn bei seinem uns vertrauten Namen; die Ver- 
nunft — zu den Mächten, von denen man am ehesten einen eini- 
genden Einfluß auf die Menschen erwarten darf, die Menschen, 
die so schwer zusammenzuhalten und darum kaum zu regieren 
sind. Man stelle sich vor, wie unmöglich die menschliche Gesell- 
schaft würde, wenn jedermann auch nur sein eigenes Einmaleins 
und seine besondere Längen- und Gewichtseinheit hätte. Es ist 
unsere beste Zukunftshoffnung, daß der Intellekt — der wissen- 
schaftliche Geist, die Vernunft — mit der Zeit die Diktatur im 
menschlichen Seelenleben erringen wird. Das Wesen der Vernunft 
bürgt dafür, daß sie dann nicht unterlassen wird, den menschlichen 
Gefühlsregungen und was von ihnen bestimmt wird, die ihnen ge- 
bührende Stellung einzuräumen. Aber der gemeinsame Zwang einer 
solchen Herrschaft der Vernunft wird sich als das stärkste einigende 
Band unter den Menschen erweisen und weitere Einigungen an- 
bahnen. Was sich, wie das Denkverbot der Religion, einer solchen 
Entwicklung widersetzt, ist eine Gefahr für die Zukunft der 
Menschheit. 

Man kann nun fragen: Warum macht die Religion diesem für 



354 Schriften aus den Jahren Ip2S — T^J^ 

sie aussichtslosen Streit nicht ein Ende, indem sie frei heraus er- 
klärt: „Es ist richtig, daß ich Euch das nicht geben kann, was 
man gemeinhin Wahrheit nennt; dafür müßt Ihr Euch an die 
Wissenschaft halten. Aber was ich zu geben habe, ist ungleich 
schöner, trostreicher und erhebender als alles, was Ihr von der 
Wissenschaft bekommen könnt. Und darum sage ich Euch, es ist 
wahr in einem, anderen, höheren Sinn." Die Antwort ist leicht zu 
finden. Die Religion kann dieses Zugeständnis nicht machen, weil 
sie damit jeden Einfluß auf die Menge einbüßen würde. Der ge- 
meine Mann kennt nur eine Wahrheit im geraeinen Sinn des 
Wortes. Was eine höhere oder höchste Wahrheit sein soll, kann 
er sich nicht vorstellen. Die AVahrheit erscheint ihm so wenig der 
Steigerung fähig wie der Tod, und den Sprung vom Schönen zum 
Wahren kann er nicht mitmachen. Vielleicht denken Sie mit mir 
er tut recht daran. 

Der Kampf ist also nicht zu Ende. Die Anhänger der religiösen 
Weltanschauung handeln nach dem alten Satz: Die beste Ver- 
teidigung ist der Angriff. Sie fragen: Wer ist denn diese Wissen- 
schaft, die sich anmaßt unsere Religion zu entwerten, die Millionen 
von Menschen durch lange Jahrtausende Heil und Trost gespendet 
hat? Was hat sie ihrerseits bereits geleistet? Was können wir 
ferner von ihr erwarten? Trost und Erhebung zu bringen, dazu 
ist sie nach eigenem Geständnis unfähig. Sehen wir also davon 
ab, obwohl das kein leichter Verzicht ist. Aber was ist's mit 
ihren Lehren? Kann sie uns sagen, wie die Welt geworden ist 
und welchem Schicksal sie entgegengeht? Kann sie uns auch nur 
ein zusammenhängendes Weltbild zeichnen, uns zeigen, wohin 
die unerklärten Phänomene des Lebens gehören, wie die geistigen 
Kräfte auf die träge Materie zu wirken vermögen? Wenn sie das 
könnte, würden wir ihr unsere Achtung nicht versagen. Aber 
nichts von alledem, kein Problem dieser Art hat sie noch gelöst. 
Sie gibt uns Bruchstücke angeblicher Erkenntnis, die sie nicht 
zur Übereinstimmung miteinander bringen kann, sammelt Be- 



Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 555 

obachtungen von Regelmäßigkeiten im Ablauf der Geschehnisse, 
die sie mit dem Namen von Gesetzen auszeichnet und ihren ge- 
wagten Deutungen unterwirft. Und mit welch geringem Grad von 
Sicherheit stattet sie ihre Ergebnisse aus? Alles, was sie lehrt, gilt 
nur vorläufig; was man heute als höchste Weisheit anpreist, wird 
morgen verworfen und wiederum nur probeweise durch anderes 
ersetzt. Der letzte Irrtum heißt dann Wahrheit. Und dieser Wahr- 
heit sollen wir unser höchstes Gut zum Opfer bringen! 

Meine Damen und Herren! Ich denke, insofern Sie selbst der hier 
angegriffenen wissenschaftlichen Weltanschauung anhängen, werden 
Sie durch diese Kritik nicht allzutief erschüttert worden sein. Im 
kaiserlichen Österreich fiel einst ein Wort, an das ich hier erinnern 
möchte. Der alte Herr schrie einmal die Abordnung einer ihm un- 
bequemen Partei an: Das ist keine gewöhnliche Opposition mehr, 
das ist faktiöse Opposition. So ähnlich werden Sie finden, die Vor- 
würfe gegen die Wissenschaft, daß sie die Welträtsel noch nicht 
gelöst, sind in ungerechter und gehässiger Weise übertrieben; für 
diese großen Leistungen hat sie bisher wirklich zu wenig Zeit 
gehabt. Die Wissenschaft ist sehr jung, eine spät entwickelte mensch- 
liche Tätigkeit. Halten wir uns vor, um nur einige Daten auszu- 
wählen, es sind etwa 500 Jahre vergangen, seit Kepler die Ge- 
setze der Planetenbewegung fand, die Lebenszeit Newtons, der das 
Licht in seine Farben zerlegte und die Lehre von der Schwerkraft 
aufstellte, ging 1727 zu Ende, also vor wenig mehr als 000 
Jahren, kurz vor der französischen Revolution erkannte Lavoisier 
den Sauerstoff. Ein Menschendasein ist sehr kurz im Ver- 
gleich zur Dauer der Menschheitsentwicklung, ich mag heute ein 
sehr alter Mann sein, aber immerhin, ich war schon am Leben, als 
Ch. Darwin sein Werk über die Entstehung der Arten der Öffent- 
lichkeit übergab. In dem gleichen Jahr 1859 wurde der Entdecker 
des Radiums, Pierre Curie, geboren. Und wenn Sie weiter zu- 
rückgehen, zur den Anfängen der exakten Naturwissenschaft bei den 
Griechen, zu Archimedes, Aristarch von Samos (um 050 



556 Schriften aus den Jahren ip2S — 19^] 

V. Chr.), dem Vorläufer des Köper nikus, oder selbst zu den ersten 
Ansätzen der Astronomie bei Jen Babyloniern, so decken Sie damit 
nur einen kleinen Bruchteil des Zeitraums, den die Anthropologie 
für die Entwicklung des Menschen von seiner affenähnlichen 
Urform aus in Anspruch nimmt, und der gewiß mehr als ein Jahr- 
hunderttausend umfaßt. Und vergessen wir nicht, das letzte Jahr- 
hundert hat eine solche Fülle von neuen Entdeckungen, eine so 
große Beschleunigung des wissenschaftlichen Fortschritts gebracht, 
daß wir allen Grund haben, der Zukunft der Wissenschaft mit 
Zuversicht entgegenzusehen. 

Den anderen Ausstellungen müssen wir in gewissem Umfang 
recht geben. So ist eben der Weg der Wissenschaft, langsam, 
tastend, mühselig. Es ist nicht zu leugnen und zu ändern. Kein 
Wunder, daß die Herren von der anderen Seite unzufrieden sind; 
sie sind verwöhnt, bei der Offenbarung haben sie es leichter gehabt. 
Der Fortschritt in der wissenschaftlichen Arbeit vollzieht sich ganz 
ähnlich wie in einer Analyse. Man bringt Erwartungen in die 
Arbeit mit, aber man muß sie zurückdrängen. Man erfährt durch 
die Beobachtung bald hier, bald dort etwas Neues, die Stücke passen 
zunächst nicht zusammen. Man stellt Vermutungen auf, macht 
Hilfskonstruktionen, die man zurücknimmt, wenn sie sich nicht 
bestätigen, man braucht viel Geduld, Bereitschaft für alle Möglich- 
keiten, verzichtet auf frühe Überzeugungen, um nicht unter deren 
Zwang neue, unerwartete Momente zu übersehen, und am Ende 
lohnt sich der ganze Aufwand, die zerstreuten Funde fügen sich 
zusammen, man gewinnt den Einblick in ein ganzes Stück des 
seelischen Geschehens, hat die Aufgabe erledigt und ist nun frei 
für die nächste. Nur die Hilfe, die das Experiment der Forschung 
leistet, muß man in der Analyse entbehren. 

An jener Kritik der Wissenschaft ist auch ein gutes Stück Über- 
treibung. Es ist nicht wahr, daß sie blind von einem Versuch 
zum andern torkelt, einen Irrtum mit einem anderen vertauscht. 
In der Regel arbeitet sie wie der Künstler am Tonmodell, wenn 



Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoa nalyse 557 

er am rohen Entwurf unermüdlich ändert, aufträgt und wegnimmt, 
bis er einen ihn befriedigenden Grad von Ähnbchkeit mit dem 
gesehenen oder vorgestellten Objekt erreicht hat. Auch gibt es, 
wenigstens in den älteren und reiferen Wissenschaften, schon heutj 
einen soHden Grundstock, der nur modifiziert und ausgebaut, aber 
nicht mehr abgetragen wird. Es sieht nicht so arg aus im wissen- 
schaftlichen Betrieb. 

Und endlich, was wollen diese leidenschaftlichen Verunglimpfun- 
gen der Wissenschaft bezwecken? Trotz ihrer heutigen Unvoll- 
kommenheit und der ihr anhaftenden Schwierigkeiten bleibt sie 
uns unentbehriich und ist durch nichts anderes zu ersetzen. Sie 
ist ungeahnter Vervollkommnungen fähig, die religiöse Weltan- 
schauung ist es nicht. Diese ist in allen wesentlichen Stücken fertige 
wenn sie ein Irrtum war, muß sie es für immer bleiben. Keine Ver- 
kleinerung der Wissenschaft kann auch etwas an der Tatsache 
ändern, daß sie versucht, unserer Abhängigkeit von der realen Außen- 
welt gerecht zu werden, während die Religion Illusion ist und 
ihre Stärke aus dem Entgegenkommen gegen unsere Triebwunsch- 
regungen bezieht. 

Ich habe die Verpflichtung, noch anderer Weltanschauungen zu 
gedenken, die sich im Gegensatz zur wissenschaftlichen befinden^ 
ich tue es aber ungern, da ich weiß, daß mir die richtige Kom- 
petenz zu deren Beurteilung abgeht. Nehmen Sie also die fol- 
genden Bemerkungen unter dem Eindruck dieses Bekenntnisses auf, 
und wenn Ihr Interesse geweckt worden ist, suchen Sie bessere 
Belehrung von anderer Seite. 

An erster Stelle wären hier die verschiedenen philosophischen 
Systeme zu nennen, die es gewagt haben, das Bild der Welt zu 
zeichnen, wie es sich im Geist des meist weitabgewandten Denkere 
spiegelte. Aber eine allgemeine Charakteristik der Philosophie und 
ihrer Methoden zu geben, habe ich bereits versucht und zur Wür- 
digung der einzelnen Systeme bin ich wohl so ungeeignet wie 
selten jemand. Wenden Sie sich also mit mir zu zwei anderen Er- 
Freud XII. 



ggS . Schriften aus den Jahren ip2S — J^j j 



scheinungen, an denen man gerade in unserer Zeit nicht vorbei- 
gehen kann. 

Die eine dieser Weltanschauungen ist gleichsam ein Gegenstück 
zum politischen Anarchismus, vielleicht eine Ausstrahlung von ihm. 
Es hat solche intellektuelle Nihilisten gewiß schon frülier gegeben, 
aber gegenwärtig scheint ihnen die Relativitätstheorie der modernen 
Physik zu Kopf gestiegen zu sein. Sie gehen zwar von der Wissen- 
schaft aus, aber sie verstehen es, sie zur Selbstaufhebung, zum 
Selbstmord zu drängen, tragen ihr die Aufgabe auf, sich selbst 
durch Widerlegung ihrer Ansprüche aus dem Weg zu räumen. 
Oft gewinnt man dabei den Eindruck, dieser Nihilismus sei nur 
eine zeitweilige Einstellung, die bis zur Erledigung Jener Aufgabe 
festgehalten wird. Hat man die Wissenschaft beseitigt, so mag auf 
dem freigewordenen Raum sich irgend ein Mystizismus oder doch 
wieder die alte religiöse Weltanschauung ausbreiten. Nach der 
anarchistischen Lehre gibt es überhaupt keine Wahrheit, keine 
gesicherte Erkenntnis der Außenwelt. Was wir für wissenschaft- 
liche Wahrheit ausgeben, ist doch nur das Produkt unserer eigenen 
Bedürfnisse, wie sie sich unter den wechselnden äußeren Bedingungen 
äußern müssen, also wiederum Illusion. Im Grunde finden wir 
doch nur, was wir brauchen, sehen nur, was wir sehen wollen. 
Wir können nicht anders. Da das Kriterium der Wahrheit, die 
Übereinstimmung mit der Außenwelt, entfallt, ist es recht gleich- 
gültig, welchen Meinungen wir anhängen. Alle sind gleich wahr 
und gleich falsch. Und niemand hat das Recht, den Andern des 
Irrtums zu zeihen. 

Für einen erkenntnistheoretisch gerichteten Geist könnte es 
eine Verlockung sein nachzuspüren, auf welchen Wegen, durch 
welche Sophismen es den Anarchisten gelingt, der Wissenschaft 
solche Endergebnisse abzulocken. Man müßte da auf Situationen 
stoßen, ähnlich wie sie sich aus dem bekannten Beispiel ableiten: 
Ein Kreter sagt: Alle Kreter sind Lügner, usw. Aber mir fehlen 
Lust und Fähigkeit, mich da tiefer einzulassen. Ich kann nur 



Neue Folge der Forlesungen zur Einführung in die Psych oanalyse 339 

sagen, die anarchistische Lehre klingt so großartig überlegen, so- 
lange sie sich auf Meinungen über abstrakte Dinge bezieht; sie 
versagt beim ersten Schritt ins praktische Leben. Nun werden die 
Handlungen der Menschen von ihren Meinungen, Kenntnissen, 
geleitet, und es ist derselbe wissenschaftliche Geist, der über den 
Bau der Atome oder die Abstammung des Menschen spekuliert 
und der die Konstruktion einer tragfähigen Brücke entwirft. Wäre 
es wirklich gleichgültig, was wir meinen, gäbe es keine Kennt- 
nisse, die unter unseren Meinungen durch ihre Übereinstimmung 
mit der Wirkhchkeit ausgezeichnet sind, so dürften wir Brücken 
ebensowohl aus Pappe bauen wie aus Stein, dem Kranken ein 
Dezigramm Morphin einspritzen anstatt eines Zentigramms, Tränen- 
gas zur Narkose nehmen an Stelle von Äther. Aber auch die in- 
tellektuellen Anarchisten würden solche praktische Anwendungen 
ihrer Theorie energisch ablehnen. 

Die andere Gegnerschaft ist weit ernster zu nehmen, auch 
bedaure ich in diesem Fall am lebhaftesten die Unzulänglichkeit 
meiner Orientierung. Ich vermute, Sie wissen von dieser Sache 
mehr als ich und Sie haben längst Stellung für oder gegen den 
Marxismus genommen. Die Untersuchungen von K. Marx über 
die ökonomische Struktur der Gesellschaft und den Einfluß der 
verschiedenen Wirtschaftsformen auf alle Gebiete des Menschen- 
lebens haben in unserer Zeit eine unbestreitbare Autorität gewonnen. 
Inwieweit sie im einzelnen das Richtige treffen oder irregehen 
kann ich natürhch nicht wissen. Ich höre, daß es auch anderen 
besser Unterichteten nicht leicht wird. In der Marxschen Theorie 
haben mich Sätze befremdet wie, daß die Entwicklung der Ge- 
sellschaftsformen ein naturgeschichtlicher Prozeß sei, oder daß die 
Wandlungen in der sozialen Schichtung auf dem Weg eines dia- 
lektischen Prozesses auseinander hervorgehen. Ich bin gar nicht 
sicher, daß ich diese Behauptungen richtig verstehe, sie kUngen 
auch nicht „materialistisch", sondern eher wie ein Niederschlag 
jener dunkeln Hegeischen Philosophie, durch deren Schule auch 



540 Schrif ten aus den Jahren 1^28 — J^j j 

Marx gegangen ist. Ich weiß nicht, wie ich von meiner Laien- 
meinung frei werden kann, die gewohnt ist, die Klassenbildung 
in der Gesellschaft auf die Kämpfe zurückzuführen, die sich seit 
dem Beginn der Geschichte zwischen den um ein Geringes ver- 
schiedenen Menschenhorden abspielten. Die sozialen Unterschiede, 
meinte ich, waren ursprünglich Stammes- oder Rassenunterschiede. 
Psychologische Faktoren, wie das Ausmaß der konstitutionellen 
Aggressionslust, aber auch die Festigkeit der Organisation innerhalb 
der Horde, und materielle, wie der Besitz der besseren Waffen, 
entschieden den Sieg. Im Zusammenleben auf demselben Boden 
wurden die Sieger die Herren, die Besiegten die Sklaven. Dabei 
ist nichts von Naturgesetz oder Begriff swandlung zu entdecken, 
hingegen ist der Einfluß unverkennbar, den die fortschreitende 
Beherrschung der Naturkräfte auf die sozialen Beziehungen der 
Menschen übt, indem sie die neugewonnenen Machtmittel 
immer auch in den Dienst ihrer Aggression stellen und gegen- 
einander verwenden. Die Einführung des Metalls, der Bronze, des 
Eisens hat ganzen Kullurepochen und ihren sozialen Institutionen 
ein Ende gemacht. Ich glaube wirklich, daß das Schießpulver, die 
Feuerwaffe Rittertum und Adelsherrschaft aufgehoben hat und 
daß der russische Despotismus bereits vor dem verlorenen Krieg 
verurteilt war, da keine Inzucht innerhalb der Europa beherrschen- 
den Familien ein Geschlecht von Zaren hätte erzeugen können, 
fähig, der Sprengkraft des Dynamits zu widerstehen. 

Ja, vielleicht zahlen wir mit der gegenwärtigen, an den Welt- 
krieg anschließenden Wirtschaftskrise auch nur den Preis für 
den letzten großartigen Sieg über die Natur, die Eroberung des 
Luftraums. Das khngt nicht sehr einleuchtend, aber wenig- 
stens die ersten Glieder des Zusammenhangs sind klar zu erkennen. 
Die Politik Englands fußte auf der Sicherheit, die ihm das seine 
Küsten umspülende Meer verbürgte. Im Moment, da Bleriot 
den Kanal im Aeroplan überflogen hatte, war diese schützende 
Isoherung durchbrochen, und in iener Nacht, als in Friedenszeiten 



Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 541 

und zu Übungszwecken ein deutscher Zeppelin über London 
kreiste, war wold der Krieg gegen Deutschland beschlossene Sache.' 
Auch die Drohung des Unterseeboots ist dabei nicht zu vergessen. 
Ich schäme mich beinahe, ein Thema von solcher Wichtigkeit 
und Kompliziertheit vor Ihnen mit so wenigen unzureichenden 
Bemerkungen zu behandeln, weiß auch, daß ich Ihnen nichts 
gesagt habe, was Ihnen neu ist. Es liegt mir nur daran, Sie auf- 
merksam zu machen, daß das Verhältnis des Menschen zur Be- 
herrschung der Natur, der er seine Waffen zum Kampf gegen 
seinesgleichen entnimmt, notwendigerweise auch seine Ökonomi- 
schen Einrichtungen beeinflussen muß. Wir scheinen uns weit 
von den Problemen der Weltanschauung entfernt zu haben, aber 
wir werden bald wieder zur Stelle sein. Die Stärke des Marxismus 
liegt offenbar nicht in seiner Auffassung der Geschichte und der 
darauf gegründeten Vorhersage der Zukunft, sondern in dem 
scharfsinnigen Nachweis des zwingenden Einflusses, den die öko- 
nomischen Verhältnisse der Menschen auf ihre intellektuellen, 
ethischen und künstlerischen Einstellungen haben. Eine Reihe 
von Zusammenhängen und Abhängigkeiten wurden damit aufge- 
deckt, die bis dahin fast völlig verkannt worden waren. Aber 
man kann nicht annehmen, daß die Ökonomischen Motive die 
einzigen sind, die das Verhalten der Menschen in der Gesellschaft 
bestimmen. Schon die unzweifelhafte Tatsache, daß verschiedene 
Personen, Rassen, Völker unter den nämlichen Wirtschafts bedin- 
gungen sich verschieden benehmen, schließt die Alleinherrschaft 
der Ökonomischen Momente aus. Man versteht überhaupt nicht, 
wie man psychologische Faktoren übergehen kann, wo es sich um 
die Reaktionen lebender Menschenwesen handelt, denn nicht nur, 
daß solche bereits an der Herstellung jener ökonomischen Ver- 
hältnisse beteiligt waren, auch unter deren Herrschaft können 
Menschen nicht anders als ihre ursprünglichen Triebregungen 

i) So wurde es mir im ersten Kriegsjahr von vertrauenswürdiger Seite mitgeteilt. 



542 Schriften aus den Jahren i^2S~~ipßy 

ins Spiel bringen, ihren Selbsterhaltungstrieb, ihre Aggressionslust, 
ihr Liebesbedürfnis, ihren Drang nach Lusterwerb und Unlust- 
vermeidung. In einer früheren Untersuchung haben wir auch den 
bedeutsamen Anspruch des Uber-Ichs geltend gemacht, das Tradition 
und Idealbildungen der Vergangenheit vertritt und den Antrieben 
aus einer neuen ökonomischen Situation eine Zeit lang Widerstand 
leisten wird. Endlich wollen wir nicht vergessen, daß über die 
Menschen masse, die den ökonomischen Notwendigkeiten unter- 
worfen ist, auch der Prozeß der Kulturentwicklung — Zivilisation 
sagen andere — abläuft, der gewiß von allen anderen Faktoren 
beeinflußt wird, aber sicherlich in seinem Ursprung von ihnen 
unabhängig ist, einem organischen Vorgang vergleichbar, und sehr 
wohl imstande, seinerseits auf die anderen Momente einzuwirken. 
Er verschiebt die Triebziele und macht, daß die Menschen sich 
gegen das sträuben, was ihnen bisher erträglich war; auch scheint 
die fortschreitende Erstarkung des wissenschaftlichen Geistes ein 
wesentliches Stück von ihm zu sein. Wenn jemand imstande 
wäre, im einzelnen nachzuweisen, wie sich diese verschiedenen 
Momente, die allgemeine menschliche Triebanlage, ihre rassen- 
haften Variationen und ihre kulturellen Umbildungen unter den 
Bedingungen der sozialen Einordnung, der Berufstätigkeit und 
Erwerbsmöglichkeiten gebärden, einander hemmen und fördern, 
wenn jemand das leisten könnte, dann würde er die Ergänzung 
des Marxismus zu einer wirklichen Gesellschaftskunde gegeben 
haben. Denn auch die Soziologie, die vom Verhallen der Menschen 
in der Gesellschaft handelt, kann nichts anderes sein als angewandte 
Psychologie. Streng genommen gibt es ja nur zwei Wissenschaften, 
Psychologie, reine und angewandte, und Naturkunde. 

Mit der neugewonnenen Einsicht in die weitreichende Be- 
deutung ökonomischer Verhältnisse ergab sich die Versuchung, 
deren Abänderung nicht der historischen Entwicklung zu über- 
lassen, sondern sie durch revolutionären Eingriff selbst durchzu- 
setzen. In seiner Verwirklichung im russischen Bolschewismus hat 



Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 545 



nun der theoretische Marxismus die Energie, Geschlossenheit und 
Ausschließhchkeit einer Wehanschauung gewonnen, gleichzeitig 
aber auch eine unheimliche Ahnlichkeil mit dem, was er bekämpft. 
Ursprünghch selbst ein Stück Wissenschaft, in seiner Durchführung 
auf Wissenschaft und Technik aufgebaut, hat er doch ein Denk- 
verbot geschaffen, das ebenso unerbittlich ist wie seinerzeit das 
der Religion. Eine kritische Untersuchung der marxistischen Theorie 
ist untersagt, Zweifel an ihrer Richtigkeit werden so geahndet 
wie einst die Ketzerei von der katholischen Kirche. Die Werke 
von Marx haben als Quelle einer Offenbarung die Stelle der 
Bibel und des Korans eingenommen, obwohl sie nicht freier von 
Widersprüchen und Dunkelheiten sein sollen als diese älteren 
heiligen Bücher. 

Und obwohl der praktische Marxismus mit allen ideahstischen 
Systemen und Illusionen erbarmungslos aufgeräumt hat, hat er 
doch selbst Illusionen entwickelt, die nicht weniger fragwürdig 
und unbeweisbar sind als die früheren. Er hofft, im Laufe weniger 
Generationen die menschliche Natur so zu verändern, daß sich 
ein fast reibungsloses Zusammenleben der Menschen in der neuen 
Gesellschaftsordnung ergibt und daß sie die Aufgaben der Arbeit 
zwangsfrei auf sich nehmen. Unterdes verlegt er die in der Ge- 
sellschaft unerläßlichen Triebeinschränkungen an andere Stellen 
und lenkt die aggressiven Neigungen, die jede menschliche Gemein- 
schaft bedrohen, nach außen ab, stürzt sich auf die Feindseligkeit 
der Armen gegen die Reichen, der bisher Ohnmächtigen gegen 
die früheren Machthaber. Aber eine solche Umwandlung der 
menschlichen Natur ist sehr unwahrscheinlich. Der Enthusiasmus, 
mit dem die Menge gegenwärtig der bolschewistischen Anregung 
folgt, solange die neue Ordnung unfertig und von außen bedroht 
ist, gibt keine Sicherheit für eine Zukunft, in der sie ausgebaut 
und ungefährdet wäre. Ganz ähnlich wie die Rehgion muß auch 
der Bolschewismus seine Gläubigen für die Leiden und Entbeh- 
rungen des gegenwärtigen Lebens durch das Versprechen eines 



54-4 - Schriften aus den Jahren I^lS — l^JJ 



besseren Jenseits entschädigen, in dem es kein unbefriedigtes Be- 
dürfnis mehr geben wird. Dies Paradies soll allerdings ein dies- 
seitiges sein, auf Erden eingerichtet und in absehbarer Zeit er- 
öffnet werden. Aber erinnern wir uns, auch die Juden, deren 
Religion nichts von einem jenseitigen Leben weiß, haben die An- 
kunft des Messias auf Erden erwartet, und das christliche Mittel- 
alter hat wiederholt geglaubt, daß das Reich Gottes nahe bevorsteht. 
Es ist nicht zweifelhaft, wie die Antwort des Bolschewismus 
auf diese Vorhalte lauten wird. Er wird sagen: Solange die 
Menschen in ihrer Natur noch nicht umgewandelt sind, muß 
man sich der Mittel bedienen, die heute auf sie wirken. Man 
kann den Zwang in ihrer Erziehung nicht entbehren, das Denk- 
verbot, die Anwendung der Gewalt bis zum Blutvergießen, und 
wenn man nicht jene Illusionen in ihnen erweckte, würde man 
sie nicht dazu bringen, sich diesem Zwang zu fügen. Und er 
könnte höflich ersuchen, ihm doch zu sagen, wie man es anders 
machen könnte. Damit wären wir geschlagen. Ich wüßte keinen 
Rat zu geben. Ich würde gestehen, daß die Bedingungen dieses 
Experiments mich und meinesgleichen abgehalten hätten, es zu 
unternehmen, aber wir sind nicht die einzigen, auf die es an- 
kommt. Es gibt auch Männer der Tat, unerschütterlich in ihren 
Überzeugungen, unzugänglich dem Zweifel, unempfindlich für die 
Leiden Anderer, wenn sie ihren Absichten im Wege sind. Solchen 
Männern verdanken wir es, daß der großartige Versuch einer 
solchen Neuordnung jetzt in Rußland wirklich durchgeführt wird. 
In einer Zeit, da große Nationen verkünden, sie erwarten ihr 
Heil nur vom Festhalten an der christlichen Frömmigkeit, wirkt 
die Umwälzung in Rußland — trotz aller unerfreulichen Einzel- 
züge — doch wie die Botschaft einer besseren Zukunft. Leider 
ergibt sich weder aus unserem Zweifel noch aus dem fanatischen 
Glauben der Anderen ein Wink, wie der Versuch ausgehen wird. 
Die Zukunft wird es lehren, vielleicht wird sie zeigen, daß der 
Versuch vorzeitig unternommen wurde, daß eine durchgreifende 



^g»g Folge der Vorlesungen zur Einführuns in. die P sychoanalyse 545 

Änderung der sozialen Ordnung wenig Aussicht auf Erfolg hat, 
solange nicht neue Entdeckungen unsere Beherrschung der Natur- 
kräfte gesteigert und damit die Befriedigung unserer Bedürfnisse 
erleichtert haben. Erst dann mag es möglich werden, daß eine 
neue Gesellschaftsordnung nicht nur die materielle Not der Massen 
verbannt, sondern auch die kulturellen Ansprüche des Einzelnen 
erhört. Mit den Schwierigkeiten, welche die Unbändigkeit der 
menschlichen Natur jeder Art von sozialer Gemeinschaft bereitet, 
werden wir freilich auch dann noch unabsehbar lange zu ringen 
haben. 

Meine Damen und Herren! Lassen Sie mich zum Schluß zu- 
sammenfassen, was ich über die Beziehung der Psychoanalyse zur 
Frage der Wellanschauung zu sagen hatte. Die Psychoanalyse, 
meine ich, ist unfähig, eine ihr besondere Weltanschauung zu er- 
schaffen. Sie braucht es nicht, sie ist ein Stück Wissenschaft und 
kann sich der wissenschaftlichen Weltanschauung anschließen. Diese 
verdient aber kaum den großtönenden Namen, denn sie schaut 
nicht alles an, sie ist zu unvollendet, erhebt keinen Anspruch auf 
Geschlossenheit und Systembildung. Das wissenschaftliche Denken 
ist noch sehr jung unter den Menschen, hat zuviele der großen 
Probleme noch nicht bewältigen können. Eine auf die Wissenschaft 
aufgebaute Weltanschauung hat außer der Betonung der realen 
Außenwelt wesentlich negative Züge, wie die Bescheidung zur 
Wahrheit, die Ablehnung der Illusionen. Wer von unseren Mit- 
menschen mit diesem Zustand der Dinge unzufrieden ist wer 
zu seiner augenblickhchen Beschwichtigung mehr verlangt, der 
mag es sich beschaffen, wo er es findet. Wir werden es ihm 
nicht verübeln, können ihm nicht helfen, aber auch seinetwegen 
nicht anders denken. 



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WARUM KRIEG? 



Im Jahre i^Jt hat das „Comite permanent des Lettres et des Arts de 
la Societe des Naiions" die Internationale Kominission ßir geistige Zusammen- 
arbeit aufgefordert, „einen Briefwechsel zwischen den repräsentativen Ver- 
tretern des Geisteslehens anzuregen, ähnlich jenem Gedankenaustausch, der in 
dieser Farm stets, vor allem in den großen Epochen der europäischen Ge- 
schichte stattgefunden hat; dafür Themen auszuwählen, die am besten ge- 
eignet sind, den gemeinsamen Interessen des Völkerbundes und des geistigen 
Lebens zu dienen; und diesen Briefwechsel periodisch zu veröffentlichen.'* 

In Ausführung dieses Beschlusses gibt das Völkerbundsinstitut für geistige 
Zusammenarbeit (Institut International de Cooperation Intellectuelle) in Paris 
eine Serie „Correspondance" , „Open letters" heraus. Den Inhalt des zweiten 
Bandes dieser Serie, der Anfang I^)) unter dem Titel „JVarum Krieg?", 
jjPourquoi la guerre? , „fVhy war?" zugleich in deutscher, französischer und 
englischer Sprache in Paris erschienen ist (Copyright by Institut Interruitional 
de Cooperation Intellectuelle) bilden ein Brief Albert Einsteins und der 
nachfolgende Brief des Verfassers. Die Übersetzung des deutschen Urtextes 
ins Französische hat Blaise Briodj die Übersetzung i?is Englisclie Stuart 
Gilbert besorgt. 

Albert Einstein hat in seinem vom )0. Juli ip)2 datierten Brief an 
den Verfasser den Gegenstand des Brief austausches in der Frage umrissen: 
„Gibt es einen Weg, die Memchen vom Verhängnis des Krieges zu befreien?" 
Hier entstünden Probleme, die nur der Psychologe beleuchten kann. Albert 
Einstein entwickelt sodann seine Gedanken zur Aufgabe der Kriegsver- 
hütung; er führt aus, daß ihm „die äußere, bzw. organisatorische Seite 
des Problems" einfach erscheine: „Die Staaten schaffen eine legislative und 
gerichtliche Behörde zur Schlichtung aller zwischen ihnen entstehenden Kon- 
flikte und übernehmen die Verpflichtung, sich der Autorität dieser Behörde 
^" föS^n- Hier begegne man der ersten Schwierigkeit: das Gericht, als 
menschliche Einrichtung, sei außerrechtlichen Einrichtungen umso zugäng- 
licher, je weniger Macht es besitze. JVir seien aber derzeit weit davon ent- 
fernt, eine überstaatliche Organisation zu besitzen, die der Exekution ihres 
Erkenntnisses absoluten Gehorsam zu erzwingen imstande wäre. Im einzelnen 
formuliert Einstein folgende Fragen: „Wie ist es möglich, daß die soeben 
genannte Minderheit" (sc. der Herrschenden) „die Masse des Volkes ihren 
Gelüsten dienstbar machen kann, die durch einen Krieg nur zu leiden und 
zu verlieren hat?" . . . „Wie ist es möglich, daß sich die Masse durch die 
genannten Mittel (i. e. die Minderheit der jeweils Herrschenden habe vor 
allem die Schule, die Presse und meisteJis auch die religiösen Organisationen 
in ihrer Hand) „bis zur Raserei und Selbstaufopferung entflammen läßt?" . . . 
„Gibt es eine Möglichkeit, die psychische Entwicklung der Menschen so zu 
leiten, daß sie den Psychosen des Hasses und des Vernichtens gegenüber 
widerstandsfähiger werden? 



--r' 



Wien, im September 19)2 



Lieber Herr Einstein! 

Als ich hörte, daß Sie die Absicht haben, mich zum Gedanken- 
austausch über ein Thema aufzufordern, dem Sie Ihr Interesse 
schenken und das Ihnen auch des Interesses Anderer würdig er- 
scheint, stimmte ich bereitwillig zu. Ich erwai-tete, Sie würden ein 
Problem an der Grenze des heute Wißbaren wählen, zu dem ein 
jeder von uns, der Physiker wie der Psycholog, sich seinen be- 
sonderen Zugang bahnen könnte, so daß sie sich von verschiedenen 
Seiten her auf demselben Boden träfen. Sie haben mich dann durch 
die Fragestellung überrascht, was man tun könne, um das Ver- 
hängnis des Krieges von den Menschen abzuwehren. Ich erschrak 
zunächst unter dem Eindruck meiner — fast hätte ich gesagt: 
unserer — Inkompetenz, denn das erschien mir als eine praktische 
Aufgabe, die den Staatsmännern zufällt. Ich verstand dann aber, 
daß Sie die Frage nicht als Naturforscher und Physiker erhoben 
haben, sondern als Menschenfreund, der den Anregungen des Völker- 
bunds gefolgt war, ähnlich wie der Polarforscher Fridtjof Nansen 
es auf sich genommen hatte, den Hungernden und den heimat- 
losen Opfern des Weltkrieges Hilfe zu bringen. Ich besann mich 
auch, daß mir nicht zugemutet wnd, praktische Vorschläge zu 
machen, sondern daß ich nur angeben soll, wie sich das Problem 
der Kriegsverhütung einer psychologischen Betrachtung darstellt. 

Aber auch hierüber haben Sie in Ihrem Schreiben das meiste 



550 Schriften aus den Jahren 1^28 — ^93} 



gesagt. Sie haben mir gleichsam den Wind aus den Segeln ge- 
nommen, aber ich fahre gern in Ihrem Kielwasser und bescheide 
mich damitj alles zu bestätigen, was Sie vorbringen, indem ich es 
nach meinem besten Wissen — oder Vermuten — breiter ausführe. 

Sie beginnen mit dem Verhältnis von Recht und Macht. Das 
ist gewiß der richtige Ausgangspunkt für unsere Untersuchung. 
Darf ich das Wort „Macht" durch das grellere, härtere Wort 
„Gewalt" ersetzen? Recht und Gewalt sind uns heute Gegensätze. 
Es ist leicht zu zeigen, daß sich das eine aus dem anderen ent- 
wickelt hat, und wenn wir auf die Uranfänge zurückgehen und 
nachsehen, wie das zuerst geschehen ist, so fällt uns die Lösung 
des Problems mühelos zu. Entschuldigen Sie mich aber, wenn ich 
im folgenden allgemein Bekanntes und Anerkanntes erzähle, als ob 
es neu wäre; der Zusammenhang nötigt mich dazu. 

Interessenkonflikte unter den Menschen werden also prinzipiell 
durch die Anwendung von Gewalt entschieden. So ist es im ganzen 
Tierreich, von dem der Mensch sich nicht ausschließen sollte; für 
den Menschen kommen allerdings noch Meinungskonflikte hinzu 
die bis zu den höchsten Höhen der Abstraktion reichen und eine 
andere Technik der Entscheidung zu fordern scheinen. Aber das 
ist eine spätere Komplikation. Anfänglich, in einer kleinen Menschen- 
horde, entschied die stärkere Muskelkraft darüber, wem etwas ge- 
hören oder wessen Wille zur Ausführung gebracht werden sollte. 
Muskelkraft verstärkt und ersetzt sich bald durch den Gebrauch 
von Werkzeugen; es siegt, wer die besseren Waffen hat oder sie 
geschickter verwendet. Mit der Einführung der Waffe beginnt be- 
reits die geistige Überlegenheit die Stelle der rohen Muskelkraft 
einzunehmen^ die Endabsicht des Kampfes bleibt die nämliche, der 
eine Teil soll durch die Schädigung, die er erfährt, und durch die 
Lähmung seiner Kräfte gezwungen werden, seinen Anspruch oder 
Widerspruch aufzugeben. Dies wird am gründlichsten erreicht, wenn 
die Gewalt den Gegner dauernd beseitigt, also tötet. Es hat zwei 
Vorteile, daß er seine Gegnerschaft nicht ein andermal wieder auf- 



Warum Krieg? 551 



nehmen kann und daß sein Schicksal andere abschreckt, seinem 
Beispiel zu folgen. Außerdem befriedigt die Tötung des Feindes 
eine triebhafte Neigung, die später erwähnt werden muß. Der 
Tötungsabsicht kann sich die Erwägung widersetzen, daß der Feind 
zu nützlichen Dienstleistungen verwendet werden kann, wenn man 
ihn eingeschüchtert am Leben läßt. Dann begnügt sich also die 
Gewalt damit, ihn zu unterwerfen, anstatt ihn zu töten. Es ist 
der Anfang der Schonung des Feindes, aber der Sieger hat von 
nun an mit der lauernden Rachsucht des Besiegten zu rechnen, 
gibt ein Stück seiner eigenen Sicherheit auf. 

Das ist also der ursprüngliche Zustand, die Herrschaft der 
größeren Macht, der rohen oder intellektuell gestützten Gewalt. 
Wir wissen, dies Regime ist im Laufe der Entwicklung abgeändert 
worden, es führte ein Weg von der Gewalt zum Recht, aber 
welcher? Nur ein einziger, meine ich. Er führte über die Tat- 
sache, daß die größere Stärke des Einen wettgemacht werden 
konnte durch die Vereinigung mehrerer Schwachen. „L'union fait 
la forcG." Gewalt wird gebrochen durch Einigung, die Macht 
dieser Geeinigten stellt nun das Recht dar im Gegensatz zur Ge- 
walt des Einzelnen. Wir sehen, das Recht ist die Macht einer 
Gemeinschaft. Es ist noch immer Gewalt, bereit sich gegen jeden 
Einzelnen zu wenden, der sich ihr widersetzt, arbeitet mit den- 
selben Mitteln, verfolgt dieselben Zwecke^ der Unterschied liegt 
wirklich nur darin, daß es nicht mehr die Gewalt eines Einzelnen 
ist, die sich durchsetzt, sondern die der Gemeinschaft. Aber damit 
sich dieser Übergang von der Gewalt zum neuen Recht vollziehe, 
muß eine psychologische Bedingung erfüllt werden. Die Einigung 
der Mehreren muß eine beständige, dauerhafte sein. Stellte sie 
sich nur zum Zweck der Bekämpfung des einen Übermächtigen 
her und zerfiele nach seiner Überwältigung, so wäre nichts er- 
reicht. Der nächste, der sich für stärker hält, würde wiederum 
eine Gewaltherrschaft anstreben, und das Spiel würde sich endlos 
wiederholen. Die Gemeinschaft muß permanent erhalten werden, 



352 Schriften aus den Jahren 1^28 — I^)) 

sich organisieren, Vorschriften schaffen, die den gefürchteten Auf- 
lehnungen vorbeugen, Organe bestimmen, die über die Einhaltung 
der Vorschriften — Gesetze — wachen und die Ausführung der 
rechtmäßigen Gewaltakte besorgen. In der Anerkennung einer 
solchen Interessengemeinschaft stellen sich unter den Mitgliedern 
einer geeinigten Menschengruppe Gefühlsbindungen her, Gemein- 
schaftsgefühle, in denen ihre eigentliche Stärke beruht. 

Damit, denke ich, ist alles WesentHche bereits gegeben: die 
Überwindung der Gewalt durch Übertragung der Macht an eine 
größere Einheit, die durch Gefühlsbindungen ihrer Mitgheder zu- 
sammengehalten wird. Alles Weitere sind Ausführungen und 
Wiederholungen. Die Verhältnisse sind einfach, solange die Ge- 
meinschaft nur aus einer Anzahl gleich starker Individuen besteht. 
Die Gesetze dieser Vereinigung bestimmen dann, auf welches Maß 
von persönhcher Freiheit, seine Kraft als Gewalt anzuwenden, der 
Einzelne verzichten muß, um ein gesichertes Zusammenleben zu 
ermöglichen. Aber ein solcher Ruhezustand ist nur theoretisch 
denkbar, in WirkhchkeJt kompliziert sich der Sachverhalt dadurch, 
daß die Gemeinschaft von Anfang an ungleich mächtige Elemente 
umfaßt, Männer und Frauen, Eltern und Kinder, und bald infolge 
von Krieg und Unterwerfung Siegreiche und Besiegte, die sich 
in Herren und Sklaven umsetzen. Das Recht der Gemeinschaft 
wird dann zum Ausdruck der ungleichen Machtverhältnisse in 
ihrer Mitte, die Gesetze werden von und für die Herrschenden 
gemacht werden und den Unterworfenen wenig Rechte einräumen. 
Von da an gibt es in der Gemeinschaft zwei Quellen von Rechts- 
unruhe, aber auch von Rechtsfortbildung. Erstens die Versuche 
Einzelner unter den Herren, sich über die für alle gültigen Ein- 
schränkungen zu erheben, also von der Rechtsherrschaft auf die 
Gewaltherrschaft zurückzugreifen, zweitens die ständigen Bestre- 
bungen der Unterdrückten, sich mehr Macht zu verschaffen und 
diese Änderungen im Gesetz anerkannt zu sehen, also im Gegen- 
teil vom ungleichen Recht zum gleichen Recht für alle vorzu- 



Warum. Krieg? «g* 



dringen. Diese letztere Strömung wird besonders bedeutsam werden 
■wenn sich im Inneren des Gemeinwesens wirklich Verschiebungen 
der Machtverhältnisse ergeben, wie es infolge mannigfacher histo- 
rischer Momente geschehen kann. Das Recht kann sich dann all- 
mählich den neuen Machtverhältnissen anpassen, oder, was häufiger 
geschieht, die herrschende Klasse ist nicht bereit, dieser Änderung 
Rechnung zu tragen, es kommt zu Auflehnung, Bürgerkrieg, also 
zur zeitweiligen Aufhebung des Rechts und zu neuen Gewalt- 
proben, nach deren Ausgang eine neue Rechtsordnung eingesetzt 
■wird. Es gibt noch eine andere Quelle der Rechtsänderung, die 
sich nur in friedlicher Weise äußert, das ist die kulturelle Wand- 
lung der Mitgheder des Gemeinwesens, aber die gehört in einen 
Zusammenhang, der erst später berücksichtigt werden kann. 

Wir sehen also, auch innerhalb eines Gemeinwesens ist die 
gewahsame Erledigung von Interessenkonflikten nicht vermieden 
worden. Aber die Notwendigkeiten und Gemeinsamkeiten, die sich 
aus dem Zusammenleben auf demselben Boden ableiten, sind einer 
raschen Beendigung solcher Kämpfe günstig und die Wahrschein- 
lichkeit friedücher Lösungen unter diesen Bedingungen nimmt 
stetig zu. Ein Blick in die Menschheitsgeschichte zeigt uns aber 
eine unaufhörhche Reihe von Konflikten zwischen einem Gemein- 
wesen und einem oder mehreren anderen, zwischen größeren und 
kleineren Einheiten, Stadtgebieten, Landschaften, Stämmen, Völkern, 
Reichen, die fast immer durch die Kraftprobe des Krieges ent- 
schieden werden. Solche Kriege gehen entweder in Beraubung 
oder in volle Unterwerfung, Eroberung des einen Teils, aus. Man 
kann die Eroberungskriege nicht einheitlich beurteilen. Manche, 
wie die der Mongolen und Türken, haben nur Unheil gebracht, 
andere im Gegenteil zur Umwandlung von Gewalt in Recht bei- 
getragen, indem sie größere Einheiten herstellten, innerhalb deren 
nun die Möghchkeit der Gewaltanwendung aufgehört hatte und 
eine neue Rechtsordnung die Konflikte schlichtete. So haben die 
Eroberungen der Römer den Miltelmeerländern die kostbare pax 

Freud XH. ^ 



354 Schriften aus den Jahren 1^28 — I^}} 

romana gegeben. Die Vergrößerungslust der französischen Könige 
hat ein friedlich geeinigtes, blühendes Frankreich geschaffen. So 
paradox es klingt, man muß doch zugestehen, der Krieg wäre 
kein ungeeignetes Mittel zur Herstellung des ersehnten „ewigen" 
Friedens, weil er imstande ist, jene großen Einheiten zu schaffen, 
innerhalb deren eine starke Zentralgewalt weitere Kriege unmög- 
lich macht. Aber er taugt doch nicht dazu, denn die Erfolge der 
Eroberung sind in der Regel nicht dauerhaft; die neu geschaifenen 
Einheiten zerfallen wieder, meist infolge des mangelnden Zu- 
sammenhalts der gewaltsam geeinigten Teile. Und außerdem konnte 
die Eroberung bisher nur partielle Einigungen, wenn auch von 
größerem Umfang, schaffen, deren Konflikte die gewaltsame Ent- 
scheidung erst recht herausforderten. So ergab sich als die Folge 
all dieser kriegerischen Anstrengungen nur, daß die Menschheit 
zahlreiche, ja unaufhörliche Kleinkriege gegen seltene, aber um- 
somehr verheerende Großkriege eintauschte. 

■ Auf unsere Gegenwart angewendet ergibt sich das gleiche Re- 
sultat, 2u dem Sie auf kürzerem Weg gelangt sind. Eine sichere 
Verhütung der Kriege ist nur möglich, wenn sich die Menschen 
zur Einsetzung einer Zentralgewalt einigen, welcher der Richtspruch 
in allen Interessenkonflikten übertragen wird. Hier sind offenbar 
zwei Forderungen vereinigt, daß eine solche übergeordnete Instanz 
geschaffen und daß ihr die erforderliche Macht gegeben werde. 
Das eine allein würde nicht nützen. Nun ist der Völkerbund als 
solche Instanz gedacht, aber die andere Bedingung ist nicht erfüllt; der 
Völkerbund hat keine eigene Macht und kann sie nur bekommen, 
wenn die Mitglieder der neuen Einigung, die einzelnen Staaten, 
sie ihm abtreten. Dazu scheint aber derzeit wenig Aussicht vor- 
handen. Man stünde der Institution des Völkerhundes nun ganz 
ohne Verständnis gegenüber, wenn man nicht wüßte, daß hier 
ein Versuch vorliegt, der in der Geschichte der Menschheit nicht 
oft — vielleicht noch nie in diesem Maß — gewagt worden ist. 
Es ist der Versuch, die Autorität, — d. i. den zwingenden Ein- 



f^arum Krieg? «gc 



fluß, — die sonst auf dem Besitz der Macht ruht, durch die 
Berufung auf bestimmte ideelle Einstellungen zu erwerben. Wir 
haben gehört, was eine Gemeinschaft zusammenhält, sind zwei 
Dinge; der Zwang der Gewalt und die Gefühlsbindungen — 
Identifizierungen heißt man sie technisch — - der Mitglieder. Fällt 
das eine Moment weg, so kann möghcherweise das andere die 
Gemeinschaft aufrecht halten. Jene Ideen haben natürlich nur 
dann eine Bedeutung, wenn sie wichtigen Gemeinsamkeiten der 
Mitglieder Ausdruck geben. Es fragt sich dann, wie stark sie sind. 
Die Geschichte lehrt, daß sie in der Tat ihre Wirkung geübt 
haben. Die panhellenische Idee z. B., das Bewußtsein, daß man 
etwas Besseres sei als die umwohnenden Barbaren, das in den 
Amphiktionen, den Orakeln und Festspielen so kräftigen Ausdruck 
fand, war stark genug, um die Sitten der Kriegsführung unter Griechen 
zu mildern, aber selbstverständlich nicht imstande, kriegerische Streitig- 
keiten zwischen den Partikeln des Griechenvolkes zu verhüten, 
ja nicht einmal, um eine Stadt oder einen Städtebund abzuhalten, 
sich zum Schaden eines Rivalen mit dem Perserfeind zu ver- 
bünden. Ebensowenig hat das christliche Gemeingefühl, das doch 
mächtig genug war, im Renaissancezeitalter christliche Klein- und 
Großstaaten daran gehindert, in ihren Kriegen miteinander um 
die Hilfe des Sultans zu werben. Auch in unserer Zeit gibt es 
keine Idee, der man eine solche einigende Autorität zumuten 
könnte. Daß die heute die Völker beherrschenden nationalen 
Ideale zu einer gegenteiligen Wirkung drängen, ist ja allzu deut- 
lich. Es gibt Personen, die vorhersagen, erst das allgemeine Durch- 
dringen der bolschewistischen Denkungsart werde den Kriegen ein 
Ende machen können, aber von solchem Ziel sind wir heute 
jedenfalls weit entfernt, und vielleicht wäre es nur nach schreck- 
lichen Bürgerkriegen erreichbar. So scheint es also, daß der Ver- 
such, reale Macht durch die Macht der Ideen zu ersetzen, heute 
noch zum Fehlschlagen verurteilt ist. Es ist ein Fehler in der 
Rechnung, wenn man nicht berücksichtigt, daß Recht ursprüng- 

33* 



gg6 Schriften aus den Jahren ip2S — J"??^ 

lieh rohe Gewalt war und noch heute der Stützung durch die 
Gewah nicht entbehren kann. 

Ich kann nun daran gehen, einen anderen Ihrer Sätze zu 
glossieren. Sie verwundern sich darüber, daß es so leicht ist, die 
Menschen für den Krieg zu begeistern, und vermuten, daß etwas 
in ihnen wirksam ist, ein Trieb zum Hassen und Vernichten, der 
solcher Verhetzung entgegenkommt. Wiederum kann ich Ihnen 
nur uneingeschränkt beistimmen. Wir glauben an die Existenz 
eines solchen Triebes und haben uns gerade in den letzten Jahren 
bemüht, seine Äußerungen zu studieren. Darf ich Ihnen aus diesem 
Anlaß ein Stück der Trieblehre vortragen, zu der wir in der 
Psychoanalyse nach vielem Tasten und Schwanken gekommen 
sind? Wir nehmen an, daß die Triebe des Menschen nur von 
zweierlei Art sind, entweder solche, die erhalten und vereinigen 
wollen, — wir heißen sie erotische, ganz im Sinne des Eros im 
Symposion Piatos, oder sexuelle mit bewußter Überdehnung des 
populären Begriffs von Sexualität, — und andere, die zerstören 
und töten wollen; wir fassen diese als Aggressionstrieb oder De- 
struktionstrieb zusammen. Sie sehen, das ist eigentlich nur die 
theoretische Verklärung des weltbekannten Gegensatzes von Lieben 
und Hassen, der vielleicht zu der Polarität von Anziehung und 
Abstoßung eine Urbeziehung unterhält, die auf Ihrem Gebiet eine 
Rolle spielt. Nun lassen Sie uns nicht zu rasch mit den Wertun- 
gen von Gut und Böse einsetzen. Der eine dieser Triebe ist eben- 
so unerläßlich wie der andere, aus dem Zusammen- und Gegen- 
einanderwirken der Beiden gehen die Erscheinungen des Lebens 
hervor. Nun scheint es, daß kaum jemals ein Trieb der einen Art 
sich isoliert betätigen kann, er ist immer mit einem gewissen Betrag 
von der anderen Seite verbunden, wie wir sagen: legiert, der 
sein Ziel modifiziert oder ihm unter Umständen dessen Erreichung 
erst möglich macht. So ist z. B. der Selbsterhaltungstrieb gewiß 
erotischer Natur, aber gerade er bedarf der Verfügung über die 
Aggression, wenn er seine Absicht durchsetzen soll. Ebenso benötig;t 



Warum Krieg? ■■ 357 



der auf Objekte gerichtete Liebestrieb eines Zusatzes vom Bemächü- 
gungstrieb, wenn er seines Objekts überhaupt habhaft werden soll. 
Die Schwierigkeit, die beiden Triebarten in ihren Äußerungen zu 
isolieren, hat uns ja solange in ihrer Erkenntnis behindert. 

Wenn Sie mit mir ein Stück weitergehen wollen, so hören Sie, 
daß die menschlichen Handlungen noch eine Komplikation von 
anderer Art erkennen lassen. Ganz selten ist die Handlung das 
Werk einer einzigen Triebregung, die an und für sich bereits aus 
Eros und Destruktion zusammengesetzt sein muß. In der Regel 
müssen mehrere in der gleichen Weise aufgebaute Motive zu- 
sammentreffen, um die Handlung zu ermöglichen. Einer Ihrer 
Fachgenossen hat das bereits gewußt, ein Prof. G. Ch. Lichtenberg, 
der zur jZeit unserer Klassiker in Göttingen Physik lehrte^ aber 
vielleicht war er als Psycholog noch bedeutender denn als Physiker. 
Er erfand die Motivenrose, indem er sagte: „Die ßewegungs- 
gründe^ woraus man etwas tut, könnten so wie die 52 Winde 
geordnet und ihre Namen auf eine ähnliche Art formiert werden, 
z. B. Brot — Brot — Ruhm oder Ruhm — Ruhm — Brot". Wenn 
also die Menschen zum Krieg aufgefordert werden, so mögen eine 
ganze Anzahl von Motiven in ihnen zustimmend antworten, edle 
und gemeine, solche, von denen man laut spricht, und andere, 
die man beschweigt. Wir haben keinen Anlaß sie alle bloßzulegen. 
Die Lust an der Aggression und Destruktion ist gewiß darunter; 
ungezählte Grausamkeiten der Geschichte und des Alltags be- 
kräftigen ihre Existenz und ihre Stärke. Die Verquickung dieser 
destruktiven Strebungen mit anderen, erotischen und ideellen, er- 
leichtert natürlich deren Befriedigung. Manchmal haben wir, wenn 
wir von den Greueltaten der Geschichte hören, den Eindruck, 
die ideellen Motive hätten den destruktiven Gelüsten nur als 
Vorwände gedient, andere Male, z. B. bei den Grausamkeiten der 
heiligen Inquisition, meinen wir, die ideellen Motive hätten sich 



1) Wir sagen heute: Beweggründe. 



558 Schriften aus den Jeüiren I$z8 — I^yj 

im Bewußtsein vorgedrängt, die destruktiven ihnen eine unbe- 
wußte Verstärkung gebracht. Beides ist inöghch. 

Ich habe Bedenken, Ihr Interesse zu mißbrauchen, das ja der 
Kriegsverhütung gilt, nicht unseren Theorien. Doch möchte ich 
noch einen Augenblick bei unserem Destruktionstrieb verweilen, 
dessen Beliebtheit keineswegs Schritt hält mit seiner Bedeutung. 
Mit etwas Aufwand von Spekulation sind wir nämhch zu der 
Auffassung gelangt, daß dieser Trieb innerhalb jedes lebenden Wesens 
arbeitet und dann das Bestreben hat, es zum Zerfall zu brinp-en. 
das Leben zum Zustand der unbelebten Materie zurückzuführen. 
Er verdiente in allem Ernst den Namen eines Todestriebes, während 
die erotischen Triebe die Bestrebungen zum Leben repräsentieren. 
Der Todestrieb wird zum Destruktionstrieb, indem er mit Hilfe 
besonderer Organe nach außen, gegen die Objekte, gewendet wird. 
Das Lebewesen bewahrt sozusagen sein eigenes Leben dadurch, 
daß es fremdes zerstört. Ein Anteil des Todestriebes verbleibt aber 
im Innern des Lebewesens tätig und wir haben versucht, eine 
ganze Anzahl von normalen und pathologischen Phänomenen von 
dieser Verinnerlichung des Destruktionstriebes abzuleiten. Wir haben 
sogar die Ketzerei begangen, die Entstehung unseres Gewissens 
durch eine solche Wendung der Aggression nach innen zu erklären. 
Sie merken, es ist gar nicht so unbedenklich, wenn sich dieser 
Vorgang in allzu großem Ausmaß vollzieht, es ist direkt ungesund, 
während die Wendung dieser Triebkräfte zur Destruktion in der 
Außenwelt das Lebewesen entlastet, wohltuend wirken muß. Das 
diene zur biologischen Entschuldigung all der häßhchen und ge- 
fährlichen Strebungen, gegen die wir ankämpfen. Man muß zugeben, 
sie sind der Natur näher als unser Widerstand dagegen, für den 
wir auch noch eine Erklärung finden müssen. Vielleicht haben 
Sie den Eindruck, unsere Theorien seien eine Art von Mythologie, 
nicht einmal eine erfreuHche in diesem Fall. Aber läuft nicht jede 
Naturwissenschaft auf eine solche Art von Mythologie hinaus? 
Geht es Ihnen heute in der Physik anders? 



Warum Krie^? 55g 



Aus dem Vorstehenden entnehmen wir für unsere nächsten 
Zwecke soviel, daß es keine Aussicht hat, die aggressiven Neigungen 
der Menschen abschaffen zu wollen. Es soll in glücklichen Gegenden 
der Erde, wo die Natur alles, was der Mensch braucht, überreichlich 
zur Verfügung stellt, Völkerstämme geben, deren Leben in Sanft- 
mut verläuft, bei denen Zwang und Aggression unbekannt sind. 
Ich kann es kaum glauben, möchte gern mehr über diese Glück- 
lichen erfahren. Auch die Bolschewisten hoffen, dass sie die mensch- 
liche Aggression zum Verschwinden bringen können dadurch, daß 
sie die Befriedigung der materiellen Bedürfnisse verbürgen und 
sonst Gleichheit unter den Teilnehmern an der Gemeinschaft her- 
stellen. Ich halte das für eine Illusion. Vorläufig sind sie auf das 
sorgfältigste bewaffnet und halten ihre Anhänger nicht zum mindesten 
durch den Haß gegen alle Außenstehenden zusammen. Übrigens 
handelt es sich, wie Sie selbst bemerken, nicht darum, die mensch- 
liche Aggressionsneigung völlig zu beseitigen; man kann versuchen, 
sie so weit abzulenken, daß sie nicht ihren Ausdruck im Kriege 
finden muß. 

Von unserer mythologischen Trieblehre her finden wir leicht 
eine Formel für die indirekten Wege zur Bekämpfung des Krieges. 
Wenn die Bereitwilligkeit zum Krieg ein Ausfluß des Destruktions- 
triebs ist, so liegt es nahe, gegen sie den Gegenspieler dieses Triebes, 
den Eros, anzurufen. Alles, was Gefühlsbindungen unter den Menschen 
herstellt, muß dem Krieg entgegenwirken. Diese Bindungen können 
von zweierlei Art sein. Erstens Beziehungen wie zu einem Liebes- 
objekt, wenn auch ohne sexuelle Ziele. Die Psychoanalyse braucht 
sich nicht zu schämen, wenn sie hier von Liebe spricht, denn die 
Religion sagt dasselbe: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst. 
Das ist nun leicht gefordert, aber schwer zu erfüllen. Die andere 
Art von Gefühlsbindung ist die durch Identifizierung. Alles was 
bedeutsame Gemeinsamkeiten unter den Menschen herstellt, ruft 
solche Gemeingefühle, Identifizierungen, hervor. Auf ihnen ruht 
zum guten Teil der Aufbau der menschüchen Gesellschaft. 



360 Schriften aus den Jahren l^2S — ip)? 



Einer Klage von Ihnen über den Mißbrauch der Autorität ent- 
nehme ich einen zweiten Wink zur indirekten Bekämpfung der 
Kriegsneigung. Es ist ein Stück der angeborenen und nicht zu 
beseitigenden Ungleichheil der Menschen, daß sie in Führer und 
in Abhängige zerfallen. Die letzteren sind die übergroße Mehrheit, 
sie bedürfen einer Autorität, welche für sie Entscheidungen fällt, 
denen sie sich meist bedingungslos unterwerfen. Hier wäre anzu- 
knüpfen, man müßte mehr Sorge als bisher aufwenden, um eine 
Oberschicht selbständig denkender, der Einschüchterung unzugäng- 
licher, nach Wahrheit ringender Menschen zu erziehen, denen die 
Lenkung der unselbständigen Massen zufallen würde. Daß die 
Übergriffe der Staatsgewalten und das Denkverbot der Kirche einer 
solchen Aufzucht nicht günstig sind, bedarf keines Beweises. Der 
ideale Zustand wäre natürhch eine Gemeinschaft von Menschen, 
die ihr Triebleben der Diktatur der Vernunft unterworfen haben. 
Nichts anderes könnte eine so vollkommene und widerstandsfähige 
Einigung der Menschen hervorrufen, selbst unter Verzicht auf die 
Gefühlsbindungen zwischen ihnen. Aber das ist höchst wahrschein- 
lich eine utojjische Hoffnung. Die anderen Wege einer indirekten 
Verhinderung des Krieges sind gewiß eher gangbar, aber sie ver- 
sprechen keinen raschen Erfolg. Ungern denkt man an Mühlen, 
die so langsam mahlen, daß man verhungern könnte, ehe man 
das Mehl bekommt. 

Sie sehen, es kommt nicht viel dabei heraus, wenn man bei 
dringenden praktischen Aufgaben den wellfremden Theoretiker zu 
Rate zieht. Besser, man bemüht sich in jedem einzelnen Fall, der 
Gefahr zu begegnen mit den Mitteln, die eben zur Hand sind. 
Ich möchte aber noch eine Frage behandeln, die Sie in Ihrem 
Schreiben nicht aufwerfen und die mich besonders interessiert. 
Warum empören wir uns so sehr gegen den Krieg, Sie und ich 
und so viele andere, warum nehmen wir ihn nicht hin wie eine 
andere der vielen peinlichen Notlagen des Lebens? Er scheint doch 
naturgemäß, biologisch wohl begründet, praktisch kaum vermeidbar. 



rr 



PVarum Krieg? 561 



Entsetzen Sie sich nicht über meine Fragestellung. Zum Zweck 
einer Untersuchung darf man vielleicht die Maske einer Über- 
legenheit vornehmenj über die man in Wirklichkeit nicht verfügt. 
Die Antwort wird lauten, weil jeder Mensch ein Recht auf sein 
eigenes Leben hat, weil der Krieg hoffnungsvolle Menschenleben 
vernichtet, den einzelnen Menschen in Lagen bringt, die ihn ent- 
würdigen, ihn zwingt, andere zu morden, was er nicht will, kost- 
bare materielle Werte, Ergebnis von Menschenarheit, zerstört, und 
anderes mehr. Auch daß der Krieg in seiner gegenwärtigen Gestal- 
tung keine Gelegenheit mehr gibt, das alte heldische Ideal zu erfühen, 
und daß ein zukünftiger Krieg infolge der Vervollkommnung der 
Zerstörungsmittel die Ausrottung eines oder vielleicht beider Gegner 
bedeuten würde. Das ist alles wahr und scheint so unbestreitbar, 
daß man sich nur verwundert, wenn das Kriegführen noch nicht 
durch allgemeine menschliche Übereinkunft verworfen worden ist. 
Man kann zwar über einzelne dieser Punkte diskutieren. Es ist 
fraglich, ob die Gemeinschaft nicht auch ein Recht auf das Leben 
des Einzelnen haben soll; man kann nicht alle Arten von Krieg 
in gleichem Maß verdammen; solange es Reiche und Nationen 
gibt, die zur rücksichtslosen Vernichtung anderer bereit sind, 
müssen diese anderen zum Krieg gerüstet sein. Aber wir wollen 
über all das rasch hinweggehen, das ist nicht die Diskussion, zu 
der Sie mich aufgefordert haben. Ich ziele auf etwas anderes hin; 
ich glaube, der Hauptgrund, weshalb wir uns gegen 'den Krieg 
empören, ist, daß wir nicht anders können. Wir sind Pazifisten, 
Tveil wir es aus organischen Gründen sein müssen. Wir haben 
es dann leicht, unsere Einstellung durch Argumente zu recht- 
fertigen. 

Das ist wohl ohne Erklärung nicht zu verstehen. Ich meine 
das Folgende: Seit unvordenklichen Zeiten zieht sich über die 
Menschheit der Prozeß der Kulturentwicklung hin. (Ich weiß, 
andere heißen ihn lieber: Zivilisation.) Diesem Prozeß verdanken 
wir das Beste, was wir geworden sind, und ein gut Teil von 



562 Schriften aus den Jahren 1^28 — 1933 

dem, woran wir leiden. Seine Anlässe und Anfänge sind dunkel, 
sein Ausgang ungewiß, einige seiner Charaktere leicht ersichtlich. 
Vielleicht führt er zum Erlöschen der Menschenart, denn er be- 
einträchtigt die Sexualfunktion in mehr als einer Weise, und 
schon heute vermehren sich unkultivierte Rassen und zurück- 
gebliebene Schichten der Bevölkerung stärker als hochkultivierte. 
Vielleicht ist dieser Prozeß mit der Domestikation gewisser Tier- 
arten vergleichbar; ohne Zweifel bringt er körperliche Verände- 
rungen mit sich^ man hat sich noch nicht mit der Vorstellung 
vertraut gemacht, daß die Kulturentwickelung ein solcher organi- 
scher Prozeß sei. Die mit dem Kulturprozeß einhergehenden 
psychischen Veränderungen sind auffällig und unzweideutig. Sie 
bestehen in einer fortschreitenden Verschiebung der Triebziele 
und Einschränkung der Triebregungen. Sensationen, die unseren 
Vorahnen lustvoll waren, sind für uns indifferent oder seihst un- 
leidlich geworden; es hat organische Begründungen, wenn unsere 
ethischen und ästhetischen Idealforderungen sich geändert haben. 
Von den psychologischen Charakteren der Kultur scheinen zwei 
die wichtigsten: die Erstarkung des Intellekts, der das Triebleben 
zu beherrschen beginnt, und die Verinnerlichung der Aggressions- 
neigung mit all ihren vorteilhaften und gefahrlichen Folgen. Den 
psychischen Einstellungen, die uns der Kulturprozeß aufnötigt, 
widerspricht nun der Krieg in der grellsten Weise, darum^ müssen 
wir uns gegen ihn empören, wir vertragen ihn einfach nicht mehr, 
es ist nicht bloß eine intellektuelle und affektive Ablehnung, es 
ist bei uns Pazifisten eine konstitutionelle Intoleranz, eine Idio- 
synkrasie gleichsam in äußerster Vergrößerung. Und zwar scheint 
es, daß die ästhetischen Erniedrigungen des Krieges nicht viel 
weniger Anteil an unserer Auflehnung haben als seine Grausam- 
keiten. 

Wielange müssen wir nun warten, bis auch die Anderen 
Pazifisten werden? Es ist nicht zu sagen, aber vielleicht ist es keine 
utopische Hoffnung, daß der Einfluß dieser beiden Momente, der 



Warum Krieg? 565 



kulturellen Einstellung und der berechtigten Angst vor den Wir- 
kungen eines Zukunftskrieges, dem Kriegführen in absehbarer Zeit 
ein Ende setzen wird. Auf welchen Wegen oder Umwegen, können 
wir nicht erraten. Unterdes dürfen wir uns sagen: Alles, was die 
Kulturentwicklung fördert, arbeitet auch gegen den Krieg. 

Ich grüße Sie herzlich und bitte Sie um Verzeihung, wenn 
meine Ausführungen Sie enttäuscht haben. 



Ihr 
Sigm. Freud. 



ÄLTERE SCHRIFTEN 

(NACHTRÄGE ZU BAND I— XI) 



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DER FAMILIENROMAN 
DER NEUROTIKER 

Zuerst veröffentlicht in dem Buche von O. Rank, 
Der Mythus von der Geburt des Helden. Versuch 
einer psychologischen Mythendeutung. Leipzig und 
Wien, F. Deuticke, l^op. 

Die Ablösung des heranwachsenden Individuums von der Autorität 
der Eltern ist eine der notwendigsten, aber auch schmerzUchsten 
Leistungen der Entwicklung. Es ist durchaus notwendig, daß sie 
sich vollziehe, und man darf annehmen, jeder normal gewordene 
Mensch habe sie in einem gewissen Maß zustande gebracht. Ja, 
der Fortschritt der Gesellschaft beruht überhaupt auf dieser Gegen- 
sätzlichkeit der beiden Generationen. Anderseits gibt es eine Klasse 
von Neurotikern, in deren Zustand man die Bedingtheit erkennt, 
daß sie an dieser Aufgabe gescheitert sind. 

Für das kleine Kind sind die Eltern zunächst die einzige Autorität 
und die Quelle alles Glaubens. Ihnen, das heißt dem gleichge- 
schlechtlichen Teile, gleich zu werden, groß zu werden wie Vater 
und Mutter, ist der intensivste, folgenschwerste Wunsch dieser 
Kinderjahre. Mit der zunehmenden intellektuellen Entwicklung 
kann es aber nicht ausbleiben, daß das Kind allmählich die Kate- 
gorien kennen lernt, in die seine Eltern gehören. Es lernt andere 
Eltern kennen, vergleicht sie mit den seinigen und bekommt so 



368 Ältere Schriften (Nachträge zu Band I — XI) 

ein Recht, an der ihnen zugeschriebenen Unvergleichlichkeit und 
Einzigkeit zu zweifeln. Kleine Ereignisse im Leben des Kindes, 
die eine unzufriedene Stimmung bei ihm hervorrufen, geben 
ihm den Anlaß, mit der Kritik der Eltern einzusetzen und die 
gewonnene Kenntnis, daß andere Eltern in mancher Hinsicht 
vorzuziehen seien, zu dieser Stellungnahme gegen seine Eltern zu 
verwerten. Aus der Neurosenpsychologie wissen wir, daß dabei 
unter anderen die intensivsten Regungen sexueller Rivalität mit- 
wirken. Der Gegenstand dieser Anlässe ist offenbar das Gefühl 
der Zurücksetzung. Nur zu oft ergeben sich Gelegenheiten, bei 
denen das Kind zurückgesetzt wird oder sich wenigstens zurück- 
gesetzt fühlt, wo es die volle Liebe der Eltern vermißt, besonders 
aber bedauert, sie mit anderen Geschwistern teilen zu müssen. Die 
Empfindung, daß die eigenen Neigungen nicht voll erwidert 
werden, macht sich dann in der aus frühen Kinderjahren oft 
bewußt erinnerten Idee Luft, man sei ein Stiefkind oder ein an- 
genommenes Kind. Viele nicht neurotisch gewordene Menschen 
entsinnen sich sehr häufig an solche Gelegenheiten, wo sie — 
meist durch Lektüre beeinflußt — das feindselige Benehmen der 
Eltern in dieser Weise auffaßten und erwiderten. Es zeigt sich 
aber hier bereits der Einfluß des Geschlechts, indem der Knabe 
bei weitem mehr Neigung zu feindseligen Regungen gegen 
seinen Vater als gegen seine Mutter zeigt und eine viel inten- 
sivere Neigung, sich von jenem als von dieser freizumachen. 
Die Phantasietätigkeit der Mädchen mag sich in diesem Punkte 
viel schwächer erweisen. In diesen bewußt erinnerten Seelen- 
regungen der Kindei^ahre finden wir das Moment, welches ims 
das Verständnis des Mythus ermöglicht. 

Selten bewußt erinnert, aber fast immer durch die Psychoanalyse 
nachzuweisen ist dann die weitere Entwicklungsstufe dieser be- 
ginnenden Entfremdung von den Eltern, die man mit dem Namen: 
Faniilienromane der Neurotiker bezeichnen kann. Es gehört 
nämlich durchaus zum Wesen der Neurose und auch jeder höheren 



DeT FainilienrOTnan der Meurotiker SÖQ 

Begabung eine ganz besondere Tätigkeit der Phantasie, die sich 
zunächst in den kindlichen Spielen offenbart und die nun, unge- 
fähr von der Zeit der Vorpubertät angefangen, sich des Themas 
der Familienbeziehungen bemächtigt. Ein charakteristisches Bei- 
spiel dieser besonderen Phantasietätigkeit ist das bekannte Tag- 
träumen/ das weit über die Pubertät hinaus fortgesetzt wird. 
Eine genaue Beobachtung dieser Tagträume lehrt, daß sie der 
Erfüllung von Wünschen, der Korrektur des Lebens dienen und 
vornehmlich zwei Ziele kennen: das erotische und das ehrgeizige 
(hinter dem aber meist auch das erotische steckt). Um die an- 
gegebene Zeit beschäftigt sich nun die Phantasie des Kindes mit 
der Aufgabe, die geringgeschätzten Eltern loszuwerden und durch 
in der Regel sozial höher stehende zu ersetzen. Dabei wird das 
zufallige Zusammentreffen mit wirklichen Erlebnissen (die Be- 
kanntschaft des Schloßherrn oder Gutsbesitzers auf dem Lande 
der Fürsthchkeit in der Stadt) ausgenützt. Solche zufällige Er- 
lebnisse erwecken den Neid des Kindes, der dann den Ausdruck 
in einer Phantasie findet, welche beide Eltern durch vornehmere 
ersetzt. In der Technik der Ausführung solcher Phantasien, die 
natürlich um diese Zeit bewußt sind, kommt es auf die Ge- 
schicklichkeit und das Material an, das dem Kinde zur Verfügung 
steht. Auch handelt es sich darum, ob die Phantasien mit einem 
großen oder geringen Bemühen, die Wahrscheinlichkeit zu er- 
reichen, ausgearbeitet sind. Dieses Stadium wird zu einer Zeit 
erreicht, wo dem Kinde die Kenntnis der sexuellen Bedingungen 
der Herkunft noch fehlt. 

Kommt dann die Kenntnis der verschiedenartigen sexuellen 
Beziehungen von Vater und Mutter dazu, begreift das Kind, daß 
pater semper incertus est, während die Mutter certissima ist, so 
erfährt der Familienroman eine eigentümliche Einschränkung; er 
begnügt sich nämlich damit, den Vater zu erhöhen, die Abkunft 

i) Vgl. darüber Freud: „Hysterische Phantasien und ihre Beiiehung lur Bisexuali- 
tät", wo auch auf die Literatur %u diesem Thema verwiesen ist. (Ges. Sehr. Bd. V.) 

Frend XH. 34 



37© Altere Schriften (Nachträge zu Band I — XI) 

von der Mutter aber als etwas Unabänderliches nicht weiter 
in Zweifel zu ziehen. Dieses zweite (sexuelle) Stadium des Fa- 
milienromans wird auch von einem zweiten Motiv getragen, das 
dem ersten (asexuellen) Stadium fehlte. Mit der Kenntnis der 
geschlechtlichen Vorgänge entsteht die Neigung, sich erotische 
Situationen und Beziehungen auszumalen, wozu als Triebkraft die 
Lust tritt, die Mutter, die Gegenstand der höchsten sexuellen 
Neugierde ist, in die Situation von geheimer Untreue und ge- 
heimen Liebesverhältnissen zu bringen. In dieser Weise werden 
jene ersten gleichsam asexuellen Phantasien auf die Höhe der 
jetzigen Erkenntnis gebracht. 

Übrigens zeigt sich das Motiv der Rache und Vergeltung, das 
früher im Vordergrunde stand, auch hier. Diese neurotischen 
Kinder sind es ja auch meist, die bei der Abgewöhnung sexueller 
Unarten von den Eltern bestraft wurden und die sich nun durch 
solche Phantasien an ihren Eltern rächen. 

Ganz besonders sind es später geborene Kinder, die vor allem ihre 
Vordermänner durch derartige Dichtungen (ganz wie in histori- 
schen Intrigen) ihres Vorzuges berauben, ja die sich oft nicht 
scheuen, der Mutter ebensoviele Liebesverhältnisse anzudichten, 
als Konkurrenten vorhanden sind. Eine interessante Variante dieses 
Familienromans ist es dann, wenn der dichtende Held für sich 
selbst zur Legitimität zurückkehrt, während er die anderen Ge- 
schwister auf diese Art als illegitim beseitigt. Dabei kann noch 
ein besonderes Interesse den Familienroman dirigieren, der mit 
seiner Vielseitigkeit und mannigfachen Verwendbarkeit allerlei 
Bestrebungen entgegenkommt. So beseitigt der kleine Phantast 
zum Beispiel auf diese Weise die verwandschaftliche Beziehung 
zu einer Schwe.>;ter, die ihn etwa sexuell angezogen hat. 

Wer sich von dieser Verderbtheit des kindlichen Gemütes mit 
Schaudern abwendete, ja selbst die Möglichkeit solcher Dinge be- 
streiten wollte, dem sei bemerkt, daß alle diese anscheinend so 
feindseligen Dichtungen eigentlich nicht so böse gemeint sind 



r r 






Der Familienroman der Neurotiker 571 

und unter leichter Verkleidung die erhalten gebliebene ursprungliche 
Zärtlichkeit des Kindes für seine Ehern bewahren. Es ist nur schein- 
bare Treulosigkeit und Undankbarkeit; denn wenn man die 
häufigste dieser Romanphantasien, den Ersatz beider Eltern oder 
nur des Vaters durch großartigere Personen, im Detail durchgeht, 
so macht man die Entdeckung, daß diese neuen und vornehmen 
Eltern durchwegs mit Zügen ausgestaltet sind, die von realen 
Erinnerungen an die wirklichen niederen Eltern herrühren, so 
daß das Kind den Vater eigentlich nicht beseitigt, sondei-n erhöht. 
Ja, das ganze Bestreben, den wirkUchen Vater durch einen vor- 
nehmeren zu ersetzen, ist nur der Ausdruck der Sehnsucht des 
Kindes nach der verlorenen glücklichen Zeit, in der ihm sein Vater 
als der vornehmste und stärkste Mann, seine Mutter als die liebste 
und schönste Frau erschienen ist. Er wendet sich vom Vater, den 
er jetzt erkennt, zurück zu dem, an den er in früheren Kinder- 
jahren geglaubt hat, und die Phantasie ist eigentUch nur der Aus- 
druck des Bedauerns, daß diese glückhche Zeit entschwunden ist. 
Die Überschätzung der frühesten Kindheitsjahre tritt also in diesen 
Phantasien wieder in ihr volles Recht. Ein interessanter Beitrag 
zu diesem Thema ergibt sich aus dem Studium der Träume. Die 
Traumdeutung lehrt nämUch, daß auch noch in späteren Jahren 
in Träumen vom Kaiser oder von der Kaiserin diese erlauchten 
Persönlichkeiten Vater und Mutter bedeuten.' Die kindliche Über- 
schätzung der Eltern ist also auch im Traum des normalen Er- 
wachsenen erhalten. 



1) Traumdeutung, 2. Aufl. (Ges. Sehr. Bd. III, S. 70.) 



PSYCHO-ANALYSIS 

Zuerst veröffetUlicht mit einigen Abänderungen in 
englischer Sprache unter dem Titel: „Psychoanalysis : 
Freudian SchooV in „Encyclopaedia Briiannica", 
X IIP'' Edition, New Vols III, London 1926. 

Da die Psychoanalyse in der elften Auflage der Encyclopaedia 
Britannica keine Erwähnung gefunden hat, ist es unmöglich, sich 
hier auf die Darstellung ihrer Fortschritte seit 1910 zu beschränken. 
Der wichtigere und interessantere Abschnitt ihrer Geschichte fallt 
in die Zeit vorher. 

Vorgeschichte. 

In den Jahren 1880 bis 1882 erfand der Wiener Arzt Dr. Josef 
Breuer (1842 bis 193g) ein neues Verfahren, um ein an schwerer 
Hysterie erkranktes Mädchen von ihren mannigfaltigen Symptomen 
zu befreien. Er folgte der Ahnung, daß diese Symptome mit den 
Eindrücken einer aufregenden Zeit von Krankenpflege bei ihrem 
Vater zusammenhängen könnten und veranlaßte sie, im Zustand 
des hypnotischen Somnambulismus diese Zusammenhänge in ihrer 
Erinnerung aufzufinden und die „pathogenen" Szenen unter unge- 
hemmter Affektent Wicklung nochmals durchzuleben. W^enn sie das 
getan hatte, war das Symptom dauernd geschwunden. Zu dieser 
Zeit waren die Arbeiten von Charcot und P. Janet über die Ent- 



Psycho-Analysis 37g 



stehung hysterischer Symptome noch nicht vorgefallen. Breuer 
■war also völlig unabhängig von diesen Anregungen. Er verfolgte 
aber seine Entdeckung nicht weiter^ erst ein Jahrzehnt später nahm 
er sie unter der Mitwirkung von Sigm. Freud wieder auf. Im 
Jahre 1893 veröffentlichten die beiden Autoren ein Buch „Studien 
über Hysterie", das die Funde von Breuer mitteilte und durch 
die Theorie der Katharsis zu erklären suchte. Es wurde ange- 
nommen, das hysterische Symptom entstehe dadurch, daß die Energie 
eines seelischen Vorgangs von der bewußten Verarbeitung abge- 
halten und in die Körperinnervation gelenkt werde (Konversion). 
Das hysterische Symptom sei also ein Ersatz für einen unterbliebenen 
seehschen Akt und eine Reminiszenz an dessen Anlaß. Die Heilung 
erfolge durch die Befreiung des irregeleiteten Affekts und die Ab- 
fuhr desselben auf normalem Wege (Abreagieren). Die karthartische 
Behandlung gab vortrefQiche therapeutische Resultate, die aber nicht 
dauerhaft waren und nicht unabhängig von der persönlichen Be- 
ziehung des Kranken zum Arzt. Freud, der diese Untersuchungen 
später allein fortsetzte, veränderte deren Technik, indem er anstatt 
der Hypnose die Methode der freien Assoziation anwendete. Er 
schuf den Namen Psychoanalyse, der im Laufe der Zeit zwei Be- 
deutungen gewann. Er bezeichnet heute 1. eine besondere Be- 
handlungsmethode neurotischer Leiden, 2. die Wissenschaft von 
den unbewußten seelischen Vorgängen, die auch treffend „Tiefen- 
psychologie genannt wird. 

Inhalt der Psychoanalyse. 

Als therapeutisches Verfahren gewinnt die Psychoanalyse immer 
mehr Anhänger, weil sie mehr für die Kranken leistet als jede 
andere Behandlungsmethode. Das Gebiet ihrer Anwendung sind die 
leichteren Neurosen, Hysterie, Phobien und Zwangszustände, ferner 
Charakterverbildungen, sexuelle Hemmungen und Abnormitäten, 
wo sie erhebliche Besserungen und selbst Heilungen erzielt. Ihr 



574 Ältere Schriften (Nachträge zu Band f — XIJ 

Einfluß auf Dementia praecox und Paranoia ist zweifelhaft, unter 
günstigen Umständen kann sie auch schwere Depressionen be- 
wältigen. In allen Fällen stellt sie große Ansprüche an den Arzt 
wie an den Kranken, erfordert vom ersteren eine besondere Aus- 
bildung und lang dauernde Vertiefung in jeden Kranken, von dem 
letzteren ansehnliche materielle und psychische Ojjfer; sie lohnt 
aber meistens alle Bemühungen. Eine bequeme Panacee für psychische 
Leiden (cito, tuto, jucunde) ist auch die Psychoanalysft nicht; ihre An- 
wendung hat im Gegenteile erst Aufklärung über die Schwierigkeit und 
die Grenzen der Therapie bei solchen Affektionen gebracht. Vorläufig 
gibt es nur in Berlin und Wien private Institutionen, die psycho- 
analytische Behandlung auch der arbeitenden, unbemittelten Be- 
völkerungzugänglichmachen. Der therapeutische Einfluß der Psycho- 
analyse ruht auf der Ersetzung unbewußter seelischer Akte durch 
bewußte und reicht so weit, als dieses Moment bedeutet. Diese Er- 
setzung wird durch die Überwindung innerer Widerstände im 
seelischen Leben des Kranken herbeigeführt. Die Zukunft wird 
wahrscheinhch urteilen, daß die Bedeutung der Psychoanalyse als 
Wissenschaft des Unbewußten ihre therapeutische Bedeutung weit 
übertrifft. 

Die Psychoanalyse als Tiefenpsychologie betrachtet das Seelen- 
leben von drei Gesichtspunkten, vom dynamischen, ökonomischen 
und topischen. In ersterer Hinsicht führt sie alle psychischen Vor- 
gänge — von der Aufnahme äußerer Reize abgesehen — auf das 
Spiel von Kräften zurück, die einander fördern oder hemmen, sich 
miteinander verbinden, zu Kompromissen zusammentreten usw. 
Diese Kräfte sind ursprünglich alle von der Natur der Triebe, also 
organischer Herkunft, durch ein großartiges (somatisches) Vermögen 
(Wiederholungszwang) ausgezeichnet, finden in affektiv besetzten 
Vorstellungen ihre psychische Vertretung. Die Lehre von den 
Trieben ist auch für die Psychoanalyse ein dunkles Gebiet. Die 
Analyse der Beobachtung führt zur Aufstellung zweier Triebgruppen, 
der sogenannten Ichtriebe, deren Ziel die Selbstbehauptung ist, und 



f^ 



Psycho -Analysis 575 



der Objekttriebe, die die Beziehung zum Objekt zum Inhalt haben. 
Die sozialen Triebe werden nicht als elementar und unableitbar 
anerkannt. Theoretische Spekulation läßt die Existenz von zwei 
Grundtrieben vermuten, die sich hinter den manifesten Ich- und 
Objekttrieben verbergen, dem Trieb zur immer weiter strebenden 
Vereinigung, dem Eros, und dem zur Auflösung des Lebenden 
führenden Destruktionstrieb. Die Kraftäußerung des Eros wird in 
der Psychoanalyse Libido genannt. 

Die ökonomische Betrachtung nimmt an, daß die psychischen 
Vertretungen der Triebe mit bestimmten Quantitäten Energie be- 
setzt sind (Cathexis) und daß der psychische Apparat die Tendenz 
hat, eine Stauung dieser Energien zu verhüten und die Gesamt- 
summe der Erregungen, die ihn belastet, möglichst niedrig zu halten. 
Der Ablauf der seelischen Vorgänge wird automatisch durch das 
Lust-Unlust-Prinzip reguliert, wobei Unlust irgendwie mit einem 
Zuwachs, Lust mit einer Abnahme der Erregung zusammen- 
hängt. 

Das ursprüngliche Lustprinzip ei-fährt im Laufe der Entwicklung 
eine Modifikation durch die Rücksicht auf die Außenwelt (Realitäts- 
prinzip), wobei der psychische Apparat erlernt, Lustbefriedigungen 
aufzuschieben und Unlustempfindungen für eine Weile zu er- 
tragen. 

Die topische Betrachtung faßt den seelischen Apparat als ein 
zusammengesetztes Instrument auf und sucht festzustellen, an welchen 
Stellen desselben sich die verschiedenen seelischen Vorgänge voll- 
ziehen. Nach unseren heutigen Einsichten gliedert sich der seeHsche 
Apparat in ein „Es", das der Träger der Triebregungen ist, in ein 
„Ich", das den oberflächlichsten durch den Einfluß der Außenwelt 
modifizierten Anteil des „Es" darstellt, und in ein „Über-Ich' , das, 
aus dem „Es" hervorgegangen, das Ich beherrscht und die für den 
Menschen charakteristischen Triebhemmungen vertritt. 

Auch die Qualität des Bewußtseins hat ihre topische Beziehung, 
die Vorgänge im Es sind durchwegs unbewußt, das Bewußtsein ist 



576 Ältere Schriften (Nachträge zu Band I — XI) 



die Funktion der äußersten für die Wahrnehmung der Außenwelt 
bestimmten Schichte des Ichs. 

Hier ist Raum für zwei Bemerkungen. Man darf nicht annehmen, 
daß diese allgemeinsten Vorstellungen die Voraussetzungen der psycho- 
analytischen Arbeit sind. Es sind vielmehr ihre spätesten Ergebnisse 
und der Revision unterworfen (open to revision). Die Psychoana- 
lyse ruht sicher auf der Beobachtung der Tatsachen des Seelen- 
lebens, ihr theoretischer Überbau ist darum noch unvollständig und 
in beständiger Umwandlung begriffen. Ferner: man soll sich nicht 
verwundern, daß die Psychoanalyse, die ursprünglich nur patho- 
logische seelische Phänomene erklären wollte, dazukam, eine Psycho- 
logie des normalen Seelenlebens zu entwickeln. Die Berechtigung 
dazu ergab sich, als man fand, daß die Träume und die Fehl- 
leistungen normaler Menschen denselben Mechanismus haben wie 
die neurotischen Symptome. 

Die nächste Aufgabe der Psychoanalyse war die Aufklärung der 
neurotischen Erkrankungen. 

Die analytische Neurosenlehre ruht auf drei Pfeilern, 1. der Lehre 
von der Verdrängung (repression), 2. von der Bedeutung der Sexual- 
triebe, 5. von der Übertragung (transference). 

Ad 1. Es gibt im Seelenleben eine zensurierende Macht, welche 
Strebungen, die ihr mißfallen, vom ßewußtwerden und vom Ein- 
fluß auf das Handeln ausschließt. Solche Slrebungen heißen ver- 
drängt. Sie bleiben unbewußt; wenn man sich bemüht, sie dem 
Patienten bewußt zu machen, ruft man einen Widersland (resi- 
stance) hervor. Solche verdrängte Triebregungen sind aber nicht 
immer machtlos geworden, in vielen Fällen gelingt es ihnen, sich 
auf Umwegen Einfluß auf das Seelenleben zu verschaffen, und die 
so erreichten Ersatzbefriedigungen des Verdrängten bilden die neu- 
rotischen Symptome. 

Ad. Q. Aus kulturellen Gründen werden die Sexualtriebe am 
intensivsten von der Verdrängung betroffen, gerade bei ihnen miß- 
lingt aber die Verdrängung am ehesten, so daß die neurotischen 



Psycho -Analysis 1 7 ^ 



Symptome als die Ersatzbefriedigung der verdrängten Sexualität 
erscheinen. Es ist nicht richtig, daß das Sexualleben des Menschen 
erst mit der Pubertät beginnt; es ist vielmehr vom Anfang des 
Extrauteri nlebens an nachweisbar, erreicht einen ersten Höhepunkt 
bis zum fünften Jahr {Frühperiode) und erfahrt dann eine Hem- 
mung oder Unterbrechung (Latenzzeit), der durch die Pubertät, 
den zweiten Gipfel der Entwicklung, ein Ende gemacht wird. 

Der zweizeitige Ansatz des Sexuallebens scheint für das Genus 
Homo charakteristisch zu sein. Alle Erlebnisse dieser ersten Kind- 
heitsperiode sind von großer Wichtigkeit für das Individuum, im 
Verein mit der ererbten sexuellen Konstitution stellen sie die Dis- 
positionen für die spätere Charakter- und Krankheitsentwicklung 
her. Es ist unrichtig, die Sexualität mit der „Genitalität" zusammen- 
fallen zu lassen. Die Sexualtriebe machen eine komplizierte Ent- 
wicklung durch, an deren Ende erst der „Primat der Genital- 
zonen" steht. Unterwegs stellen sich mehrere „prägenitale" Or- 
ganisationen her, an denen sich die Libido „fixieren" kann und zu 
denen sie im Falle späterer Verdrängung zurückkehrt (Regression). 
Die infantilen Fixierungen der Libido treffen die Entscheidung 
über die spätere Wahl der Erkrank ungs form. So erscheinen die 
Neurosen als Entwicklungshemmungen der Libido. Spezifische Ur- 
sachen der neurotischen Erkrankung finden sich nicht, quantitative 
Verhältnisse entscheiden über den Ausgang der Konflikte in Ge- 
sundheit oder neurotische Funktionshemmung. 

Die wichtigste Konfliktsituation, die das Kind zu lösen hat, ist 
die der Beziehung zu den Eltern, der Ödipuskomplex; an seiner 
Bewältigung scheitern regelmäßig die zur Neurose Bestimmten. Aus 
den Reaktionen gegen die Triebansprüche des Ödipuskomplexes 
gehen die wertvollsten und sozial bedeutsamsten Leistungen des 
menschlichen Geistes hervor, sowohl im Leben des Einzelnen wie 
wahrscheinlich auch in der Geschichte der menschlichen Art über- 
haupt. Bei der Überwindung des Ödipuskomplexes entsteht auch 
die das Ich beherrschende sittliche Instanz des Über-Ichs. 



378 Altere Schriften (Nachträge zu Band I — XI) 

Ad 5. „Übertragung" nennt man die auffällige Eigentümlichkeit 
der Neurotiker, Gefühlsbeziehungen zärtlicher wie feindseliger Natur 
zu ihrem Arzt zu entwickeln, die nicht in der realen Situation be- 
gründet sind, sondern aus der Elternbeziehung (Ödipuskomplex) der 
Patienten stammen. Die Übertragung ist ein Beweis dafür, daß 
auch der Erwachsene seine einstige kindliche Abhängigkeit nicht 
überwunden hat, sie deckt sich n:iit der Macht, die man „Sug- 
gestion" genannt hat; ihre Handhabung, die der Arzt erlernen soll, 
setzt ihn allein in den Stand, den Kranken zur Überwindung seiner 
inneren Widerstände und zur Aufliebung seiner Verdrängungen 
zu bewegen. Die psychoanalytische Behandlung wird so zu einer 
Nacherziehung des Erwachsenen, einer Korrektur der Erziehung 
des Kindes. 

Viele Gegenstände von allgemeinstem Interesse können in diesem 
kurzen Abriß der Psychoanalyse nicht erwähnt werden, z. B. die 
Subhmierung der Triebe, die Rolle der Symbolik, das Problem 
der Ambivalenz u. a. Auch die Anwendungen der auf ärztlichem 
Boden entstandenen Psychoanalyse auf Geisteswissenschaften wie 
Kultur- und Literaturgeschichte, Religionswissenschaft und Päd- 
agogik, die täglich mehr an Bedeutung gewinnen, sind hier leider 
nicht zu würdigen. Es genüge die Bemerkung, daß die Psycho- 
analyse — als Psychologie der tiefen, unbewußten Seelenakte — 
das Bindeglied zwischen der Psychiatrie und all diesen Geistes- 
wissenschaften zu werden verspricht. 

Äußere Schicksale der Psychoanalyse. 

Die Psychoanalyse, deren Anfänge durch zwei Daten (Breuer 
und Freud, Studien über Hysterie, 1895; Freud, Traumdeutung, 
1900) bezeichnet werden können, fand zunächst kein Interesse bei 
Ärzten und Publikum. 1907 begann die Beteiligung von Schweizer 
Psychiatern unter der Führung von E. Bleuler und C. G. Jung 
in Zürich. 1908 fand in Salzburg die erste Zusammenkunft der 



Psycho- Analysis 37g 



Anhänger aus verschiedenen Ländern statt. 1909 wurden Freud 
und Jung von I. Stanley Hall nach Amerika eingeladen, um 
an der Clark University, Worcester, Mass., Vorlesungen über Psycho- 
analyse zu halten. Das Interesse in Europa stieg nun rasch an, 
äußerte sich aber in sehr energischer, oft unwissenschaftlich ge- 
färbter Ablehnung. Diese Feindseligkeit war von medizinischer Seite 
nnotiviert durch die Betonung des psychischen Moments in der 
Psychoanalyse, von philosophischer durch die fundamentale An- 
nahme des Begriffs unbewußter Seelen tätigkeit, gewiß am stärksten 
aber durch die allgemein menschliche Abneigung, dem Moment 
des Sexuallebens jene Bedeutung zuzugestehen, die ihm die Psycho- 
analyse einräumte. Trotz der allgemeinen Opposition war die Be- 
wegung zugunsten der Psychoanalyse nicht aufzuhalten. Ihre An- 
hänger organisierten sich zu einer Internationalen Vereinigung, die 
die Probe des großen Krieges gut bestanden hat und gegenwärtig 
(igug) die Ortsgruppen: Wien, Berlin, Budapest, London, Schweiz, 
Holland, Moskau, Kalkutta und zwei amerikanische umfaßt. Mehrere 
Zeitschriften dienen den Absichten dieser Gesellschaften, die „Inter- 
nationale Zeitschrift für Psychoanalyse", die „Imago" (für Anwen- 
dung auf die Geisteswissenschaften), und das International Journal 
of Psycho- Analysis. In den Jahren 1911 bis 1913 fielen die früheren 
Anhänger Alfred Adler (Wien) und C. G. Jung (Zürich) von der ■ 
Bewegung ab und gründeten eigene Richtungen, denen die all- 
gemeine Feindseligkeit gegen die Psychoanalyse einen wohlwollen- 
den Empfang sicherte, die aber wissenschaftlich steril geblieben 
sind. 1921 stiftete Dr. M. Eitingon in Berlin die erste öffentliche 
psychoanalytische Poliklinik und Lehranstalt, der bald eine zweite 
in Wien folgte. 

Bibliographie. 

Breuer und Freud, Studien über Hysterie, 1895; Freud, Traum- 
deutung, 1 900 ; Fre u d, Psychopathologie des Alltagslebens, 1 904; Drei 
Abhandlungen zur Sexuahheorie, 1905; Vorlesungen zur Einführung in die 
Psychoanalyse, 1916. Die Werke Freuds sind in einer deutschen Gesamt- 



580 Altere Schriften (Nachträge zu Band I — XI) 

ausgäbe erschienen: Gesammelte Schriften I. bis X. Seit 1925 auch eine 
spanische Ausgabe (Obras completas). Die meisten Schriften sind ins Englische 
und in andere Sprachen übersetzt. Als kurze Darstellungen des Inhalts und 
der Geschichte der Psychoanalyse sind zu nennen: Freud, Über Psycho- 
analyse, 190g (Vorlesungen in Worcester); Zur Geschichte der psycho- 
analytischen Bewegung, 19x4; „Selbstdarstellung", in Grotes Sammlung: 
„Die Medizin der Gegenwart in Selbstdarstellungen", 1925. Für englische 
Leser besonders zugänglich: Ernest Jones, CoUected Papers on Psycbo- 
Analysis, und A. A. Brill, Psychoanalysis. 



GELEITWORTE ZU BÜCHERN 



'r 



VORREDE 

zur hebräischen Ausgabe der J^ORLESUN GEN ZUR EINFÜHRUNG 
IN DIE PSYCHOANALYSE". Jerusalem, Verlag Stybel, 19)4. 

Diese Vorlesungen sind in den Jahren 1916 und 1917 gehalten worden, 
sie entsprachen ziemlich getreu dem damaligen Stand der jungen Wissen- 
schaft und sie enthielten mehr als ihr Name aussagte. Sie brachten nicht 
nur eine Einführung in die Psychoanalyse, sondern auch das meiste ihres 
Inhalts. Es ist natürlich, daß dies heute nicht mehr zutrifft. Die Theorie 
hat in der Zwischenzeit Fortschritte gemacht, wichtige Stücke, wie die Zer- 
legung der Persönlichkeit in ein Ich, Über-Ich und Es, eine tiefgreifende 
Abänderung der Trieblehre, Einsichten in die Herkunft von Gewissen und 
Schuldgefühl sind hinzugekommen. Die Vorlesungen sind also in hohem 
Grade unvollständig geworden; erst jetzt haben sie wirklich den Charakter 
einer bloßen „Einführung . In anderem Sinne aber sind sie auch heute 
nicht überholt oder veraltet. Was sie mitteilen, wird in den psychoanalyti- 
schen Schulen, von wenigen Abänderungen abgesehen, noch immer ge- 
glaubt und gelehrt. 

Dem hebräisch lesenden Publikum und insbesondere der wißbegierigen 
Jugend wird durch dieses Buch die Psychoanalyse im Gewand jener uralten 
Sprache vorgestellt, die durch den Willen des jüdischen Volkes zu neuem 
Leben erweckt worden ist. Der Autor hat eine gute Vorstellung davon, 
welche Arbeit der Übersetzer dabei zu leisten hatte. Er braucht den Zweifel 
nicht zu unterdrücken, ob wohl Moses und die Propheten diese hebräischen 
Vorlesungen verständlich gefunden hätten. Ihren Nachkommen aber, — zu 
denen er selbst zählt, — für die dies Buch bestimmt ist, legt der Autor 
die Bitte vor, nicht zu rasch nach den ersten Regungen von Kritik und 



384 Geleitworte zu Büchern 



Mißfallen mit Ablehnung zu reagieren. Die Psychoanalyse bringt so viel 
Neues, darunter auch so viel, was althergebrachten Meinungen widerspricht 
und tiefwurzelnde Gefühle verletzt, daß sie zunächst Widerspruch hervor- 
rufen muß. Wenn man sein Urteil zurückhält und das Ganze der Psycho- 
analyse auf sich einwirken läßt, wird man vielleicht der Überzeugung zu- 
gänglich werden, daß auch dies unerwünschte Neue wissenswert und unent- 
behrlich ist, wenn man Seele und Menschenleben verstehen will. 



Wien, im Dezember 1930. 



VORREDE 

zur hebräischen Atisgabe von „TOTEM UND TABU'*. Jerusalem, f^erlag 

Stybel, im Erscheinen. 

Keiner der Leser dieses Buches wird sich so leicht in die Gefühlslaee 
des Autors versetzen können, der die heilige Sprache nicht versteht, der 
väterlichen Religion — wie jeder anderen — völlig entfremdet ist, an 
nationalistischen Idealen nicht teilnehmen kann und doch die Zugehörig- 
keit zu seinem Volk nie verleugnet hat, seine Eigenart als jüdisch emp- 
findet und sie nicht anders wünscht. Fragte man ihn: Was ist an dir noch 
jüdisch, wenn du alle diese Gemeinsamkeiten mit deinen Volksgenossen auf- 
gegeben hast?, so würde er antworten: Noch sehr viel, wahrscheinlich die 
Hauptsache. Aber dieses Wesentliche könnte er gegenwärtig nicht in klare 
Worte fassen. Es wird sicherlich später einmal wissenschaftlicher Einsicht 
zugänglich sein. 

Für einen solchen Autor ist es also ein Erlebnis ganz besonderer Art 
wenn sein Buch in die hebräische Sprache übertragen und Lesern in die 
Hand gegeben wird, denen dies historische Idiom eine lebende „Zunge" 
bedeutet. Ein Buch überdies, das den Ursprung von Religion und Sitt- 
lichkeit behandelt, aber keinen jüdischen Standpunkt kennt, keine Ein- 
schränkung zugunsten des Judentums macht. Aber der Autor hofft, sich 
mit seinen Lesern in der Überzeugung zu treffen, daß die voraussetzungs- 
lose Wissenschaft dem Geist des neuen Judentums nicht fremd bleiben kann. 

Wien, im Dezember 1950. 



Freud XII. 25 



GELEITWORT 
zu „THE PSYCHOANALYTIC REFIEPF*', VoL XFII, 19)0. 

Dr. Feigenbaum hat mich aufgefordert, einige Worte für die von ihm 
übernommene Review zu schreiben, und ich benütze den Anlaß, seiner 
Tätigkeit besten Erfolg zu wünschen. 

Ich höre oft, daß die Psychoanalyse in den U. S. sehr populär ist und 
daß sie dort nicht auf den gleichen hartnäckigen Widerstand stößt wie in 
Europa. Meine Befriedigung darüber wird aber durch mehrere Umstände 
getrübt. Mir scheint, daß die Popularität des Namens der Psychoanalyse 
in Amerika weder eine freundliche Einstellung zur Sache noch eine be- 
sondere Verbreitung oder Vertiefung ihrer Kenntnis bedeutet. Als Beweis 
fürs erste gilt mir, daß, obwohl in Amerika Geldmittel für alle wissen- 
schaftlichen und pseudowissenschaftlichen Unternehmungen leicht und 
reichlich zu haben sind, doch für unsere psychoanalytischen Institutionen 
niemals eine Unterstützung erreicht werden konnte. Auch der zweite Satz 
ist nicht schwer zu beweisen. Obwohl Amerika mehrere tüchtige Analy- 
tiker und wenigstens eine Autorität wie Dr. A. A. Brill besitzt, sind die 
Beiträge zu unserer Wissenschaft aus diesem weiten Land doch spärlich 
und bringen wenig Neues. Psychiater und Neurologen bedienen sich häufig 
der Psychoanalyse als einer therapeutischen Methode, aber sie zeigen in 
der Regel wenig Interesse für ihre wissenschaftlichen Probleme und ihre 
kulturelle Bedeutung. Ganz besonders häufig zeigt sich bei amerikanischen 
Ärzten und Autoren eine sehr ungenügende Vertrautheit mit der Psycho- 
analyse, so daß sie nur den Namen und etliche Schlagworte derselben 
kennen, wodurch sie sich aber in der Sicherheit ihres Urteils nicht be- 
irren lassen. Dieselben werfen auch die Psjxhoanalyse mit anderen Lehr- 
systemen zusammen, die sich aus ihr entwickelt haben mögen, aber heute 
mit ihr unverträglich sind. Oder sie schaffen sich einen Mischmasch aus 



Geleitivorte zu Büchern 



387 



Psychoanalyse und anderen Elemenlen und geten dieses Vorgehen als Be- 
weis ihrer broadmindedness aus, während es nur ihr lach of judgment be- 
weist. 

Viele dieser von mir mit Bedauern erwähnten Übelstände leiten sich 
gewiß davon ab, daß in Amerika die allgemeine Tendenz besteht, Studium 
und Vorbereitung zu verkürzen und möglichst rasch zur praktischen Ver- 
wendung zu kommen. Man zieht es auch vor, einen Gegenstand wie die 
Psychoanalyse nicht aus den originellen Quellen, sondern aus sekundären, 
oft minderwertigen Darstellungen zu studieren. Dabei muß die Gründlich- 
keit Schaden leiden. 

Es ist zu hoffen, daß Arbeiten, wie Dr. Feigenbaum sie in seiner Review 
zu publizieren gedenkt, dem Interesse für die Psychoanalyse in Amerika 
eine mächtige Förderung bringen werden. 



?*• 



VORWORT 

zur Broschüre „ZEHN JAHRE BERLINER PSYCHO- 
ANALYTISCHES INSTITUT". PFien, Internationaler Psychoanalyti- 
scher {^erlag, i^JO. 

Die nachstehenden Blätter schildern Einrichtung und Leistung des Ber- 
liner Psychoanalytischen Instituts, dem innerhalb der psychoanalytischen 
Bewegung drei bedeutsame Funktionen zugefallen sind: Erstens unsere 
Therapie jener großen Menge von Menschen zugänglich zu machen, die 
unter ihren Neurosen nicht weniger leiden als die Reichen, aber nicht 
imstande sind, die Kosten ihrer Behandlung aufzubringen, zweitens eine 
Stätte herzustellen, an der die Analyse theoretisch gelehrt und die Erfah- 
rungen älterer Analytiker auf lernbegierige Schüler übertragen werden 
können, und endlich, unsere Kenntnis der neurotischen Erkrankungen und 
unsere therapeutische Technik durch Anwendung und Erprobung unter 
neuen Verhältnissen zu vervollkommnen. 

Ein solches Institut war unentbehrlich, aber auf die Hilfe des Staates 
und das Interesse der Universität für seine Gründung hätten wir vergeblich 
gewartet. Die Tatkraft und Opferwilligkeit eines Einzelnen unter den Ana- 
lytikern hat hier eingegriffen. Dr. Max Eitingon, gegenwärtig Präsident 
der „Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung", hat vor nunmehr 
zehn Jahren ein solches Institut aus eigenen Mitteln geschaffen, es seit- 
dem erhalten und mit eigener Mühe geleitet. Der Rechenschaftsbericht 
über dies erste Jahrzehnt des Berliner Instituts ist eine Huldigung für seinen 
Schöpfer und Leher, ein Versuch, ihm öffentlich Dank zu sagen. Wer an 
der Psychoanalyse in irgend einem Sinne Anteil nimmt, wird in diesen 
Dank einstimmen. 



GELEITWORT 

zu „ELEMENT! DI PSICOANALISI" von EDOARDO WEISS. 

Milano, Ulrico Hoepli l^)!. 

Der Autor dieser Vorlesungen, mein Freund und Schüler Dr. Edoardo 
Weiß, hat gewünscht, daß ich seiner Arbeit einige empfehlende Worte mit 
auf den Weg gebe. Ich tue dies hiemit in voller Einsicht, daß eine solche 
Empfehlung überflüssig ist. Das Werk spricht für sich selbst. Wer den 
Ernst einer wissenschaftlichen Bemühung zu würdigen weiß, wer die Ehr- 
lichkeit des Forschers schätzt, der Schwierigkeiten nicht verkleinern oder 
verleugnen will, wer an der Geschicklichkeit des Lehrers Genuß findet, der 
durch seine Darstellung Licht ins Dunkel und Ordnung ins Chaos bringt, 
der muß diesem Buch einen hohen Rang einräumen und meine Hoffnung 
teilen, daß es in den gebildeten und gelehrten Kreisen Italiens ein nach- 
haltiges Interesse für die junge Wissenschaft der Psychoanalyse erwecken 
wird. 



GELEITWORT 

- m „ALLGEMEINE NEUROSENLEHRE auf psychoanalytischer 
Grundlage'" von HERMANN NUN B ERG. Bern, Verkig Hans 

Huber, l^}2. 

Dieses Buch von H. Nunberg enthält die vollständigste und gewissen- 
hafteste Darstellung einer psychoanalytischen Theorie der neurotischen Vor- 
gänge, die wir derzeit besitzen. Wem es um Vereinfachung und glatte 
Erledigung der betreffenden Probleme zu tun ist, der wird von dieser 
Arbeit kaum befriedigt werden. Wer aber wissenschaftliches Denken be- 
vorzugt, es als Verdienst zu würdigen weiß, wenn die Spekulation das 
Leitseil der Erfahrung nie verläßt, und wer die schöne Mannigfaltigkeit 
des psychischen Geschehens genießen kann, der wird dieses Werk schätzen 
und eifrig studieren. 



VORWORT 

zu „EDGAR POE, etude psychanalytigue, par MARIE BONAPARTE. 
Paris, Denoe et Steel, Ip)). Deutsche Ausgabe: „Edgar Poe, eine psycho- 
analytische Studie" Wien, Internationaler Psychoanalytischer l^erlag, 19J4. 

Meine Freundin und Schülerin Marie Bonaparte hat in diesem Buch 
das Licht der Psychoanalyse auf das Leben und das Werk eines großen, 
krankhaft gearteten Dichters fallen lassen. Dank ihrer Deutungsarbeit ver- 
steht man jetzt, wieviel von den Charakteren seines Werkes durch die 
Eigenart des Mannes bedingt ist, erfährt aber auch, daß diese selbst der 
Niederschlag starker Gefiihlsbindungen und schmerzlicher Erlebnisse seiner 
frühen Jugend war. Solche Untersuchungen sollen nicht das Genie des 
Dichters erklären, aber sie zeigen, welche Motive es geweckt haben und 
welcher Stoff ihm vom Schicksal aufgetragen wurde. Es hat einen beson- 
deren Reiz, die Gesetze des menschlichen Seelenlebens an hervorragenden 
Individuen zu studieren. 



r 



GEDENRARTIREL 



[ 

1 i: 



ERNEST JONES ZUM go. GEBURTSTAG 

- -' Zutrst veröffentlicht in „Internationale Zeitschrift 

für Psychoanalyse", Bd. XV, ipsp (Festnummer för 
Ernest Jones). 

Der Psychoanalyse fiel als erste Aufgabe zu, jene Triebregungen aufzu- 
decken, die allen heute lebenden Menschen gemeinsam sind, ja die die heute 
Lebenden mit den Menschen der Vorzeit und der Urzeit ge2iieinsam haben. 
E^ kostete sie also keine Anstrengung, sich über die Verschiedenheiten 
hinauszusetzen, die durch die Mehrheit der Rassen, der Sprachen, der Länder 
unter den ßewohnem der Erde hervorgerufen wurden. Sie war von Anfang 
an international, und es ist bekannt, daß ihre Anhänger eher als alle 
anderen die trennenden Einwirkungen des großen Krieges überwunden 
haben. 

Unter den Männern, die sich im Frühjahr 1908 in Salzburg zum ersten 
psychoanalytischen Kongreß zusammenfanden, tat sich ein junger englischer 
Arzt hervor, der einen kleinen Aufsatz „Rationalisation in Everyday Life* 
zur Verlesung brachte. Der Inhalt dieser Erstlingsarbeit ist noch heute auf- 
recht; unsere junge Wissenschaft war durch sie um einen wichtigen Begriff 
und einen unentbehrlichen Terminus bereichert worden. 

Von da EUi hat Ernest Jones nicht mehr gerastet. Zuerst in seiner Stellung 
als Professor in Toronto, dann als Arzt in London, als Gründer und Lehrer 
einer Ortsgruppe, als Leiter eines Verlags, Herausgeber einer Zeitschrift, 
Haupt eines Lehrinstitutes hat er unermüdlich für die Psychoanalyse gewirkt, 
durch Öffentliche Vorträge ihren jeweiligen Besitzstand zur allgemeinen 
Kenntnis gebracht, durch glänzende, strenge, aber gerechte Kritiken sie gegen 
Angriffe und Mißverständnisse ihrer Gegner verteidigt, mit Geschick und 
Mäßigung ihre schwierige Stellung in England gegen die Ansprüche der 
Profession behauptet und bei all dieser nach außen gerichteten Tätigkeit 



396 Gedenkartikel 



in treuer Mitarbeiterschaft an der Entwicklung der Psychoanalyse auf dem 
Kontinent jene wissenschaftliche Leistung vollbracht, von der — unter 
anderem — seine „Papers ort Psycho-Analysis" und „Essays in Applied 
Psycho- Analysis" Zeugnis ablegen. Jetzt, auf der Höhe des Lebens, ist er 
nicht nur als der unbestritten führende Mann unter den Analytikern des 
englischen Sprachgebiets, sondern auch als einer der hervorragendsten 
Vertreter der Psychoanalyse überhaupt anerkannt, eine Stütze seiner Freunde 
und noch immer eine Zukunftshoffnung unserer Wissenschaft. 

Wenn der Herausgeber dieser Zeitschrift das Schweigen, zu dem ihn 
sein Alter verurteilt — oder berechtigt, durchbrochen hat, um den Freund 
zu begrüßen, so sei ihm gestattet, nicht mit einem Wunsch zu schließen, — 
wir glauben nicht an die Allmacht der Gedanken, — sondern mit dem 
Geständnis, daß er sich Ernest Jones auch nach seinem 50. Geburtstag nicht 
anders denken kann als vorher: eifrig und tatkräftig, streitbar und der 
Sache ergeben. 



SANDOR FERENCZI f 

Zuerst veröffentlicht in „Internationale Zeitschrift 
für PijrcJmanalyse", Ed. XIX, i$j}. 

Wir haben die Erfahrung gemacht, daß Wünschen wohlfeil ist, und darum 
beschenken wir einander freigebig mit den besten und wärmsten Wünschen, 
unter denen der eines langen Lebens voransteht. Die Zw ie Wertigkeit gerade 
dieses Wunsches wird in einer bekannten orientalischen Anekdote aufgedeckt. 
Der Sultan hat sich von zwei Weisen das Horoskop stellen lassen. Ich preise 
dich glücklich, Herr, sagt der eine, in den Sternen steht geschrieben, daß 
du alle deine Verwandten vor dir sterben sehen wirst. Dieser Seher wird 
hingerichtet. Ich preise dich glücklich, sagt auch der andere, denn ich lese 
in den Sternen, daß du alle deine Verwandten überleben wirst. Dieser wird 
reich belohnt; beide hatten der gleichen Wunscherfüllung Ausdruck gegeben. 

Im Jänner 1926 mußte ich unserem unvergeßlichen Freund Karl 
Abraham den Nachruf schreiben. Wenige Jahre vorher, 1925, konnte 
ich Sdndor Ferenczi zur Vollendung des fünfzigsten Lebensjahres be- 
grüßen. Heute, ein kurzes Jahrzehnt später, schmerzt es mich, daß ich auch 
ihn überlebt habe. In jenem Aufsatz zu seinem Geburtstag durfte ich seine 
Vielseitigkeit und Originalität, den Reichtum seiner Begabungen öffentlich 
rühmen; von seiner liebenswerten, menschenfreundlichen, allem Bedeutenden 
aufgetfuien Persönlichkeit zu sprechen, verbot die dem Freund geziemende 
Diskretion. 

Seitdem das Interesse für die junge Psychoanalyse ihn zu mir geführt 
hatte, haben wir viel miteinander geteilt. Ich lud ihn ein, mich zu be- 
gleiten, als ich 1909 nach Worcester, Mass., gerufen wurde, um dort während 
einer Festwoche Vorlesungen zu halten. Des Morgens, ehe meine Vor- 
lesungsstunde schlug, spazierten wir miteinander vor dem Universitätsgebäude, 
ich forderte ihn auf, mir vorzuschlagen, worüber ich an diesem Tage reden 



39^ Gedenkartikel 



sollte, und er machte für mich den Entwurf, den ich dann eine halbe 
Stunde später in einer Improvisation ausführte. In solcher Art war er an 
der Entstehung der „Fünf Vorlesungen" beteiligt. Bald darauf, auf dem 
Kongreß zu Nürnberg 1910, veranlaßte ich ihn, die Organisation der 
Analytiker zu einer internationalen Vereinigung, wie wir sie miteinander 
ausgedacht hatten, zu beantragen. Sie wurde mit geringen Abänderungen 
angenommen und ist noch heute in Geltung. In den Herbstferien mehrerer 
aufeinanderfolgender Jahre verweilten wir zusammen in Italien und mancher 
Aufsatz, der später unter seinem oder meinem Namen in die Literatur ein- 
ging, erhielt dort in unseren Gesprächen seine erste Gestalt. Als der Welt- 
krieg ausbrach, unserer Bewegungsfreiheit ein Ende machte, aber auch unsere 
analytische Tätigkeit lähmte, nutzte er die Pause, um seine Analyse bei 
mir zu beginnen, die dann durch seine Einberufung zum Kriegsdienst unter- 
brochen wurde, aber später fortgesetzt werden konnte. Das Gefühl der 
sicheren Zusammengehörigkeit, das sich unter soviel gemeinsamen Erleb- 
nissen zwischen uns herausbildete, erfuhr auch keine Störung, als er sich, 
leider erst spät im Lehen, an die ausgezeichnete Frau band, die ihn heute 
als Witwe betrauert. 

Vor einem Jahrzehnt, als die „Internationale Zeitschrift" Ferenczi ein 
Sonderheft zum 50. Geburtstag widmete, waren die meisten der Arbeiten 
bereits veröffentlicht, die alle Analytiker zu seinen Schülern gemacht haben. 
Aber seine glänzendste, gedankenreichste Leistung hatte er noch zurück- 
gehalten. Ich wußte darum und mahnte ihn im Schlußsatz meines Bei- 
trags, sie uns zu schenken. 1924 erschien dann sein „Versuch einer Genital- 
theorie". Das kleine Buch ist eher eine biologische als eine psychoanalytische 
Studie, eine Anwendung der Gesichtspunkte und Einsichten, die sich der 
Psychoanalyse ergeben hatten, auf die Biologie der Sexual Vorgänge, des 
weiteren auf das organische Leben überhaupt, vielleicht die kühnste An- 
wendung der Analyse, die jemals versucht worden ist. Als Leitgedanke wird 
die konservative Natur der Triebe betont, die jeden durch äußere Störung 
aufgegebenen Zustand wiederherstellen wollen; die Symbole werden als 
Zeugen alter Zusammenhänge erkannt; an eindrucksvollen Beispielen wird 
gezeigt, wie die Eigentümlichkeiten des Psychischen die Spuren uralter 
Veränderungen der körperlichen Substanz bewahren. Wenn man diese Schrift 
gelesen, glaubt man zahlreiche Besonderheiten des Geschlechtslebens zu ver- 
stehen, die man vorher niemals im Zusammenhang hatte überblicken können, 
und man findet sich um Ahnungen bereichert, die tiefgehende Einsichten 
auf weiten Gebieten der Biologie versprechen. Vergebens, daß man schon 



Gedenkartikel 5 g g 



heute zu scheiden versucht, was als glaubhafte Erkenntnis angenommen 
werden kann und was nach Art einer wissenschaftlichen Phantasie zukünftige 
Erkenntnis zu erraten sucht. Man legt die kleine Schrift mit dem Urteil 
beiseite: das ist beinahe zuviel für einmal, ich werde sie nach einer Weile 
wieder lesen. Aber nicht mir allein geht es so; wahrscheinlich wird es 
wirklich einmal eine „Bioanalyse" geben, wie Ferenczi sie angekündigt hat, 
und die wird auf den „Versuch einer Genitaltheorie" zurückgreifen müssen. 
Nach dieser Höhenleistung ereignete es sich, daß der Freund uns langsam 
entglitt. Von einer Arbeitssaison in Amerika zurückgekehrt, schien er sich 
immer mehr in einsame Arbeit zurückzuziehen, der doch vorher an allem, 
was in analytischen Kreisen vorfiel, den lebhaftesten Anteil genommen 
hatte. Man erfuhr, daß ein einziges Problem sein Interesse mit Beschlag 
belegt hatte. Das Bedürfnis zu heilen und zu helfen war in ihm über- 
mächtig geworden. Wahrscheinlich hatte er sich Ziele gesteckt, die mit 
unseren therapeutischen Mitteln heute überhaupt nicht zu erreichen sind. 
Aus unversiegten affektiven Quellen floß ihm die Überzeugung, daß man 
bei den Kranken weit mehr ausrichten könnte, wenn man ihnen genug 
von der Liebe gäbe, nach der sie sich als Kinder gesehnt hatten. Wie das 
in Rahmen der psychoanalytischen Situation durchführbar sei, wollte er 
herausfinden, und solange er damit nicht zum Erfolg gekommen war, hielt 
er sich abseits, wohl auch der Übereinstimmung mit den Freunden nicht 
mehr sicher. Wohin immer der von ihm eingeschlagene Weg geführt hätte, 
er konnte ihn nicht zu Ende gehen. Langsam enthüllten sich bei ihm die 
Zeichen des schweren organischen Destruktionsprozesses, der sein Leben 
wahrscheinlich schon jahrelang beschattet hatte. Es war eine perniziöse 
Anämie, der er kurz vor Vollendung des 60, Jahres erlag. Es ist nicht 
glaublich, daß die Geschichte unserer Wissenschaft seiner vergessen wird. 



VERMISCHTE SCHRIFTEN 



Freud XII. sS 



BRIEF AN MAXIM LEROY 
ÜBER EINEN TRAUM DES CARTESIUS. 

Zuerst veröffentlicht in dem Werk von Maxim Ltroy: 
Dticartts, h philosophe au inasque. (Paris, Lei Editions 
^- Rieder, i^2if.) Maxim Leroy hat dem Verfasser einen 

Traum des Descartes zur Beurteilung vorgelegt;^ der nach- 
folgende Brief enthält die Antwort des Verfassen zu dem 
ihm vorgelegten Majerial. 

En prenant connaissance de votre lettre me priant d'examiner quelques 
reves de Descartes, mon prem ier sentiment fut une Impression d'angoisse, 

1) Leroy gibt in seinem Buche folgenden Bericht über diesen Traum (Tom. I, 
Chapitre VI, Les songes d'une nuit de Souabe): 

^Ahrs, dans la nuit, oü tout est fövre, orage, panique, des fantÖmes « levent devant le 
songeur. 11 essaie dt se lever, pour les chasser. Mais il retomhe, honteux de lui-meme, cn 
semr.nl une granäe faiblesse Vincommoder au cSli droit. Britsqutment, s'ouvrt une fenStre de sa 
chambre. Epouvante, ü se sent empörte dans les rafales d',in vent impetutux, qui le fmt piroutter 
ptusieurs fois sur le pied gauche. 

tSe trainant et tituhant, il arrive devant les bätirrtents du College oü il a ete ilevd. II ttnte 
Wi effort desespM pour entrer dans la chaptUe, afin d'y faire ses devotions. A er moment, des 
passams arrivent. U veut s'arrSter, leur parier; il remarque que Vun d'eux porte tin milon. 
Mais un vent violent le repusse vers la chapellt. 

*Il ouvre alors les yeux, tiraiiy par une vioe souffrance au cßte gauche. II ne lait s'il rive 
ou s'il est eveille. Mal iveüle, il se dit qu'un mauvais gtnie a voulu le sdduire et il murmure 
quelque priere, pour Vezorciser. 

•II se rendort. Un coup de tonnerre le riveille^ remplissant sa chambre d'etinctlles. II se 
demandt une fois encore s'il dort ou sUl veille, si c'est reve ou rSverie, ouvrant et fermant 
les yeux pour trouver wie certitude; pi/ij, rassur^, il s^assoupit, la fatigue Vemportant. 

<Le cerueau en feu, ces rumeurs et ces sourdes souffronces Pexcitant, Descartes ouvre un 
dictiomiaire, puis un recueil de pocsies. Ce marckeur irürepide reve sur ee vers: Quod vitae 
sectabor iter? Encore im voj-age au pays des songes? Alors, soudain, un homme quHl ne connaü 
pas, survient, priltendant lui faire lire une piece d'Ausone, eommencant par ces mots: Est et 
non. Mais i'honotje dis/iarait, un autre survient. Le livre s'Aanouit h San tour, puis revient, 
ornc de portraits cn taiile douce. La nuit s^ipaise, enßn.t 

aS* 



A04 Vermischte Schriften 



car travailler sur des reves saus pouvoir obtenir du r^veur lui-meme des 
indications sur les relations qui peuvent les relier entre eux ou les rattacher 
au monde exterieur — et c'est bien le cas lorsqu'il s'agit des reves de 
personnages historiques — - ne donne, en regle generale, qu'un maigre 
r^suhat. Par la suite, ma täche s'est rdvelee plus facile que je ne m'y 
altendais; pourtant le fruit de mes recherches vous apparaitra sans doute 
beaucoup moins important que vous n'^ijez en droit de l'esp^rer. 

Les reves de notre philosophe sont ce que l'on appelle des «rSves d'en 
haut» (Träume von oben), c'est-ä-dire des formations d'idees qui auraient 
pu etre cre^es aussi bien pendant Teiat de veille que pendant l'etat de 
sommeil et qui, en certaines parties seulement, ont tire leur substance 
d'^tats d'äme assez profonds. Aussi ces reves presentent-ils le plus souvent 
un contenu ä forme abslraite, poötique ou symbolique. 

L'analyse de ces sortes de reves nous amene commun^ment ä ceci: nous 
ne pouvons pas comprendre le reve; mais le reveur — ou le patient — 
sait le traduire immödiatement et sans difficulte, etant donne que le 
contenu du reve est tres proche de sa pens^e consciente. II reste alors 
encore quelques parties du reve au sujet desquelles le reveur ne sait que 
dire: ce sont, pr^cis^ment, les parties qui appartiennent i l'inconscient et 
qui, sous bien des rapports, sont les plus interessantes. 

Dans le cas le plus favorable, on explique cet inconscient en s'appuyant 
sur les id^es que le reveur y a ajoutees. 

Cette fagon de juger les =r§ves d'en haut> (et il faut entendre ce terrae 
dans le sens psych ologique, et non dans le sens mystique) est Celle qu'il 
y a Heu d'observer dans le cas des reves de Descartes. 

Notre philosophe les interprfete lui-meme' et, nous conformant ä toutes 
les regles de 1' Interpretation des reves — nous devons accepter son ex- 



i) Die hierauf beiüglichen TextsteUen lauten (M. Leroy, 1. c. p. 85 ss): 
tll jiigea que le Dictionnaire ne voulait dire autre chose que toutes les Sciences ratnassees 
enseinhle: et qui Ic Rccueil des Possies intitule le Corpus PcEtarum, marquait en particulier 

el d'uTie inanüre plus dutincte la Philosophie et la Sagesse joinies ensembU M, D(S- 

carte! eontinuant iTinterpräer son songc Jans le sommeil, estimait que la piece de Fers sur 
Vincertitude du genre de vis qu'on doit choisir, et qui commence par Quod vitae sectaLor iter, 
marquait le bon conseil d'une personne sage, ou mßme la Theologie Marale . . . 

tPar les Poet^S rassembles dans le Recueil, il entendait la Revelation et rEnthousiasme, dont 
il ne desesperait pas de St voir fitvorise'. Par la picee de vers Est et Non, qui est le Oui 
et le Non de Pythagore, il comprmait la Verite et la Faussete dans les connatssanees humainrs, 
et les Sciences profanes. Foj-ant que Vapplication de toutes ces choses rcussissait si bien ü son 



Vermischte Schriften 405 



plication, mais il faut ajouter que nous ne disposons pas d'une voie qui 
nous conduise au delä. 

Confirmant son explication, nous dirons que les entraves qui empSchent 
Descartes de se mouvoir avec liberte nous sont exactement connues: c'est 
la reprdsentation, par le reve, d'un conflit intörieur. Le cöt^ gauche est la 
reprösentation du mal et du pech^ et le vent celle du «mauvais genie» (animiis). 

Les differentes personnes qui se pr^sentent dans le rdve ne peuvent 
naturellement ^tre identjfiees par nous, bien que Descartes, questionnö, 
n'eüt pas manqu^ de les identifier. Quant aux elements bizarres, peu 
nonibreux d'ailleurs, et presqu'absurdes, comme, par exemple, *le melon 
d'un pays etranger», et les petits portraits, ils restent inexpliques, 

Pour ce qui est du melon, le reveur a eu l'id^e (originale) de figurer 
de la sorte «les charmes de la solitude, mais pr^sentös par des soUicitations 
purement humaines* . Ce n'est certainement pas exact, mais ce pourrait 
etre une association d'idees qui menerait sur la voie d'une explication 
exacte. En corrölation avec son (5tat de p^ch^, cette association pourrait 
figurer une repri^sentation sexuelle, qui a occupö l'imagination du jeune 
solitaire. 

Sur les portraits, Descartes ne donne aucun eclaircissement. 



gre, it fut nsses hardi pour se persuader, tfue c'etait VKsprit d^ VäriU qui avait voulu lui 
ouvrir les IrcsarS de toutes Us sdences par ce songe. Et comme il ne lui restait p.'uJ ä txplicjutr 
aue les pclits Portraits de taille douce qu'il aoait trouois dans le second liare, il n'en ehercha 
plus Vtxplication apres la visite ijw'un Peintre Italien Ini rendit des le lendemain. 

*Ce dernier songe qui n'avait riin tu que de fort doux et de fort agrcable, marquait Cavenir 
Selon lui: tt il li'eiait que pour ce qui devait lui arriver dans le rate de sa vie. Mais il prit 
les deu:c pricidents pour des avcrlissements incnaqanfs touc'iant sa vtc passic, qui pouvait n'avair 
pas eti aussi innocittie devant Dieu que devant les hommes. Et il crut qut c\-iait la raison de 
la terreur et de Veffroi dant ces deux songes etaient accoinpagnes. Le melon dorn on voulait ' 
lui faire präsent dans le premier songe, signißiit, disait-il^ les charmes de la solitude, maii 
prdsentH par des soUicitations purement humaines. Le vent qui le poussait vers i'Eglist du 
College, lorsqu'il avait mal au cBte droit, n'etail autre chose que le mauvais Genie qui tdchait 
de le jeter par force dans un Heu, oü son dessein itait draller voloniairement. (Test pourquoi 
Dieu ne prrmit pas quHt avanqdt plus toin, et qu'il se laissät empörter mcmt en un heu Saint 
par un Ksprit qu'il n'avait pas envoye: quoiqWil füt tres persuadä que c''tüt ete i'Esprit de 
Dieu qui lui avait fall faire les premiires demarches vers cetti Eglise. L'e'pouvante dont il fui 
frappi dans le second songe, marquaii, h son sens, sa lyTtdt'rrse, c'esi-ä-dire les remords de sa 
eonscience touchant Us pcchfs qu'il pouvait avoir eoiiunis pendant le cours de sa vie jusqu'alors. 
La foudre dont il entendit l'eclat, dtalt le signal de Vesprit de veriie qui descendait sur lui 
pour le possöder.T 



GOETHE-PREIS 1930 ■ 

BRIEF AN DR. ALFONS PAQUET 

Der Goetlie-Prtis der Stadt Frankfurt a. M. wurdt dem 
Verfasser im Jahre I^JO verliehen. Der Sehrnär des Kura- 
toriums des Goethe-Preises, Dr. Alfons Paquet, hat dm 
ferfaiser in einem vom 26. Juli i^jo datierten Schreiben 
von der Verleihung in Kenntnis gesetzt;^ nachfolgend die 
Antwort des Verfassers vom j". August Ipjo sowie die An- 
sprache im Frankfurter Gorthe-Haus, die am 28. August ipjo 
von Anna Freud verlesen wurde. Beide Dokumente sind 
zuerst in „Die psyehoartalytiscke Beu/egung", Bd. II, lp}o, 
ver'öffeniiicht. 

Ich bin durch öffentliche Ehrungen nicht verwöhnt worden und habe 
mich darum so eingerichtet, daß ich solche entbehren konnte. Ich mag 
aber nicht bestreiten, daß mich die Verleihung des Goethe-Preises der Stadt 

i) In diesem Schreiben heißt es unter anderm; 

„ . . . Nach der Ordnung für die Verleihung des Goethe-Preises soll der Preis 
einer mit ihrem Schaffen bereits zur Geltung gelangten Persönlichkeit zuerkannt 
werden, deren schöpferisches Wirken einer dem Andenken Goethes gewidmeten 
Ehrung würdig ist. . . . 

Indem das Kuratorium Ihnen, sehr verehrter Herr Professor, den Preis zuer- 
kennt, wünscht es die hohe Wertung zum Ausdruck zu bringen, die es den um- 
wälzenden Wirkungen der von Ihnen geschaffenen neuen Porschungsformen auf die 
gestaltenden Kräfte unserer Zeit beimißt. In streng naturwissenschaftlicher Methode 
zugleich in kühner Deutung der von Dichtem geprägten Gleichnisse hat Ihre For- 
schung einen Zugang zu den Triebkräften der Seele gebahnt und dadurch die Mög- 
lichkeit geschaffen, Entstehen und Aufbau vieler Kulturformen in ihrer Wurzel zu 
verstehen und Krankheiten zu heilen, ru denen die ärztliche Ktmst bisher den Schlüssel 
nicht besaß. Ihre Psychologie hat aber nicht nur die ärztliche Wissenschaft, sondern 
auch die Vor stellungs weit der Künstler und Seelsorger, der Geschichtsschreiber und 



Vermischte Schriften 407 



Frankfurt sehr erfreut hat. Es ist etwas an ihm, was die Phantasie besonders 
erwärmt und eine seiner Bestimmungen räumt die Demütigung weg, die 
sonst durch solche Auszeichnungen mitbedingt wird. 

Für Ihren Brief habe ich Ihnen besonderen Dank zu sagen, er hat mich 
ergriffen und verwundert. Von der liebenswürdigen Vertiefung in den 
Charakter meiner Arbeit abzusehen, habe ich doch nie zuvor die geheimen 
persönlichen Absichten derselben mit solcher Klarheit erkannt gefunden 
wie von Ihnen und hätte Sie gern gefragt, woher Sie es wissen. 

Leider erfahre ich aus Ihrem Brief an meine Tochter, daß ich Sie in 
nächster Zeit nicht sehen soll, und Aufschub ist in meinen Lebenszeiten 
immerhin bedenklich. Natürlich bin ich gern bereit, den von Ihnen an- 
gekündigten Herrn (Dr. Michel) zu empfangen. 

Zur Feier nach Frankfurt kann ich leider nicht kommen, ich bin zu 
gebrechlich für diese Unternehmung. Die Festgesellschaft wird nichts dadurch 
verlieren, meine Tochter Anna ist gewiß angenehmer anzusehen und an- 
zuhören als ich. Sie soll einige Sätze vorlesen, die Goethes Beziehungen 
zur Psychoanalyse behandeln und die Analytiker selbst gegen den Vorwurf 
in Schutz nehmen, daß sie durch analytische Versuche an ihm die dem 
Großen schuldige Ehrfurcht verletzt haben. Ich hoffe, daß es angeht, das 
mir gestellte Thema: „Die inneren Beziehungen des Menschen und Forschers 
zu Goethe" In solcher Weise umzubeugen, oder Sie würden noch so liebens- 
würdig sein, mir davon abzuraten. 



Erzieher aufgewühlt und bereichert. Über die Gefahren monomanischer Selbstzergliede- 
rung und über alle Unterschiede geistiger Richtungen hinweg lieferte Ihr Werk die 
Grundlage eines erneuerten, besseren Verständnisses der Völker. Wie nach Ihrer 
eigenen Mitteilung die frühesten Anfänge Ihrer wissenschaftlichen Studien auf einen 
Vortrag von Goethes Aufsatz „Die Natur" zurückgehen, so ist im Letzten auch der 
durch ihre Forschungsweise geforderte, gleichsam mephistophelische Zug ziun scho- 
nungslosen Zerreißen aller Schleier der unzertrennliche Begleiter der Faustischen 
Unersättlichkeit und Ehrfurcht vor den im Unbewußten schlummernden bildnerisch- 
schöpferischen Gewalten. Die Ihnen zugedachte Ehrung gilt im gleichen Maße dem 
Gelehrten wie auch dem Schriftsteller und dem Kämpfer, der in unserer, von bren- 
nenden Fragen bewegten Zeit dasteht als ein Hinweis auf eine der lebendigsten 
Seiten des Goetheschen Wesens. 

Der Punkt 4 der vom Magistrat der Stadt Frankfurt errichteten Ordnung lautet: Die 
festliche Verleihung des Goethe -Preis es geschieht jeweils am 28. August im Goethe- 
Haus, und zwar im Beisein der mit dem Preis ausgezeichneten Persönlichkeit . . . ." 



4o8 Vermischte Schriften 



ANSPRACHE IM FRANKFURTER GOETHE-HAUS 

Meine Lebensarbeit war auf ein einziges Ziel eingestellt. Ich beobachtete 
die feineren Störungen der seelischen Leistung bei Gesunden und Kranken 
und wollte aus solchen Anzeichen erschließen, — oder, wenn Sie es lieber 
hören: erraten, — wie der Apparat gebaut ist, der diesen Leistungen dient, 
und welche Kräfte in ihm zusammen- und gegeneinanderwirken. Was wir, 
ich, meine Freunde und Mitarbeiter, auf diesem Wege lernen konnten^ 
erschien uns bedeutsam für den Aufbau einer Seelenkunde, die normale 
wie pathologische Vorgänge als Teile des nämlichen naturlichen Geschehens 
verstehen laßt. 

Von solcher Einengung ruft mich Ihre mich überraschende Auszeich- 
nung zurück. Indem sie die Gestalt des großen Universellen heraufbeschwört, 
der in diesem Hause geboren wurde, in diesen Räumen seine Kindheit 
erlebte, mahnt sie, sich gleichsam vor ihm zu rechtfertigen, wirft sie die 
Frage auf, wie er sich verhalten hätte, wenn sein für jede Neuerung der 
Wissenschaft aufmerksamer Blick auch auf die Psychoanalyse gefallen 
wäre. 

An Vielseitigkeit kommt Goethe ja Leonardo da Vinci, dem Meister 
der Renaissance, nahe, der Künstler und Forscher war wie er. Aber Menschen- 
bilder können sich nie wiederholen, es fehlt auch nicht an tiefgehenden 
Unterschieden zwischen den beiden Großen. In Leonardos Natur vertrug 
sich der Forscher nicht mit dem Künstler, er störte ihn und erdrückte ihn 
vielleicht am Ende. In Goethes Leben fanden beide Persönlichkeiten Raum 
nebeneinander, sie lösten einander zeitweise in der Vorherrschaft ab. Es 
liegt nahe, die Störung bei Leonardo mit jener Entwicklungshemmung 
zusammenzubringen, die alles Erotische und damit die Psychologie seinem 
Interesse entrückte. In diesem Punkt durfte Goethes Wesen sich freier 
entfalten . 

Ich denke, Goethe hätte nicht, wie so viele unserer Zeitgenossen, die 
Psychoanalyse unfreundlichen Sinnes abgelehnt. Er war ihr selbst in manchen 
Stücken nahegekommen, hatte in eigener Einsicht vieles erkannt, was wir 
seither bestätigen konnten, und manche Auffassungen, die uns Kritik und 
Spott eingetragen haben, werden von ihm wie selbstverständlich vertreten. So 
war ihm z. B. die unvergleichliche Stärke der ersten affektiven Bindungen 
des Menschenkindes vertraut. Er feierte sie in der Zueignung der „Faust"- 
Dichtung in Worten, die wir für jede unserer Analysen wiederholen könnten; 



Vermischte Schriften ^og 



„Ihr nalit euch wieder, scliwanketide Gestalten, 
Die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt, 
Versuch' ich wohl, euch diesmal festmhalten?" 

„Gleich einer alten, halbverklungnen Sage 
Kommt erste Lieb' und Freundschaft mit herauf." 

Von der stärksten Lietesanziehung, die er als reifer Manu erfuhr, gab 
er sich Rechenschaft, indem er der Geliebten zurief: „Ach, du warst in 
abgelebten Zeiten meine Schwester oder meine Frau." 

Er stellte somit nicht in Abrede, daß diese unvergänglichen ersten 
Neigungen Personen des eigenen Familienkreises zum Objekt nehmen. 

Den Inhalt des Traumlebens umschreibt Goethe mit den so stimmungs- 
vollen Worten: 

„Was von Menschen nicht gewußt 
Oder nicht bedacht. 
Durch das Labyrinth der Brust 
Wandelt in der Nacht." 

Hinter diesem Zauber erkennen wir die altehrwürdige, unbestreitbar 
richtige Aussage des Aristoteles, das Träumen sei die Fortsetzung unserer 
Seelen tat igkeit in den Schlafzustand, vereint mit der Anerkennung des 
Unbewußten, die erst die Psychoanalyse hinzugefügt hat. Nur das Rätsel 
der Traumen tsl eil ung findet dabei keine Auflosung. 

In seiner vielleicht erhabensten Dichtung, der „Iphigenie", zeigt uns 
Goethe ein ergreifendes Beispiel einer Entsühnung, einer Befreiung der 
leidenden Seele von dem Druck der Schuld, und er läßt diese Katharsis sich 
vollziehen durch einen leidenschaftlichen Gefülilsausbruch unter dem wohl- 
tätigen Einfluß einer liebevollen Teilnahme. Ja, er hat sich selbst wieder- 
holt in psychischer Hilfeleistung versucht, so an jenem Unglücklichen, 
der in den Briefen Kraft genannt wird, an dem Professor Plessing, von 
dem er in der „Campagne in Frankreich" erzählt, und das Verfahren, 
das er anwendete, geht über das Vorgehen der katholischen Beichte hinaus 
und berührt sich in merkwürdigen Einzelheilen mit der Technik unserer 
Psychoanalyse, Ein von Goethe als scherzhaft bezeichnetes Beispiel einer 
psychotherapeutischen Beeinflussung möchte ich hier ausführlich mitteilen, 
weil es vielleicht weniger bekannt und doch sehr charakteristisch ist. Aus 
einem Brief an Frau v. Stein (Nr. 1444 vom 3. September 1785): 

„Gestern Abend habe ich ein psychologisches Kunststück gemacht. Die Her- 
der war immer noch auf das Hypochondrischste gespannt über alles, was ihr im 
Carlsbad unangenemes begegnet war. Besonders von ihrer Hausgenossin. Ich ließ 
mir alles erzählen und beichten, &emde Untaten und eigene Fehler mit den 



Alo Vermischte Schriften 






kleinsten Umständen und Folgen und zuletzt absolvirte ich sie und machte ihr 
scherzhaft unter dieser Formel begreiflich, daß diese Dinge nun abgethan und 
in die Tiefe des Meeres geworfen seyen. Sie ward selbst lustig darüber und ist 
würklich kurirt." 

Den Eros hat Goethe immer hochgehaUen, seine Macht nie zu ver- 
kleinern versucht, ist seinen primitiven oder selbst mutwilligen Äußerungen 
nicht minder achtungsvoll gefolgt wie seinen hochsublimierten und bat, 
wie mir scheint, seine Wesenseinheit durch alle seine Erscheinungsformen 
nicht weniger entschieden vertreten als vor Zeiten Plato. Ja, vielleicht 
ist es mehr als zufälliges Zusammentreffen, wenn er in den „Wahlver- 
wandtschaften" eine Idee aus dem Vorstellungskreis der Chemie auf das 
Liebesleben anwendete, eine Beziehung, von der der Name selbst der 
Psychoanalyse zeugt. 

Ich bin auf den Vorwurf vorbereitet, wir Analytiker hätten das Recht 
verwirkt, uns unter die Patronanz Goethes zu stellen, weil wir die ihm 
schuldige Ehrfurcht verletzt haben, indem wir die Analyse auf ihn selbst 
anzuwenden versuchten, den großen Mann zum Objekt der analytischen 
Forschung erniedrigten. Ich aber bestreite zunächst, daß dies eine Er- 
niedrigung beabsichtigt oder bedeutet. 

Wir alle, die wir Goethe verehren, lassen uns doch ohne viel Sträuben die 
Bemühungen der Biographen gefallen, die sein Leben aus den vorhandenen 
Berichten und Aufzeichnungen wiederherstellen wollen. Was aber sollen 
uns diese Biographien leisten? Auch die beste und vollständigste könnte 
die beiden Fragen nicht beantworten, die allein wissenswert scheinen. 

Sie würde das Rätsel der wunderbaren Begabung nicht aufklären, die 
den Künstler macht, und sie könnte uns nicht helfen, deii Wert und die 
Wirkung seiner Werke besser zu erfassen. Und doch ist es unzweifelhaft, 
daß eine solche Biographie ein starkes Bedürfnis bei uns befriedigt. Wir 
verspüren dies so deutlich, wenn die Ungunst der historischen Überliefe- 
rung diesem Bedürfnis die Befriedigung versagt hat, z. B. im Falle Shake- 
speares. Es ist uns allen unleugbar peinlich, daß wir noch immer nicht 
wissen, wer die Komödien, Trauerspiele und Sonette Shakespeares verfaßt 
hat, ob wirklich der ungelehrte Sohn des Stratforder Kleinbürgers, der in 
London eine bescheidene Stellung als Schauspieler erreicht, oder doch eher 
der hochgeborene und feingebildete, leidenschaftlich unordentliche, einiger- 
maßen deklassierte Aristokrat Edward de Vere, siebzehnter Earl of Oxford, 
erblicher Lord Great Chamberlain von England. Wie rechtfertigt sich aber 
ein solches Bedürfnis, von den Lebensumständen eines Mannes Kunde zu 
erhalten, wenn dessen Werke für uns so bedeutungsvoll geworden sind? 



Vermischte Schriften 411 



Man sagt allgemein, es sei das Verlangen, uns einen solchen Mann auch 
menschlich näherzubringen. Lassen wir das gelten; es ist also das Bedürfnis, 
affektive Beziehungen zu solchen Menschen zu gewinnen, sie den Vätern, 
Lehrern, Vorbildern anzureihen, die wir gekannt oder deren Einfluß wir 
bereits erfahren haben, unter der Erwartung, daß ihre Persönlichkeiten 
ebenso großartig und bewundernswert sein werden wie die Werke, die wir 
von ihnen besitzen. 

Immerhin wollen wir zugestehen, daß noch ein anderes Motiv im Spiele 
ist. Die Rechtfertigung des Biographen enthält auch ein Bekenntnis. Nicht 
herabsetzen zwar will der Biograph den Heros, sondern ihn uns näher- 
bringen. Aber das heißt doch die Distanz, die uns von ihm trennt, verringern, 
wirkt doch in der Richtung einer Erniedrigung. Und es ist unvermeidlich, 
wenn wir vom Leben eines Großen mehr erfahren, werden wir auch von 
Gelegenheiten hören, in denen er es wirklich nicht besser gemacht hat 
als wir, uns menschlich wirklich nahe gekommen ist. Dennoch meine ich, 
wir erklären die Bemühungen der Biographik für legitim. Unsere Einstel- 
lung zu Vätern und Lehrern ist nun einmal eine ambivalente, denn unsere 
Verehrung für sie deckt regelmäßig eine Komponente von feindseliger 
Auflehnung. Das ist ein psychologisches Verhängnis, läßt sich ohne ge- 
waltsame Unterdrückung der Wahrheit nicht ändern und muß sich auf 
unser Verhältnis zu den großen Männern, deren Lebensgeschichte wir er- 
forschen wollen, fortsetzen. 

Wenn die Psychoanalyse sich in den Dienst der Biographik begibt, hat 
sie natürlich das Recht, nicht härter behandelt zu werden als diese selbst. 
Die Psychoanalyse kann manche Aufschlüsse bringen, die auf anderen 
Wegen nicht zu erhalten sind, und so neue Zusammenhänge aufzeigen in 
dem Webermeisterstück, das sich zwischen den Triebanlagen, den Erleb- 
nissen und den Werken eines Künstlers ausbreitet. Da es eine der haupt- 
sächlichsten Funktionen unseres Denkens ist, den Stoff der Außenwelt 
psychisch zu bewältigen, meine ich, man müßte der Psychoanalyse danken, 
wenn sie auf den großen Mann angewendet zum Verständnis seiner großen 
Leistung beiträgt. Aber ich gestehe, im Falle von Goethe haben wir es 
noch nicht weit gebracht. Das rührt daher, daß Goethe nicht nur als 
Dichter ein großer Bekenner war, sondern auch trotz der Fülle autobio- 
graphischer Aufzeichnungen ein sorgsamer Verhüller. Wir können nicht 
umhin, hier der Worte Mephistos zu gedenken: 

„Das Beste, was du wissen kannst. 
Darfst du den Buben doch nicht sag'en." 



DAS FAKULTÄTSGUTACHTEN IM PROZESS HALSMANN 

Der Professor der Rechte an der Universität Wim, 
Dr. Josef Hupka, hatte im Zuge seiner Bemühungen um 
die Rehabilitierung des Studenten Philipp Halsmann den Ver- 
' fasser aufgefordert, sich xu dem Gutachten der Innsbrucktr 

tnedizinischenFakuIlät s-u äußern. Die nachfolgende Äußerung, 
die der Verfasser Prof. Hupka zur Verfügung stellte, ist zuerst 
in „Psychoanalytische Bewegung', Bd. JII, ipji ericJiienen, 

Der Ödipuskomplex ist, soweit wir wissen, in der Kindheit bei allen 
Menschen vorhanden gewesen, hat in den Entwicklungsjahren große Ver- 
änderungen erfahren und wird bei vielen Individuen in wechselnder Stärke 
auch in reifen Zeiten gefunden. Seine wesentlichen Charaktere, seine All- 
gemeinheit, sein Inhalt, sein Schicksal wurden, lange vor der Zeit der 
Psychoanalyse, von einem scharfsinnigen Denker wie Diderot erkannt, wie eine 
Stelle seines berühmten Dialogs „Le neveu de Rameau beweist. In Goethes 
Übersetzung dieser Schrift (Band 45 der Sophien ausgäbe) steht auf Seite 156 
zu lesen: „Wäre der kleine Wilde sich selbst überlassen und bewahrte seine 
ganze Schwäche (imbecillite), vereinigte mit der geringen Vernunft des Kindes 
in der Wiege die Gewalt der Leidenschaften des Mannes von dreißig Jahren, 
so brach' er seinem Vater den Hals und entehrte die Mutter." 

Wäre es objektiv erwiesen, daß Philipp Halsmann seinen Vater erschlagen 
hat, so hätte man allerdings ein Anrecht, den Ödipuskomplex heranzuziehen, 
zur Motivierung einer sonst unverstajndenen Tat. Da ein solcher Beweis 
nicht erbracht worden ist, wirkt die Erwähnung des Ödipuskomplexes irre- 
führend; sie ist zum mindesten müßig. Was die Untersuchung an Unstimmig- 
keiten zwischen Vater und Sohn in der Familie Halsmann aufgedeckt hat, 
ist durchaus unzureichend, um die Annahme eines schlechten Vaterver- 
hältnisses beim Sohne zu begründen. Wäre es selbst anders, so müßte man 
sagen, von da bis zur Verursachung einer solchen Tat ist ein weiter Weg. 
Gerade wegen seiner Allgegenwärtigkeit eignet sich der Ödipuskomplex 



Vermischte Schriften 4 1 3 



nicht zu einem Schluß auf die Täterschaft. Man würde leicht die Situation 
herstellen, die in einer bekannten Anekdote angenommen wird: Ein Ein- 
bruch ist geschehen. Ein Mann wird als Täter verurteilt, in dessen Besitz 
ein Dietrich gefunden wurde. Nach der Urteilsverkündigung befragt, ob er 
etwas zu bemerken habe, verlangt er auch wegen Ehebruchs bestraft zu 
werden, denn das Werkzeug dazu habe er auch bei sich. 

In dem großartigen Roman Dostojewskis „Die Brüder Karamasoff steht 
die Öd ipus Situation im Mittelpunkt des Interesses. Der alte Karamasoff hat 
sich seinen Söhnen durch lieblose Unterdrückung verhaßt gemacht; für 
den einen ist er überdies der mächtige Rivale bei dem begehrten Weibe. 
Dieser Sohn Dmitrij hat aus seiner Absicht, sich am Vater gewaltsam zu 
rächen, kein Geheimnis gemacht. Es ist darum natürlich, daß er nach der 
Ermordung und Beraubung des Vaters als sein Mörder angeklagt und trotz 
aller Beteuerungen seiner Unschuld verurteilt wird. Und doch ist Dmitrij 
unschuldig; ein anderer der Brüder hat die Tat verübt. In der Gerichts- 
szene dieses Romanes fällt der berühmt gewordene Ausspruch : die Psj'chologie 
sei ein Stock mit zwei Enden. 

Das Gutachten der Innsbrucker medizinischen Fakultät scheint geneigt, 
dem Philipp Halsmann einen „wirksamen" Ödipuskomplex zuzuschreiben, 
verzichtet aber darauf, das Ausmaß dieser Wirksamkeit zu bestimmen, weil 
unter dem Druck der Anklage die Voraussetzungen für „eine rückhaltlose 
Auf Schließung" bei Philipp Halsmann nicht gegeben sind. Wenn sie es 
dann ablehnt, auch im „Falle der Täterschaft des Angeklagten die Wurzel 
der Tat in einem Ödipuskomplex zu suchen", so geht sie ohne Nötigung 
in der Verleugnung zu weit. 

In demselben Gutachten stößt man auf einen durchaus nicht bedeutungs- 
losen Widerspruch. Der mögliche Einfluß der Gemütserschütterung auf die 
Gedächtnisstörung für Eindrücke vor und während der kritischen Zeit wird 
auf das Äußerste eingeschränkt, nach meinem Urteil nicht mit Recht; die 
Annahmen eines Ausnahmezustandes oder einer seelischen Erkrankung werden 
eulschieden zurückgewiesen, aber die Erklärung durch eine „Verdrängung", 
die nach der Tat bei Philipp Halsmann eintrat, bereitwillig zugestanden. 
Ich muß sagen, eine solche Verdrängung aus heiterem Himmel bei einem 
Erwachsenen, der keine Anzeichen einer schweren Neurose bietet, die Ver- 
drängung einer Handlung, ilie gewiß bedeutsamer wäre als alle strittigen 
Einzelheiten von Entfernung mid Zeitablauf und die im normalen oder 
nur durch körperliche Ermüdung veränderten Zustand vor sich gehl, wäre 
doch eine Seltenheit erster Ordnung. 



BRIEF 
AN DEN BÜRGERMEISTER DER STADT PÄIBOR 

/im 3_r. Oktoba- I^j: wurde in Freiberg (Pfibor) m 
, Mähren am Geburlihause des Veifassen eint Gedenktafel 

enthüllt. Der nachfolgende Brief des Verfassers an dm 
Bürgermeister der Stadt wurde von Anna Freud bei der 
EnthuUungsfeier verlesen. Er ist zuerst in „Psyehaanalyti- 
sche Bewegung", Bd. III, i^ji veröffentlicht. 

Ich danke dem Herrn Bürgermeister der Stadt Pfibor- Freiberg, den Ver- 
anstaltern dieser Feier und allen Anwesenden für die Ehre, die sie mir 
erweisen, indem sie mein Geburtshaus durch diese Gedenktafel aus Künstler- 
hand auszeichnen. Und dies schon zu meinen Lebzeiten und während die 
Mitwelt in der Würdigung meiner Leistung noch nicht einig ist. 

Ich habe Freiberg im Aher von 5 Jahren verlassen, es mit 16 Jahren 
als Gymnasiast auf Ferien, Gast der Familie Fluss, wieder besucht und 
seither nicht wieder. Vieles ist seit jener Zeit über mich ergangen: ich 
habe viel Mühe gehabt, manches Leid erfahren, auch Glück und einigen 
Erfolg, wie es sich eben im Menschenleben vermengt. Es wird dem nun 
75iährigen nicht leicht, sich in jene Frühzeit zu versetzen, aus deren 
reichem Inhalt nur wenige Reste in seine Erinnerung hineinragen, aber 
des einen darf ich sicher sein: tief in mir überlagert, lebt noch immer 
fort das glückliche Freiberger Kind, der erstgeborene Sohn einer jugend- 
lichen Mutter, der aus dieser Luft, aus diesem Boden die ersten unaus- 
löschlichen Eindrücke empfangen hat. So mag es mir vergönnt sein, mit 
einem herzhaften Glückwunsch für diesen Ort und seine Bewohner meine 
Danksagung zu beschließen 



MEINE BERÜHRUNG MIT JOSEF POPPER-LYNKEUS 

Zuerst vet'öffenüicht in der Feitschnft „Allgemeine 
Nährpflicht", Bd. XV, I^J2. {Gedenknummer tum zehn- 
jährigen Todestag von Josef Popp er-Ljnkeui.) 

Es war im Winter 1899, daß mein Buch „Die Traumdeutung", ins 
neue Jahrhundert vordatiert, endlich vor mir lag. Dieses Werk war das 
Ergebnis einer vier- bis fünfjährigen Arbeit, auf nicht gewöhnliche Art 
entstanden. Für Nervenkrankheiten an der Universität habilitiert, hatte ich 
versucht, mich selbst und meine rasch angewachsene Familie durch ärztliche 
Hilfeleistung an die sogenannten „Nervösen" xu erhalten, deren es in unserer 
Gesellschaft nur zu viele gab. Aber die Aufgabe erwies sich als schwerer, 
als ich erwartet hatte. Die gebräuchlichen Behandlungsmethoden nützten 
offenbar nichts oder zu wenig, man mußte neue Wege suchen. Und wie 
wollte man überhaupt den Kranken helfen, wenn man nichts von ihren 
Leiden verstand, nichts von der Verursachung ihrer Beschwerden, von der 
Bedeutung ihrer Klagen? Ich suchte also eifrig nach Anhah und Unter- 
weisung bei Meister Charcot in Paris, bei Bernheim in Nancj'; eine 
Beobachtung meines überlegenen Freundes Josef Breuer in Wien schien 
endlich neue Aussicht auf Verständnis und therapeutischen Einfluß zu eröffnen. 

Diese neuen Erfahrungen brachten es nämlich zur Gewißheit, daß die 
von uns nervös genannten Kranken in gewissem Sinne an psychischen 
Störungen litten und daher mit psychischen Mitteln zu behandeln waren. 
Unser Interesse mußte sich der Psychologie zuwenden. Was nun die in 
den Philosophenschulen herrschende Seelenwissenschaft geben konnte, war 
freilich geringfügig und für unsere Zwecke unbrauchbar; wir hatten die 
Methoden wie deren theoretische Voraussetzungen neu zu finden. Ich 
arbeitete also in dieser Richtung zuerst in Gemeinschaft mit Breuer, dann 
unabhängig von ihm. Am Ende wurde es ein Stück meiner Technik, 



41 6 Vermischte Schriften 



daß ich die Kranken aufforderte, mir kritiklos mitzuteilen, was immer 
durch ihren Sinn ging, auch solche Einfälle, deren Berechtigung sie nicht 
verstanden, deren Mitteilung ihnen peinlich war. 

Wenn sie meinem Verlangen nachgaben, erzählten sie mir auch ihre 
Träume, als ob diese von derselben Art wären, wie ihre anderen Gedanken. 
Es war ein deutlicher Wink, diese Träume zu werten wie andere ver- 
ständliche Produktionen. Aber sie waren nicht versländlich, sondern fremd- 
artig, verworren, absurd, wie eben Träume sind und weshalb sie von der 
Wissenschaft als sinn- und zwecklose Zuckungen am Seelenorgan verurteilt 
wurden. Wenn meine Patienten recht hatten, die ja nur den Jahrtausende 
alten Glauben der unwissenschaftlichen Menschheit zu wiederholen schienen, 
so stand ich vor der Aufgabe einer „Traumdeutung", die vor der Kritik 
der Wissenschaft bestehen konnte. 

Zunächst verstand icii natürlich von den Träumen meiner Patienten 
nicht mehr als die Träumer selbst. Indem ich aber auf diese Träume 
und besonders auf meine eigenen das Verfahren anwendete, dessen ich 
mich schon beim Studium anderer abnormer psychischer Bildungen bedient 
hatte, gelang es mir, die meisten der Fragen zu beantworten, die eine Traum- 
deutung aufwerfen konnte. Es gab da viel zu fragen: wovon träumt man? 
warum träumt man überhaupt? woher rühren all die merkwürdigen Eigen- 
heiten, die den Traum vom wachen Denken unterscheiden? und dergleichen 
mehr. Einige der Antworten waren leicht zu geben, erwiesen sich auch 
als Bestätigung von früher geäußerten Ansichten, andere erforderten durch- 
aus neue Annahmen über den Aufbau und die Arbeitsweise unseres seeli- 
schen Apparats. Man träumte von dem, was die Seele während des wachen 
Tages bewegt hatte; man träumte, um die Begungen, die den Schlaf 
stören wollten, zu besänftigen und den Schlaf fortsetzen zu können. Aber 
warum konnte der Traum so fremdartig erscheinen, so verworren un- 
sinnig, so offenbar gegensätzlich gegen den Inhalt des wachen Denkens, 
wenn er sich doch mit dem nämlichen Stoff beschäftigte? Sicherlich war 
der Traum nur der Ersatz einer vernünftigen Gedankentätigkeit und ließ 
sich deuten, d. h. in eine solche übersetzen, aber was nach Erklärung 
verlangte, war die Tatsache der Entstellung, die die Traumarbeit an 
dem vernünftigen und verständlichen Material vorgenommen hatte. 

Die Traumentstellung war das tiefste und schwierigste Problem des 
Traumlebens. Und zu ihrer Aufklärung ergab sich folgendes, was den 
Traum in eine Reihe stellte mit anderen psychopathologischen Bildungen, 
ihn gleichsam als die normale Psychose des Menschen entlarvte. Unsere 



Vermischte Schriften A\n 

Seele, jenes kostbare Instrument, mittels dessen wir uns im Leben be- 
haupten, ist nämlich keine in sich friedlich geschlossene Einheit, sondern 
eher einem modernen Staat vergleichbar, in dem eine genuß- und zer- 
störungssüchtige Masse durch die Gewalt einer besonnenen Oberschicht 
niedergehalten werden muß. Alles, was sich in unserem Seelenleben tummelt 
und was sich in unseren Gedanken Ausdruck schafft, ist Abkömmling 
und Vertretung der mannigfachen Triebe, die uns in unserer leiblichen 
Konstitution gegeben sind; aber nicht alle diese Triebe sind gleich lenk- 
bar und erziehbar, sich den Anforderungen der Außenwelt und der 
menschlichen Gemeinschaft zu fügen. Manche von ihnen haben ihren 
ursprünglich unbändigea Charakter bewahrt; wenn wir sie gewähren 
ließen, würden sie uns unfehlbar ins Verderben stürzen. Wir haben darum, 
durch Schaden klug gemacht, in unserer Seele Organisationen entwickelt, 
die sich der direkten Triebäußerung als Hemmungen entgegenstellen. 
Was als Wunschregung aus den Quellen der Triebkräfte auftaucht, muß 
sich die Prüfung durch unsere obersten seelischen Instanzen gefallen lassen 
und wird, wenn es nicht besteht, verworfen und vom Einfluß auf unsere 
Motilität, also von der Ausführung abgehalten. Ja, oft genug wird diesen 
Wünschen selbst der Zutritt zum Bewußtsein verweigert, dem regelmäßig 
selbst die Existenz der gefährlichen Triebquellen fremd ist. Wir sagen 
dann, diese Regungen seien für das Bewußtsein verdrängt und nur im 
Unbewußten vorhanden. Gelingt es dem Verdrängten, irgendwo durchzu- 
dringen, zum Bewußtsein oder zur Motilität oder zu beiden, dann sind 
wir eben nicht mehr normal. Dann entwickeln wir die ganze Reihe neu- 
rotischer und psychotischer Symptome. Das Aufrechthallen der notwendig 
gewordenen Hemmungen und Verdrängungen kostet unser Seelenleben 
einen großen Kräfte aufwand, von dem es sich gerne ausruht. Der nächtliche 
Schlafzustand scheint dafür eine gute Gelegenheit zu sein, weil er ja die 
Einstellung unserer motorischen Leistungen mit sich bringt. Die Situation 
erscheint ungefährlich, also ermäßigen wir die Strenge unserer inneren 
Polizeigewalten. Wir ziehen sie nicht ganz ein, denn man kann es nicht 
wissen, das Unbewußte schlaft vielleicht niemals. Und nun tut der Nach- 
laß des auf ihm lastenden Drucks seine Wirkung. Aus dem verdrängten 
Unbewußten erheben sich Wünsche, die im Schlaf wenigstens den Zu- 
gang zum Bewußtsein frei finden würden. Wenn wir sie erfahren könnten, 
würden wir entsetzt sein über ihren Inhalt, ihre Maßlosigkeit, ja ihre 
bloße Möglichkeit. Doch das geschieht nur selten, worauf wir dann 
eiligst unter Angst erwachen. In der Regel erfährt unser Bewußtsein den 

Freud XII. 3^ 



4l8 Vermischte Schriften 



Traum nicht so, wie er wirklich gelautet hat. Die hemmenden Mächte, 
die Traumzensur, wie wir sie nennen wollen, werden zwar nicht voll 
wach, aber sie haben auch nicht ganz geschlafen. Sie haben den Traum 
beeinflußt, wahrend er um seinen Ausdruck in Worten und Bildern rang, 
haben das Anstößigste beseitigt, anderes bis zur Unkenntlichkeit abgeändert, 
echte Zusammenhänge aufgelöst, falsche Verknüpfungen eingeführt, bis 
aus der ehrlichen, aber brutalen Wunschphantasie des Traumes der mani- 
feste, von uns erinnerte Traum geworden ist, mehr oder weniger verwor- 
ren, fast immer fremdartig und unverständlich. Der Traum, die Traum- 
entstellung, ist also der Ausdruck eines Kompromisses, das Zeugnis des 
Konflikts zwischen den miteinander unverträglichen Regungen und Be- 
strebungen unseres Seelenlebens. Und vergessen wir es nicht, derselbe 
Vorgang, das nämliche Kräftespiel, das uns den Traum des normalen 
Schläfers erklärt, gibt uns den Schlüssel zum Verständnis aller neurotischen 
und psychotischen Phänomene. 

Ich bitte um Entschuldigung dafür, daß ich bisher so viel von mir 
und meiner Arbeit an den Traumproblemen gehandelt habe; es war not- 
wendige Voraussetzung des folgenden. Meine Erklärung der Traument- 
stellung schien mir neu zu sein, ich hatte nirgends etwas ähnliches gefunden. 
Jahre später (ich kann nicht mehr sagen, wann) gerieten „Die Phantasien 
eines Realisten von Josef Popper=Lynkeus in meine Hand. Eine der 
darin enthaltenen Geschichten hieß „Träumen wie Wachen", sie mußte 
mein stärkstes Interesse erwecken. Ein Mann war in ihr beschrieben, der 
von sich rühmen konnte, daß er nie etwas Unsinniges geträumt hatte. 
Seine Träume mochten phantastisch sein wie die Märchen, aber sie standen 
mit der wachen Welt nicht so in Widerspruch, daß man mit Bestimmtheit 
bätte sagen können, „sie seien unmöglich oder an und für sich absurd". 
Das bieß in meine Ausdrucksweise übersetzt, bei diesem Manne kam keine 
Traumentstellung zustande, und wenn man den Grund ihres Ausbleibens 
erfuhr, hatte man auch den Grund ihrer Entstehung erkannt. Popper 
gibt seinem Manne volle Einsicht in die Begründung seiner Eigentümlichkeit. 
Er läßt ihn sagen: „In meinem Denken wie in meinen Gefühlen herrscht 
Ordnung und Harmonie, auch kämpfen die beiden nie miteinander . . . 
Ich bin eins, ungeteilt, die Anderen sind geteilt und ihre zwei Teile: 
Wachen und Träumen führen beinahe immerfort Krieg miteinander". 
Und weiter über die Deutung der Träume: „Das ist gewiß keine leichte 
Aufgabe aber es müßte bei einiger Aufmerksamkeit dem Träumenden 
selbst wohl immer gelingen. — Warum es meistens nicht gelingt? Es 



Vermischte Schriften 41g 



scheint bei Euch etwas Verstecktes in den Träumen zu liegen, etwas Un- 
keusches eigener Art, eine gewisse Heimlichkeit in Eurem Wesen, die 
schwer auszudrücken ist; und darum scheint Euer Träumen so oft ohne 
Sinn, sogar ein Widersinn zu sein. Es ist aber im tiefsten Grund durch- 
aus nicht SO; ja es kann gar nicht so sein, denn es ist immer derselbe 
Mensch, ob er wacht oder träumt". 

Dies war aber unter Verzicht auf psychologische Terminologie dieselbe 
Erklärung der Traumentstellung, die ich aus meinen Arbeiten über den 
Traum entnommen hatte. Die Entstellung war ein Kompromiß, etwas seiner 
Natur nach Unaufrichtiges, das Ergebnis eines Konflikts zwischen Denken 
und Fühlen, oder, wie ich gesagt hatte, zwischen Bewußtem und Ver- 
drängtem. Wo ein solcher Konflikt nicht bestand, nicht verdrängt zu werden 
brauchte, konnten die Träume auch nicht fremdartig und unsinnig werden. 
In dem Mann, der nicht anders träumte aJs er im Wachen dachte, hatte 
Popper jene innere Harmonie walten lassen, die in einem Staatskörper 
herzustellen sein Ziel als Sozialreformer war. Und wenn die Wissenschaft 
uns sagt, daß ein solcher Mensch, ganz ohne Arg und Falsch und ohne 
alle Verdrängungen, nicht vorkommt oder nicht lebensfähig ist, so ließ sich 
doch erraten, daß, soweit eine Annäherung an diesen Idealzustand möglich 
ist, sie in Poppers eigener Person ihre Verwirklichung gefunden hatte. 

Von dem Zusammentreffen mit seiner Weisheit überwältigt, begann ich 
nun alle seine Schriften zu lesen, die über Voltaire, über Religion, Krieg, 
Allgemeine Nährpflicht u. a., bis sich das Bild des schlichten großen Mannes, 
der ein Denker und Kritiker, zugleich ein gütiger Menschenfreund und 
Reformer war, klar vor meinem Blick aufbaute. Ich sann viel über die 
Rechte des Individuums, für die er eintrat, und die ich so gerne mit ver- 
treten hätte, störte mich nicht die Erwägung, daß weder das Verhalten der 
Natur noch die Zielsetzungen der menschlichen Gesellschaft ihren Anspruch 
voll rechtfertigen, Eine besondere Sympathie zog mich zu ihm hin, da 
offenbar auch er die Bitterkeit des jüdischen Lebens und die Hohlheit der 
gegenwärtigen Kulturideale schmerzlich empfunden. Doch habe ich ihn 
selbst nie gesehen. Er wußte von mir durch gemeinsame Bekannte und 
einmal hatte ich einen Brief von ihm zu beantworten, der eine Auskunft 
verlangte. Aber ich habe ihn nicht aufgesucht. Meine Neuerungen in der 
Psychologie hatten mich den Zeitgenossen, besonders den älteren unter ihnen, 
entfremdet; oft genug, wenn ich mich einem Manne näherte, den ich aus 
der Entfernung geehrt hane, fand ich mich wie abgewiesen durch seine 
Verständnislosigkeit für das, was mir zum Lebensinhalt geworden war. 



420 Vermischte Sckrifien 



Josef Popper kam doch von der Physik, er war ein Freund von Ernst Mach 
gewesen; ich wollte mir den erfreulichen Eindruck unserer Übereinstimmung 
über das Problem der Traumentstellung nicht stören lassen. So kam es, 
daß ich den Besuch bei ihm aufschob, bis es zu spät wurde und ich nur 
noch in unserem Rathauspark seine Büste begrüßen konnte. 



INHALT DES ZWÖLFTEN BANDES 



Schriften aus den .Tahren 1928 bis 1933 seite 

Dostojewski und die Vatertölung j 

Das Unbehagen in der Kultur 3^ 

Über libidinbse Typen iig 

Über die weibliche Sexualität 120 

Zur Gewinnung des Feuers 1^.1 

Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

Vorwort , igi 

XXIX. Vorlesung. Revision der Traumlehre .... 154 

XXX. Vorlesung. Traum und Okkultismus .... 180 
XXXI. Vorlesung. Die Zerlegung der psychischen 

Persönlichkeit - aio 

XXXII. Vorlesung. Angst und Triebleben 255 

XXXIII. Vorlesung. Die Weiblichkeit 267 

XXXIV. Vorlesung. Aufklärungen, Anwendungen, 
Orientierungen 204 

XXXV, Vorlesung. Über eine Weltanschauung .... 318 
Warum Krieg? 347 

Ältere Schriften (Nachträge zu Band I — XI) 

Der Familienroman der Neurotiker 367 

Psycho- Analysis 372 

Geleitworte zu Büchern 

Vorrede zur hebräischen Ausgabe der „ Vorlesungen zur Einführung 

in die Psychoanalyse 385 

Vorrede zur hebräischen Ausgabe von „Totem und Tabu" 385 

Geleitwort zu „The Psychoanalytic Review", Vol. XVII, 1930 . . 586 
Vorwort zu „Zehn Jahre Berliner Psychoanalytisches Institut . . 388 
Geleitwort zu „Element! di Psicoanalisi" von Edoardo Weiss . . . 389 
Geleitwort zu „Allgemeine Neurosenlehre" von Hermann Nunberg 390 
Vorwort zu „Edgar Poe, ^tude psychanalytique" par Marie Bonaparte 391 



Gedenkartikel 



S^ite 



Ernest Jones zum 50. Geburtstag gqc 

Sandor Ferenczi "|" : tq? 

Vermischte Schriften 

Brief an Maxim Leroy über einen Traum des Cartesius 4.03 

Goethe-Preis 1930 

Brief an Dr. Alfons Paquet j.06 

Ansprache im Frankfurter Goethe-Haus 408 

Das Fakultätsgutachten im Prozeß Halsmann 41a 

Brief an den Bürgermeister der Stadt Pf ibor-Freiberg 414. 

Meine Berühmng mit Josef Popper- Lynkeus 41g 






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